....der Wunsch, Jugendliche und junge AsylwerberInnen, die meist
ohne Familie in Österreich leben, nicht allein zu lassen, sondern
ihnen in ihrer Orientierungslosigkeit möglich Wege aufzuzeigen.
In Österreich, das bedeutet für sie in einem fremden Land
weit entfernt der Heimat gestrandet zu sein, in einem Land, deren
Muttersprache sie nicht verstehen, in einem Land zu leben, dessen
Kulturen und Kulturtechniken fremd sind. Ein Leben zwischen den
Extremen: Hin- und hergerissen zwischen der Verständnislosigkeit,
der Einsamkeit, der Hoffnung und dem jahrelangen Warten auf die
Entscheidung der Asylbehörden.
Aus dem Wunsch entstand das mit europäischen EQUAL
Mitteln geförderte Projekt EPIMA. Sämtliche
Aktivitäten von EPIMA zielten darauf ab, dass Selbsthilfepotenzial
der Zielgruppe zu fördern. Regionale Organisationen und Entscheidungsträger
wurden in das Netzwerk eingebunden und für die Situation und
das Potenzial der TeilnehmerInnen sensibilisiert. Das Projekt in
Graz war in zwei sogenannte Module aufgeteilt, wobei das eine als
Bildungsmodul bezeichnet werden kann und das zweite der Förderung
der Kreativität diente.
"ALOJA"
Das ALOJA Modul beinhaltete Alphabetisierung, Lernbetreuung und
Orientierung für junge AsylwerberInnen. 16 TeilnehmerInnen
besuchten in zwei Durchgängen zu je neun Monaten einen Kurs
im Umfang von 24 Wochenstunden, in dem Elementarbildung, Alphabetisierung
und Lernbetreuung angeboten wurden. Elementarbildung bedeutete,
dass mit den KursteilnehmerInnen in den Kursmaßnahmen Inhalte
und Fragen des täglichen Lebens bearbeitet und diskutiert wurden.
Mitunter wurde an ihrer Reflexionsfähigkeit gearbeitet, um
ihre Umwelt und deren darin befindlichen und auftauchenden Kulturbrüchen
zu ihrer Erfahrungswelt anders und besser wahrnehmen zu können.
So wurde diskutiert und aufgearbeitet.
Mittels Bildbetrachtungen und deren Reflexion, Rollenspielen und
der bewussten Wahrnehmung des eigenen Alltags sowie der eigenen
Handlungsmöglichkeiten wurden Kulturunterschiede und Grundlagen
des österreichischen Gesellschaftssystems besprochen, sowie
aktuelle Anliegen und Fragen geklärt. Soziales Lernen, Arbeiten
an einem verbindlichen Regelsystem und Basiswissen aus den Sachbereichen
Mathematik, Physik, Geschichte, Geographie und Biologie flossen
in diesen Elementarbildungsbereich ebenso ein, wie selbständigkeits-
und selbstbewusstseinsfördernde, kreative und problemlösungsorientierte
Arbeitsmethoden.
Schließlich wurden Bilder und andere anschauliche Unterrichtsmaterialien
mit Widererkennungseffekt in den dazu gehörigen Alphabetisierungskurs
transportiert, in dem nun anhand eines ganz spezifischen und auf
die kommunikativen Bedürfnisse der TeilnehmerInnen maßgeschneiderten
Wortschatzes, in methodisch abwechslungsreicher Form, Lesen und
Schreiben erlernt wurden.
"KHOJA"
Das zweite Modul Khoja widmete sich der Kreativität, dem Handwerk
und der Orientierung der jungen AsylwerberInnen. Ein einjähriges
Projekt, in dem 16 TeilnehmerInnen in einem Kurspaket im Umfang
von 26 Wochenstunden ein Deutschkurs angeboten wurde, inklusive
fallweiser Lernbetreuung, handwerklicher Grundfertigkeiten und kreativer
Ausdrucksmöglichkeiten wie Malerei, Tanz und Theater zum Zweck
der beruflichen Orientierung .
Aufgrund der rechtlichen Situation, die AsylwerberInnen das Arbeiten
in Österreich untersagt, kann die unmittelbare Integration
in den Arbeitsmarkt nicht das einzige Ziel sein – obwohl vom
Equal-Programm eigentlich gefordert. Wenn dies – wie in dem
Fall der Gruppe der AsylwerberInnen nicht möglich ist, liegt
der Schwerpunkt auf der Vermittlung von Kenntnissen und Berufsinformationen.
Unter dem Eindruck dieses Widerspruchs, der systemimmanent ist,
ging es für die ProjektmitarbeiterInnen und die TeilnehmerInnen
darum, kreative Lösungen zu finden. „Wir haben nach unterschiedlichen
Ansätzen gesucht. Man kann nicht nur Bildungsmaßnahmen
durchziehen, wenn man sieht, dass es keinen Sinn macht, stur Bildung
zu vermitteln und vieles andere nicht passt“, berichtet Julia
Schönwiese, Leiterin des EPIMA-Projekts, von ihren Erfahrungen.
