Ein Praxishandbuch
zur Interkulturellen Öffnung im Gesundheitswesen
für MultiplikatorInnen und GesundheitsberaterInnen
Dieses Handbuch wurde im Rahmen des Projektes
Fortbildung zum/zur GesundheitsreferentIn
hergestellt und wird gefördert aus Mitteln folgender Einrichtungen:
Fonds Gesundes Österreich
Land Steiermark / Sozialressort
Land Steiermark/ Gesundheitsressort
Vorwort
Ein junger Mann aus Gambia lebt seit wenigen Monaten in einem Asylwerberheim. Er hat fast ständig Magen-Darmbeschwerden, er traut sich nicht zu einem Arzt zu gehen. Er hat häufig Durchfall, sein Zustand wird immer schlechter.
Eine Frau aus Tschetschenien hat ständig Schmerzen im Unterbauch, sie hat keine Lust mehr, zum Arzt zu gehen, weil sie dort immer lange warten muss.
Eine junge Türkin wird hochschwanger mit Wehen ins Spital eingeliefert, dort spricht niemand türkisch. Die Frau ist verzweifelt.
Beispiele aus der Praxis. Sogenannte GesundheitsmultiplikatorInnen, das sind MigrantInnen, die im Bereich des Gesundheitswesens Basiskenntnisse erworben haben und in den letzten fünf Jahren im Rahmen von Schulungsprogrammen von ZEBRA ausgebildet wurden. Sie haben eingegriffen und geholfen, haben Schlimmeres abgewandt, Angst abgebaut, Kontakte hergestellt, mit den Beteiligten gesprochen.
Übrigens: Der junge Mann ging mit Hilfe eines Multiplikators aus dem Senegal doch zum Arzt und seine Gastritis wurde behandelt. Auf Grund der Ratschläge änderte er seine Essgewohnheiten. Die Frau ließ sich überreden, dass sie es nochmals versuchte und mit Hilfe des Multiplikators aus Afghanistan wurde erkannt, dass sie einen verstopften Eileiter hatte, sie wurde operiert. Und der türkischen Frau stand eine türkische Multiplikatorin während der gesamten Geburt beiseite.
Wie sinnvoll dieses Projekt in der Praxis ist, wie vorsorgend es wirkt und wie viel Leiden und Ängste verhindert und Kosten im Gesundheitssystem gespart werden, lässt sich erst in der Fülle von Aktivitäten und Beispielen aus der Praxis erkennen.
Umso wichtiger wäre es daher, solche Programme und Projekte nicht nur als Nischenprogramm zu betrachten, sondern sie in die Regelversorgung aufzunehmen, sie als wichtigen Teil der Gesundheitsvorsorge und -förderung zu betrachten.
Dieses Handbuch ist die schriftliche Aufbereitung der inhaltlich-fachlichen Entwicklung der Schulungen und Ausbildungen der MultiplikatorInnen und GesundheitsreferentInnen. Um besser zu verstehen, um nachzulesen, um damit zu arbeiten.
Es ist für all jene gedacht, die aufgrund ihrer beruflichen Situation und/oder ihrer eigenen Biografie mit dem Thema Exil-Migration- Flucht zu tun haben das sind ja im Übrigen gar nicht so wenige und entsprechende Unterstützung gerne annehmen wollen.
Es soll für die Praxis handhabbar sein. Es soll ein Baustein auf dem Weg zur Interkulturellen Öffnung des Gesundheitswesens sein.
Die ProjektbetreiberInnen, AutorInnen, LektorInnen und GestalterInnen haben sich bemüht, dieses Handbuch lesbar zu machen, es einfach und logisch zu gestalten und dennoch nichts wegzulassen, was wichtig erschien.
Mit dem nunmehr vorliegenden Praxishandbuch ist ein langgehegter Wunsch in Erfüllung
gegangen. Wir danken all jenen, die es möglich gemacht haben und hoffen,
dass es den Ansprüchen der LeserInnen und BenützerInnen gerecht wird.
Graz, Dezember 2003 Wolfgang Gulis
1.
Migration und Flucht
Der Begriff Migration stammt aus dem Lateinischen und heißt übersetzt Wanderung. Er beschreibt in unserem vorliegenden Zusammenhang alle Formen der freiwilligen und unfreiwilligen Wanderungsbewegungen von Menschen.
Migration ist der auf Dauer angelegte bzw. dauerhaft werdende Wechsel in eine andere Gesellschaft bzw. in eine andere Region von einzelnen oder mehreren Menschen. So verstandene Migration setzt erwerbs-, familienbedingte, politische oder biographisch bedingte Wanderungsmotive und einen relativ dauerhaften Aufenthalt in der neuen Region oder Gesellschaft voraus; er schließt den mehr oder weniger kurzfristigen Aufenthalt zu touristischen Zwecken aus. (Treibel 1999, S. 21)
Man kann zwei Arten von Migration unterscheiden:
Ein- und Auswanderung (Immigration und Emigration).
Es gibt klassische Einwanderungsländer, in deren Gründungsgeschichte Zuwanderung eine entscheidende Rolle spielte und daher seit Jahrhunderten in der Gesellschaft als etwas Selbstverständliches angesehen wird. Zu solchen Ländern zählen die USA, Kanada, Neuseeland und Australien. Ihnen gemeinsam ist, dass sie Einwanderungsregelungen besitzen und der Einwanderung prinzipiell positiv gegenüber stehen, da sie ZuwanderInnen für die Entwicklung ihrer Gesellschaft als nützlich ansehen.
1.1.
Freiwillige und unfreiwillige Migration
In der Migrationsforschung unterscheidet man sogenannte freiwillige und unfreiwillige Faktoren für Migration.
Beispiele für freiwillige Migration:
Beispiele für unfreiwillige Migration:
Die Grundlage für die Kategorisierung in freiwillige und unfreiwillige Migration ist die Einschätzung, inwieweit die Personen eine Alternative haben und selbst über ihre Zukunft entscheiden können.
Bei Flucht handelt es sich zumeist um eine spontane, nicht geplante und unfreiwillige Entscheidung, die durch äußere Umstände (Verfolgung, Lebensgefahr, ...) erzwungen wird. Diese Definition soll und muss immer wieder kritisch geprüft werden; bei der Bewertung von Lebensbedingungen müssen immer wieder erneut soziale, politische, religiöse und wirtschaftliche Faktoren in Betracht gezogen werden.
Menschen fliehen aus ihrer Heimat, weil sie politisch verfolgt, gedemütigt, gefoltert, drangsaliert und diskriminiert werden. Sie fliehen, um ihr Leben zu retten und um dem Hungertod zu entgehen. Es wird direkter Zwang auf sie ausgeübt, oder sie sehen sich zur Flucht gezwungen. Zwang und Freiwilligkeit mischen sich immer mehr: (Treibel 1999, S. 21)
Oftmals ist die Kategorisierung im Einzelfall auch nicht möglich und dient politischen Zwecken; zum Beispiel, wenn das Bundesasylamt (österreichische Asylbehörde, 1. Instanz) die gewalttätige Zwangsenteignung von Bauern durch ein Militärregime als rein wirtschaftlich begründete Wanderung abtut.
Dennoch dient die Unterteilung in freiwillige und unfreiwillige Migration dazu, die vielfältigen Beweggründe und Motivationen der MigrantInnen und Flüchtlinge besser zu verstehen.
1.2.
Ursachen für Migration
Was sind nun die Gründe für Migration?
Migration und Flucht können auch als Folgen von Krisen gesehen werden, die nicht bewältigt werden konnten. Diese Krisen bzw. Ursachen kann man in fünf Gruppen einteilen:
1.2.1.
Kriege und Bürgerkriege
Gewalttätige und kriegerische Auseinandersetzungen sind leider ein Bestandteil der menschIichen Geschichte, die trotz aller zivilisatorischen Entwicklungen nicht abnehmen, im Gegenteil eher noch zunehmen. Zu betonen ist aber, dass es dabei nicht um Naturgesetze, sondern um konkrete Auswirkungen von politischen Handlungen und Entscheidungen geht. In den letzten Jahrzehnten geht die Tendenz eher weg von den großen Massenkriegen hin zu kleinen, regional begrenzten kriegerischen Auseinandersetzungen. Im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erlebte und erlitt die Menschheit jährlich etwa 30 bewaffnete Konflikte mit zwischen einer halben und einer Million Kriegstoten pro Jahr. Ein weiteres Merkmal dabei ist, dass nur noch jeder zehnte dieser Kriege zwischen verschiedenen Staaten geführt wird; die größte Zahl der Kriege findet innerhalb eines Staates statt.
Dabei fällt vor allem auf, dass die Zivilbevölkerung besonders betroffen ist. Das geht sowohl aus den Opferzahlen hervor, als auch aus den Flüchtlingsströmen, die aus regional begrenzten Kriegen entstehen. In den besonders krisenanfälligen Gebieten, wie etwa West- und Zentralafrika, lässt sich dies unschwer erkennen. Die große Mehrzahl der Flüchtlinge sind Frauen, Kinder und alte Menschen.
1.2.2.
Naturkatastrophen
Nicht nur die Anzahl der Katastrophen scheint zuzunehmen, sondern auch das Ausmaß der Verwüstung, das sie anrichten. Dabei ist der Begriff Naturkatastrophen verfänglich. Eine große Zahl von sogenannten Naturkatastrophen (Hungersnöte, Überschwemmungen, Vermurungen, Flutwellen) sind von Menschenhand verursacht bzw. beeinflusst. Nachweislich sind etwa Hungersnöte in Afrika durch falsche landwirtschaftliche Nutzung und expansive Verkaufspolitik von multinationalen Konzernen erzeugt, zumindest aber mit unterstützt worden.
Dazu ein Beispiel: Hybride Getreidesorten sind Samen, die bereits mit einem Planzenschutzmittel bearbeitet sind und sich nicht weiter vermehren können. Das Pflanzenschutzmittel, das Unkraut im Umkreis des Samens zerstört, entzieht dem Boden viel mehr Wasser als herkömmliche Samen. In diesen bereits dürren Regionen eine fatale Eigenschaft. Außerdem erhielten die schon armen Bauern keine neuen Samen. Sie mussten für die nächste Ernte wieder neue Samen kaufen. Vorteil der Hybrid-Sorten ist, dass sie viel bessere Erträge erzielen.
Der bereits trockene Boden trocknete noch weiter aus, die Ernte blieb aus, den Bauern fehlte das Geld, um Saatgut zu kaufen, es fehlt das Wasser usw., ein Kreislauf, der in Armut und Hungersnot führte.
Daher ist in den letzten Jahrzehnten ein neuer Typus Flüchtling entstanden, der als Umweltflüchtling bezeichnet wird. Dieser Begriff kommt daher, dass die unmittelbare Ursache für die Flucht Naturkatastrophen waren.
1.2.3.
Sozioökonomische Ungleichheit und Instabilität
Aus dem zuvor Gesagten deutet sich schon an, dass Armut und soziale Ungleichheit wesentliche Ursachen für Migration und Flucht sind. Wenn wir über Ursachen von Migration sprechen, müssen wird das herrschende Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich betonen und als wesentliche Ursache mit beachten.
Die ärmsten 20% der Weltbevölkerung hatten vor 30 Jahren einen Anteil von 2,3% am globalen Einkommen. Nun ist der Anteil auf 1,4% gefallen. Der Anteil des obersten Fünftels ist in dieser Zeit von 70% auf 85% angestiegen. Wir haben es also mit einer Phase zu tun, in der die Schere zwischen Reich und Arm nicht kleiner wird, sondern noch einmal weiter auseinander geht.
Dabei tragen weltwirtschaftliche Entwicklungen häufig dazu bei, dass die Ungleichheit zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen eines Landes wächst und die Stabilität dabei sinkt. Die Folge sind Verteilungskämpfe, Bürgerkriege und Flucht.
Migration beginnt oft auch schon in einem Land, wenn etwa die verarmte Bauernschaft ihr Heil in der Landflucht (Binnenmigration) sucht und in die großen Metropolen zieht, verzweifelt auf der Suche nach Arbeit, um die Existenz von sich und ihren Familien zu sichern. Dieses Konzept ist zwar oft zum Scheitern verurteilt, da die meisten sich in den Vorstadtslums der großen Städte und als Taglöhner wieder finden, ist aber oft der erste Schritt der Heimatlosigkeit, die sich in weiterer Folge auch in anderen Formen der Auswanderung äußert.
1.2.4.
Konkurrenz um Ressourcen
Die Konkurrenz um den Zugang zu Ressourcen, vor allem um fruchtbares Land, Rohstoffe und Wasser ist eine der wichtigsten und häufigsten Ursachen für Wanderungsbewegungen. In vielen Ländern ist es nicht mehr möglich, mit den gegebenen Anbaumethoden die natürlichen Ressourcen nachhaltig zu bewirtschaften, weil die Bevölkerung allzu stark wächst. So entsteht eine sich verschärfende Spirale von Armut, Bevölkerungswachstum und Ausbeutung der Ressourcen. Insbesondere die Wasserknappheit ist ein immer größer werdendes Problem.
Konflikte über den Zugang zu Land und die Nutzung des Bodens nehmen zu sowohl innerhalb einzelner Länder als auch zwischen verschiedenen Ländern. Diese Konflikte entwickeln sich in manchen Regionen zu Bürgerkriegen, besonders entlang ethnischer Grenzen.
Zum Beispiel starben In Ghana 1994 über 2.000 Menschen durch Landkonflikte, eine Viertelmillion flüchtete. Durch diese Flüchtlingsströme entstehen wiederum neue Konflikte um Boden.
1.2.5.
Demokratiedefizit, Menschenrechtsverletzungen, Unterdrückung von Minderheiten
All diese oben genannten Gründe gehen fast immer mit massiven politischen und staatlichen Problemen einher, die dazu führen, dass es keine demokratischen Entwicklungen gibt, Menschenrechte nicht gesichert sind, dass ethnische, religiöse, politische Minderheiten in den Staaten unterdrückt und verfolgt werden und Grundrechte mit Füßen getreten werden.
Dabei sind zwei unterschiedliche Kategorien feststellbar. Erstens, der klassische Unterdrückungsstaat, der sich etwa durch ein gewalttätig an die Macht geputschtes Militärregime ausdrückt. Die staatlichen Institutionen sind zwar vorhanden, werden aber im Rahmen von Machtausbau und Propaganda zum Zwecke der Verfolgung von missliebigen Personengruppen skrupellos missbraucht und eingesetzt.
Medien, Gerichte, Exekutive, Militär und Politik sind Teil des Systems. Sie stehen unter Herrschaftskontrolle und sind gleichgeschaltet. Dies nennt man Staatsterrorismus. Nicht selten werden diese innerstaatlichen Diktatoren und Warlords auch durch außenstehende Großmächte und deren Interessen gestützt wie etwa die Militärdiktatur in Chile, die von den USA militärisch, logistisch, finanziell und wirtschaftlich unterstützt worden ist.
Eine zweite Kategorie, die immer öfter auftritt, ist die völlige Destabilisierung und das Auseinanderfallen der staatlichen Institutionen. Staatliche Einrichtungen existieren praktisch nicht mehr, zentrale staatliche Aufgaben können nicht mehr wahrgenommen werden, Schutz und Mindestgarantien für die Bevölkerung zerfallen. Die Folge (wie etwa eine Zeit lang im Kosovo oder in Afghanistan) ist, dass sich Strukturen herausbilden, die oft rücksichtslose Regionalherrscher hervorbringen, die sich aufgrund ihrer Gewalttätigkeit und militärischen Stärke behaupten können. Dazu kommt, dass zumeist mafios-kriminelle Strukturen (Drogen-, Waffenhandel u. a.) mit einhergehen, die die Machtbasis der Warlords (Kriegsherren) sichern.
Ein fehlendes politisches System, das Entwicklung, Sicherheit und Schutz bieten kann, mangelnde Kontrolle, fehlende demokratische Einrichtungen sind die Hauptursachen für Verfolgung, Terror, Folter und andere Menschenrechtsverletzungen. Das nackte Leben zu retten, kann oftmals nur durch Flucht gelingen.
1.3.
Nutzen der Migration
Wenn es auch zynisch klingen mag, so sollte man dennoch den Blick darauf richten, dass Migration für viele auch erheblichen Nutzen hat. Die industrialisierten Länder und Teile der Wirtschaft in diesen Ländern haben aus dem Wohlstandsgefälle immer schon Nutzen gezogen. Die riesige Masse an auswanderungswilligen Menschen stellen ein willkommenes Arbeitskräftereservoir für nahezu alle Bedürfnisse dar. Manche der klassischen Einwanderungsländer machten daraus nie ein Hehl und stellten Regeln auf, um die für sie interessanten (gut ausgebildete und besser verdienende) MigrantInnen ins Land zu holen. Andere, wie etwa Österreich und Deutschland taten dies eher verstohlen und hinter vorgehalter Hand und sicherten dem Arbeitsmarkt eine Reservearmee im Billiglohnbereich.
