Was hat ein Teppich
mit interkultureller Öffnung zu tun
?
MIDAS Teilprojekt mit Tagung abgeschlossen


- 12. Jänner 2005 -

Im Rahmen des MIDAS Projektes, welches von der Europäischen Förderrichtlinie EQUAL finanziert worden ist, fand am 19. Oktober 2004 die Tagung „Von der Dominanz zur Chancengleichheit. Interkulturelle Öffnung und Diversity Management in Österreich“ in Graz statt. 15 Monate lang hatten sich 14 Personen mit Hilfe eines theoretischen Schulungsprogramms, eines einwöchigen Praktikums und schließlich eines 1-jährigen Pilotprojekt-Programms zu „interkulturell kompetenten Coaches“ schulen lassen. Die Tagung bildete den Abschluss des Programms. Ein Bericht von Helga Moser.

Europa verändert sich, wird heterogener, durchmischter und multikultureller. Migration ist Gegenwart, stellt neue Herausforderungen an die Politik, an die Verwaltung und an die Wirtschaft; braucht neue Regeln und Konzepte. Die Suche nach Auswegen an nicht diskriminierender Arbeitsmarkt-, Beschäftigungs- u. Personalpolitik ist ein Gebot der unmittelbaren und nahen Zukunft.

Das MIDAS Projekt, das durch die europäische Gemeinschaftsinitiative EQUAL seit Herbst 2002 finanziert wurde, ist eine solche Suche und Gelegenheit, Neues auszuprobieren. Im Rahmen eines Teilprojektes von MIDAS, das den Titel „Interkulturelle Öffnung“ trug, wurden vom Grazer Verein ZEBRA mit Unterstützung der Tiroler Stelle ZEMIT und der Kärntner MigrantInnenberatungsstelle Beispiele entwickelt, wie ein solcher institutioneller Umbau und eine Öffnung erfolgen könnte/durchgeführt werden sollte.

14 Personen mit Migrationshintergrund wurden zu interkulturell kompetenten Coaches ausgebildet. Diese setzten daraufhin ihr Wissen in drei sogenannten Pilotprojekten, bei der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse in Graz, dem Kurbad Eisenkappel in Kärnten und dem SOS Clearing House in Salzburg um. In diesen Einrichtungen waren sie als externe Coaches tätig und analysierten die Durchlässigkeit und Zugänglichkeit der Einrichtungen für MigrantInnen und erarbeiteten Verbesserungsvorschläge.

Das Experiment - die Pilotprojekte - wurde im Rahmen der Tagung präsentiert und diskutiert. Internationale Experten wie Wolfgang Hinz-Rommel (Verfasser mehrerer Bücher zum Thema Interkulturelle Öffnung) konnten dafür ebenso gewonnen werden, wie die beiden Sozial- und WirtschaftswissenschaftlerInnen Christine Mattl und Dominik Sandner von der WU-Wien, die sich national wie international mit dem Thema des Diversity Managements (DM) befasst haben.

Auffallende inhaltliche Übereinstimmungen

Trotz der unterschiedlichen ideologischen Ausrichtung und der verschiedenen Einsatzfelder der beiden Konzepte, gibt es einige inhaltliche Übereinstimmungen. Sowohl Herr Hinz-Rommel als auch Frau Mattl und Herr Sandner betonten in ihren Referaten, dass die Verankerung von Interkultureller Öffnung bzw. Diversity Management in den Strukturen essentiell ist. Damit liegt die Verantwortung von derartigen Prozessen vor allem einmal bei der Leitungs- und Führungsebene. Nur Trainings auf der MitarbeiterInnenebene wären eben nicht ausreichend.

Veränderungsprozesse auf allen innerbetrieblichen Ebenen und eine strukturelle Verankerung sind notwendig und durch mittel- bis langfristige Konzeptionen zu sichern - sollen derartige Konzepte auch langfristig erfolgreich sein. Deutlich wurde auch, dass beide Konzepte die MitarbeiterInnenorientierung ebenso ins Zentrum rücken - also die VertreterInnen der Mehrheitsbevölkerung in die Betrachtung einschließen bzw. diese haben von den Vorschlägen ebenso zu profitieren, wie die MigrantInnen auch.

Ein Beispiel, das dies gut illustrierte, brachte Hinz-Rommel aus seiner reichhaltigen praktischen Erfahrung mit Interkultureller Öffnung in Organisationen im Sozialbereich ein: Er berichtete von seiner Arbeit in einem Altenpflegeheim. In das Haus zog ein neuer Patient ein. Bei der Aufnahme äußerte der ältere Herr den Wunsch, einen Teppich in seinem Zimmer aufzulegen. Dies widersprach jedoch der Hausordnung. Da es sich bei dem Patienten um einen Türken handelte, wurde es ihm jedoch gewährt. Das Haus befand sich im Prozess der interkulturellen Öffnung und die MitarbeiterInnen waren dadurch für unterschiedliche Bedürfnisse von Menschen mit verschiedenem kulturellen Hintergrund sensibilisiert worden. Das Anliegen wurde als Wunsch nach einem Gebetsteppich interpretiert. Dass der neue Patient jedoch nie auf dem Teppich betete, sondern ihn als Verschönerung seines Zimmers betrachtete, stellte sich erst später heraus. Der Fall hat jedoch dazu geführt, dass die Hausregeln geändert wurden und alle PatientInnen bei Wunsch einen Teppich in ihren Zimmern auflegen durften.

