ZEBRA Tagung:
„In den Zeiten des Terrors
Globale Menschenrechtsdebatte anhand des Tschetschenien
- Konflikts“
Der Generalsekretär von Amnesty International Österreich,
Heinz Patzelt, die Alternative Friedensnobelpreisträgerin
Lipkan Basaeva sowie die stellvertretende Leiterin des Diakonie-Flüchtlingsdienstes
Alexandra Gröller waren die HauptreferentInnen der Frühjahrstagung
des Vereins ZEBRA.
Heinz Patzelt machte gleich eingangs auf die Bedeutung
der Veranstaltung aufmerksam und meinte, dass er sich bei ZEBRA in guter
Gesellschaft bewege, denn Menschenrechtsorganisationen seien denen,
die Macht ausüben nie bequem und nicht selten – wie in vielen
anderen Ländern - selbst Opfer von Menschenrechtsverletzungen.
Patzelt konstatierte in seinen Ausführungen deutliche Rückschritte
in der Menschenrechtspolitik und den Grundrechten. „Ich habe mir
vor zehn Jahren gedacht, dass das absolute Folterverbot für uns
als Thema erledigt ist. Heute diskutieren wir nicht ob, sondern über
die Form wie gefoltert wird.“ Daran könne man den massiven
demokratiepolitischen Einbruch seit 9/11 gut erkennen.
Ein Vorwurf an politische aktive Menschenrechtsgruppen
aus dem Tagungskonzept von ZEBRA – wonach man gerne im Chor der
Bush Kritiker mit singe, jedoch die anderen Menschenrechtsverletzungen,
etwa in Tschetschenien mehr oder minder links liegen ließe - nahm
Patzelt sehr ernst und stimmte zum Teil auch zu. Umso mehr legte er
in Folge den Schwerpunkt seiner Ausführungen auf die Putin Administration
und auf die Politik der EU, die Patzelt für ambivalent und inkonsequent
hält. Die EU sowie die einzelnen Verantwortlichen der EU-Staaten
tun einerseits viel zu wenig, um sich gegen die Bestrebungen der US
Regierung aber auch der russischen Regierung Grund- und Menschenrechte
außer Kraft zu setzen, zur Wehr zu setzen. Andererseits seien
sie aktiv als Kollaborateure tätig, wie die geheimen CIA Flüge
und die Verschleppungen beweisen.
Der Unterschied zwischen Bush und Putin sei, dass Putin
in der Öffentlichkeit nie behauptet habe, er stehe der Demokratie
sonderlich nahe und würde dem Konzept der Menschenrechte folgen.
Auch um ein zweites wichtiges Thema der AI-Politik – die Todesstrafe
- ist es bei näherem Hinsehen in Russland schlecht bestellt. Zwar
ist die Todesstrafe in Russland de facto abgeschafft und wird seit Jahren
nicht mehr angewandt, bei genauerer Analyse muss aber festgestellt werden,
dass man zynischerweise behaupten könne, dass Russland die Todesstrafe
gar nicht benötige, weil viele Menschen extralegal hingerichtet
werden.
Das zweite Referat des Tages hielt Lipkan Basaeva und
sie rückte die Realitäten zu Recht. Fragen nach den Menschenrechten,
nach dem Tschetschenien Krieg oder derartige Veranstaltungen seien in
Russland nicht so ohne weiteres möglich. Die Mitarbeiterin der
Organisation „Memorial“, die in Russland, Inguschetien und
Tschetschenien Menschenrechtsverletzungen dokumentiert, Prozesse beobachtet
und Verfahren gegen Menschenrechtsverletzungen einleitet und begleitet,
berichtete darüber, dass gerade die letzten Jahre in Tschetschenien
schwierig waren, die russische Regierung alles getan hat, um Normalisierung
nach Außen hin zu suggerieren. Gleichzeitig zerfallen die Wahrnehmungen:
In eine schlechte, der Vergewaltigungen, der Ermordungen, der Verschleppungen
und der extralegalen Ermordungen, die nicht aufgehört haben und
in eine gute Seite: Es beginnt ein Wiederaufbau, Strassen wurden repariert,
Brücken wieder hergestellt, Handel kommt in Gang. Es gibt am Markt
wieder Waren. „Wenn man heute nach Grozny kommt und durch die
große Hauptstrasse geht, dann kann man neue und frisch renovierte
Fassaden und Häuser sehen. Sogar die Fenster sind neu. Wenn man
jedoch genauer hinsieht, kann man durch die Fenster hindurch den Himmel
sehen.“
Basaeva berichtete von der Brutalisierung und Dynamisierung
des Konfliktes und bestätigte damit Patzelts einleitende Worte:
MenschenrechtsaktivistInnen werden in Russland zunehmend Opfer von Gewalt.
Neben den offenen Kriegsgegnern gäbe es eine Vielzahl von „Detailkonflikten“
und Gruppen, die ihre eigenen Interessen verfolgten. Politische Ziele
seien dahinter oft nicht mehr auszumachen. Den besonderen Zynismus und
die Schrecklichkeit der Ereignisse verdeutlicht Basaeva, in dem sie
berichtet, dass Familien den Ausgang einer Entführung dann schon
als positiv bewerten, wenn die Angehörigen immerhin die Leiche
des entführten Opfers zurück bekommen und damit eine ordentliche
Bestattung vornehmen können.