Die europäischen Staaten haben zwar unterschiedliche Strategien aufgrund ihrer Geschichte (Kolonialgeschichte), ihnen gemeinsam ist aber eine lange Tradition der Arbeitsmigration.
Für Österreich gilt, dass aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung Anfang der 60er Jahre Strategien entwickelt worden sind, die dazu führten, dass für bestimmte Branchen (Gastgewerbe, Bau, ...) und vor allem im Niedriglohnbereich (Hilfsarbeiter, ungelernte Kräfte) sogenannte Gastarbeiter ins Land geholt bzw. angeworben worden sind.
Je nach Arbeitsmarkt- und Wirtschaftslage wurde versucht, diese auch wieder los zu werden, was allerdings nur teilweise gelang. Viele der geholten Arbeitskräfte blieben nicht nur für kurze Zeit, sondern sahen und sehen Österreich als zweite Heimat an.
Es soll aber auch nicht verschwiegen werden, dass Migration für den/die Einzelne/n auch einen Gewinn darstellt. Für viele Menschen ist die Emigration/Flucht der Ausgangspunkt eines Neubeginns, einer, wenn auch dramatischen Änderung der Lebensverhältnisse, die auch zu neuen und positiven Entwicklungen führte. Es sind uns viele namhafte Intellektuelle, PolitikerInnen, KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen bekannt, die vor den Nationalsozialisten (Nazis) aus Österreich fliehen mussten und später Karriere machten.
Für viele stellt der freiwillige oder erzwungene Aufbruch die Chance auf Veränderung und Neuorientierung dar, die der/die Einzelne oft zu nutzen wusste.
1.4.
Geschichte der Migration
Armut ist eine der zuvor angesprochenen Ursachen für Migration und war schon der Grund für die großen Auswanderungswellen der IrInnen im 19. Jahrhundert oder der ItalienerInnen im frühen 20. Jahrhundert, großteils in die USA.
Auch aus Österreich sind in den 20er-Jahren viele Menschen aufgrund der Armut und Perspektivenlosigkeit ausgewandert. In den 30er- und 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts mussten viele ÖsterreicherInnen vor den Nazis flüchten.
Die letzten Länder in Europa, die große Auswanderungswellen zu verzeichnen hatten, waren nach dem Zweiten Weltkrieg (bis etwa Mitte, Ende der 80er-Jahre des 20 Jahrhunderts) Portugal, Spanien, Italien, Ex-Jugoslawien, Griechenland. Die Menschen aus diesen Ländern stellten mit den Maghreb-Staaten (Marokko, Ägypten, Tunesien) und der Türkei bis vor wenigen Jahren das Hauptkontingent der Arbeitsmigration nach Europa dar.
Wie aber aus der Liste schon ersichtlich ist, waren eben nicht nur Armut allein, sondern immer auch politische Entwicklungen, dafür verantwortlich. Portugal hatte ein Militärregime, in Griechenland putschte Ende der 60er (1967 - 1973) das Militär, Spanien hatte seit den 30ern die Franco Diktatur zu erleiden.
Durch den wirtschaftlichen Integrationsprozess und die Süderweiterung der Europäischen Union (Portugal, Spanien, Griechenland) Mitte der 80er Jahre wurde die Zahl der Auswanderungswilligen aus diesen Ländern langsam immer geringer. Durch die dynamische wirtschaftliche Entwicklung der Europäischen Union (EU) wurden die EU Mitgliedsländer in dieser Liste innerhalb weniger Jahre von Aus- zu Einwanderungsländern.
Österreich war als Teil des Naziregimes verantwortlich für Migration und Flüchtlingsbewegungen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kamen mehr als 2 Millionen Kriegsflüchtlinge, -gefangene und Vertriebene nach Österreich. Viele nutzten das Land als Zwischenstation. Diese Funktion Österreichs blieb während des Kalten Krieges (50er bis 1989) aufrecht.
Nach dem Zerfall des Ostblocks veränderten sich die Migrationsströme. Die ost- und südosteuropäischen Länder wurden als neues Reservoir entdeckt, Arbeitskräfte für die EU zu gewinnen. Die Zuwanderung aus den osteuropäischen Ländern war in den letzten Jahren auch deswegen bedeutend, weil die wirtschaftliche Entwicklung gegenüber den großen EU-Nachbarn deutlich nachhinkte.
Österreich wurde wie viele andere Länder selbst zum Ziel von Einwanderung und Zuwanderung (Immigration). Spaniens Küste ist ebenso Brennpunkt der
illegalen Zuwanderung aus den Maghreb Staaten wie Italien und Griechenland von Flüchtlingen aus Albanien, Türkei/Kurdistan, Iran, Irak, Afghanistan usw. benutzt werden.
1.5.
Migrationsrelevante Begriffe
Im folgenden Kapitel haben wir einige wichtige und häufig verwendete Begriffe zusammengefasst und uns bemüht, diese möglichst klar und einfach zu erklären. Weitere Begriffserklärungen finden Sie auch unter:
www.zebra.or.at/FAQs/Lexikon
AsylwerberInnen sind Personen, die einen Antrag auf Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft gestellt haben und sich derzeit im Verfahren befinden über deren Antrag also noch nicht entschieden worden ist. Nach dem Asylgesetz AsylG97 erhalten AsylwerberInnen eine vorläufige Aufenthaltsberechtigung.
Flüchtling oder auch Konventionsflüchtling genannt, ist eine Person, die vom österreichischen Staat Asyl im Sinne der Genfer Konvention zugesprochen bekommen hat. Die Genfer Flüchtlingskonvention definiert den Begriff Flüchtling folgendermaßen:
Flüchtling ist, wer sich aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen seiner Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann.
Mit dieser Anerkennung sind Flüchtlinge gegenüber anderen AusländerInnengruppen begünstigt. Sie erhalten das unbefristete Aufenthaltsrecht, den freien Zugang zum Arbeitsmarkt und die sonstige rechtliche Gleichstellung gegenüber ÖsterreicherInnen. Anerkannte Konventionsflüchtlinge sind auch bezüglich der Einbürgerung begünstigt. Asyl kann nur unter bestimmten Voraussetzungen aberkannt werden: schwere Straftaten, Situation im Heimatland ändert sich dramatisch zum Besseren.
Genfer Flüchtlingskonvention (GFK)
Sie setzt sich speziell mit der Definition, dem Verfahren und der Rechtsstellung von Flüchtlingen auseinander. Sie wurde 1951 unterzeichnet und bezieht sich auf den Artikel 14 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahre 1948. Danach hat jeder Mensch das Recht, um Asyl in einem anderen Land anzusuchen.
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
Sie wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 beschlossen und gilt als universelles Dokument, das umfassend Menschenrechte definiert.
Mit der Erklärung der Menschenrechte steht erstmals eine weltumspannende, allgemein akzeptierte und gültige Definition von Grund- und Freiheitsrechten des Menschen zur Verfügung. In den Artikeln 1 und 2 der Erklärung wird auch die Gleichheit dieses Anspruches festgelegt:
Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.
Und im Artikel 2 heißt es weiter:
Jeder Mensch hat Anspruch auf in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeine Unterscheidung, wie etwa nach Rasse, Farbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer und sozialer Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, nach Eigentum, Geburt oder sonstigen Umständen.
Weitere wichtige Artikel sind:
Recht auf Leben und Freiheit (Art. 3), Verbot der Sklaverei und des Sklavenhandels (Art. 4), Verbot der Folter (Art. 5), die Gleichheit vor dem Gesetz (Art. 7), der Schutz vor Verhaftung und Ausweisung (Art. 9), Asylrecht (Art. 14), Freiheit der Eheschließung, Schutz der Familie (Art. 16), Gewährleistung des Eigentums (Art. 17), Gewissens- und Religionsfreiheit (Art. 18), Meinungs- und Informationsfreiheit (Art. 19), Versammlungs- und Vereinsfreiheit (Art. 20), allgemeines, gleiches Wahlrecht (Art. 21)
Um dieser Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte konkretere Durchsetzungsmöglichkeiten zu geben, wurde vom Europarat im Jahre 1952 die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) unterzeichnet, die auch für die österreichische Rechtsordnung ausschlaggebend geworden ist.
Asylgesetz
Das Asylgesetz (AsylG) beruft sich auf internationale Abkommen, insbesondere auf die Genfer Flüchtlingskonvention (GFK). Es regelt das Asylverfahren und den Aufenthalt von Menschen, die nach Österreich kommen, um Schutz vor Verfolgung zu finden und hier einen Antrag auf Asyl stellen.
Asylverfahren
Prinzipiell sieht die Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) ein Einzelprüfungsverfahren vor, d. h. die Person muss einen schriftlichen Antrag stellen, in dem sie die Gründe für ihre Flucht darlegen soll. In Österreich ist das ein Verwaltungsverfahren (keine richterliche Instanz), das in zwei regulären Instanzen und einer möglichen außerordentlichen Instanz abgehandelt wird. Die Behörde, die in erster Instanz für die Verfahren zuständig ist, ist das Bundesasylamt. Der Unabhängige Bundesasylsenat (UBAS) wickelt die zweite Instanz ab. Sollte der/die AntragstellerIn der Meinung sein, dass das Verfahren verfahrenstechnische oder schwere inhaltliche Fehler aufweist, so kann mit Hilfe eines Rechtsanwaltes Beschwerde beim Verwaltungs- oder Verfassungsgerichtshof eingelegt werden.
Ein Asylantrag kann am Flughafen, an der Landesgrenze bei einem Grenzübergang, direkt beim Asylamt, bei einer Behörde oder einer Beratungsstelle, die den Asylantrag direkt an das Bundesasylamt schickt, gestellt werden. In den letzten Jahren und Jahrzehnten entwickelte sich aus dem Asylgesetz, das prinzipiell für den Schutz der Flüchtlinge entstanden war, immer mehr ein Flüchtlingsabhaltegesetz.
Mehrere Reformen der Gesetze insbesondere des Asylgesetzes (1992, 1997, 2003) wurden vorgenommen, die gesetzliche Maßnahmen enthielten, um AntragstellerInnen vom Verfahren auszuschließen, bzw. es ihnen möglichst schwer zu machen,
das Verfahren ordentlich abschließen zu können.
Grund für diese Entwicklung ist weniger eine österreichinterne Politik, als viel mehr eine grundlegende Ausrichtung der Europäischen Union (EU), die die Grenzen nach innen (also zwischen den EU Staaten) abbaut, im Gegenzug die Grenzen nach außen immer dichter machen will. Ein zweites Problem dabei ist, dass die Flüchtlingsproblematik nicht als Demokratie- und Menschenrechtsthema, sondern immer stärker als Polizei- und Sicherheitsthema behandelt wird. Die Folge ist, dass viele AsylwerberInnen illegalisiert werden und fast ausschließlich nur mehr über illegalen Transport und mit Hilfe von Schleppern nach Europa kommen was wiederum die Spirale der polizeilichen Gegenmaßnahmen weiter dreht.
Österreich liegt mit dem Beitritt der osteuropäischen Länder im Jahre 2004 nicht mehr am Rand der EU, sondern rückt in die Mitte. Das Problem der Flüchtlingsabwehr verlagert sich dann stärker in den Osten (Slowakei, Ungarn, Slowenien).
Antragstellung in Österreich
Auch wenn Flüchtlinge illegal, also unter Umgehung der Grenzkontrollen kommen, können sie einen Asylantrag stellen. Dieser Antrag kann derzeit direkt beim Bundesasylamt oder bei einer Sicherheitsbehörde (Polizei) gestellt werden. Um jedoch dorthin zu kommen und ausreichendes Wissen und Information zur Stellung eines Antrages zu haben, müssen die AsylwerberInnen eine Reihe von Hürden überspringen. So steht etwa an der Grenze zu Ungarn, Slowakei und Tschechien das Militär, das in einem sogenannten Assistenzeinsatz den Grenzbehörden behilflich ist, Illegale aufzugreifen. Diese werden nach Aufgriff möglichst wieder in das Land zurückgeschickt, von dem aus sie nach Österreich gekommen sind.
Als weitere Hürde wurde ein sogenanntes Vorprüfungsverfahren eingeführt, das es der Behörde (hier das Bundesasylamt) ermöglicht, AsylwerberInnen vom eigentlichen Verfahren auszuschließen. In diesem Vorprüfungsverfahren werden zwei Fragen geklärt:
a) Sicheres Drittland: Hätte ein Flüchtling vor seiner Einreise nach Österreich in einem anderen Staat Schutz vor Verfolgung finden können? Entscheidet die Behörde, dass dies der Fall ist, so kann sie diese Person in das jeweilige Land zurückschieben.
b) Offensichtlich unbegründete Asylanträge: Neben der Frage des sicheren Drittlandes prüft das Bundesasylamt auch, ob ein Asylantrag unbegründet ist. Dies ist dann der Fall, wenn im Asylantrag keine Fluchtgründe angeführt werden, wenn der Asylantrag mit einer wirtschaftlichen Notlage begründet wird, wenn die Angaben des Asylwerbers oder der Asylwerberin offensichtlich falsch sind oder seine/ihre Identität bezweifelt wird. Gegen eine negative Entscheidung im Vorverfahren kann man innerhalb von zehn Tagen Berufung einlegen. Wird auch diese Hürde übersprungen, so wird das eigentliche Verfahren durchgeführt.
Das eigentliche Asylverfahren beruht auf der Einvernahme des Asylwerbers, der Asylwerberin durch das Bundesasylamt. Grundsätzlich wird dem/der Asylwerber/in für die Dauer des Verfahrens eine Aufenthaltsberechtigung zuerkannt. Allerdings ist damit in der Regel keine Arbeitserlaubnis verknüpft.
Zu einem Teil wird den AsylwerberInnen, die mittellos sind, Aufnahme in eine staatliche Betreuung (bei Vorlage von Dokumenten) gewährt (siehe auch Absatz zur Bundesbetreuung).
Erhält der/die AsylwerberIn in erster Instanz einen negativen Bescheid, so kann er/sie dagegen innerhalb von zwei Wochen berufen.
Ist das Asylverfahren insgesamt negativ abgeschlossen, muß der/die AsylwerberIn Österreich verlassen. Gegen sie/ihn wird dann eine Ausweisung erlassen, d. h. eine Aufforderung, aus Österreich auszureisen.
Unabhängiger Bundesasylsenat (UBAS)
Der UBAS wurde mit dem Asylgesetz 1997 eingerichtet, hat seinen Sitz in Wien und stellt die zweite Instanz im Asylverfahren dar. Er kann aufgrund der Akten entscheiden oder den/die BerufungswerberIn auch zu einer mündlichen Einvernahme vorladen. Gegen den Bescheid des UBAS kann sowohl der Beschwerdeführer Berufung, wie auch das Bundesministerium für Inneres (BMI) eine Amtsbeschwerde beim Verwaltungsgerichtshof einlegen.
Mit der Einführung des UBAS hat sich die Qualität der Ermittlungsverfahren in zweiter Instanz deutlich verbessert.
Non Refoulement
Das Non Refoulement beruht auf dem Artikel 3 der EMRK (Europäische Menschenrechtskonvention) und ist am besten mit dem Verbot der Abschiebung zu übersetzen. Die Abschiebung in einen Staat ist unzulässig, wenn stichhaltige Gründe für die Annahme bestehen, dass die Betroffenen Gefahr liefen, dort einer unmenschlichen Behandlung oder Strafe oder der Todesstrafe unterworfen zu werden.
Bei AsylwerberInnen entscheidet über Non Refoulement Anträge das Bundesasylamt (BAA), bei allen anderen die Fremdenpolizei. Das Non Refoulement geht über die Gründe, die in einem Asylverfahren maßgeblich sind, hinaus; so können eben auch Personen, die nicht Flüchtlinge sind, diesen Schutz in Anspruch nehmen.
Bundesbetreuung
Die Bundesbetreuung meint die staatliche Versorgung von mittellosen AsylwerberInnen und ist im Bundesbetreuungsgesetz geregelt. Voraussetzung für die Aufnahme in die Bundesbetreuung sind vor allem zwei Faktoren:
Erstens muss der/die AsylwerberIn seine/ihre Identität mittels Lichtbildausweis nachweisen und zweitens muss er/sie glaubhaft machen, mittellos zu sein. Vor allem die erste Voraussetzung ist jedoch in der Praxis schwierig zu ermitteln, bzw. stehen den zuständigen Beamten des Bundesministeriums für Inneres (BMI) eine Reihe von Ermessensspielräumen zur Verfügung.
