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Das was die
national und international beachteten Referenten und Referentinnen bei
der ZEBRA Tagung vorbrachten, war so einfach wie klar. Auf den Erkenntnissen
des britischen Gesundheitswissenschaftlers Richard Wilkinson, der in seinen
Studien den Fragen nachgeht, welche Faktoren Gesundheit und/oder Krankheit
fördern, diskutierten die rund 90 Anwesenden rege mit den äußerst
kurzweiligen ReferentInnen. Wie steht es insgesamt um die Faktoren von
sozialmedizinischen und sozioökonomischen Bedingungen? Was macht
Menschen in den „westlichen“ Gesellschaften krank und wie
steht es um die Gesundheit von Gruppen, die sozial und ökonomisch
marginalisiert sind, angesichts der makroökonomischen Trends der
Flexibilisierung und Liberalisierung?
Der erste Referent Richard Wilkinson
legte sein Hauptaugenmerk auf sozioökonomische und sozialmedizinische
Faktoren. Denn nicht der Unterschied zwischen armen und reichen Gesellschaften
mache den Unterschied allein aus. So verglich er etwa die USA mit Griechenland
(halb so großes Durchschnittseinkommen) und kam drauf, dass die
Bevölkerung Griechenlands aber wesentlich gesünder ist. Daraus
sei - laut Wilkinson zu folgern – dass vor allem die Ungleichheit
und strukturellen Rahmenbedingungen innerhalb der Gesellschaften und die
Stellung des Einzelnen darin ausschlaggebend seien. Anerkennung, Freundschaften
und soziale Stellung in Systemen sind wesentlich für eine „gesunde
Basis“. „Menschen, die Freunde haben und im Beruf anerkannt
werden, nicht marginalisiert sind und Zugang zu den staatlichen Systemen
haben, sind potenziell gesünder“. Erkenntnisse, die Wilkinson
gesundheitspolitisch übersetzte mit dem Banner der französischen
Revolution: Liberté, Egalité, Fraternité.
Christine Binder-Fritz, die zweite ReferentIn des Tages
ist Ethnologin und Medizinanthropologin und sowohl in Lehre als auch in
Forschung tätig. Sie richtete ihr Hauptaugenmerk auf die Transformation
der monokulturellen Gesellschaften hin zu einer multikulturellen und auch
sonst heterogenen Bevölkerungsstruktur. Darauf haben die Gesundheitsdienste
und –strukturen zu reagieren. „Darüber hinaus werde es
in Zukunft - noch stärker als bisher – um die Wahrung der PatientInnenrechte
und um grundsätzliche Fragen der medizinischen Ethik gehen“,
so Binder. Angesichts der Vorkommnisse im Grazer LKH, die wenige Tage
nach der Tagung an die Öffentlichkeit gedrungen sind, fast prophetische
Worte. Bekanntlich waren zwei türkische Frauen (eine im 9. Monat,
eine im 6. Monat) verwechselt und die Geburt bei der Frau, die im 6. Monat
schwanger war, trotz heftiger Gegenwehr eingeleitet wurde. Das Kind überlebte,
muss jedoch die ersten Woche seines Lebens im Brutkasten verbringen. Der
Schock saß tief. Binder –Fritz verwies vor allem darauf, dass
der interkulturellen Kommunikation und der sozialen Interaktion vermehrt
Bedeutung zukomme und schilderte die diesbezügliche Ausbildungssituation
anhand von praktischen Beispielen.
Horst Noack, Vorstand des Grazer Institutes
für Sozialmedizin bemühte sich schließlich den Begriff
des Public Health – der öffentlichen Gesundheitspflege –
in das Zentrum seiner Betrachtungen zu rücken. Er verwies vor allem
darauf, dass die Disziplin aufgrund einer nicht unproblematische Instrumentalisierung
in die und Verquickung mit der NS Zeit, viel an Terrain aufzuholen und
erst wieder zurückerobern musste. Schließlich verfügt
der Bereich des public health aber über enorme Wissensressourcen
und ist aufgrund des interdisziplinären Ansatzes bestens geeignet
auch entsprechende Antworten auf drängende Gesundheits- und Gesellschaftsfragen
zu liefern. Und für Noack ist die Ungleichheit der Gesundheitschancen
großer Gesellschaftsgruppen – und darunter sind MigrantInnen
besonders auch zu erwähnen - eine der großen Herausforderungen
für das 21. Jahrhundert.