So setzte man bei EPIMA ganz gezielt auf kulturelle Verständigung,
versuchte den jungen Menschen zu helfen, ihre Persönlichkeit
in der Fremde zu stärken, ihre Ziele zu verfolgen und ihre
Visionen zu schärfen. Bei all diesen Bemühungen galt es
die sprachlichen Barrieren zu verringern. Daher war der Erwerb der
deutschen Sprache ein ganz wesentliches Ziel des Projekts. Auch
in diesem Bereich hat man eigene Wege beschreiten müssen und
Dank der sensiblen Bemühungen des EPIMA-Teams konnten schöne
Erfolge erzielt werden. „Wir haben versucht, die deutsche
Sprache anhand von Alltagssituationen zu vermitteln, also Deutsch
für die Jugendlichen alltagstauglich zu machen“, erzählt
Julia Schönwiese. Ein von den TeilnehmerInnen geschriebenes
und aufgeführtes Bühnenstück „ABARI KANI“
wurde nicht nur zum großen Erfolg in und außerhalb von
Graz, sondern leistete auch einen wesentlichen Beitrag auf dem langen
Weg der sprachlichen und kulturellen Verständigung.
Für Dembu Nkulu Mwenge – ein EPIMA Teilnehmer - war
die Sprache zu erlernen zentrales Ziel und er hat es auch erreicht.
„Ich habe vorher kein Wort Deutsch gesprochen und die Sprache
ist schwierig. Aber wenn du etwas willst, dann geht es, und es ist
einfach leichter zu Menschen Kontakt zu finden, wenn du ihre Sprache
sprichst“, erzählt er.
Im Grunde war es der Alltag, der von den TeilnehmerInnen immer
wieder aufs Neue bewältigt werden musste. Diese Alltagsbewältigung
ist für AsylwerberInnen ungleich schwieriger als für inländische
Jugendliche. Neben dem kulturellen Schock und dem „Sich-fremd-Fühlen“
und der gesetzlichen Ausgrenzung am Arbeitsmarkt kommt besonders
für AsylwerberInnen aus den afrikanischen Ländern der
Rassismus hinzu. Unreflektierte Berichterstattung in den Medien
schürt die Verunsicherung in der Bevölkerung. „Vor
allem, wenn in den Medien wieder über afrikanische Drogendealer
berichtet wurde, waren die Jugendlichen meist verstärkt mit
Rassismus konfrontiert. Sie wurden dann oft auf der Straße
angequatscht und als Dealer abqualifiziert, was ihnen schwer zu
schaffen machte.“ Auch Dembu Nkulu Mwenge sieht die Rolle
des Journalismus nicht ganz unkritisch. „Man darf nicht verallgemeinern.
Nicht alle Afrikaner sind kriminell, nur weil einige kriminell sind.
Aber wenn zum Beispiel eine alte Frau nur solche Sachen in der Zeitung
liest, bekommt sie vielleicht ein falsches Bild. Ich glaube an die
Möglichkeit, dass schwarze und weiße Menschen zusammenleben
können, sie müssen aufeinander zugehen und miteinander
reden.“
Das Ziel von EPIMA war, Verständnis zu schaffen und durch
die Förderung von Kreativität auch die Persönlichkeit
und das Selbstbewusstsein der jungen Menschen zu stärken. Die
erworbenen Kompetenzen und Erfahrungen sollen auch im Falle einer
Rückkehr ins Heimatland oder im Falle einer Weiterwanderung
den beruflichen Einstieg der Jugendlichen erleichtern.
Am Ende steht …
...die Erkenntnis, dass man den jungen AsylwerberInnen beim Finden
ihres eigenen Weges behilflich war und ihnen Möglichkeiten
und Visionen aufgezeigt hat, wie ihre Zukunft zu bewältigen
sen könnte. Gelernt haben alle, nicht nur die AsylwerberInnen,
sondern auch die MitarbeiterInnen. „Im Grunde ist es ein Tropfen
auf den heißen Stein, weil wirkliche Fortschritte nur durch
gesetzliche Änderungen umzusetzen sind. Aber wir wollen in
diesem Sinne wei-terarbeiten und wir alle haben die nötige
Power dafür“, freut sich Julia Schönwiese auf mögliche
Zukunftsprojekte. Wie viel durch EPIMA und vom ganzen Team geleistet
wurde, zeigt auch die Freude der TeilnehmerInnen. „Mir hat
es sehr gut gefallen. Die Menschen von EPIMA waren immer für
uns da, haben uns verstanden und uns dabei geholfen, uns zu integrieren
und in Österreich zu leben“, zieht Dembu Nkulu Mwenge
seine persönliche Bilanz.