Es ist davon auszugehen, dass die meisten der AsylwerberInnen mit unvollständigen, gefälschten Papieren oder überhaupt ohne Dokumente nach Österreich kommen. Die Folge dieser restriktiven Aufnahme ist oftmals die Inschubhaftnahme von AsylwerberInnen oder die Versorgung in Notquartieren und -unterkünften durch Hilfsorganisationen (Caritas, Volkshilfe, Diakonie, Rotes Kreuz u. a.).
Durch Verträge zwischen dem BMI und UnterbringungsbesitzerInnen (Wirtschaften, Pensionen, Gasthöfen), privaten Organisationen (Caritas, Kirchen) oder kommunalen Einrichtungen werden AsylwerberInnen in die jeweiligen Unterbringungen zugeteilt. Der/die VertragsnehmerIn verpflichtet sich, die Unterkunft, die Verpflegung (3x täglich) und die hygienischen und sanitären Voraussetzungen zu sichern, dafür erhält er/sie einen Geldbetrag pro Tag und Person.
Die Unterbringung erfolgt sowohl in Lagern (Traiskirchen) mit vielen hunderten Personen, wie auch in Pensionen und Gasthöfen.
Dieses System wurde in den letzten Jahren immer wieder heftig kritisiert. Erstens profitieren vor allem Private ohne fachliche Eignung und entsprechende Betreuungsangebote von den AsylwerberInnen. Zweitens machen die Privaten umso mehr Gewinn, je weniger Leistungen sie zur Verfügung stellen (Hygieneartikel, Warmwasser, Größe der Essensportionen usw.). Drittens gibt es keinerlei Normen- und Kriterienkatalog für die VertragspartnerInnen, daher ist die Vergabe auch höchst intransparent und unschlüssig. Viertens existiert keine Kontrollinstanz. Das BMI, das die Verträge macht, ist auch gleichzeitig für die Kontrolle zuständig. Viele der Unterbringungen, Pensionen und Lager sind im ganzen Land verstreut, Gemeinden und Länder werden nicht mit einbezogen, und Kontrollen werden nur nach Voranmeldung durchgeführt.
UNHCR
Das Hohe Kommissariat für Flüchtlinge (UNHCR United Nations High Commissioner for Refugees) leistet Rechtsschutz und humanitäre Hilfe für Flüchtlinge in aller Welt. Im Jahre 1950 von der Vollversammlung der Vereinten Nationen ins Leben gerufen, nahm UNHCR am 1. Jänner 1951 seine Arbeit auf. Grundlage für die Arbeit von UNHCR ist der Flüchtlingsbegriff der Genfer Flüchtlingskonvention (GFK), die ebenfalls 1951 von den Mitgliedern der UNO unterzeichnet wurde und 1967 in einem eigenen Protokoll aktualisiert und ergänzt wurde.
Aufgabe von UNHCR ist es, weltweit Flüchtlinge zu registrieren, ihnen rechtlichen Schutz zu gewähren, sie bei mangelndem Rechtsschutz unter ihre rechtliche Obhut zu stellen und humanitäre Hilfe zu leisten. Daneben übernimmt UNHCR eine Kontroll- und Überwachungsfunktion in Bezug auf die Durchsetzung und Gewährleistung des Schutzes vor Verfolgung in den verschiedenen Mitgliedsstaaten. Bei den innenpolitischen Diskussionen um Änderungen, Novellierungen und Verschärfungen des Asyl- und Fremdengesetzes nimmt UNHCR immer eine besonders wichtige Stellung ein, wie zuletzt bei der Neufassung des Asylgesetzes 1992, dessen Novellierung 1997 und der Diskussion um die neuerliche Reform des Asylgesetzes 2003.
Außerdem verfasst UNHCR aktuelle Berichte und Situationsanalysen über die Menschenrechtslage in den verschiedenen Ländern und Krisenregionen.
Ausländerbeschäftigungsgesetz
Das Ausländerbeschäftigungsgesetz regelt den Zugang zum Arbeitsmarkt und trat 1975 in Kraft. In diesem Gesetz ist auch die Bundeshöchstzahl von ausländischen Beschäftigten geregelt, sie liegt bei 8%.
In diesem Gesetz sind drei Stufen der Integration am Arbeitsmarkt vorgesehen. Die erste Stufe ist die Beschäftigungsbewilligung welche einer Firma ausgestellt wird. Die zweite Stufe ist die Arbeitserlaubnis welche vom/von der AusländerIn selbst beantragt werden kann und auf ein Bundesland beschränkt ist. Die dritte Stufe heißt Befreiungsschein. Dieser Befreiungsschein bedeutet die freie Bewegung am österreichischen Arbeitsmarkt.
Die Beschäftigungbewilligung
Um eine legale Beschäftigung in Österreich aufnehmen zu können, muß der/die AusländerIn eine Firma finden, die bereit ist, einen Antrag beim Arbeitsmarktservice (AMS) zu stellen. Voraussetzung dafür ist, dass der/die AusländerIn einen legalen Aufenthalt besitzt und einen ordentlichen Wohnsitz nachweisen kann. Das AMS prüft dabei den Aufenthalt, den Wohnsitz, die Einhaltung der kollektivvertraglichen Bestimmungen und, ob durch eine inländische oder eine vorzureihende ausländische Arbeitskraft die Stelle, für die ein Antrag eingereicht wurde, besetzt werden kann. Wichtig ist dabei, dass die Bewilligung nur für diese genau definierte Arbeitsstelle zu den definierten Bedingungen erteilt wird. Die Firma kann also den/die AusländerIn nicht für eine andere Stelle innerhalb des Betriebes einsetzen.
Die Niederlassungsbewilligung
Die Niederlassungsbewilligung benötigen Drittstaatenangehörige, die dauerhaft in Österreich bleiben wollen. Dabei ist der Begriff des Mittelpunktes des Lebensinteresses von zentraler Bedeutung. Eine Niederlassungsbewilligung kann zu folgendem Zweck erteilt werden:
Derzeit können nur Schlüsselkräfte, das sind hochqualifizierte Arbeitskräfte, neu nach Österreich zuwandern. Weiters wurde eine humanitäre Niederlassugnsbewilligung eingeführt.
Laut neuem Gesetz für Schlüsselkräfte zum Zwecke der Familienzusammenführung. Außerdem wurde eine humanitäre Niederlassungsbewillung und ein Niederlassungsnachweis eingeführt.
Ausgenommen von den Bestimmungen der Niederlassungsbewilligung sind anerkannte Flüchtlinge oder Familienangehörige von ÖsterreicherInnen und EU-BürgerInnen. Der Erstantrag muss vom Ausland aus gestellt werden. AsylwerberInnen, die mit ÖsterreicherInnen verheiratet sind, sind von der Regelung der Erstantragstellung im Ausland ausgenommen. Alljährlich wird eine bestimmte Anzahl von ZuwanderInnen festgelegt, also eine Zuwanderungsquote.
Gastarbeiterbewegung
Der Start der Gastarbeiterbewegung lässt sich in Österreich ziemlich genau bestimmen. Am 17. Jänner 1962 wurden von den Sozialpartnern, der Bundeswirtschaftskammer und dem Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) eine Höchstzahl (Kontingent) von ausländischen Arbeitskräften festgelegt, um deren Beschäftigung zu regeln.
Damit wurde die Grundlage für das spätere Ausländerbeschäftigungsgesetz gelegt, das allerdings erst 1975 beschlossen wurde. Es begann eine Phase der Arbeitsmigration, die vor allem von den Wünschen und Bedürfnissen der Wirtschaft geprägt war. Damals sind in Österreich erstmals Befürchtungen geäußert worden, dass Arbeitskräftemangel den wirtschaftlichen Aufschwung behindern könnte.
Die österreichische Bundeswirtschaftskammer verhandelte zunächst mit Spanien, Griechenland, Jugoslawien und der Türkei. Vereinbarungen wurden mit Spanien (1962), der Türkei (1964) und Jugoslawien (1966) abgeschlossen. Die Migration aus Spanien blieb für Österreich bedeutungslos.
Der Grund liegt in der gezielten Anwerbepolitik in den Ländern selbst. In Zagreb und Istanbul gelang es rasch Büros zu öffnen, welche die Auswanderung regelten und unterstützten.
Auf der Basis dieser Übereinkünfte entstand etwa nach zwei Jahren ein reger Zuzug von neuen MigrantInnen, die den Verlockungen des Goldenen Westens nicht widerstehen konnten. Von 1963 bis 1974 wuchs die Zahl der Gastarbeiter beständig an. Ab 1975 sank die Zahl bis 1989. In den ersten beiden Jahren sogar relativ stark (Rotationsprinzip). Ab 1989 gab es abwechselnd kürzere Phasen der Zu- und Abnahme, in denen auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes kurzfristig reagiert wurde.
2.
Leben im Exil
Auswanderung wird normalerweise als massiver Bruch des bisherigen Lebensweges und der eigenen Biografie erlebt. Dieser Bruch hat den Charakter einer Übergangsphase und kann sich im Verlauf des Integrationsprozesses im neuen Land als eine persönliche Wachstumschance erweisen, jedoch auch als eine höchst instabile Situation, die eine Steigerung der Anfälligkeit für psychosoziale und psychosomatische Störungen in sich trägt.
Welchen Verlauf der Migrationsprozess bei einzelnen Personen nimmt, kann nicht generalisiert werden und verläuft auch höchst unterschiedlich. Einige wichtige Faktoren, die den Verlauf wesentlich beeinflussen, werden im Folgenden angeführt:
Fest steht, dass jede/r MigrantIn mit Problemen und Schwierigkeiten konfrontiert wird. Die meisten sind darauf nicht vorbereitet. Das löst zunächst Ängste und Verunsicherung aus, die sich abhängig von den oben genannten Faktoren unterschiedlich auswirken.
Die Einreise bedeutet für den/die MigrantIn noch lange nicht, dass er/sie vollständig am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, selbst wenn er/sie gleich eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt.
Man kann dies mit einer Eintrittskarte in eine Theatervorstellung vergleichen: Sie allein ist nicht die Garantie für einen vollen Genuss. Erst wer im Theater einen Sitzplatz hat und das Stück verstehen kann, kann diesem folgen und Spaß am Stück haben.
Der/die MigrantIn wird nach einer kurzen Phase der Euphorie mit der Realität konfrontiert. Er/Sie erfährt vielleicht, dass die Papiere nicht in Ordnung sind, die Ausbildung nicht ausreicht, dass lange Wartezeiten in Kauf genommen werden müssen, er/sie nicht arbeiten darf oder auf sehr harte Arbeit angewiesen ist. Oft bekommt er/sie auch das Gefühl, nicht willkommen zu sein. Dies kann leicht die Annahme hervorrufen, dass man, so wie man ist, weder im Aufnahme- noch im Ausreiseland akzeptiert wird.
Die ersten Eindrücke in einem Land sind prägend, auch die Erfahrungen mit Einheimischen. Oft kommt die Ernüchterung schneller als erwartet, birgt jedoch auch die Chance, sich mit dem unternommenen Schritt auseinander zu setzen. Je höher die Erwartungen an das Aufnahmeland sind, desto größer ist die Gefahr, dass man sich nur mehr an Positives aus dem Heimatland erinnert und negative Erfahrungen verdrängt.
Migration umfasst Abschiednehmen vom Gewohnten in allen Lebensbereichen. Die Trennung von der Heimat bedeutet immer auch, dass man ein Stück seiner Persönlichkeit verliert. Normalerweise gibt es ein Gerüst an Werten und Normen, das einem Vertrauen in sich selbst und in Beziehungen zu anderen gibt. Dieses Gerüst beginnt zu wanken; die Werte und Normen sind nicht mehr die gleichen wie im Heimatland. Oft ist man von Anderen abhängig.
Erwachsene müssen häufig auf die Schulbank zurück, der Mann verliert seine Position als Familienernährer, die Frau, die in ihrem Herkunftsland berufstätig war, muss sich oft mit einer Nur-Hausfrau-Position begnügen. Beide fühlen sich in ihren neuen Rollen verunsichert und müssen Positionen aufgeben, durch die sie bisher Anerkennung erhalten haben.
Durch all diese Unsicherheiten entstehen Ängste und das Gefühl der Hilflosigkeit, das hinderlich sein kann, seine Möglichkeiten im Fluchtland voll ausschöpfen zu können.
Oft berichten MigrantInnen, dass sie mit der Zeit das Gefühl bekamen, sie seien nicht gut genug und könnten das neue Leben nicht bewältigen.
Jedoch ist ein wichtiger Schritt gesetzt, wenn es nicht mehr darum geht, das Gefühl zu haben, dem Heimatland nachtrauern zu müssen, sondern dem neuen Leben seine bereichernden Seiten abzugewinnen. Dies erleichtert die Integration der Herkunftskultur in die neue Kultur, ohne dass auf eine der beiden verzichtet werden muss.
2.1.
Umgang mit der fremden Kultur im Gastland?
(Siehe auch Kapitel Kultur)
Zu diesem Thema gibt es eine Vielzahl von verschiedenen Studien und wissenschaftlichen Untersuchungen.
Was sich hier so leicht erzählen lässt, ist in der Tat ein sehr langwieriger und schwieriger Prozess. Denn Worte können kaum ausdrücken, was es heißt, sich in einem völlig neuen und fremden kulturellen Umfeld zu bewegen. Hier stoßen wir auch auf eine Reihe von Ungereimtheiten zwischen Gesellschaft und Individuum, zwischen offizieller Politik und informellen Verhaltensweisen, zwischen den großen rechtlichen Rahmenbedingungen und den individuellen Wünschen nach Perspektiven und Fortschritt für sich und seine Zukunft.
Und um es noch ein wenig komplizierter zu machen, muss uns bewusst sein, dass hinter jeder einzelnen Person, der/die als MigrantIn hier ist, eine ganze Gedankenwelt der Familie und Angehörigen steht, die bei all dem mitgedacht werden muss. Wie groß oder klein, diffus oder genau auch immer dieser Begriff der Familie sein mag (siehe auch Kapitel Familie).
Es kommt auf den/die Einzelne/n, ihren/seinen Werdegang und ihr/sein Umfeld an, was ihm/ihr als erstes an der neuen Umgebung auffällt. MigrantInnen geben dazu ganz unterschiedliche Antworten:
Eine Frau antwortete, dass sie am meisten die Balkone in Österreich beeindruckt hätten. Eine andere sprach davon, dass es für sie ganz ungewohnt war, dass am Abend alle Straßen so menschenleer seien. Sie war dies von ihrer Heimat nicht gewohnt.
Eine andere Teilnehmerin sprach vom unterschiedlichen Essen. Brot in der Form (v. a. Vollkornbrot), wie es hier in Österreich verkauft wird, war ihr nicht bekannt.
2.1.1.
Akkulturationsstile
John W. Berry, ein kanadischer Sozialpsychologe, der in Australien, Kanada und Schottland lehrte und forschte, hat sich in seinen Studien mit den Fragen der interkulturellen Auseinandersetzung und den psychologischen Aspekten von Migration und Multikulturalismus beschäftigt. Berry untersuchte 1994 wie Menschen sich in die neuen und fremden Kulturen einfügen und an sie anpassen, und beschrieb vier Stile, wie man mit der eigenen und der fremden Kultur umgehen kann, wenn man sich in einer fremden Gesellschaft befindet:
(1) Integration
Integration bedeutet, dass man die kulturelle Identität seiner eigenen ethnischen Gruppe beibehält und gleichzeitig versucht, mit den Gruppen im Land, in dem man nach der Migration lebt, in engen Kontakt zu treten. Das bedeutet, dass man selbst ein Teil der größeren Struktur des Gastlandes wird und sich nicht ausgrenzt.
(2) Assimilation
Assimilation heißt, dass man die eigene Kultur aufgibt oder (weitgehend) leugnet, eine eigene Kultur zu haben. Dafür werden positive und enge Kontakte zu einer sozialen Gruppe in der Aufnahmegesellschaft gepflegt.
(3) Segregation oder Separation
In diesem Fall wird die eigene kulturelle Identität beibehalten, und es besteht geringes beziehungsweise gar kein Interesse, mit Gruppen aus dem Gastland in Kontakt zu treten. Man hat nur Kontakt zu Menschen aus dem eigenen Kulturkreis.
(4) Marginalisierung
Marginalisierung bedeutet, dass man einerseits die eigene Kultur aufgibt und anderseits auch kein Interesse daran hat, mit einer Gruppe einer anderen kulturellen Identität Kontakt aufzubauen.