Schließlich bildeten zwei Beispiele aus der Praxis
– eines aus Wien und eines aus Amsterdam – den Abschluss der
Tagung. Hans Eichbauer ist Arzt am Hanusch Schwerpunktkrankenhaus
im 14. Wiener Bezirk. Im Einzugsgebiet des Hanusch Krankenhauses liegt
der Anteil der Wohnbevölkerung mit ausländischer Staatsbürgerschaft
mit 19,2 % über dem Gesamtdurchschnitt in Wien (16,2%). Die gynäkologische
Abteilung des Hanusch Krankenhauses ist daher mit einer zunehmend heterogenen
Patientinnenschaft konfrontiert. Wie aus mittlerweile vielen anderen Krankenhäusern
bekannt, entstehen daraus Problemzonen im Alltag. Im Rahmen der Pilotprojektstudie
wurden die MitarbeiterInnen, danach die Patientinnen befragt und schließlich
wurden die Ergebnisse ausgewertet und in Beziehung gestellt. Besonders
interessant war dabei, so Eichbauer, dass PatientInnen mit Migrationshintergrund
vom medizinischen Personal subjektiv überdeutlich wahrgenommen wurden.
Der Anteil an Migrantinnen war wesentlich geringer, als vom Personal eingeschätzt.
Wie Eichbauer in seinem Referat ausführte, wurde ein Katalog an Maßnahmen
und Umsetzungsanregungen an die kollegiale Führung des Hanusch Krankenhauses
gerichtet, der Mitte Juni beschlossen worden ist und schrittweise umgesetzt
werden wird.
Sybrech Nevenzeel schließlich
kam als Vertreterin des Amsterdamer Gesundheitsdienstes (GG&GD) nach
Graz und konnte über die Aktivitäten des GG&GD berichten.
Das Amsterdamer Gesundheitsamt hat schon seit vielen Jahren auf die zunehmend
heterogene Population entsprechend politisch und administrativ reagiert.
Amsterdam ist sicher eine der multikulturellsten Städte Europas.
Von dem rund 730.000 BewohnerInnen sind knapp 40% MigrantInnen. Die Hauptgruppen
kommen aus den ehemaligen Kolonien Surinam und Holländischen Antillen,
sowie aus Marokko und der Türkei. Vor allem von den beiden letzteren
Gruppen kamen viele Männer, wie auch in Österreich als „Gastarbeiter“
in den 60-70ern des letzten Jahrhunderts. Daraus ergab sich bereits früh
eine gesundheitspolitische Herausforderung für das GG&GD. Das
GG&GD begann ein Sprach-, Kultur- und Gesundheitsaufklärer und
Unterstützersystem zu entwickeln, das mit ähnlichen –
Multiplikatoren- Projekten wie sie ZEBRA in den letzten Jahren angeboten
hat, zu vergleichen ist. Diese „MultiplikatorInnen“ wurden
aus den ethnischen Gruppen rekrutiert, ausgebildet und schließlich
in den verschiedenen Gesundheits- und Sozialsprengeln eingesetzt.
Begonnen wurde in den frühen 80er mit einem Trainingsprogramm
für marokkanische Frauen. Schwerpunkt dabei war die Themen Geburt
und Gynäkologie, Kindererziehung, Information über das holländischen
Gesundheitssystem usw. Das erfolgreiche Programm wurde ausgeweitet sowohl
auf andere Gruppen (türkische und surinamische Männer) als auch
auf andere gesundheitliche Themen (Infektionen, Impfprogramme und AIDS).
Im Jahre 2003 feierte das so genannte VETC sein 20 jähriges Bestehen
und die Gesundheitsarbeiter kommen aus mehr als 40 verschiedenen Ländern.
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Das Prinzip eines solidarischen, staatlichen Gesundheitssystem
wurde in den letzten Jahren immer öfter und immer deutlicher in
Frage gestellt. Für immer mehr Gruppen, darunter auch MigrantInnen
und Flüchtlinge, ist Gesundheit, Abwehr und Behandlung von Krankheit
keine Selbstverständlichkeit mehr. Aufgrund ihrer sozialen und
ökonomisch marginalisierten und diskriminierten Stellung, sind
sie in Gefahr erhöhten Gesundheitsrisiken ausgesetzt zu sein. Alle
Beteiligten waren sich in ihrem Resümee zumindest in einem einig.
Die aktuellen Trends, Neoliberalismus, Ökonomismus und Effizienzkriterien,
die derzeit das politische Leben bestimmen, stellen eine gefährliche
und aus gesundheitspolitischer Sicht abzulehnende Entwicklung dar. Die
zaghaften pilotartigen Ansätze, die bei der Tagung präsentiert
wurden, stellen erst einen ersten Hoffnungsschimmer dar, der dazu führen
muss, dass die Gesundheitsinstitutionen sich den Öffnungsprozessen,
die moderne, demokratische und solidarische Gesellschaften erfordern,
stellen müssen.
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