3 Pilotprojekte auf dem Prüfstand

Breiten Raum bei der Tagung wurde den Präsentationen der Arbeit der Coaches in den Pilotprojekten gewidmet, mit anschließender Möglichkeit die gemachten Erfahrungen in drei Arbeitskreisen ausführlicher zu diskutieren. Die Projektgruppen beurteilten ihre Erfahrungen im Projekt und die erreichten Ergebnisse unterschiedlich. Einige hätten sich eine konkretere Umsetzung aller von ihnen vorgeschlagener Maßnahmen erwartet und sahen sich gescheitert, da innerhalb der kurzen Zeit „nur einige Vorschläge“ umgesetzt wurden. Oder, wie im Falle der Coaches, die in der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse aktiv waren und die keine Umsetzungsmaßnahmen erwirken konnten.

Jedoch löste gerade dieses Pilotprojekt einen internen Diskussionsprozess in der Institution aus, der zwar keine unmittelbaren Ergebnisse hervorgebracht hatte. Es wurden aber die Grundlagen für einen umfassenden Veränderungsprozess in einer derart großen Organisation geschaffen.

Den TeilnehmerInnen wurde dies im Zuge von Diskussionen im Arbeitskreis erst deutlich. Der rege Austausch zwischen den Coaches, Vertretern der Pilotprojekte, Herrn Kotnik von der Bildungsabteilung der StGKK, Herrn Svager, Leiter des SOS Clearing Hauses in Salzburg und den TagungsteilnehmerInnen führte dazu, dass das Projekt als solches wieder mit einem größeren politischen und strukturellen Rahmen in Beziehung gesetzt wurde.

Praktische Umsetzungen

In der abschließenden Podiumsdiskussion nahmen ExpertInnen teil, die sich in ihrer Arbeit mit der Umsetzung von interkultureller Öffnung auf kommunaler Ebene beschäftigen. Sie diskutierten über politische Rahmenbedingungen und Umsetzungsstrategien.

Annette Sprung, die im Jahre 2001/2002 eine Expertise für ein Integrationskonzept im Auftrag der Stadt Graz erstellte, konstatierte, dass eine Umsetzung von interkulturelle Öffnung seither noch nicht stattgefunden hat.

Ursula Struppe konnte dagegen von einer Umorientierung im Verständnis der Stadt Wien berichten. Dort ist sie mit dem Entwicklungsprozess des Diversitäts-Managements innerhalb der Stadtverwaltung befasst. Sie betonte zwar wie die anderen PodiumsteilnehmerInnen, dass interkulturelle Öffnung ein Querschnittsthema für die gesamte Verwaltung sei, dass die Stadt Wien den Weg dorthin jedoch über die Einrichtung einer eigenen Magistratsabteilung für Integrations- und Diversitätsangelegenheiten gewählt habe.

Edith Glanzer, Geschäftsführerin von ZEBRA mit reichhaltigen praktischen und theoretischen Erfahrungen in der Bildungsarbeit und der Beratungstätigkeit von Organisationen ausgestattet, berichtete auch über den Prozess der interkulturellen Öffnung in der obersteirischen Stadt Kapfenberg, mit dem sie sich in ihrer Diplomarbeit befasste. Sie betonte die Wichtigkeit von strukturellen Maßnahmen, die für einen solchen Prozess erforderlich sind, der Bedeutung der Unterstützung von der Leitungsebene, gleichzeitig aber auch die individuellen, auf die jeweilige Organisation abgestimmten Programme. Dass dabei externe Beratungsleistungen und ExpertInnen herangezogen werden, unterstützt den positiven Lauf der Dinge nachhaltig.

Der Sozialwissenschafter Kenan Güngör, externer Berater von Leitbildprozessen in einigen Kommunen, warnte vor einer Kulturalisierung der Thematik und wies darauf hin, dass dadurch andere Problemfelder verdeckt würden. Es müsse hinterfragt werden, so Güngör, ob es sich bei auftretenden Problemen bei „interkulturellen“ Begegnungen tatsächlich um kulturelle Konflikte handle, oder ob dadurch nicht strukturelle und sozial-politische Rahmenbedingungen, die zu einer Benachteilung von MigrantInnen führten, unhinterfragt bleiben. Handelt es sich z.B. wirklich um einen „kulturellen“ Konflikt, wenn Missverständnisse durch Sprach- oder Informationsdefizite auftreten; oder habe dies nicht vielmehr mit einem Kompetenzproblem auf beiden Seiten zu tun?


Die Dokumentation zur Tagung ist jetzt online nachlesbar! Klicken Sie hier...