Stellungnahme
180 Mann und ein embedded Journalist
Skandalöser Gendarmerieeinsatz – noch skandalösere Berichterstattung?
- 09. November 2004 -
In der Kleinen Zeitung vom Sonntag den 7. November
(siehe
Artikel auf kleine.at) wird von einer Großrazzia in fünf
AsylwerberInnenheimen nördlich von Graz berichtet. Flüchtlingsquartiere
in Gratwein, Peggau, Semriach und Deutschfeistritz wurden mit 180 Mann
– darunter Sprengstoffexperten, Hundestaffeln, bewaffnete Beamte
– um 23 Uhr in der Nacht umstellt und zeitgleich durchsucht. Der
Verdacht und die Hinweise: illegal Untergerbachte, Drogen, Diebsgut
usw.
Ungereimtheiten en masse:
Es seien keine Hausdurchsuchungen gewesen, so die
Argumentation des Gendarmeriekommandanten. Was rechtfertigt aber dann
einen derartig massiven Polizeieinsatz? Man wollte mit dieser Aktion
unter anderem die Einhaltung der Qualitätsstandards in der Unterbringung
der Flüchtlinge überprüfen, so die Behörde. Ein
Einsatz mit Sprengstoffexperten und Hundestaffel, um zu schauen, ob
Quartiere sauber genug sind und den Standard (der nebenbei noch sehr
beliebig interpretiert wird) zu heben?
Das Haus in Deutschfeistritz wird von der evangelischen Diakonie geführt
und ist eines der Vorzeigehäuser in der Steiermark. Da hätte
man doch wohl auch bei der Leitung des Hauses nachfragen können,
wie es mit der Umsetzung der Unterbringungsstandards ausschaut.
Die anwesende Vertreterin des Landesflüchtlingsbüro
bei der Polizeiaktion argumentierte, dass es Hinweise auf illegal Untergebrachte
gäbe. Nun, derartige Gerüchte gibt es schon seit Bestehen
von Flüchtlingsquartieren – ein probates Mittel, um Stimmung
gegen deren BetreiberInnen zu machen.
Die ganze Aktion war ein Schlag ins Wasser und brachte keinerlei Ergebnisse.
Rechtfertigt das ein derartiges Aufgebot? Wie wird hier mit Steuergeldern
umgegangen?
Wir korrigieren - Ergebnisse gibt es sehr wohl:
- Haltlose Skandalisierung und Kriminalisierung von AsylwerberInnen
und Flüchtlinge.
- Frauen und Kinder, die bewusst der Gefahr ausgesetzt wurden,
retraumatisiert zu werden, die verschreckt und verängstigt
wurden.
- Bewusste Instrumentalisierung der Exekutive, um Stimmungen gegen
Personengruppen zu verschärfen und um dahinter liegende politische
Ziele durchsetzen zu können. So erhält man gleich gute
Argumente für eine weitere Verschärfung des Asylrechts.
Stichworte: Asylmissbrauch, kriminelle Machenschaften in Unterkünften,
Verunsicherung der Bevölkerung,...)
- Instrumentalisierung der Massenmedien für diese politischen
Zwecke.
Zu Punkt 4:
Was uns dabei gar nicht gefällt:
- Dass offensichtlich die Medien live dabei waren und alles hautnah
miterleben durften (möglicherweise embedded), also eine für
die Öffentlichkeit inszenierte Aktion?
- Dass der Journalist der Kleinen Zeitung - jahrelang selbst Polizist
– jede professionelle Distanz vermissen lässt und es
nicht der Mühe Wert gefunden hat, auch nur den Ansatz einer
Gegenrecherche zu den Fakten zu betreiben, geschweige denn Dritte
zu befragen und die rechtsstaatlichen und politischen Gründe
für den bedenklichen Einsatz zu hinterfragen.
- Dass er es nicht einmal Wert befunden hat, die widersprüchlichen
Aussagen zu dem Einsatz aufzuklären oder anzusprechen und Erklärungen
dafür zu suchen und zu liefern.
- Dass ihm keinerlei kritische Fragen zu dem Verhältnis zwischen
Hinweise (Gerüchten) tatsächlichen Fakten und Aufwand
und Ablauf des Einsatzes (versperrte Tür) in den Sinn kamen.
- Dass seine Sprache dem üblich diskriminierenden Jargon frönt
und in keiner Zeile des Artikels auch nur ein Hauch an Zweifel aufkommt,
auf welcher Seite der Redakteur bei diesem Einsatz stand.
- Dass der Artikel auch noch einen haarsträubenden Fehler
enthält: Nicht der Ausländer- (MigrantInnen-)beirat, wie
im Artikel behauptet, war in die Aktion eingebunden (siehe
Stellungnahme des MigrantInnenbeirates), sondern angeblich
der Menschenrechtsbeirat.
Siehe weitere
Stellungnahme des Vereins DANAIDA...
Graz, 9. November 2004