Wofür Bazaeva leidenschaftlich kämpfe sei,
dass diese Straflosigkeit ende, dass schwerste Menschenrechtsverletzungen
ungeahndet bleiben. Daher strengt sie auch einen Prozess beim Europäischen
Gerichtshof für Menschenrechte gegen Russland aufgrund der begangenen
Menschenrechtsverletzungen an. Die Anklage beruht auf den Ereignissen
vom Oktober 1999, als Bazaeva mit tausenden anderen Flüchtlingen
durch einen humanitären Korridor außer Landes gelotst werden
sollte. Den Flüchtlingen wurde die Zusicherung gegeben, es würde
ihnen nichts passieren. Das Gegenteil war der Fall. Der Konvoi, der
aus rund 1.000 Fahrzeugen bestand, wurde aus der Luft bombardiert, viele
wehrlose Flüchtlinge starben.
Schließlich hatte Alexandra Gröller vom
Diakonie Flüchtlingsdienst die schwierige Aufgabe, von der internationalen
Bühne auf die österreichische überzuleiten. Gröller,
leitende Mitarbeiterin des Diakonie Flüchtlingsdienstes für
Integrationsprojekte, beschrieb die Geschichte der anerkannten Flüchtlinge
in den letzten Jahren. Dabei ist ja das Auftauchen von tschetschenischen
Flüchtlingen ein erst kurzes Phänomen – seit 2002 etwa
– wie Gröller betonte. Der österreichische Umgang mit
den tschetschenischen AntragstellerInnen sei eine Anomalie – sowohl
was die generelle Anerkennungspraxis in Österreich, als auch was
die anderen europäischen Staaten beträfe. Denn zuvor gab es
in Österreich keine derart positiven und raschen Verfahrenserledigungen
von Asylgesuchen, wie dies bei tschetschenischen der Fall war. Vor allem
in der ersten Phase – Gröller beschrieb dies für den
Zeitraum zwischen 2002 bis Mitte 2004 – gab es mitunter Anerkennungen
drei Tage nach Antragstellung!
So positiv rasche Verfahren grundsätzlich seien,
so schwierig waren sie unter den damaligen Umständen. Da es nicht
ausreichende Unterstützungsmaßnahmen, Beratungsstellen und
Angebote für Flüchtlinge gab, standen die oftmals schwer traumatisierten
Flüchtlinge, kaum in Bundesbetreuung aufgenommen, auch schon wieder
auf der Strasse und waren definitiv obdachlos. Gröller betonte,
dass es natürlich positiv sei, dass es zu raschen Anerkennung kam,
aufgrund der fehlenden Strukturen und Angebote war dies für die
Flüchtlinge nicht selten jedoch ein dramatischer Einstieg in ihr
„neues Leben“.
Nach 2004 wurden die Verfahren wieder etwas länger
und es entstanden auch Strukturen und Angebote für die „Anerkannten“.
Ein weiterer wichtiger Punkt, der zur Entspannung der Situation führte
war, dass sich in Österreich langsam so etwas wie eine Community
bildete. Die bereits in Österreich lebenden TschetschenInnen waren
wichtige Ankerpersonen für die folgenden und konnten ihnen helfen
und sie stützen.
Auf Europa Ebene ist Österreich derzeit mit hohen
Anerkennungszahlen immer noch ein „Ausreißer“ –
jedoch steigt der Druck, die Flüchtlingszahlen zu „harmonisieren“.
Wie gescheitert die qualitative Asylpolitik der EU ist, zeigt sich an
den Zahlen zu den Tschetschenen. Polen und Slowakei – häufig
Länder, über die TschetschenInnen nach Österreich und
Deutschland kommen, haben nur marginale Anerkennungsquoten. Bei Österreich
lagen sie jedoch bei 90% im Jahr 2005. Gröller machte aber auch
darauf aufmerksam, dass die österreichische Statistik mit Vorsicht
zu interpretieren ist. Zu berücksichtigen sei nämlich die
hohe Zahl derer, die gar nicht mehr in ein Asylverfahren gelangen, da
sie unter die Bestimmungen der Dublin II Verordnung fallen.
Am Nachmittag wurde die Tagung schließlich mit
drei Workshops fortgesetzt, die von Lipkan Basaeva und Alexandra Gröller,
sowie von Uta Wedam, leitende Psychotherapeutin bei ZEBRA, abgehalten
wurden. Der dritte Workshop beschäftigte sich mit dem Umgang und
der Behandlung von traumatisierten Flüchtlingen und bot die Möglichkeit,
mehr zum Thema „Interkulturelle Psychotherapie“ zu erfahren.
Den Abschluss der Tagung bildete eine Podiumsdiskussion
der ReferentInnen und WorkshopleiterInnen bei der eine Reihe von Diskussionen
aufgegriffen wurden. Einige TschetschenInnen, die sich im Publikum befanden,
äußerten die Angst, dass die Vereinbarung, die Bundeskanzler
Schüssel als derzeitiger EU-Ratsvorsitzender mit Wladimir Putin
über ein Rückübernahmeabkommen zwischen EU und Russland
abgeschlossen habe, für viele TschetschenInnen eine unmittelbare
Bedrohung darstellen könnte.
Ein Diskutant wies auf die Tatsache hin, dass die tschetschenische
Sprache Gefahr liefe, so wie es das Konzept der „ethnischen Säuberung“
durch die Russen vorsähe, gänzlich zu verschwinden. Da gerade
auch die jungen TschetschenInnen zwar vielsprachig aufwüchsen,
aber kaum muttersprachliche Bücher und Lehrmittel erhielten, würde
die russische Sprache immer dominanter. Lipkan Basaeva berichtete schließlich,
dass es verschiedene (deutsche) Märchen mittlerweile in tschetschenischer
Übersetzung gibt und freute sich, diese der Grazer Community zur
Verfügung zu stellen.
MitveranstalterInnen: