Tagungsrückblick

Tagung `Migration kann ihre Gesundheit gefährden´:
Respekt - Anerkennung - Freundschaft...
... das was MigrantInnen fehlt


- 22. Juli 2004 -

Die Lösungsvorschläge sind so einfach, wie nachvollziehbar. Und sie waren keine Stammtischparolen, sondern aufgrund von langjährigen wissenschaftlich-empirischen und interdisziplinären Studien fundiert recherchiert und erarbeitet. Die Rede ist von der Tagung `Migration kann ihre Gesundheit gefährden´, die vom Verein ZEBRA am 25. Juni im kleinen Grazer Arbeiterkammer Saal unter reger Mithilfe von den Alternativen GewerkschafterInnen (AUGE) und einer Reihe von Sponsoren und Fördergebern abgehalten wurde.


 

Das was die national und international beachteten Referenten und Referentinnen bei der ZEBRA Tagung vorbrachten, war so einfach wie klar. Auf den Erkenntnissen des britischen Gesundheitswissenschaftlers Richard Wilkinson, der in seinen Studien den Fragen nachgeht, welche Faktoren Gesundheit und/oder Krankheit fördern, diskutierten die rund 90 Anwesenden rege mit den äußerst kurzweiligen ReferentInnen. Wie steht es insgesamt um die Faktoren von sozialmedizinischen und sozioökonomischen Bedingungen? Was macht Menschen in den „westlichen“ Gesellschaften krank und wie steht es um die Gesundheit von Gruppen, die sozial und ökonomisch marginalisiert sind, angesichts der makroökonomischen Trends der Flexibilisierung und Liberalisierung?

Der erste Referent Richard Wilkinson legte sein Hauptaugenmerk auf sozioökonomische und sozialmedizinische Faktoren. Denn nicht der Unterschied zwischen armen und reichen Gesellschaften mache den Unterschied allein aus. So verglich er etwa die USA mit Griechenland (halb so großes Durchschnittseinkommen) und kam drauf, dass die Bevölkerung Griechenlands aber wesentlich gesünder ist. Daraus sei - laut Wilkinson zu folgern – dass vor allem die Ungleichheit und strukturellen Rahmenbedingungen innerhalb der Gesellschaften und die Stellung des Einzelnen darin ausschlaggebend seien. Anerkennung, Freundschaften und soziale Stellung in Systemen sind wesentlich für eine „gesunde Basis“. „Menschen, die Freunde haben und im Beruf anerkannt werden, nicht marginalisiert sind und Zugang zu den staatlichen Systemen haben, sind potenziell gesünder“. Erkenntnisse, die Wilkinson gesundheitspolitisch übersetzte mit dem Banner der französischen Revolution: Liberté, Egalité, Fraternité.

Christine Binder-Fritz, die zweite ReferentIn des Tages ist Ethnologin und Medizinanthropologin und sowohl in Lehre als auch in Forschung tätig. Sie richtete ihr Hauptaugenmerk auf die Transformation der monokulturellen Gesellschaften hin zu einer multikulturellen und auch sonst heterogenen Bevölkerungsstruktur. Darauf haben die Gesundheitsdienste und –strukturen zu reagieren. „Darüber hinaus werde es in Zukunft - noch stärker als bisher – um die Wahrung der PatientInnenrechte und um grundsätzliche Fragen der medizinischen Ethik gehen“, so Binder. Angesichts der Vorkommnisse im Grazer LKH, die wenige Tage nach der Tagung an die Öffentlichkeit gedrungen sind, fast prophetische Worte. Bekanntlich waren zwei türkische Frauen (eine im 9. Monat, eine im 6. Monat) verwechselt und die Geburt bei der Frau, die im 6. Monat schwanger war, trotz heftiger Gegenwehr eingeleitet wurde. Das Kind überlebte, muss jedoch die ersten Woche seines Lebens im Brutkasten verbringen. Der Schock saß tief. Binder –Fritz verwies vor allem darauf, dass der interkulturellen Kommunikation und der sozialen Interaktion vermehrt Bedeutung zukomme und schilderte die diesbezügliche Ausbildungssituation anhand von praktischen Beispielen.

Horst Noack, Vorstand des Grazer Institutes für Sozialmedizin bemühte sich schließlich den Begriff des Public Health – der öffentlichen Gesundheitspflege – in das Zentrum seiner Betrachtungen zu rücken. Er verwies vor allem darauf, dass die Disziplin aufgrund einer nicht unproblematische Instrumentalisierung in die und Verquickung mit der NS Zeit, viel an Terrain aufzuholen und erst wieder zurückerobern musste. Schließlich verfügt der Bereich des public health aber über enorme Wissensressourcen und ist aufgrund des interdisziplinären Ansatzes bestens geeignet auch entsprechende Antworten auf drängende Gesundheits- und Gesellschaftsfragen zu liefern. Und für Noack ist die Ungleichheit der Gesundheitschancen großer Gesellschaftsgruppen – und darunter sind MigrantInnen besonders auch zu erwähnen - eine der großen Herausforderungen für das 21. Jahrhundert.

