- 19. Juli 2007 -

Fluchtlinien
Nachlese zur Zebra Menschenrechts-Konferenz


Mit der menschenrechtlichen Herausforderung, der politischen Verpflichtung und dem therapeutischen Handeln in der Arbeit mit Opfern politischer Gewalt beschäftigte sich die ZEBRA-Konferenz, die am 14. und 15. Juni 2007 am Uni-Wall Zentrum in Graz stattfand.



Die Arbeit mit Flüchtlingen und Opfern von politischer Gewalt stellt ein hochkomplexes Feld dar. Das wurde den zahlreichen BesucherInnen der ZEBRA-Konferenz in Graz rasch deutlich. Denn es ist eben keine Thematik die nur ein spezielles Berufsfeld betrifft oder nur der individuellen Unterstützungsleistung das Wort redet. Die hier Tätigen sind in einem komplexen Feld von öffentlicher Diskussion, lokaler und nationaler Politik (etwa zum Thema Asylgesetzgebung) und internationaler Menschenrechtsdebatte verstrickt und verwoben. In drei Hauptreferaten, neun Arbeitskreisen und zahlreichen Pausengesprächen spannte sich der Bogen immer wieder zum konkreten, individuellen, therapeutischen und sozialarbeiterischen Handeln im Sinne der Menschenrechte.

Die Konferenz „Fluchtlinien“ stellte den öffentlichen Höhepunkt und zugleich Abschluss eines dreijährigen Projektes von ZEBRA dar. Seit 2004 wurde mit Hilfe von Mitteln der Europäischen Union das Projekt mit dem etwas sperrigen Titel: "Verbesserung und Ausbau der Beratungs- und Behandlungsangebote für Folteropfer in der Steiermark" umgesetzt. Das im September zu Ende gehende Projekt wurde auch mit dem Menschenrechtspreis des Landes Steiermark ausgezeichnet.


Wo sich Diskurse über Gewalt und Folter in den Medien, adäquatem Zugang von Flüchtlingen zum öffentlichen sozial- und Gesundheitswesen mit dem Umgang von Flüchtlingen in den Aufnahmeländern und der Menschenrechtsproblematik in den Herkunftsländern kreuzen, werden simple Lösungsansätze unmöglich. „Dieser Mut zur Komplexität...“, schloss dann auch der deutsche Diskursanalytiker Jörg Becker, „...ist in Zeiten wie diesen auch dringend notwendig. Auch wenn er immer wieder die Gefahr der Frustration erzeugt. Anstatt Antworten tauchen eher immer wieder neue Fragen auf.“

Wie kann man einen therapeutischen Raum schaffen, der es ermöglicht, auf das individuelle Leid angemessen eingehen zu können, ohne die politischen Motive auszublenden? Wie muss sich (interkulturelle) Therapie und Traumarbeit präsentieren, um von der „Gesellschaft“ anerkannt zu werden, ohne dass die Verantwortung für Opfer von politischer Gewalt damit „ausgelagert“ wird?

Jörg Becker präsentierte zum Auftakt der Konferenz eine aktuelle - extra für die Konferenz von ihm durchgeführte - Untersuchung der Medienrezeption der Begriffe Gewalt, Folter und Trauma in deutschen und österreichischen Medien. Es zeigte sich, dass die Häufigkeit auffallende Parallelen aufwies. Seit 2004 stieg die Häufigkeit von Berichten massiv an. Mit 9/11 und dem anschließenden Krieg im Irak und den folgenden Folterdiskussionen (illegale CIA Flüge, Abu Ghraib) war die internationale Aufmerksamkeit erhöht. Jörg Becker stellte aber die Frage, ob dies auch dazu führe, das Folter mehr geächtet würde und/oder mehr vorkomme als zuvor? Anhand von drei öffentlichen Folterbeispielen analysierte er auch die öffentliche Debatte: Lynnddie England (verurteilte Soldatin, die in Abu Ghraib folterte), der Entführungsfall Magnus Gäfgen, bei der ein hochrangiger Polizist Folter androhte und Guantanamo wurden dabei herangezogen und verglichen.


