Wiederholung der Konzeptlosigkeit

Round table Gespräch in der Grazer Neuen Galerie


Helga Moser fasste für Zebra-Online die Diskussion vom 31. Oktober 2007 in der Neuen Galerie zusammen, die unter der Leitung von Christian Eigner – Initiator der Science Talks Reihe – stattfand.



Migration als Strategie der globalen Ungleichheitsbekämpfung. Mit dieser These des Weltbank-Ökonomen Branko Milanovic leitete Moderator Eigner die Roundtable-Diskussion ein. Danach hänge die Höhe des Einkommens heute weniger davon ab, welcher Klasse man angehört, sondern wo man sich befindet. Auf der weltweiten Einkommensleiter steigt man um zwei Prozent nach oben, wenn das Durchschnittseinkommen in dem Land, in dem man sich gerade befindet, um zehn Prozent steigt. Für Milanovic stellt daher die Ermöglichung von Migrationsbewegungen einen der besten Wege dar, um den Graben zwischen Nord und Süd zu verkleinern.

Die geladenen DiskutantInnen - August Gächter vom Zentrum für soziale Innovation in Wien, Karl Heinz Snobe, AMS Steiermark Landesgeschäftsführer und Annette Sprung vom Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz - äußerten sich dieser These gegenüber skeptisch: Die Öffnung der Grenzen sei eine Frage der Macht, wie August Gächter feststellte, es gehe in den westlichen Ländern vor allem um die eigenen Gewinne durch Migration. Auch Karl Heinz Snobe sah keine Anzeichen einer Öffnung, sondern eher gegenläufige Tendenzen; etwa im Geschlossen-halten der Grenzen für die BürgerInnen der neuen EU Mitgliedsländer, wofür sich alle Sozialpartner und Parteien - außer dem Wirtschaftsminister – aussprachen.

In weitere Folge zeichneten die TeilnehmerInnen ein Bild von dem, was MigrantInnen am österreichischen Arbeits- und Bildungsmarkt erwartet. Begriffe wie Gleichheit und Gleichberechtigung wurden da eher selten verwendet.

MigrantInnen sind in Österreich nach wie vor hauptsächlich im klassischen Niedriglohnsektor, im HilfsarbeiterInnenbereich tätig, wie Karl Heinz Snobe feststellte. Obwohl immer wieder von einem Fachkräftemangel gesprochen wird, schafften es MigrantInnen selten, in diesen Bereichen beschäftigt zu werden. Obwohl – entgegen dem gängigen Bild – ein Großteil der aus dem Ausland Zugezogenen über eine entsprechende Ausbildung verfügen würde.

Interesselosigkeit gegenüber den Qualifikationen der MigrantInnen

August Gächter konstatiert eine Interesselosigkeit gegenüber den Qualifikationen der MigrantInnen. So gibt es keine statistischen Daten über die Qualifikationen der im Jahr 2007 Zugezogenen. Aussagen darüber lassen sich nur aus der Volkszählung und aus Stichprobenerhebungen wie z.B. der Arbeitskräfteerhebung ziehen. Laut dieser besitzen 40% der seit dem Jahr 1998 Zugezogenen einen Bildungsabschluss ab Maturaniveau aufwärts. 20% haben einen mittleren Abschluss und 40 % sind niedrig qualifiziert, d.h. verfügen über einen Pflichtschulabschluss. Über einen mittleren Abschluss verfügt hingegen die Hälfte der MehrheitsösterreicherInnen. Das ist sozusagen österreichischer Mainstream und damit leicht wiedererkennbar und einordenbar.


Einen großen Einfluss übt dies auf die unterschiedliche Bewertung von Einwanderungsgruppen aus. So waren RumänInnen Anfang der 1990er Jahre mit Polemiken gegen ihren Zuzug konfrontiert; wurden vor allem als Niedrigqualifizierte wahrgenommen. Die einige Jahre später zuziehenden BosnierInnen wurden hingegen freundlicher empfangen. Gächter wies in diesem Zusammenhang auf zwei Faktoren hin: Einerseits wurden die BosnierInnen als Flüchtlinge und Opfer wahrgenommen, andererseits verfügten sie über eine dem österreichischen Mainstream vergleichbare Qualifikation. Die RumänInnen besaßen zwar im Schnitt eine höhere Bildung, mit ihren Qualifikationen wusste man jedoch weniger anzufangen.

Die Nostrifizierungsverfahren an Hochschulen bezeichnete Gächter als „Demütigungsverfahren“. Von Anette Sprung wurde auf das „Sichtbar-Machen“ von Bildungsabschlüssen hingewiesen, andererseits sollten auch die über die formal erworbenen Ausbildungen hinausgehenden Kompetenzen erhoben werden, Stichwort: Lebenslanges Lernen. Auf EU-Ebene wird derzeit ein Europäischer Qualifikationsrahmen hierfür angestrebt, Karl Heinz Snobe gesteht in diesem Zusammenhang blinde Flecken beim AMS ein.

Inkompetenz der Zuwanderungsgesellschaften

Sprung ortete einen großen Weiterbildungsmarkt hinsichtlich der Vermittlung von interkultureller Kompetenz. Wobei sie kritisch hinterfragt, an wen sich dieses Angebot richtet. Einerseits sind die Zielgruppen oft Mehrheitsangehörige, die damit weiterqualifiziert werden. Für MigrantInnen beschränkt sich das Weiterbildungsangebot vor allem auf Sprachkurse.

Andererseits bedürfe es auch einer Entwicklung der Strukturen. Gächter machte auf die Dimension der (In)Kompetenz in der Zuwanderungsgesellschaft aufmerksam: Die Situation sei von einem sprunghaften Umgehen mit den Thema Migration und Integration geprägt, MigrantInnen würden als DefizitträgerInnen wahrgenommen, ihre Potenziale nicht genutzt.

Die Wortmeldungen aus dem Publikum machten in der abschließenden Diskussion deutlich, dass vor allem im Bereich der Antidiskriminierung Handlungsbedarf besteht. Denn auch wenn Menschen mit Migrationshintergrund über die notwendigen Qualifikationen verfügen, sind ihnen aufgrund vielfältiger Diskriminierungsmechanismen viele Wege auf der Karriereleiter versperrt.


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