Für beide die Gruppe der MigrantInnen und die der Aufnahmegesellschaft ist es bereichernd, wenn Integration gelingt. In gegenseitigem Austausch kann Verständnis wachsen, Vorurteile können abgebaut werden und man kann von einander Neues lernen. Gleichzeitig muss aber betont werden, dass dies der schwierigste Prozess ist. Hier wirken eine Vielzahl von Faktoren, die eben nicht nur vom Einzelnen beeinflusst werden können, auf den Prozess ein. So sind etwa die Bedingungen für Integration, wie sie zuvor beschrieben worden sind, in Österreich denkbar ungünstig, da die Rahmenbedingungen, Politik, Medien, Gesetze und historisch gewachsene Identitäten in Österreich im Widerspruch dazu stehen.
In diesen Prozessen besteht auch noch ein anderes Problem: es wird ein sehr vereinfachtes Bild von der Kultur der... produziert und dieses als etwas starres, unwiderrufliches dargestellt. Gleichzeitig wird von MigrantInnen im Exil ihre Kultur gerne idealisiert und ebenfalls stereotypisiert (Wir Tschetschenen sind alle ehrlich.)
Viele Einflussfaktoren nehmen Einfluss auf aktuelle kulturelle Ausformungen, Äußerungen und das individuelle Verhalten. Allein durch das Altern verändert sich die Kultur eines Menschen. Es wäre doch einigermaßen komisch, wenn sich ein 45-jähriger Beamter noch immer so verhalten würde wie ein 17-jähriger.
Kultur ist ein historischer Prozeß, sie kumuliert mit der Zeit. Da Kultur das Produkt von Menschen ist, kann sie erlernt und gelehrt werden. Kultur kennt daher keine Grenzen. Eine andere Eigenschaft von Kultur ist, daß sie sich ständig verändert. Daher sind kulturelle Werte bzw. Nicht-Werte nicht absolut (Kula 1999, S. 173).
Daher ist zu betonen, dass alle Formen von Migration kulturverändernd wirken. Kultur ist kein Rucksack der mitgebracht wird und nicht verändert werden kann, sondern dynamisch und vielschichtig. Man denke nur, wie stark sich die Kultur in Österreich in den letzten 50 Jahren verändert hat. Dabei spielen externe Faktoren, technische, makroökonomische und politische Entwicklungen, eine erhebliche Rolle.
Daraus ergibt sich auch, dass so etwas wie spezifische migrationsbedingte Neuerungen in Exilkulturen entstehen und viele Einflüsse sich zu vermischen beginnen. Je nachdem, welche Akkulturationssysteme und -konzepte vorherrschen (siehe zuvor), entwickeln sich auch die Migrantenkulturen in den jeweiligen Exilländern unterschiedlich.
Beobachtbar ist auch, dass viele MigrantInnen im Exil eine ausgeprägte Kulturbetonung entwickeln (Religion, Aufrechterhaltung von Traditionen, usw.) Dies wird mitunter als eine Strategie verstanden, mit den überfordernden neuen Einflüssen und den diskriminierenden Außenbedingungen umzugehen (Rückbesinnung und Rückzug auf traditionelle Bezugsmuster).
2.1.2.
Phasen des Ankommens
Ein weiterer Wissenschaftler, der sich mit dem Themenkreis Migration und Kultur beschäftigt hat, ist Garza-Guerrero, ein amerikanischer Psychoanalytiker. Er hat 1974 drei Phasen dargestellt, wie Integration ablaufen kann:
(1) Phase des kulturellen Zusammenstoßes
In dieser ersten Phase erforscht der/die MigrantIn die kulturellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer eigenen und der neuen Kultur. Er/sie überprüft die mitgebrachten Einstellungen, Ansichten, Normen und Handlungsweisen auf Brauchbarkeit in der neuen Umwelt. Es werden Unterschiede sichtbar zwischen der Welt, in der man sich jetzt befindet und der Erinnerung an die verlassene Kultur. Diese Phase wird von verschiedenen Gefühlen geprägt: Angst, Trauer, Abwehr, Verzweiflung, Sehnsucht nach dem Verlorenen.
Es kann dazu kommen, dass MigrantInnen nicht mehr genau wissen, wer sie überhaupt sind, dass sie sich ihrer Identität nicht mehr bewusst sind, weil die aus dem Herkunftsland gewohnte Bestätigung der Umwelt wegfällt. Um die eigene Identität zu stärken, müssen positive Lebenserinnerungen ins Gedächtnis gerufen werden. Daher kommt es in dieser Phase häufig zu Idealisierungen der verlassenen Umwelt, das heißt, MigrantInnen erinnern sich nur an die positiven Dinge in der Zeit vor der Migration. Es kann auch sein, dass man im Gegensatz dazu mit der eigenen Kultur gar nichts mehr zu tun haben will und sie völlig verleugnet (Assimilation oder Marginalisierung). Das hängt auch oft davon ab, unter welchen Umständen man sein Land verlassen musste. In dieser Zeit kommt es häufig zu großen Stimmungsschwankungen. Es kann auch sein, dass man sich völlig von allen anderen Menschen zurückzieht.
(2) Phase der Reorganisation
In dieser Phase wird die Trauer über die Verluste, die man durch die Migration erlitten hat, durchgearbeitet. Die neue Kultur wird abgetastet, die Erinnerungen an die Vergangenheit bleiben im Bewusstsein. Die Trauer verhindert, dass man völlig mit der neuen Kultur verschmilzt (Assimilation). Sie hilft dabei, sich einerseits an die Vergangenheit zu erinnern, wie sie war also an die guten und an die schlechten Seiten; andererseits führt das Durchleben der Trauer auch dazu, dass man die neue Umwelt realistisch sieht.
Wenn man sich nicht genug Zeit lässt, diese Trauer zu durchleben und Unterstützung holt, wenn man das Gefühl hat, man wird damit allein nicht fertig, kann es zu Depressionen und Angstzuständen kommen. Außerdem kann es passieren, dass man die alte Kultur idealisiert, also nur die positiven Seiten sieht und an der neuen Kultur dafür ausschließlich Negatives wahrnimmt.
(3) Phase der neuen Identität
In dieser Phase baut sich eine neue Identität, eine neue Wahrnehmung des Ich auf. Man identifiziert sich mit Teilen der neuen Kultur, die in die alte Kultur integriert werden, das heißt, die alte und die neue Kultur bilden mit der Zeit eine Einheit (Integration). Dafür ist es nötig, dass die Umwelt, in der der/die MigrantIn lebt, ihm/ihr Geborgenheit und Sicherheit bietet sowie eine Perspektive für die Zukunft. Im Laufe der Zeit können immer wieder neue Teile der Kultur des Gastlandes von der Migrantin/dem Migranten aufgenommen werden auch solche, mit denen er/sie am Anfang Probleme hatte.
3.
3.1.
Definition
In der interkulturellen Forschung wird Kultur verstanden als:
Die Gesamtheit von Attitüden, Grundsätzen, Annahmen, Werten und Wertvorstellungen, Verhaltensnormen und Grundeinstellungen, die von einer Gruppe geteilt werden, die das Verhalten der Gruppenmitglieder beeinflussen und mit deren Hilfe diese das Verhalten anderer interpretieren.
Man kann sich den Begriff Kultur vorstellen wie eine Zwiebel. Es gibt mehrere Schichten, die sich gegenseitig beeinflussen.
Ganz außen befinden sich die Rituale und Verhaltensweisen einer Kultur, die man von außen wahrnimmt zum Beispiel, wenn man eine Reise in ein Land macht und sich ansieht, wie die Leute dort leben, was sie essen, wie ihr Tagesablauf aussieht, wie sie mit anderen Menschen umgehen usw.
Darunter liegt eine Schicht, die aus den Systemen und Institutionen einer Gesellschaft besteht. Das sind zum Beispiel das politische, rechtliche und wirtschaftliche System einer Kultur und deren Institutionen. Das, was dort festgelegt ist, beeinflusst wiederum die äußere Schicht.
Ein Beispiel: In Deutschland gibt es ein Gesetz, in dem steht, dass man bei Rot nicht über die Straße gehen darf. Daher warten Deutsche normalerweise an der Ampel, bis es grün wird. In anderen Ländern wie Spanien, England oder den Niederlanden gibt es so ein Gesetz nicht; das heißt, die Leute warten auch nicht bis es grün wird, sondern gehen über die Straße, wenn gerade kein Auto kommt. Für eine(n) SpanierIn wäre es eigenartig, zu warten, bis es grün wird und erst dann die Straße zu überqueren.
Das Verhalten, das man von außen beobachten kann (das Über-die-Straße-gehen oder Warten) wird also zum Beispiel davon beeinflusst, welche Gesetze es in einer Gesellschaft gibt.
Die nächste Schicht sind die Normen, Attitüden und Grundsätze aber auch die allgemeinen Werte, die es in der Gesellschaft gibt und wie wichtig sie genommen werden. Diese Schicht beeinflusst wieder die darüber liegende Schicht.
Demokratie wird zum Beispiel von den Menschen eines Kulturkreises als richtige Regierungsform empfunden; deshalb ist es auch möglich, diese im Gesetz eines Landes zu verankern. Diese Normen, Attitüden und Grundsätze sind nicht per Beschluß verordenbar, sondern sind Teil der Entwicklung und Geschichte des Landes und der Menschen, die die verschiedenen Epochen und vorherrschenden Werte und Normen am eigenen Leib miterlebt haben.
Aus diesem Grund ist gerade die österreichische Geschichte in Bezug auf Menschenrechte und Demokratie einer besonderen Betrachtung zu unterziehen (Monarchie, 1. Republik, NS-Herrschaft, 2. Republik).
Unter dieser Schicht finden wir das Zentrum der Kultur: Die Grundwerte und fundamentalen Annahmen. Sie ist die wichtigste, weil sie alle darüber liegenden Schichten beeinflusst. Wenn sich nur kleine Dinge in dieser Schicht ändern, hat das große Auswirkungen auf die anderen.
Diese Grundwerte betreffen das Zusammenleben der Menschen. Zum Beispiel, wie ÖsterreicherInnen den Umgang mit anderen Menschen außerhalb ihrer Familien definieren, was für sie Familie ist, welche Haltungen sie bezüglich Gerechtigkeit und Freiheit verinnerlicht haben u.v.m.
3.2.
Kultur = Land?
Oft werden Kulturen mit Ländern oder Kontinenten gleichgesetzt. Man spricht zum Beispiel von den Afrikanern oder der islamischen Kultur. Das ist aber eine Vereinfachung, die in ihrer Grobheit nicht richtig ist, weil dabei wichtige Faktoren außer Acht gelassen werden.
Nicht nur das Land, in dem man lebt, sondern viele andere Dinge bestimmen, zu welcher Kultur man sich zugehörig fühlt. Dazu gehören die eigene Lebensgeschichte, ob man männlich oder weiblich ist, ob man in einer Stadt oder am Land lebt, ob man alt oder jung ist und aus welcher Familie man stammt.
Innerhalb einer Gesellschaft, innerhalb eines Landes, können die kulturellen Regeln, Verhaltensweisen und Wertvorstellungen sehr unterschiedlich sein.
So gibt es z. B. mehr Gemeinsamkeiten zwischen einem nordafrikanischen Bauern am Fuß des Atlas Gebirges und einem Bergbauern aus Österreich als zwischen dem österreichischen Bauern und einem österreichischen Beamten, der in Wien in einem Ministerium arbeitet!
3.3.
Kulturvergleichende Studien
Die Forschung versuchte immer wieder, Merkmale zu finden, mit denen man verschiedene Kulturen voneinander unterscheiden kann. Zu den bekanntesten Werken auf dem Gebiet gehören die Studien von Geert Hofstede, einem niederländischen Psychologen. Er hat 116.000 Personen (Manager in multinationalen Konzernen) aus 40 verschiedenen Ländern befragt und dann nachfolgende Kategorien (Einteilungen) gefunden. Es muss betont werden, dass die angeführten Beispiele keine allgemein gültigen Aussagen über Länder und deren Menschen darstellen, sondern der Veranschaulichung dienen.
(1) Machtgefälle bzw. Machtunterschiedstoleranz
In dieser Kategorie kommt es darauf an, wie sehr die Menschen in einer Gesellschaft akzeptieren, dass die Macht unter den einzelnen Gruppen ungleich verteilt ist. Das nennt man Machtunterschiedstoleranz. Wenn diese Toleranz sehr groß ist, bedeutet das, dass es als normal empfunden wird, wenn eine Gruppe sehr viel und andere sehr wenig Macht haben. Dabei kann die Macht zum Beispiel von der Familienherkunft, vom Alter oder vom Geschlecht abgeleitet werden.
Wenn die sogenannte Machtunterschiedstoleranz klein ist, bedeutet das, dass Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit in der Gesellschaft als sehr wichtig angesehen werden.
(2) Unsicherheitsvermeidung
Eine Kultur kann Unsicherheiten oder neue Situationen als Bedrohung empfinden und Fremdes abwerten. Was zählt, sind Sicherheit und Stabilität. Oder aber sie kann Fremdes positiv werten und Neues als Bereicherung sehen als etwas, wovon man lernen kann. Das heißt, dass Bereitschaft zu Risiko und Offenheit besteht.
Wenn eine Kultur risikofreudig ist, zeigt sich das unter anderem darin, dass Mobilität (Beweglichkeit), Veränderung und Kreativität als etwas Positives gesehen werden.
HolländerInnen gelten als Menschen, die auf Neues eher positiv zugehen. Veränderung und Kreativität werden positiv gesehen. Auch gesetzliche Grundlagen erleichtern Offenheit. In Holland kann man zum Beispiel vergleichsweise rasch die Staatsbürgerschaft beantragen.
Im Gegensatz dazu kann man davon ausgehen, dass SchweizerInnen mehr auf Sicherheit und Stabilität Wert legen und auf Fremde weniger offen zugehen. Im Gegensatz zu Holland wird der Zugang zur Staatsbürgerschaft dort sehr restriktiv gehandhabt.
(3) Individualismus Kollektivismus
Individualistische Gesellschaften betonen die Rechte des/der Einzelnen aber auch seine/ihre Verantwortung. Das Ziel ist, dass der/die Einzelne sich wohl fühlt und emotional von der Gemeinschaft unabhängig ist. Ziel in individualistischen Gesellschaftssystemen ist die Unabhängigkeit, Befreiung des Einzelnen von den gesellschaftlichen Bedingungen (u. a. Familie). Diese individualistische Selbstbefreiung ist konfliktorientiert.
Eine kollektivistische Gesellschaft sieht es als wichtig an, sich der Gruppe (Clan, Familie) gegenüber loyal zu verhalten. Einzelnen sind gewisse Rollen zugedacht, die möglichst gut zu erfüllen sind. Die soziale Gruppe, z. B. die Familie, und ihr Wohlergehen stehen im Mittelpunkt. Einerseits verpflichtet die Familie zu Gehorsam und zu Versorgungsleistungen, andererseits bietet sie aber Schutz, soziale Sicherheit und Geborgenheit/Anleitung fürs Leben.
Für eine kollektivistische Gesellschaft ist Harmonie besonders wichtig. Konfrontationen und Konflikte werden, soweit es geht, vermieden.
Beispiel für kollektive Gesellschaften:
Länder des nördlichen Afrikas (Marokko, Tunesien, Algerien, Ägypten, ...), Naher und Mittlerer Osten, aber auch etwa Tschetschenien, Mali oder Ghana.
Beispiel für individualistische Gesellschaften:
Westeuropa, Nordamerika
(4) Frau Mann
Maskuline, also männlich geprägte Gesellschaften werden durch eine starke Abgrenzung der Geschlechterrollen gekennzeichnet. Es gibt ganz klare Vorstellungen davon, wie ein Mann und wie eine Frau zu sein hat und welche Aufgaben er/sie jeweils erfüllen muss. In einer maskulinen Gesellschaft sind Werte wie Unabhängigkeit, Selbstbehauptung, die Fähigkeit, sich anderen gegenüber durchzusetzen und mit anderen in Wettbewerb zu treten, sehr wichtig.
In Gesellschaften, die von Feminität, von weiblichen Mustern, geprägt werden, überschneiden sich die Rollen von Männern und Frauen. Es gibt keine so klar zugeordneten Vorstellungen davon, wie ein Mann und wie eine Frau zu sein hat, und welche Aufgaben von ihnen jeweils erfüllt werden müssen.
Beispiele für maskuline Gesellschaften:
Türkei und nordafrikanische Länder, meist Länder, die stark durch den Islam geprägt sind (Ausnahme etwa die Aleviten)
Beispiele für eine feminine Gesellschaft:
Westeuropa ist auf dem Weg dazu, feminine Gesellschaften zu bilden. In manchen Ländern ist die Gleichstellung von Mann und Frau schon weiter fortgeschritten, in manchen hängt diese Entwicklung noch nach. Maßnahmen wie z. B. Karenzmöglichkeiten auch für Männer und uneingeschränkte Schul- und Ausbildungsmöglichkeiten für Frauen sind wichtige Rahmenbedingungen, um den Weg in eine Gesellschaft zu ebnen, die eine faire, gleichgestellte Welt zum Ziel hat.