Die Schweizer Kinderpsychiaterin Gisela Perren-Klingler war langjähriges Mitglied der CPT Kommission (Kommission zur Prävention von Folter), hielt vor allem ein Plädoyer für die Zusammenarbeit und Kooperation; sowohl was die berufliche als auch die organisatorische Ebene betrifft. Angesichts der Vielfalt in den spezifischen Herausforderungen und des Politischen in der Thematik sei Zusammenarbeit, kritische Reflexion und Austausch essentiell. Dass dies nicht immer leicht sei, wisse sie, angesichts der durchaus bestehenden Konkurrenzsituationen unter den Menschenrechtsorganisationen und NGO´s, nicht nur um knappe Mittel sondern auch um das „bessere Opfer“.

Perren-Klingler sah im auslaufenden Projekt von ZEBRA genau jene Ebene verwirklicht, die für ein professionelles Arbeiten unabdingbar sei. Wenn schließlich die Politik dies anerkenne und ins Regelsystem überführe und dafür die nötigen Mitteln sichere, dann seien wesentliche Schritte zur Verbesserung gegeben, so ihr optimistischer Ausblick.


Der an der FU Berlin lehrende und in vielen verschiedenen Ländern beratend tätige David Becker kritisierte im dritten Hauptreferat am zweiten Tag der Konferenz den internationalen Trauma-Diskurs und die damit einhergehende Fixierung auf Symptombehandlung und Diagnostik. Er meinte, hier sei eine „...unheilige Allianz derer, die nicht über das Leiden sprechen wollen...“, am Werk. David Becker ging in seinem Referat auch auf die Ambivalenz ein, die durch den Trauma-Boom entsteht. Denn einerseits wird so viel wie noch nie über Trauma gesprochen - und damit auch das Leid anerkannt -, gleichzeitig breite sich die Verleugnung und Einengung aus und ein neo-kolonialer Diskurs greife Platz.

Neben den HauptreferentInnen bot die zweitägige Konferenz mit insgesamt neun Workshops und Arbeitskreisen viel Raum für fachlichen Austausch und Diskussion. Die Arbeitskreise beschäftigten sich mit den verschiedenen beruflichen Dimensionen, die in der Arbeit mit Flüchtlingen und Überlebenden von Gewalt und Folter ineinander greifen und miteinander kommunizieren.


Im, von Ingrid Egger und Uta Wedam (Zebra-Therapeutinnen) geleiteten Arbeitskreis, wurde über die unterschiedlichen psychotherapeutischen Behandlungsstrategien diskutiert. In einem weiteren Arbeitskreis präsentierten Walter Hasek, Gudrun Schreiner (beide Zebra) sowie Silvia Karcher (Behandlungszentrum in Berlin) die verschiedenen körperorientierten Angebote, die das Rehabilitationszentrum bei ZEBRA bereit hält. Walter Soyer vom Münchner Zentrum Refugio zeigte die Fallstricke, Chancen und möglichen Auswirkungen der Sozialarbeit auf. Die Psychiaterin Wiltrud Hackinger, die an der Grazer Sigmund Freud Klinik als Oberärztin arbeitet und bei ZEBRA Konsiliarpsychiaterin ist, diskutierte über die interkulturelle Kompetenz, die notwendig ist, um mit MigrantInnen im psychiatrischen Umfeld zu arbeiten. Sonja Pöllabauer vom Grazer Translationsinstitut ging in ihrem Arbeitskreis der Frage des Dolmetschens im therapeutischen Setting nach. Gisela Perren-Klingler und Nora Balke beschäftigten sich mit verschiedenen Strategien der Supervision für, in dem Feld tätige MitarbeiterInnen. Wolfgang Gulis, Chefredakteur beim Fachmagazin ZEBRATL bearbeitete schließlich in seinem Arbeitskreis die öffentliche Diskursebene des Themas und Doris Rummel und Karin Zilian behandelten die Thematik der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

In den beiden Tagen, so eines der Schlussresümees, gelang genau das, was so schwierig erschien: Die anwesenden ExpertInnen und Interessierten aus Österreich, Deutschland und der Schweiz sprachen über das Leiden, hielten die Komplexität aufrecht, machten es oft kompliziert und gelangten dennoch zu sinnvollen Kooperationen, neuen Ansätzen für die Zukunft und tauschten Erfahrungen aus der täglichen Arbeit mit Opfern (politischer) Gewalt aus.


Die Dokumentation zur Tagung, mit detaillierten Informationen zu Inhalt und Ergebnissen, wird Mitte September erscheinen.