Wir haben einen Traum!
EPIMA-Projekt abgeschlossen


- 23. Dezember 2004 -

Das Projekt EPIMA – ein von Equal gefördertes Projekt – und über zwei Jahre dauernde Maßnahme schließt seine Pforten. Kurz vor Ende des Jahres 2004 bietet sich nochmals die Möglichkeit Rückschau zu halten, Resümee zu ziehen und, das sollte wohl nicht vergessen werden, einen Ausblick in die Zukunft zu wagen.

Am Anfang war…

....der Wunsch, Jugendliche und junge AsylwerberInnen, die meist ohne Familie in Österreich leben, nicht allein zu lassen, sondern ihnen in ihrer Orientierungslosigkeit möglich Wege aufzuzeigen. In Österreich, das bedeutet für sie in einem fremden Land weit entfernt der Heimat gestrandet zu sein, in einem Land, deren Muttersprache sie nicht verstehen, in einem Land zu leben, dessen Kulturen und Kulturtechniken fremd sind. Ein Leben zwischen den Extremen: Hin- und hergerissen zwischen der Verständnislosigkeit, der Einsamkeit, der Hoffnung und dem jahrelangen Warten auf die Entscheidung der Asylbehörden.

Aus dem Wunsch entstand das mit europäischen EQUAL Mitteln geförderte Projekt EPIMA. Sämtliche Aktivitäten von EPIMA zielten darauf ab, dass Selbsthilfepotenzial der Zielgruppe zu fördern. Regionale Organisationen und Entscheidungsträger wurden in das Netzwerk eingebunden und für die Situation und das Potenzial der TeilnehmerInnen sensibilisiert. Das Projekt in Graz war in zwei sogenannte Module aufgeteilt, wobei das eine als Bildungsmodul bezeichnet werden kann und das zweite der Förderung der Kreativität diente.

"ALOJA"

Das ALOJA Modul beinhaltete Alphabetisierung, Lernbetreuung und Orientierung für junge AsylwerberInnen. 16 TeilnehmerInnen besuchten in zwei Durchgängen zu je neun Monaten einen Kurs im Umfang von 24 Wochenstunden, in dem Elementarbildung, Alphabetisierung und Lernbetreuung angeboten wurden. Elementarbildung bedeutete, dass mit den KursteilnehmerInnen in den Kursmaßnahmen Inhalte und Fragen des täglichen Lebens bearbeitet und diskutiert wurden. Mitunter wurde an ihrer Reflexionsfähigkeit gearbeitet, um ihre Umwelt und deren darin befindlichen und auftauchenden Kulturbrüchen zu ihrer Erfahrungswelt anders und besser wahrnehmen zu können. So wurde diskutiert und aufgearbeitet.

Mittels Bildbetrachtungen und deren Reflexion, Rollenspielen und der bewussten Wahrnehmung des eigenen Alltags sowie der eigenen Handlungsmöglichkeiten wurden Kulturunterschiede und Grundlagen des österreichischen Gesellschaftssystems besprochen, sowie aktuelle Anliegen und Fragen geklärt. Soziales Lernen, Arbeiten an einem verbindlichen Regelsystem und Basiswissen aus den Sachbereichen Mathematik, Physik, Geschichte, Geographie und Biologie flossen in diesen Elementarbildungsbereich ebenso ein, wie selbständigkeits- und selbstbewusstseinsfördernde, kreative und problemlösungsorientierte Arbeitsmethoden.

Schließlich wurden Bilder und andere anschauliche Unterrichtsmaterialien mit Widererkennungseffekt in den dazu gehörigen Alphabetisierungskurs transportiert, in dem nun anhand eines ganz spezifischen und auf die kommunikativen Bedürfnisse der TeilnehmerInnen maßgeschneiderten Wortschatzes, in methodisch abwechslungsreicher Form, Lesen und Schreiben erlernt wurden.

"KHOJA"

Das zweite Modul Khoja widmete sich der Kreativität, dem Handwerk und der Orientierung der jungen AsylwerberInnen. Ein einjähriges Projekt, in dem 16 TeilnehmerInnen in einem Kurspaket im Umfang von 26 Wochenstunden ein Deutschkurs angeboten wurde, inklusive fallweiser Lernbetreuung, handwerklicher Grundfertigkeiten und kreativer Ausdrucksmöglichkeiten wie Malerei, Tanz und Theater zum Zweck der beruflichen Orientierung .

Aufgrund der rechtlichen Situation, die AsylwerberInnen das Arbeiten in Österreich untersagt, kann die unmittelbare Integration in den Arbeitsmarkt nicht das einzige Ziel sein – obwohl vom Equal-Programm eigentlich gefordert. Wenn dies – wie in dem Fall der Gruppe der AsylwerberInnen nicht möglich ist, liegt der Schwerpunkt auf der Vermittlung von Kenntnissen und Berufsinformationen. Unter dem Eindruck dieses Widerspruchs, der systemimmanent ist, ging es für die ProjektmitarbeiterInnen und die TeilnehmerInnen darum, kreative Lösungen zu finden. „Wir haben nach unterschiedlichen Ansätzen gesucht. Man kann nicht nur Bildungsmaßnahmen durchziehen, wenn man sieht, dass es keinen Sinn macht, stur Bildung zu vermitteln und vieles andere nicht passt“, berichtet Julia Schönwiese, Leiterin des EPIMA-Projekts, von ihren Erfahrungen.

So setzte man bei EPIMA ganz gezielt auf kulturelle Verständigung, versuchte den jungen Menschen zu helfen, ihre Persönlichkeit in der Fremde zu stärken, ihre Ziele zu verfolgen und ihre Visionen zu schärfen. Bei all diesen Bemühungen galt es die sprachlichen Barrieren zu verringern. Daher war der Erwerb der deutschen Sprache ein ganz wesentliches Ziel des Projekts. Auch in diesem Bereich hat man eigene Wege beschreiten müssen und Dank der sensiblen Bemühungen des EPIMA-Teams konnten schöne Erfolge erzielt werden. „Wir haben versucht, die deutsche Sprache anhand von Alltagssituationen zu vermitteln, also Deutsch für die Jugendlichen alltagstauglich zu machen“, erzählt Julia Schönwiese. Ein von den TeilnehmerInnen geschriebenes und aufgeführtes Bühnenstück „ABARI KANI“ wurde nicht nur zum großen Erfolg in und außerhalb von Graz, sondern leistete auch einen wesentlichen Beitrag auf dem langen Weg der sprachlichen und kulturellen Verständigung.

Für Dembu Nkulu Mwenge – ein EPIMA Teilnehmer - war die Sprache zu erlernen zentrales Ziel und er hat es auch erreicht. „Ich habe vorher kein Wort Deutsch gesprochen und die Sprache ist schwierig. Aber wenn du etwas willst, dann geht es, und es ist einfach leichter zu Menschen Kontakt zu finden, wenn du ihre Sprache sprichst“, erzählt er.

Im Grunde war es der Alltag, der von den TeilnehmerInnen immer wieder aufs Neue bewältigt werden musste. Diese Alltagsbewältigung ist für AsylwerberInnen ungleich schwieriger als für inländische Jugendliche. Neben dem kulturellen Schock und dem „Sich-fremd-Fühlen“ und der gesetzlichen Ausgrenzung am Arbeitsmarkt kommt besonders für AsylwerberInnen aus den afrikanischen Ländern der Rassismus hinzu. Unreflektierte Berichterstattung in den Medien schürt die Verunsicherung in der Bevölkerung. „Vor allem, wenn in den Medien wieder über afrikanische Drogendealer berichtet wurde, waren die Jugendlichen meist verstärkt mit Rassismus konfrontiert. Sie wurden dann oft auf der Straße angequatscht und als Dealer abqualifiziert, was ihnen schwer zu schaffen machte.“ Auch Dembu Nkulu Mwenge sieht die Rolle des Journalismus nicht ganz unkritisch. „Man darf nicht verallgemeinern. Nicht alle Afrikaner sind kriminell, nur weil einige kriminell sind. Aber wenn zum Beispiel eine alte Frau nur solche Sachen in der Zeitung liest, bekommt sie vielleicht ein falsches Bild. Ich glaube an die Möglichkeit, dass schwarze und weiße Menschen zusammenleben können, sie müssen aufeinander zugehen und miteinander reden.“

Das Ziel von EPIMA war, Verständnis zu schaffen und durch die Förderung von Kreativität auch die Persönlichkeit und das Selbstbewusstsein der jungen Menschen zu stärken. Die erworbenen Kompetenzen und Erfahrungen sollen auch im Falle einer Rückkehr ins Heimatland oder im Falle einer Weiterwanderung den beruflichen Einstieg der Jugendlichen erleichtern.

Am Ende steht …

...die Erkenntnis, dass man den jungen AsylwerberInnen beim Finden ihres eigenen Weges behilflich war und ihnen Möglichkeiten und Visionen aufgezeigt hat, wie ihre Zukunft zu bewältigen sen könnte. Gelernt haben alle, nicht nur die AsylwerberInnen, sondern auch die MitarbeiterInnen. „Im Grunde ist es ein Tropfen auf den heißen Stein, weil wirkliche Fortschritte nur durch gesetzliche Änderungen umzusetzen sind. Aber wir wollen in diesem Sinne wei-terarbeiten und wir alle haben die nötige Power dafür“, freut sich Julia Schönwiese auf mögliche Zukunftsprojekte. Wie viel durch EPIMA und vom ganzen Team geleistet wurde, zeigt auch die Freude der TeilnehmerInnen. „Mir hat es sehr gut gefallen. Die Menschen von EPIMA waren immer für uns da, haben uns verstanden und uns dabei geholfen, uns zu integrieren und in Österreich zu leben“, zieht Dembu Nkulu Mwenge seine persönliche Bilanz.