(5) Langfristige Orientierung kurzfristige Orientierung
Langfristige Orientierung bedeutet, dass es in einer Kultur sehr wichtig ist, weit in die Zukunft zu denken und zu planen. Wenn eine Kultur auf langfristige Orientierung ausgerichtet ist, sind ihr Investitionen wichtig, die auf lange Sicht Nutzen bringen. Traditionen werden an moderne Gegebenheiten angepasst. In einer solchen Gesellschaft ist der soziale Status von großer Bedeutung.
In Kulturen mit kurzfristiger Orientierung wird mehr an die Gegenwart und an die nahe Zukunft gedacht, spielen Moden und Trends eine wichtige Rolle. Dabei kommt es nicht darauf an, welche Konsequenzen das in der Zukunft mit sich bringt. Es werden rasche Ergebnisse erwartet.
Beispiele:
Westeuropa ist von langfristiger Orientierung geprägt. Das merkt man an den vielfältigen Möglichkeiten zur Vorsorge (Privatpensionen,...) und auch an der Bereitschaft von vielen Menschen, Investitionen (Häuser, Autos) zu tätigen, die oft langjährige Kredite nach sich ziehen.
Die USA sind ein typisches Beispiel für eine Gesellschaft, die eine sehr kurzfristige Orientierung hat. Das sieht man zum Beispiel an der Mobilität (Beweglichkeit) der Menschen innerhalb der USA und deren Hausbau. Eine große Mehrzahl der Häuser sind schnell errichtet, werden aber auch ebenso schnell wieder abgerissen und verlassen.
In Ländern wo die politische Situation instabil und die wirtschaftliche Lage schlecht ist, sind oft ganze Bevölkerungsgruppen darauf angewiesen, von heute auf morgen zu leben. Die Menschen haben keine Gelegenheit, weiter in die Zukunft zu blicken, weil sie ihnen nicht planbar erscheint.
(6) Zeitdimension zirkuläre Zeitvorstellung und historische Zeitvorstellung
In manchen Kulturen sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft strikt getrennte, aufeinander folgende Kapitel, die in sich abgeschlossen sind und nur mehr als Erfahrungsschatz und/oder Wissenschaft vorhanden sind.
In anderen Kulturen hingegen, wird dieses Dreigestirn als zirkulärer, vermischter Prozess wahrgenommen. Familie bedeutet, dass die Ahnen (Urgroßeltern), die bereits verstorben sind, noch immer als Teil der Familien angesehen werden. Sie werden bei Entscheidungen, die die Familie betreffen herangezogen.
Beispiel:
Bei den Aborigines gibt es keine direkte Aufteilung zwischen Zukunft und Vergangenheit. Das lässt sich in der sogenannten Traumzeit genauer darstellen. Jugendliche werden darin eingeführt, sie bewegen sich in der Traumzeit vorwärts und rückwärts. Auch wenn dies für uns Mitteleuropäer schwer vorstellbar ist, aber die Vergangenheit und die Akteure der Vergangenheit sind Anwesende in der Gegenwart und Ratgeber für die Zukunft.
Wenngleich diese Unterscheidungsmerkmale wichtige Hilfsinstrumente sind, um die Komplexität der kulturellen Fragen besser zu verstehen und Anhaltspunkte für Auseinandersetzung zu erhalten, so muss gleichzeitig auch vor der Vereinfachung der Kategorisierung gewarnt werden. Sie sind eben nur ein Hilfsmittel.
Gerade durch technische, wirtschaftliche und politische Entwicklungen von Gesellschaften wanken bekannte kulturelle Muster und werden schwer vergleichbar. Einige der aufgezählten Hofstede-Kategorien sind auch mit Modernisierung erklärbar. Je moderner, arbeitsteiliger und technischer Gesellschaften sich entwickeln, desto stärker werden etwa traditionelle Rollen zwischen Männern und Frauen durch das meist auch kapitalistische System in Frage gestellt.
4.
Familiäre Bindungen sind für Menschen generell von großer Bedeutung. Im Laufe der Zeit entsteht durch das familiäre System ein Netzwerk von Vertrauen, Hilfe, Unterstützung und Verhaltensnormen. Das vorhandene Familiensystem bietet den Einzelnen Sicherheit, Schutz und Hilfe und ist somit Ressource (Reserve, Hilfsmittel) für die Zukunft. Die Familie vermittelt aber auch ein dichtes System von Werten, Rollen und Funktionen.
Durch Krieg, politische Gewalt, Exil und Flucht werden Familiensysteme gesprengt und auseinandergerissen. Wichtige Menschen in der Familie sterben, Familienmitglieder müssen die Heimat verlassen. Das Vertrauen und die Sicherheit in das bekannte System gehen verloren. Die Wurzeln und Ressourcen werden gekappt oder sind zumindest zeitweise unterbrochen.
Die wichtigsten Menschen innerhalb des Systems gehen obwohl sie vielleicht nicht mehr leben oder körperlich nicht anwesend sind jedoch nicht verloren. Sie bleiben in der Vorstellung, in der Phantasie und als sehnsüchtiges Gefühl der Menschen, die ins Exil mussten, erhalten. Sie begleiten sie.
Für Menschen, die ihr Heimatland verlassen haben, gilt es, die positiven Elemente ihres alten Systems ins Neue zu retten und das Erfahrene und Gelernte im Exil nutzbar zu machen, um sich den neuen Anforderungen zu stellen.
Dieser Prozess darf nicht starr sein. Die Menschen unterliegen einem ständigen kulturellen Wandel. Die Welt verändert sich, manchmal langsam, manchmal schnell. Menschen lernen und wachsen nicht nur körperlich, sondern auch geistig.
Durch Exil und Migration treten neue Herausforderungen auf. Identitäten, Lebensweisen und Vorstellungen wurzeln in der individuellen Vergangenheit. Diese sind in der Migration im Kontakt mit einer anderen Kultur ständig einem Prozess des Wandels ausgesetzt und stehen oft im Widerspruch zur geltenden Norm.
Menschen, die bisher den Schutz der Familie genossen haben und aus kollektivistischen kulturellen Zusammenhängen kommen, müssen sich plötzlich allein durchs Leben boxen. Traditionelle Rollen müssen neu überlegt werden.
Die Herausforderung der Migration kann beides bewirken: dass familiäre Bindungen gestärkt werden, aber auch, dass sie in die Krise geraten. Vor allem deshalb, weil die Familie oftmals nicht mehr aus den selben Mitgliedern besteht wie früher. Daher heißt das auch, neue Rollen, neue Funktionen übernehmen zu müssen, die bisher nicht Teil des Familiensystems waren.
In solchen Phasen ist es wichtig, dass HelferInnen und HelferInnensysteme darauf Bedacht nehmen und den Bedrängten dabei helfen, dennoch zu ihren familiären Ressourcen zu gelangen. Jorge Barudy, ein in Belgien lebender chilenischer Psychotherapeut meinte, dass er sich, wann immer er eine(n) Klienten/Klientin betreute, vergegenwärtigte, dass kein Mensch alleine vor ihm stehe, sondern die Familie immer dabei ist. Ob sie nun tatsächlich anwesend ist oder nur in der Vorstellung der Menschen, sei dabei nebensächlich.
Familiäre Werte, Rollen und Normen können zwischen Gesellschaften und Kulturen aufgrund von vielen Faktoren unterschiedlich sein und geben deshalb Anlass für Missverständnisse. Gleichzeitig sind jedoch Grundprinzipien von Funktionen und Rollen oft sehr ähnlich.
Aus dem Verstehen des eigenen Familiensystems und der damit verbundenen Werte, Normen und Haltungen erlernt man, eine akzeptierende Haltung für Werte, Normen und Haltungen anderer Menschen zu entwickeln.
Wichtig ist, dass es im Zusammenhang mit Werten und Haltungen kein Richtig oder Falsch gibt, sondern nur ein Anders. Man soll nicht versuchen, Menschen zu ändern, sondern sie befähigen, die Änderungen und Anforderungen selbständig und für sich selbst positiv lösen zu können.
Durch die Migration kommt es zu steten Veränderungen der Familienformen: Es wandeln sich familiäre Verpflichtungen, Geschlechterrollen, der Generationenvertrag und Einstellungen, Traditionen und Werte.
5.
Gesundheit
5.1.
Gesundheit was ist das?
Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) definiert Gesundheit als Zustand völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens.
Gesund sein heißt also, dass man sich rundherum wohl fühlt, nicht nur, dass man keine körperlichen Beschwerden hat.
Krankheit bedeutet im Gegensatz dazu jede Störung des körperlichen, geistigen und seelischen Gleichgewichtes und führt dazu, dass man sich unwohl fühlt. Wenn man krank ist, ist die Leistungsfähigkeit herabgesetzt und man kann sein Leben nicht so genießen wie im gesunden Zustand.
Eine Krankheit läuft zwischen zwei Zeitpunkten (Krankheitsbeginn und Krankheitsende) ab, die man nicht immer ganz genau bestimmen kann, weil die Übergänge zwischen Gesundheit und Krankheit fließend sind. Von einer Krankheit kann der ganze Mensch betroffen sein oder auch nur einzelne (Körper-)Teile.
5.2.
Einflussfaktoren
Es gibt verschiede Faktoren, die beeinflussen, ob man sich gesund oder krank fühlt bzw. gesund oder krank ist.
Einen wichtigen Einfluss haben ererbte Anlagen, die wahrscheinlicher machen, dass man bestimmte Krankheiten bekommt oder nicht. In den Genen eines jeden Menschen sind solche Anlagen vorhanden. Weil diese Anlagen weitervererbt werden, gibt es in einer Familie oder zumindest bei einigen Familienmitgliedern häufig ähnliche Krankheiten; man sagt auch: Das liegt bei uns in der Familie.
Was in der Familie liegt wird aber nicht nur durch die ererbten Anlagen bestimmt, sondern auch dadurch, wie man im Familiensystem mit Krankheiten umgeht. Es macht zum Beispiel einen Unterschied, ob es üblich ist, sich von einem/einer ÄrztIn untersuchen zu lassen, auch wenn man sich gar nicht krank fühlt, oder ob man erst zum/zur ÄrztIn geht, wenn man schon unerträgliche Schmerzen hat. In diesem Fall ist eine Behandlung meistens viel schwieriger.
Trotz gewisser Vorbestimmtheit von möglichen Krankheiten, trägt jeder Mensch selbst sehr viel Verantwortung für seinen Gesundheitszustand. Ich kann Einfluss darauf nehmen, wie ich mich im täglichen Leben verhalte, welche Einstellung ich gegenüber meinen Risiken einnehme usw.
Wenn ich etwa aufgrund meiner Familie zu Bluthochdruck neige (weil zum Beispiel mein Vater Bluthochdruck hat), so kann ich bereits frühzeitig entsprechende Gegenmaßnahmen setzen (regelmäßige Kontrollen, Änderung der Essensgewohnheiten, Sport ...)
Es ist also auch das eigene Verhalten entscheidend dafür, ob ich das Risiko, krank zu werden, erhöhe oder senke.
Neben den ererbten Faktoren und dem eigenen Verhalten hat auch die Umgebung in der man lebt oder leben muss, erheblichen Anteil an Gesundheit und Wohlbefinden. Je intakter und gesünder meine Umwelt ist, desto größer wird auch mein Wohlbefinden sein. Manche Dinge, die die Gesundheit beeinflussen, kann man nicht so leicht selbst steuern. Dazu gehört unter anderem, wie sauber die Luft an dem Ort ist, an dem man lebt, wie hoch die Qualität des Wassers ist, das man trinkt und ob man in einer lauten oder leisen Umgebung wohnt.
Auch die soziale Umgebung ist ein wichtiger Faktor. Es ist erwiesen, dass Menschen, die in einem funktionierenden Umfeld und Netzwerk mit Familie und Freunden aufwachsen, widerstandsfähiger gegen Krankheit sind und mehr Mut haben, sich schweren Herausforderungen zu stellen.
Sehr wichtig ist auch, wie es einem/einer an seinem/ihrem Arbeitsplatz geht. Wenn man prinzipiell mit der Arbeit zufrieden ist, die Arbeit sinngebend ist, ausreichend honoriert wird, nicht gefährlich ist, und eine gewisse Planbarkeit für die Zukunft ermöglicht (z. B. wenn man keine Angst haben muss, gekündigt zu werden), dann wirkt sich das positiv auf das Wohlbefinden aus.
Außerdem gibt es unterschiedliche Erkrankungsrisiken für Frauen und Männer. Bei nahezu allen gesundheitsrelevanten Themen sind Frauen besser dran. Sie sterben weitaus seltener an Unfällen, Selbstmorden und Kreislauferkrankungen. Sie achten generell mehr auf ihre Gesundheit, stehen gesundheitsfördernden und präventiven Maßnahmen viel aufgeschlossener gegenüber und sind mit ihrem Körper vorsichtiger; das heißt, sie ernähren sich gesünder, trinken weniger Alkohol, rauchen weniger und lassen sich regelmäßiger vorbeugend untersuchen als Männer. Wohlgemerkt ist das immer als Durchschnittsbeschreibung zu werten.
5.3.
Eines kann dazu gesagt werden: Armut macht dort krank, wo Armut strukturell bedingt große Teile der Bevölkerung betrifft und die elementaren Grundlagen des Menschen nicht gesichert sind.
Wenn die Menschen hungern, keine gesundheitliche Versorgung für die einfachsten Krankheiten in Anspruch nehmen können und elementare Dinge wie Wasser krank machen, dann ist selbstverständlich Armut krankmachend.
Jedoch gibt es eine zweite, verdecktere Ebene der krankmachenden Armut, die stärker in den hochindustrialisierten Ländern bemerkbar ist. Dort nämlich, wo die Gegensätze und Lebensbedingungen zwischen den verschiedenen Gesellschaftsgruppen (Arm und Reich) besonders groß sind, kann gesagt werden, dass nicht die Armut an sich krank macht, sondern die Ungleichheit zwischen Gruppen der Bevölkerung.
Grundsätzlich sind es bestimmte Gruppen, die in reicheren Ländern in dieser verdeckten Armut leben: Menschen, die keine Wohnung haben, MigrantInnen und Arbeitslose (siehe Kapitel Zebra Aktuelle Angebote). Aber auch immer mehr Kinder, Frauen und alte Menschen sind besonders von Armut betroffen.
Menschen, die in Armut leben, weisen ein größeres Risiko auf, krank zu werden, als der Durchschnitt. Sie müssen sich mit schweren, gesundheitsgefährdenden und schlecht bezahlten Jobs begnügen. Sie sind durch ihr geringes Einkommen auf Wohngegenden konzentriert, die umwelt- und lärmbelastet sind und leben oftmals in Substandardwohnungen mit schlechter Bausubstanz. Als letzter Punkt der Belastungsskala kommen auch noch aufgrund der fehlenden finanziellen Ressourcen unzureichende Erholungsmöglichkeiten hinzu (wenige Freizeitmöglichkeiten und sportliche Betätigung, fehlender Urlaub, ...).
Obwohl Armut natürlich mehr Gesundheitsrisiken mit sich bringt, wird immer deutlicher, dass es auch die soziale Ungleichheit in einem System ist, die Krankheit erheblich fördert. Es wurden wissenschaftliche Untersuchungen (u. a.) von Richard Wilkinson durchgeführt, in denen man die durchschnittliche Lebenserwartung in verschiedenen Ländern und Städten untersucht hat. In den Ländern mit einer relativ gleichen Einkommensverteilung, das sind beispielsweise Holland, Kanada, Norwegen oder Schweden, ist die durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung deutlich höher als in Ländern, wo eine starke Ungleichverteilung (etwa in den USA) herrscht.
5.3.1.
Warum ist das so?
Die ungleiche Einkommensverteilung hat sich in den hochindustrialisierten Ländern im Zuge der aktuellen Entwicklungen, wie Globalisierung und neoliberale Wirtschaftskonzepte, noch verstärkt. Große Unterschiede im Einkommen sind deshalb ein wichtiger Faktor für die gesundheitliche Entwicklung, da sie den benachteiligten Gruppen vor Augen hält, wovon sie ausgeschlossen sind, was sie nicht erhalten und erreichen können.
Ganze Gruppen von Menschen sind von Leistungen (z. B. des Sozialsystems), der Versorgung (z. B. durch das Gesundheitssystem) oder des Zugangs (z. B. zum Arbeitsmarkt) ausgeschlossen.
Das erzeugt eine permanent hohe Frustration und ist auch ein Zeichen dafür, wie wenig an Vertrauen, Gegenseitigkeit und Gemeinschaftlichkeit in einer Gesellschaft vorhanden ist. Mit den entsolidarisierenden Entwicklungen in den Gesellschaften steigt auch die Gewalt und Gewaltbereitschaft.
Je stärker ich bemerke, dass ich am Leben, das unmittelbar vor mir stattfindet, nicht teilhaben kann, desto stärker tritt der Charakter einer entfesselten Gesellschaft zu Tage, in der das Individuum sich um sich selbst sorgen muss und sich holt, was es kriegen kann.
Je stärker aber jede/r Einzelne ein Gefühl des Angenommen-Seins und Eingebunden-Seins wahrnimmt, desto höher ist seine/ihre Lebenserwartung bzw. desto weniger leidet er/sie an Krankheit.
5.4.
Entwicklung der Medizin
Die westliche Medizin hat einen langen Weg der Entwicklung hinter sich. Allgemein kann man sie mit einer stark naturwissenschaftlich-orientierten Gerätemedizin umschreiben, die sich in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten immer stärker spezialisiert und ausdifferenziert hat.
Besonders wichtig für die Entwicklung war die Trennung von Leib (Körper) und Psyche (Seele), die vor rund 400 Jahren durch die Schriften von Descartes formuliert wurden. Zu dieser Zeit galten jene Thesen als ein Akt der Befreiung, da davor der Glaube und die kirchlichen Institutionen das Weltbild beherrscht und das wissenschaftliche Denken beeinflusst hatten.
Im Zeitalter der Aufklärung (deutsche Aufklärung 1720-1785, französische Aufklärung 1694-1778, durch Voltaire und Rousseau) verlor die Kirche, die im Sezieren des Körpers eine Verletzung der Seele sah, ihre Vormachtstellung. So war der Weg zur Erforschung des Körpers und damit zu einer wissenschaftlichen Medizin frei.
Mit dem Skalpell und Mikroskop konnten die Wissenschaftler keine Seele finden. Deshalb kümmerten sich die Mediziner nun fortan um die körperlichen Probleme. Die Seele überließen sie den Kirchen und der Psychiatrie.
Diese trennende Entwicklung setzt sich bis heute fort. Immer mehr Spezialisierungen wurden und werden vorgenommen, Ärzte und Ärztinnen wurden zu SpezialistInnen, die ihre Fertigkeiten auf ihrem Teilgebiet immer mehr verfeinerten: Dementsprechend schritten auch die Forschungsaktivitäten immer weiter voran.
Waren früher die diagnostischen Fähigkeiten des Mediziners (Frauen gab es lange Zeit nicht) im höchsten Masse gefragt, stehen heute dem Arzt/der Ärztin immer mehr wissenschaftlich fundierte Geräte und Analysetechniken zur Verfügung, die die Spurensuche von Krankheiten unterstützen (Blutanalysen, Röntgen, Tomographie, Ultraschall, ...).
Je stärker die Tendenzen in Richtung der naturwissenschaftlichen Verfeinerung der Medizin wurden, desto stärker wurde der Mensch als Gesamtsystem vernachlässigt und ignoriert. Es wurden bei diversen Fachrichtungen sogar einzelne Organe in den Mittelpunkt gestellt.
Das wird insbesondere auch an der medizinischen Ausbildung deutlich, die zumeist hohe fachliche Ausbildung bietet, jedoch kaum menschliche Qualitäten, wie Kommunikation mit PatientInnen oder sozialmedizinische und sozioökonomische Aspekte lehrt und fördert.
Dazu kommt, dass sich ein Gesundheitssystem auf dem ÄrztInnenprinzip aufgebaut hatte, das den SpezialistInnen die höchste Kompetenz zuschrieb und sie an die Spitze der Hierarchie stellte. Das System der Krankenhäuser und Spitäler fördert diese Tendenz. Nicht selten wird daher von ÄrztInnen als Götter in Weiß gesprochen.
Eine weitere Folge dieser Entwicklung ist, dass der Schwerpunkt (die meisten Gelder) der Entwicklung auf die Heilung gelegt wird und nicht auf Strategien zur Verhinderung von Krankheit.
Kritik an der westlichen Medizin gibt es immer öfter und deutlicher, dennoch ist die Entwicklung eine langsame. Zunehmend gibt es auch sogenannte komplementäre medizinische Traditionen (Akupunktur, Homöopathie usw.), die von immer mehr PatientInnen angenommen werden. Dies ist auch ein Ausdruck des Misstrauens und der Störung des Verhältnisses zwischen Fachpersonal/Ärzteschaft und PatientInnen.
Daraus entsteht ein philosophischer Reformdruck, der dazu führt, dass eine Gesamtsicht des Menschen wieder stärker in den Vordergrund rückt. D. h., daß die Einheit und Bedingtheit zwischen Körper und Psyche (Seele) medizinisch wieder stärker zusammengehören und sich gegenseitig beeinflussen. Diese Vorstellung lebt in den Traditionen vieler Kulturen und ist auch die Basis aller großen Heilungssysteme des Ostens.
Anfang des 20. Jahrhunderts begannen sich einige MedizinerInnen des Westens mit dem Einfluss der Psyche auf den Körper zu beschäftigen. Sie erkannten, dass bei einigen Tuberkuloseerkrankten ein Zusammenhang zwischen Krankheitsschub und Lebenskrise bestand.
Durch die Psychosomatik, die jedoch zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht Fuß fassen konnte und erst in den letzten Jahrzehnten mehr Bedeutung erlangte, erfolgte wieder eine Annäherung von Körper und Seele.
Je stärker solche Aspekte jedoch in die Betrachtung gerückt werden, desto größer werden auch wieder die Unsicherheit der klaren und exakten Wissenschaft Medizin. Oft wird deutlich, dass die ÄrztInnenschaft doch noch vieles nicht erforscht hat und es keine beweiskräftigen Erklärungsmodelle gibt, wie sich psychische Vorgänge in körperliche Krankheiten übersetzen lassen. Die Zusammenhänge sind schwierig zu beweisen.
5.5.
Die Behandlung von Krankheiten kann von verschiedenen Personen durchgeführt werden. Im Laufe der Zeit haben sich die Zuständigkeiten immer wieder verändert.
In früheren Zeiten wurden körperliche und seelische Beschwerden von Familienmitgliedern behandelt. Dabei wurde der/die Leidende getröstet, gestreichelt, gefüttert, verbunden usw. Jeder/jede konnte auf diese Weise kranke Menschen umsorgen.
Mit der Zeit wurde das Wissen, über das die Menschen verfügten, immer umfangreicher; Arbeiten wurden aufgeteilt und jede/r spezialisierte sich auf bestimmte Aufgaben. Ein erster Fachmann im Gesundheitsbereich war der Schamane, Heiler oder Medizinmann.
Im klassischen Griechenland entstanden die ersten medizinischen Schulen. Die dort ausgebildeten Ärzte standen den Reichen mit Tinkturen, Salben, Diätempfehlungen etc. zur Verfügung. Die ärmere Bevölkerung ging zum Kräuterkundigen, wenn sie Rat und Hilfe brauchte. Als dann staatlich organisierte Gesellschaften und die Religionen entstanden, übernahmen die Priester die Aufgaben der Heilung.
Erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Arzt für breitere Bevölkerungsschichten zugänglich. In Europa wurden staatliche Gesundheitssysteme geschaffen. Die intensive Befassung mit den Naturwissenschaften führte zur Entstehung der naturwissenschaftlichen Medizin.
5.6.
Wie ist das Gesundheitssystem in Österreich organisiert?
Die Sicherung der Gesundheit ist eine Aufgabe des Staates. Dazu hat sich in Österreich ein sogenanntes Pflichtversicherungssystem entwickelt, das eine wesentliche Errungenschaft der österreichischen ArbeiterInnen- und Gewerkschaftsbewegungen ist.
Das Versicherungssystem gründet sich auf folgende Prinzipien:
(1) Das Versicherungs- und Beschäftigtenprinzip: Zentrales Element ist die Erwerbstätigkeit. Sie fußt darauf, dass jede/r der/die beschäftigt ist, Versicherungsbeiträge einzahlt und damit auch Anspruch auf Leistungen erwirbt.
(2) Der Generationenvertrag, der dafür steht, dass die Beschäftigten die in Pension befindlichen Personen finanzieren.
(3) Das Solidarprinzip, das besagt, dass die Gesamtgesellschaft für Wohlfahrt und für gewisse Grundleistungen verantwortlich ist und bereit ist, dafür die Kosten zu tragen. Eine der großen Errungenschaften ist beispielsweise die Beteiligung der ArbeitgeberInnen in Österreich an der Versicherung der ArbeitnehmerInnen und damit die Leistung eines Solidarbeitrages.
Das Pflichtversichungssystem besteht aus vier Säulen:
(a) Arbeitslosenversicherung (AMS Arbeitsmarktservice)
(b) Krankenversicherung (GKK Gebietskrankenkassen u. a.)
(c) Unfallversicherung (AUVA Allgemeine Unfallversicherungsanstalt) und
(d) Pensionsversicherung (verschiedene Pensionsversicherungskassen)
Die Beiträge für die vier Säulen werden geteilt (Arbeitgeber-, Arbeitnehmerbeiträge) und werden vom Gesamtlohn berechnet (bestimmte Prozentsätze), vom Arbeitgeber einbehalten und an den Versicherungsträger abgeliefert. Der Arbeitnehmeranteil ist Bestandteil des Bruttolohnes.
Zu (a): Über die Arbeitslosenversicherung werden Maßnahmen und Förderungen der sogenannten passiven und aktiven Arbeitsmarktpolitik gefördert. Aus den Beiträgen, die jede/r Beschäftigte einzahlt, erhalten Personen, die anspruchsberechtigt sind, das Arbeitslosengeld. Bei Personen, die länger arbeitslos sind, gibt es noch die Möglichkeit, die sogenannte Notstandshilfe zu erhalten. Weiters werden aus den Beiträgen auch Maßnahmen finanziert, die dazu beitragen sollen, die Arbeitslosigkeit so kurz wie möglich zu halten oder gar nicht erst entstehen zu lassen. So werden vom AMS im Rahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik verschiedene Eingliederungshilfen, Kursmaßnahmen und Umschulungen finanziert.
Ein Problem des Versicherungsprinzips ist es, dass bei steigender Arbeitslosigkeit sowohl die Einnahmen sinken (weniger Beschäftigte, die einzahlen) als auch die Ausgaben steigen (mehr Arbeitslose, die aus der Kasse Geld erhalten). Daher ist das Arbeitsmarktservice bemüht, Reserven anzulegen, um einen Ausgleich herstellen zu können.
Zu (b): Auch hier gilt das Versicherungsprinzip. Leistungen aus der allgemeinen Krankenversicherung erhalten Beschäftigte und deren Angehörige (für die teilweise verringerte Beiträge eingezahlt werden müssen). Andere Personengruppen müssen selbständig Versicherungsbeiträge einzahlen. Sie können sich selbst versichern, wobei bestimmte Gruppen vergünstigte Tarife erhalten, beispielsweise geringfügig Beschäftigte.
Die Krankenversicherungen sichern den Zugang zu Leistungen der verschiedenen Krankenanstalten und Ambulatorien, sowie zu den niedergelassenen praktizierenden ÄrztInnen (Haus- und FachärztInnen). Die Verrechnung der Kosten erfolgt mittels Krankenschein, der quartalsweise (1/4-jährlich) von den Versicherten bei ihren jeweiligen ÄrztInnen abzugeben ist. Die Beiträge der ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen finanzieren so die medizinische Grundversorgung in Österreich.
Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben sich in Österreich für die einzelnen Berufsgruppen verschiedene Versicherungsträger entwickelt. So gibt es etwa für BeamtInnen eigene Regelungen und eine eigene Versicherungsanstalt, ebenso für Bauern/Bäuerinnen und Selbständige. Die größte Berufsgruppe, die nach dem ASVG, also dem Allgemeinem Sozialversicherungsgesetz, behandelt wird, sind die ArbeiterInnen und Angestellten, die in der Gebietskrankenkasse (GKK) vereint sind. In jedem der neun Bundesländer gibt es eine GKK (Steiermark, Niederösterreich, usw.). Den neun Bundesländer-GKKs sowie allen anderen Teilversicherungen steht der Hauptverband der Sozialversicherungsträger mit Sitz in Wien vor.
Obwohl die Struktur kompliziert ist und die Finanzierung des Systems immer schwieriger geworden ist, ist das österreichische Gesundheits- und Sozialversicherungswesen eines der besten und leistungsfähigsten der Welt. Das soll allerdings nicht bedeuten, dass Reformen und Änderungen nicht notwendig wären, jedoch ist der Standard in Österreich noch immer sehr hoch. Viele Beispiele in anderen Ländern (USA, GB) belegen, dass durch Privatisierung und Abbau der staatlichen Systeme die Gesundheitsversorgung stark eingeschränkt wurde und immer mehr Bevölkerungsgruppen gänzlich ausgeschlossen werden, was erhebliche Folgen für die Volksgesundheit hat.
In Österreich wird ebenfalls eine sehr breite Diskussion um eine Reform des Gesundheitssystems geführt. Dabei handelt es sich aber eher um eine politisch-ideologische Diskussion und nicht so sehr um einen tatsächlich bevorstehenden Kollaps des derzeitigen Systems.
Ein Problem des bestehenden Systems ist es, dass es neun verschiedene GKKs für die neun Bundesländer gibt, die unterschiedliche Leistungsangebote entwickelt haben. Diese Leistungen sind wenig auf gesundheitsfördernde und präventive Aspekte ausgerichtet, sondern zielen stark auf kurativ behandelnde Methoden ab. Damit verbunden ist auch ein deutliches Übergewicht einer naturwissenschaftlich-medizinischen Sicht, die Behandlungen bevorzugt, die der Arzt verschreiben kann.
Die häufigsten Behandlungstechniken bestehen in der Behandlung mit Medikamenten, in Operationen und Bestrahlungen, in Behandlungen im Krankenhaus u.v.m.
Eine Reform des Systems kann nur durch einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel (Wechsel der Sichtweise) erfolgen. Neben präventiven Ansätzen wird von immer mehr KritikerInnen gefordert, dass der Mensch und seine Bedürfnisse wieder in das Zentrum der Beurteilung von Maßnahmen gerückt werden sollen. Die Sichtweise von Berufsgruppen oder Interessensgruppen (ÄrztInnen, Pharmakonzerne) sollten dabei in den Hintergrund treten.
Behandlungssysteme, denen alternativ-medizinische und ganzheitliche Sichtweisen zu Grunde liegen, sind noch immer unterrepräsentiert. Diese berücksichtigen auch die psychische und soziale Situation der PatientInnen sowie deren familiäres Umfeld. Zur ganzheitlichen Medizin gehören verschiedene Zweige; ein paar Beispiele dafür sind:
5.7.
Begriffe im Gesundheitsbereich
Wenn man krank ist, gibt es verschiedene Anzeichen (Symptome),
die darauf hinweisen.
Ein Symptom ist das, was von einer Krankheit sicht-
und spürbar wird, zum Beispiel Kopfschmerzen. Die Krankheiten, die dahinter
stecken, können ganz verschiedene sein, beispielsweise nur
Stress und Überlastung oder aber auch schwerere Krankheiten wie Hepatitis.
Um herauszufinden, was hinter einem Symptom steht, führt der/die ÄrztIn
eine Anamnese durch. Diese Anamnese besteht aus
einem ausführlichen Gespräch mit dem/der PatientIn und einer körperlichen
Untersuchung, bei dem der/die ÄrztIn die Körpergegend, an der die
Beschwerden angegeben werden, abtastet, anschaut und eventuell abhorcht. Wenn
es der/die ÄrztIn für nötig hält, werden weitere Untersuchungen
angeordnet, wie zum Beispiel Blut- Harn-, Röntgen oder Ultraschalluntersuchungen.
Auf die Anamnese folgt die Diagnose; das heißt,
der/die ÄrztIn stellt eine Vermutung an, welche Krankheit hinter den Beschwerden
stecken könnte.
Aufgrund dieser Erkenntnisse wird der/die ÄrztIn eine Therapie anordnen.
Dieser Ablauf besteht aus einer Anzahl von verschiedenen Fakten, Erfahrungen
aber auch Vermutungen. Daher ist jede Therapie immer auch ein Versuch.
Dieser hier beschriebene Ablauf stellt den klassischen Verlauf einer medizinischen
Konsultation (Beratungsgespräch) dar. Das ärztlich dominierte Gesundheitssystem
springt dann ein, wenn eine Krankheit ausgebrochen, also sichtbar geworden ist.