Schließlich bildeten zwei Beispiele aus der Praxis – eines aus Wien und eines aus Amsterdam – den Abschluss der Tagung. Hans Eichbauer ist Arzt am Hanusch Schwerpunktkrankenhaus im 14. Wiener Bezirk. Im Einzugsgebiet des Hanusch Krankenhauses liegt der Anteil der Wohnbevölkerung mit ausländischer Staatsbürgerschaft mit 19,2 % über dem Gesamtdurchschnitt in Wien (16,2%). Die gynäkologische Abteilung des Hanusch Krankenhauses ist daher mit einer zunehmend heterogenen Patientinnenschaft konfrontiert. Wie aus mittlerweile vielen anderen Krankenhäusern bekannt, entstehen daraus Problemzonen im Alltag. Im Rahmen der Pilotprojektstudie wurden die MitarbeiterInnen, danach die Patientinnen befragt und schließlich wurden die Ergebnisse ausgewertet und in Beziehung gestellt. Besonders interessant war dabei, so Eichbauer, dass PatientInnen mit Migrationshintergrund vom medizinischen Personal subjektiv überdeutlich wahrgenommen wurden. Der Anteil an Migrantinnen war wesentlich geringer, als vom Personal eingeschätzt. Wie Eichbauer in seinem Referat ausführte, wurde ein Katalog an Maßnahmen und Umsetzungsanregungen an die kollegiale Führung des Hanusch Krankenhauses gerichtet, der Mitte Juni beschlossen worden ist und schrittweise umgesetzt werden wird.

Sybrech Nevenzeel schließlich kam als Vertreterin des Amsterdamer Gesundheitsdienstes (GG&GD) nach Graz und konnte über die Aktivitäten des GG&GD berichten. Das Amsterdamer Gesundheitsamt hat schon seit vielen Jahren auf die zunehmend heterogene Population entsprechend politisch und administrativ reagiert. Amsterdam ist sicher eine der multikulturellsten Städte Europas. Von dem rund 730.000 BewohnerInnen sind knapp 40% MigrantInnen. Die Hauptgruppen kommen aus den ehemaligen Kolonien Surinam und Holländischen Antillen, sowie aus Marokko und der Türkei. Vor allem von den beiden letzteren Gruppen kamen viele Männer, wie auch in Österreich als „Gastarbeiter“ in den 60-70ern des letzten Jahrhunderts. Daraus ergab sich bereits früh eine gesundheitspolitische Herausforderung für das GG&GD. Das GG&GD begann ein Sprach-, Kultur- und Gesundheitsaufklärer und Unterstützersystem zu entwickeln, das mit ähnlichen – Multiplikatoren- Projekten wie sie ZEBRA in den letzten Jahren angeboten hat, zu vergleichen ist. Diese „MultiplikatorInnen“ wurden aus den ethnischen Gruppen rekrutiert, ausgebildet und schließlich in den verschiedenen Gesundheits- und Sozialsprengeln eingesetzt.

Begonnen wurde in den frühen 80er mit einem Trainingsprogramm für marokkanische Frauen. Schwerpunkt dabei war die Themen Geburt und Gynäkologie, Kindererziehung, Information über das holländischen Gesundheitssystem usw. Das erfolgreiche Programm wurde ausgeweitet sowohl auf andere Gruppen (türkische und surinamische Männer) als auch auf andere gesundheitliche Themen (Infektionen, Impfprogramme und AIDS). Im Jahre 2003 feierte das so genannte VETC sein 20 jähriges Bestehen und die Gesundheitsarbeiter kommen aus mehr als 40 verschiedenen Ländern.


 

 

 

 

 

 

 

 

Das Prinzip eines solidarischen, staatlichen Gesundheitssystem wurde in den letzten Jahren immer öfter und immer deutlicher in Frage gestellt. Für immer mehr Gruppen, darunter auch MigrantInnen und Flüchtlinge, ist Gesundheit, Abwehr und Behandlung von Krankheit keine Selbstverständlichkeit mehr. Aufgrund ihrer sozialen und ökonomisch marginalisierten und diskriminierten Stellung, sind sie in Gefahr erhöhten Gesundheitsrisiken ausgesetzt zu sein. Alle Beteiligten waren sich in ihrem Resümee zumindest in einem einig. Die aktuellen Trends, Neoliberalismus, Ökonomismus und Effizienzkriterien, die derzeit das politische Leben bestimmen, stellen eine gefährliche und aus gesundheitspolitischer Sicht abzulehnende Entwicklung dar. Die zaghaften pilotartigen Ansätze, die bei der Tagung präsentiert wurden, stellen erst einen ersten Hoffnungsschimmer dar, der dazu führen muss, dass die Gesundheitsinstitutionen sich den Öffnungsprozessen, die moderne, demokratische und solidarische Gesellschaften erfordern, stellen müssen.