Solange es sich hier um eine simple Grippe handelt, erscheint das
einfach und sinnvoll. Aufgrund von genetischen Vorbedingungen, Umwelt- und Lebensbedingungen
und -weisen wären viele Krankheiten vorhersehbar bzw. vermeidbar. Dazu
wäre es aber oft notwendig, aktuelle Lebensweisen aufzugeben oder zu verändern
(Rauchen, Ernährung, ...).
Wichtig bei dem Kontakt zwischen Arzt und Patient ist, dass die Kommunikation
(siehe Kapitel Interkulturelle Kompetenz - Kommunikation)
gut funktioniert, d.h. dass der Patient Vertrauen in die Fähigkeiten des
Arztes hat, dass der Patient sich ernst genommen fühlt, dass ihm einleuchtet,
warum er diese oder jene Therapie zu machen hat. Ist die Kommunikation, das
Verhältnis gestört, wird der Patient die Therapieempfehlungen des
Arztes nicht befolgen, die Therapie kann also nicht wirken.
Ein häufig kritisierter Punkt ist, dass Ärzte
sich zu wenig Zeit nehmen für die Patienten. Das liegt einerseits am
System, andererseits auch an der Ausbildung und am Selbstverständnis der
Ärzteschaft. (Anm.: Um die Lesbarkeit d. Absatzes nicht allzusehr zu strapazieren,
haben wir hier auf d. weibl. Form verzichtet.)
Das System des Krankenscheins ein fixer Betrag
pro PatientIn und pro Quartal unabhängig von den Leistungen führt
dazu, dass es umso lukrativer für den Arzt/die Ärztin ist, je weniger
Konsultationen (weniger Zeit) pro Krankenschein aufgewendet werden. Je öfter
ein/e Patient/in in die Ordination kommt und je mehr Leistungen der Arzt/die
Ärztin anbietet, die nicht im jeweiligen Leistungskatalog aufscheinen,
desto weniger verdient ein/e Arzt/Ärztin. Das System begünstigt also
die Kurzkonsulationen und das Weiterverweisen zu FachärztInnen.
In der ärztlichen Ausbildung wird nach wie vor großer Wert auf die
fundierte fachliche Ausbildung in der Medizin gelegt. Ein breiterer Gesichtskreis,
ein umfassenderes Verständnis von Gesundheit wird dabei aber kaum vermittelt.
Dies entspricht auch der Tradition der FachärztInnen, die sich zu SpezialistInnen
entwickeln. In der Ausbildung und in dieser Tradition bleiben Aspekte der Kommunikation,
des Gesprächs, der Betrachtung des gesamten Umfeldes des PatientInnen sehr
oft auf der Strecke.
Damit man sich sicher sein kann, dass das, was man dem/der ÄrztIn erzählt,
nicht an andere weitergegeben wird, gibt es die sogenannte ärztliche
Schweigepflicht. Das heißt, es ist gesetzlich festgeschrieben, dass
all das, was dem/der ÄrztIn im Rahmen der Untersuchung und Behandlung anvertraut
wird, streng vertraulich ist, also niemandem weitererzählt werden darf.
5.8.
Gesundheitseinrichtungen medizinische Versorgung
5.8.1.
ÄrztInnen
In der Krankenkassenmedizin bildet der Allgemeinmediziner = praktischer Arzt
= Hausarzt die Basisversorgung. Er steht grundsätzlich für alle
gesundheitlichen Probleme zur Verfügung und verweist an die FachärztInnen
weiter, wenn es nötig ist. Er stellt in Österreich theoretisch den
Knotenpunkt zwischen PatientInnen und den verschiedenen Spezialisten dar. Er
ist vom Prinzip her so etwas wie der Berater, Vermittler und Gesundheitscoach,
der den Patienten durch den Prozess führt und leitet.
Allgemeinmediziner stellen auch ein wenig das Gegenteil zum vorhin beschriebenen
Spezialistentum dar, da sie neben einer fundierten medizinischen Ausbildung
auch viele andere soziale Fertigkeiten besitzen sollten. Leider wird das Prinzip
Hausarzt in Österreich viel zu wenig gefördert. Im Gegensatz
dazu gibt es in den Niederlanden einen eigenen Hausärzteverband.
Oftmals schickt der Hausarzt den Patienten zur genaueren Untersuchung weiter.
Diese geschieht durch einen Facharzt, der mit einem Facharztkrankenschein
oder mit einem Überweisungsschein in Anspruch
genommen werden kann. Fachärzte sind Spezialisten für ein spezielles
Gebiet in der Medizin. (Anm.: Um die Lesbarkeit d. Absatzes nicht allzusehr
zu strapazieren, haben wir hier auf d. weibl. Form verzichtet.)
Fachärzte/-ärztinnen gibt es für
Für die Anamnese und Diagnose (siehe Begriffe im Gesundheitssystem) ist oft der/die Röntgenfacharzt/-ärztin sehr wichtig, der/die einen vertiefenden Einblick in möglicherweise krankhafte Körperteile bieten kann. Jede/r Versicherte kann sich aber auch von sich aus und ohne eine Überweisung des/der Hausarztes/Hausärztin an eine/n FachärztIn oder eine Ambulanz wenden.
Ärzte mit Vertragsverhältnis
Die Mehrheit der ÄrztInnen in Österreich haben einen Vertrag mit einer oder mehreren öffentlichen Krankenversicherungen. Die Basis für diese Vertragsverhältnisse bilden die Gesamtverträge, die die Ärztekammer (das ist die Interessenvertretung der ÄrztInnen) mit den Trägern der Sozialversicherungen schließt.
Der/Die PatientIn nimmt zum Arztbesuch einen Krankenschein mit, den man normalerweise von der Stelle bekommt, die das Gehalt bzw. eine finanzielle Unterstützung (Arbeitsamt, Sozialamt) bezahlt. Über diesen Krankenschein verrechnen ÄrztInnen die für den/die PatientIn erbrachten Leistungen mit der Krankenkasse.
WahlärztIn
Es gibt aber auch die Möglichkeit, einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen, der/die kein Vertragsverhältnis mit einer Krankenkasse hat. Diese/n ÄrztIn nennt man dann WahlärztIn. Die Krankenkasse erstattet einen Teil der Kosten zurück, den Rest muss der/die Patientin aber selbst bezahlen.
5.8.2.
PsychotherapeutInnen
Ein weiterer medizinischer Bereich ist die Psychotherapie. PsychotherapeutInnen arbeiten mit Menschen, die an seelischen Konflikten leiden, an Beschwerden und Erkrankungen, deren Ursachen häufig nicht in körperlichen Erkrankungen liegen. Dabei gibt es viele verschiedene Methoden: Psychoanalyse, Gesprächstherapie, Gestaltstherapie, systemische Familientherapie, Psychodrama, konzentrative Bewegungstherapie, künstlerisches Gestalten wie Malen oder Töpfern und sogar Tanz und Musik können für die Ziele der psychischen Genesung eingesetzt werden. In der Psychotherapie arbeiten TherapeutInnen, die an einer anerkannten Schule eine Ausbildung absolviert haben.
(Siehe Kapitel Zebra-Angebote)
5.8.3.
Gehobene Gesundheits- und Pflegeberufe
Es gibt verschieden Pflegeberufe: Diplomkrankenschwester bzw. Diplomkrankenpfleger (3-jährige Ausbildung) und speziell ausgebildete Berufsgruppen für die psychiatrische Betreuung, die Pflege älterer Menschen und die Pflege von Kindern.
5.8.4.
Pflegehilfe
PflegehelferInnen betreuen pflegebedürftige Menschen in Krankenhäusern. Sie unterstützen die Diplomkrankenschwestern und Diplomkrankenpfleger in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Die dafür nötige Ausbildung dauert 1 Jahr.
5.8.5.
Medizinisch-technische Dienste
In diesem Bereich gibt es verschiedene Berufe, für die die Ausbildung jeweils drei Jahre dauert.
Einige Beispiele:
Diplomierte/r PhysiotherapeutIn:
PhysiotherapeutInnen arbeiten am Körper des/der PatientIn. Es geht dabei besonders um die Therapie nach Unfällen und Operationen. Zu den Behandlungsmethoden zählen zum Beispiel Heilmassagen, Gymnastik, verschiedene Bäder sowie Wärme- und Kälteanwendungen.
Diplomierte/r ErgotherapeutIn:
Ergotherapie geht davon aus, dass Aktiv-Sein und Arbeiten heilende Wirkung hat. Die Aktivitäten werden dabei ganz speziell auf den/die PatientIn abgestimmt. ErgotherapeutInnen unterstützen auch bei der Wiedererlangung der Feinmotorik. Behandelt werden Menschen aller Altersklassen, die durch Unfall, Krankheit oder eine andere Behinderung bei dem, was sie tun, eingeschränkt oder behindert sind. Das Ziel ist es, dass diese Menschen wieder selbständiger werden.
Diplomierte/r DiätassistentIn:
DiätassistentInnen informieren und beraten über die optimale Ernährung, wenn jemand krank ist. Sie sind MitarbeiterInnen der ÄrztInnen und vermitteln in Krankenhäusern und Kurheimen zwischen den PatientInnen, ÄrztInnen, dem Pflegepersonal und der Küche.
Diplomierte/r LogopädIn (SprachtherapeutIn):
SprachtherapeutInnen sind dazu ausgebildet, verschiedene Störungen, die beim Sprechen auftreten können, zu erkennen und zu behandeln. Sie bringen dem/der sprachbehinderten PatientIn bei, Sprache genau zu hören und zu verfolgen und die eigenen Bewegungen, die er/sie beim Sprechen macht, besser zu kontrollieren.
Ein Beispiel für eine Sprachstörung ist das Stottern; seine Ursache ist oft Angst. Mit einem Sprachübungsprogramm versucht der/die LogopädIn, diese Beeinträchtigung abzubauen.
Diplomierte/r OrthoptistIn:
Auf Anordnung eines Arztes/einer Ärztin untersucht der/die OrthoptistIn Sehstörungen und behandelt sie auch.
Hebammen
Hebammen beraten Schwangere, stehen während der Geburt bei und pflegen das neugeborene Kind. Sie können in einer Klinik angestellt sein oder selbständig arbeiten.
5.9.
Spitäler
Bei den Spitälern unterscheidet man öffentliche, die für jede/n Versicherte/n zugänglich sind, von privaten für speziell Versicherte.
Die Ambulatorien und Ambulanzen sind für die Akutversorgung zuständig, das heißt, dass man dort nicht über Nacht bleibt. Die Krankenanstalten betreuen auch akute Notfälle, sind aber vor allem für die Langzeitbetreuung da, für Fälle, in denen eine längere Behandlung nötig ist.
Gibt es einen Notfall, ruft man die Telefonnummer 144 (kostenlos) an und das Krankenhaus schickt einen Krankenwagen, der den/die PatientIn sofort ins Krankenhaus bringt.
Medikamente (ausgenommen Tee und Vitaminpräparate) werden im Normalfall nicht vom Arzt/von der Ärztin selbst ausgegeben sondern von den Apotheken. Eine Ausnahme sind die Hausapotheken: Wenn sich im Umkreis von sechs Kilometern des Arztes/der Ärztin keine Apotheke befindet, darf der/die ÄrztIn selbst eine Hausapotheke führen.
Stärkere Arzneimittel müssen von einem/einer ÄrztIn mittels eines sogenannten Rezeptes (Formular, auf dem der/die ÄrztIn das Medikament aufschreibt) verschrieben werden, schwächere kann man einfach in der Apotheke kaufen. Wenn man ein Medikament verschrieben bekommt, bezahlt man nicht den gesamten Preis dafür, sondern nur eine Pauschalgebühr für das Rezept, das man vom Arzt/von der Ärztin bekommen hat. Aus sozialen Gründen (bei geringem Einkommen) kann man auch von der Rezeptgebühr befreit werden.
5.10.
Prävention/Gesundheitsförderung
Wenngleich das österreichische System sehr stark auf die Behandlung und Linderung von Krankheiten aufgebaut ist, so wird dennoch immer wieder betont, wie wichtig Vorsorgemaßnahmen und Gesundheitsförderungsmaßnahmen sind.
Alle Bemühungen, die Gesundheit zu fördern und Krankheit zu verhindern, sowie Unfälle zu vermeiden, nennt man Prävention.
5.10.1.
Gesundheitsförderung
Die Gesundheitsförderung geht noch ein Stück weiter als die Prävention und hat zum Ziel, die Lebensqualität der Menschen zu verbessern und die Gesundheit langfristig zu sichern bzw. auszubauen, d. h., auch die Chancengleichheit zwischen allen Gesellschaftsmitgliedern herzustellen, damit sie gesund bleiben.
Es soll den Menschen ermöglicht werden, zu ihrer eigenen Gesundheit beizutragen. Dazu gehört Information über z. B. gesunde Ernährung, Bewegung und deren gesundheitliche Auswirkung, wie man richtig an einem Schreibtisch sitzt ohne sich den Rücken kaputt zu machen u. v. m.
Es kann gesagt werden, dass die Menschen mit Wissen ausgestattet werden müssen, um auf sich selbst achten zu können (eigene Ressourcen verbessern) und dass die Umgebung, in der die Menschen leben, nicht gesundheitsgefährdend sein darf.
Gesundheitsförderung findet auf verschiedenen Ebenen statt: Auf der schulischen Ebene, auf der betrieblichen Ebene und auf der Ebene der Gemeinden.
So wird z. B. auf der betrieblichen Ebene, also am Arbeitsplatz darauf geachtet, dass die Menschen Sicherheitskleidung tragen (Gehörschutz, Handschuhe, Sicherheitsschuhe, ...).
Auf der Ebene der Gemeinden wird darauf geachtet, dass die Menschen nicht besonderem Lärm ausgesetzt sind.
5.10.2.
Prävention
Bei der Prävention geht es darum, eine Krankheit ähnlich wie bei der Gesundheitsförderung zu verhindern.
Primäre Prävention
bedeutet, dass man von vornherein Bedingungen schafft, unter denen Menschen mit größerer Wahrscheinlichkeit gesund bleiben. Dazu gehören zum Beispiel Umweltschutzmaßnahmen vom Staat für eine gesunde Luft und für gesundes Wasser oder auch Impfprogramme.
Aber auch das, was jede/r für sich selbst tun kann, um gesund zu bleiben, gehört zur primären Prävention: Gesunde Ernährung, Bewegung, angemessene Wohn- und Arbeitsverhältnisse etc.
Primäre Prävention kommt der Gesundheitsförderung sehr nahe.
Beispiel: Um sich nicht zu verkühlen, zieht man sich warme Socken an, solange die Füße noch warm sind, um nicht der Gefahr ausgesetzt zu sein, kalte Füße zu bekommen und deswegen krank zu werden.
Sekundäre Prävention
Darunter versteht man alle ärztlichen Maßnahmen, um Krankheiten zu einem Zeitpunkt zu erkennen, zu dem der/die Betroffene selbst noch gar nicht merkt, dass er/sie krank ist. Wenn Krankheiten so früh erkannt werden, ist die Chance auf ihre Heilung wesentlich besser. Dazu ist es nötig, sich in regelmäßigen Abständen medizinisch untersuchen zu lassen, auch wenn man noch keine Beschwerden hat.
Daher gibt es in Österreich auch die Möglichkeit sich regelmäßigen Gesundenuntersuchungen zu unterziehen, die für den Patienten/die Patientin kostenlos durchgeführt werden.
Beispiel: Einem Kind, von dem man weiß, dass es sehr empfänglich für Verkühlungen ist, sofort warme Socken anzuziehen, wenn bemerkt wird, dass die Füße kalt sind.
Tertiäre Prävention
Darunter wird die unmittelbare Behandlung von Krankheiten verstanden oder auch die Nachbehandlung von Krankheiten. Es soll verhindert werden, dass die Krankheit, die jemand schon hat, noch schlimmer wird. Zur tertiären Prävention gehört auch, dass jemand nach dem Krankenhausaufenthalt auf Kur fährt. Eine Kur dient unter anderem dazu, sich von einer Krankheit erholen zu können.
Beispiel: Ein Kind ist verkühlt, es hustet, hat Schnupfen und kalte Füße. Wenn man diesem Kind dann Socken anzieht, damit die Verkühlung nicht noch schlimmer wird, dann ist das tertiäre Prävention.
5.11.
Gesunde Ernährung spielt im Zusammenhang mit Wohlbefinden eine wichtige Rolle. Ernährung muss eine ausreichende Energieversorgung für den Menschen bieten, jedoch soll auch eine Überernährung verhindert werden. Ernährung soll alles enthalten, was der Mensch braucht. Der Genuss am Essen soll aber auch nicht zu kurz kommen, außerdem soll bei der Nahrungsgewinnung die Natur geschont werden.
Essen ist für den Menschen notwendig, um wachsen, leben und sich bewegen zu können. Für diese Funktionen brauchen wir verschiedene Lebensmittel, da nicht jedes Lebensmittel alle wichtigen Bestandteile, die der Körper braucht, enthält.
5.11.1.
Die wichtigsten Nahrungsmittelbestandteile
Kohlenhydrate
Kohlenhydrate bilden den Hauptbestandteil unserer Nahrung. Sie sind der wichtigste Energielieferant für den Menschen. In der täglichen Nahrung kommen Kohlenhydrate in Form von Zucker, Stärke oder Ballaststoffen vor. Ballaststoffe sind für eine gute Darmtätigkeit unerlässlich, sie reinigen den Darm. Sie kommen vor allem in Getreide, Obst und Gemüse vor.
Stärke besteht aus vielen Zuckermolekülen und kommt in Brot, Mehl, Kartoffeln und Bohnen vor. Durch Stärke bekommt der Körper gleichmäßig Energie. Das Kohlenhydrat Zucker wird schnell verdaut, der Nachteil ist jedoch, dass reiner Zucker keine anderen Bestandteile enthält.
Fett
Fett ist ein Baustein für den Körper und liefert Energie. Fett kann entweder von Tieren oder von Pflanzen kommen. Bei der Fettaufnahme soll man jedoch beachten, dass mindestens die Hälfte des Fettes, das man zu sich nimmt, von Pflanzen stammt.
Oft findet man in Nahrungsmitteln sogenannte versteckte Fette vor, z. B. in Fleisch- und Wurstwaren, Fertigprodukten, Kuchen, Knabbergebäck. Diese Speisen soll man mit Bedacht zu sich nehmen.
Eiweiß
Eiweiß ist ein sehr wichtiger Bestandteil für den Körper. Er dient vor allem für den Aufbau von Muskeln. Eiweiß besteht aus 20 verschiedenen Bausteinen. Diese Bausteine werden Aminosäuren genannt. Einen Teil dieser Bausteine kann der Körper nicht selbst erzeugen, deshalb müssen diese durch Nahrung zugeführt werden. Wichtig in diesem Zusammenhang ist wiederum, dass jedes Eiweiß anders aufgebaut ist und man darauf achten sollte, dass man sich eine möglichst vielfältige Nahrungspalette aussucht. Eiweiß ist vor allem in Milch, Eiern, Fleisch, Fisch, Getreide, Bohnen und Kartoffeln enthalten.
Vitamine
Vitamine helfen dem Körper, richtig zu funktionieren. Sie sind unter anderem für die Blutbildung und für den Schutz gegen Krankheiten verantwortlich. Vitamine kommen in Lebensmitteln in unterschiedlicher Menge vor.
Vitamine sind vor allem in Obst und Gemüse, Getreide, Nüssen, ölhaltigen Samen und Milch enthalten.
Jedoch können Vitamine leicht zerstört werden. Besonders empfindlich reagieren sie auf lange Lagerung, Licht, Luft, Hitze (kochen). Sie können auch durch Wasser ausgeschwemmt werden.
Deshalb ist es besonders wichtig, Lebensmittel so frisch wie möglich zu verwenden. Außerdem ist auf eine kurze Kochzeit zu achten. Gemüse soll auch nicht lange Zeit im warmen Wasser stehen gelassen werden, es ist besser, das Gemüse kaltzustellen und wieder aufzuwärmen.
Durch Schälen von Obst und Getreide gehen viele Nährstoffe verloren. Deshalb soll man auch darauf achten, Vollkorngetreide zu essen.
Mineralstoffe und Spurenelemente
Diese braucht der Körper vor allem zum Aufbau von Knochen und Zähnen, für die Reizübertragung im Nervensystem und für die Regulation vieler Funktionen im Körper.
Mineralstoffe kommen so wie Vitamine in den Lebensmitteln in unterschiedlichen Mengen vor. Auch hier lautet die Devise, möglichst viele verschiedene Lebensmittel zu essen. Natürliche Lebensmittel haben mehr Mineralstoffe und Spurenelemente als bereits stark bearbeitete.
Hauptbestandteile unserer Ernährung sollen Milch- und Milchprodukte, Getreide- und Getreideprodukte, Gemüse und Obst sein.
Über die Haut und den Harn werden Giftstoffe aus dem Körper ausgeschieden. Daher ist es sehr wichtig regelmäßig und viel zu trinken. Gut sind Wasser, Tee und verdünnte Fruchtsäfte. Bei Alkohol und Kaffee soll Acht gegeben werden, da diese Getränke zum Wasserverlust im Körper führen.
Hier einige Tipps für gesundes Essen:
5.12.
Sucht ist eine Krankheit, die einer Behandlung bedarf. Wesentliches Erkennungszeichen ist, dass Süchtige Substanzen nehmen, mit deren Wirkung sie sich in einen anderen Bewusstseinszustand versetzen wollen. Es kann sich dabei um legale oder illegale Substanzen handeln.
Bei Süchtigen kommt es zu periodischen oder chronischen Rauschzuständen.
Ein weiteres typisches Kennzeichen ist, dass Abhängige den überwältigenden Wunsch haben, den Suchtmittelgebrauch unter allen Umständen fortzusetzen. Diese Gier stellt einen wirklichen Verlust der Kontrolle dar. Süchtige sind bereit, ihr bisheriges Leben komplett aufzugeben, Freundschaftsbeziehungen abzubrechen, soziale Identitäten aufzugeben nur um den Suchtmittelgebrauch fortsetzen zu können.
Menschen, die trotz allem noch mit Suchtkranken leben, geben ihr eigenes Leben auf, nur, um den/die Suchtkranke/n zu unterstützen (Co-Abhängigkeit).
Sucht hat immer eine zerstörerische Wirkung, sowohl auf die Suchtkranken selbst, als auch auf deren nächste Umgebung. Zum Wesen der Sucht gehört auch, dass der Verlust der Kontrolle über das Verhalten vor sich selbst und vor den anderen Menschen solange wie möglich verborgen wird.
Bei Suchterkrankungen ist auch der Wunsch, den Suchtmittelgebrauch zu verringern, immer wieder mit wechselnder Intensität vorhanden. Es gibt aber einen inneren Zwang der Suchtkranken, die Sucht fortzusetzen, obwohl die meisten Suchtkranken über die Gefährlichkeit ihrer Sucht Bescheid wissen. Auf Signale eines sozialen Abstiegs können Betroffene nur schwer reagieren.
Sucht ist ein prozesshaftes Geschehen, kein genau zu definierender Zustand. Begleitet ist dieser Prozess vom Verlust der persönlichen Identität, der sozialen Beziehungen, der individuellen Lebensplanung und der körperlichen Gesundheit. Der Suchtprozess stoppt nicht von allein, ist individuell und muss nicht Schritt für Schritt stattfinden.
Manchmal schaffen es Menschen aus eigener Kraft, aus diesem Suchtprozess auszusteigen, viel öfter jedoch schaffen es jene, die sich Hilfe von kompetenten Menschen geholt haben.
5.12.1.
Wie kommt es zur Entstehung von Sucht?
Es gibt nicht eine Ursache von Sucht, sondern meist entscheiden eine Vielfalt von Faktoren darüber, ob ein Mensch suchtkrank wird. Es gibt deshalb auch keine psychische Störung oder keinen Persönlichkeitstyp, der für psychische Störungen steht.
Eine Rolle für die Entstehung von Sucht spielen:
Um eine Verbesserung und Genesung zu erreichen, muss der/die Suchtkranke selbst den Wunsch äußern, wieder ein freies Leben zu führen und auch bereit sein, selbst aktiv mitzuarbeiten, sonst sind alle Bemühungen umsonst.
5.13.
Um über Arbeit und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit zu sprechen, muss man zu aller erst über die Funktionen der Arbeit nachdenken, die sie in unserer und in der Herkunftsgesellschaft von MigrantInnen hat.
Arbeit steht in vielen Fällen auch in Zusammenhang mit Stress. Dieser Stress kann positiv sein, kann sich in vielen Fällen aber auch negativ auf jede/n einzelne/n auswirken. Gerade dann, wenn ein Übergewicht zwischen Arbeitsanforderungen und den vermeintlichen persönlichen Möglichkeiten besteht. Entscheidend ist hier immer der Umgang mit Stress. Meist steht Stress auch in Zusammenhang mit Zeitmanagement.
AsylwerberInnen, aber auch MigrantInnen sind oft von Arbeitslosigkeit betroffen. Die Selbstverschuldungsthese, von der viele der Betroffenen überzeugt sind, greift nicht. Denn es liegt in vielen Fällen an gesetzlichen Rahmenbedingungen, die die Möglichkeit auf Arbeit verhindert.
Arbeit formt außerdem die Persönlichkeit. Deshalb ist es notwendig, dass der/die Arbeitende sich in der Arbeit weiterentwickeln kann.
Jedoch gibt es auch genügend Arbeitsplätze, die aufgrund anderer Belastungen als Stress die Gesundheit gefährden können. Aus diesem Grund gibt es den ArbeitnehmerInnenschutz (Arbeitsinspektorat, ArbeitsmedizinerInnen, Sicherheitsfachkraft), der sich darum kümmert, dass Grenzwerte eingehalten werden, Dauerbelastungen verringert werden (schädliche Luft, Lärm, u.v.m.)
6.
6.1.
Krankheitserreger sind übertragbare, krankmachende Mikroorganismen. Die Erkrankung ist abhängig von Epidemiologie (Wissenschaft von der Seuchenverbreitung und -bekämpfung), der Menge der Krankheitserreger und von der Abwehrlage des Anzusteckenden.
Es gibt unterschiedliche Krankheitserreger, die unterschiedliche Krankheiten zur Folge haben:
In diesem Zusammenhang werden hier zwei wichtige Krankheitserreger genauer erklärt:
6.1.1.
Bakterien
Als Bakterien bezeichnet man Mikroorganismen, die einen eigenen Stoffwechsel haben. Es gibt unterschiedliche Formen von Bakterien. Diese Formen bestimmen auch ihre Bezeichnungen:
Als Übertragungswege kommen verschiedene Möglichkeiten in Frage:
6.1.2.
Viren
Im Gegensatz zu Bakterien besitzen Viren keinen eigenen Stoffwechsel. Sie können keine Eiweiße selbst produzieren, aus diesem Grund sind sie zu ihrer eigenen Vermehrung auf ihre Wirtszelle angewiesen. In der Art eines Parasiten übernimmt das Virus die Kontrolle über die Wirtzelle und benützt sie zur weiteren Produktion und Virenvermehrung.
Viren gelangen über die verletzte Haut, die Nahrung oder die Atemluft in den Körper. Sie vermehren sich dann an der Eingangspforte oder sie gelangen über die Blut-, Nerven- oder Lymphbahn in das Zielorgan, in dem sie sich vermehren. Die Heftigkeit der Erkrankung hängt davon ab, wie stark die Viren die infizierten Zellen schädigen.
Bakterien und Viren sind an sich völlig normale Begleiter in uns und in unserer Umwelt. Die körpereigenen Abwehrkräfte sind auf Viren- bzw. Bakteirenangriffe eingestellt, das Immunsystem kann diese abwehren.
In den hochtechnisierten Ländern gibt es aber auch so etwas wie eine übertriebene Angst vor Bakterien und Viren. Diese drückt sich einerseits darin aus, dass Sauberkeit und Hygenie besonders hochgeschrieben werden bis zur manischen Übertreibung. Die Folge ist, dass der Körper selbst micht mehr so widerstandsfähig ist.
Andererseits rufen aber auch die Mittel, die zur Bekämpfung von Viren und Bakterien aggressiv genug sind, selbst wieder Krankheiten und Überreaktionen hervor (Asthma, Hautausschläge, Neurodermitis, Allergien, u. a.). Auch im medizinischen Bereich wird immer wieder vor der ausufernden Verwendung von Medikamenten wie etwa Antibiotika (Bakterien- und andere keimtötende Medikamente) gewarnt. Weil die häufige und unnötige Anwendung zu Resistenzen (Widerstands-, Abwehrfunktion) führen kann, und die Medikamente nicht mehr wirken, wenn sie wirklich gebraucht werden.
6.2.
Europäische / außereuropäische Krankheiten
Es ist zu beachten, dass nur wenige Krankheiten in Europa und Nordamerika endemisch sind. Dies hängt einerseits von klimatischen Bedingungen ab (siehe Tropenkrankheiten), andererseits hängt es vom Entwicklungsstand des Landes ab. In Industrieländern, in denen die Mehrzahl der BewohnerInnen einen besseren ökonomischen Background, bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen, bessere Wohnverhältnisse und vor allem auch flächendeckende Impfmaßnahmen vorfinden, ist die Gefahr des Ausbruchs einer Epidemie nicht so hoch. All diese Voraussetzungen fehlen in Entwicklungsländern und begünstigen das Entstehen von Krankheiten und Epidemien.
Krankheiten, die in Industriestaaten so gut wie nicht mehr vorkommen sind:
Auch die Tuberkulosegefährdung ist in den westlichen Ländern weitgehend verschwunden. Man muss jedoch dazufügen, dass Tuberkulose eine Armutskrankheit ist, die auch hier in Österreich Menschen unter prekären Lebensumständen betreffen kann.
Hepatitis B und C sind Krankheiten, die durch Körperflüssigkeiten und Blut übertragen werden. Diese Krankheiten findet man aus diesem Grund auch immer häufiger in Industriestaaten.
6.3.
Einige wichtige Infektionserkrankungen sind
6.3.1.
Hepatitis
Unter Hepatitis versteht man Erkrankungen, die mit einer Entzündung der Leber und einer Leberzellschädigung einhergehen. Hepatitis kann durch Viren, Bakterien, Protozoen, Parasiten, giftige Substanzen, Arzneimittel oder Alkohol hervorgerufen werden. Die am weitesten verbreiteten Formen von Hepatitis sind Hepatitis A, B, und C. Es sind auch noch andere Formen der Hepatitis bekannt.
Impfen kann man sich gegen Hepatitis A und B. Als MitarbeiterIn im medizinischen Bereich ist eine Impfung gegen Hepatitis A und B empfehlenswert und zum Teil verpflichtend.
6.3.2.
Influenza
Im Gegensatz zu den häufig harmlosen und schnell ausheilenden Erkältungsinfekten ist die echte Grippe eine Viruserkrankung, die sich in epidemischen Wellen jährlich mit unterschiedlichen Schwerpunkten weltweit ausbreitet.
Die Inkubationszeit (Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch einer Krankheit) beträgt wenige Tage, Übertragung erfolgt durch Tröpfcheninfektion über die Luft.
Symptome sind Kopf-, Glieder-, Hals- und Brustschmerzen, Husten, bisweilen kommt es zu Übelkeit und Erbrechen.
Die Krankheit dauert im Durchschnitt eine Woche, allgemeine Abgeschlagenheit ist aber normalerweise noch einige Wochen später bemerkbar. Häufigste Komplikation ist eine Lungenentzündung. Besonders betroffen sind alte Leute und Leute mit geschwächtem Immunsystem.
6.3.3.
Poliomyelitis (Kinderlähmung)
Diese Viruserkrankung ist in Entwicklungsländern nach wie vor verbreitet. In Industrieländern ist die Erkrankung aufgrund von flächendeckender Impfung ausgestorben. Die Ansteckung erfolgt auf fäkal-oralem Weg.
Frühzeitige Symptome sind Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Verdauungsstörungen.
Über die Blutbahn kann das Virus in das Nervensystem gelangen. In einem von 100 Fällen treten Lähmungen auf. Infizierte Personen sind in der ersten Zeit infektiös und müssen isoliert werden. Besondere Vorsicht ist auch noch nach 6 Wochen bei den Ausscheidungen geboten.
6.3.4.
Tetanus
Tetanusbakterien können bei Wunden jeder Art, auch bei kleinen Verletzungen, in die Haut gelangen. Besonders gefährdet sind mit Straßenstaub oder mit Erdreich verschmutzte Wunden oder Tierbisse. Die Erreger sondern ein Gift ab, das nach 1 - 2 Wochen zu schweren, schmerzhaften Muskelkrämpfen und Lähmungen mit Todesfolge führt.
6.3.5.
Typhus
Diese Bakterien werden mit verunreinigter Nahrung und Trinkwasser aufgenommen. Die Inkubationszeit beträgt zwei Wochen. Infizierte entwickeln ein schweres Krankheitsgefühl und Lethargie, das unbehandelt mehrere Wochen anhalten kann. Komplikationen, wenn sie unbehandelt sind, können tödlich enden. Beim Paratyphus handelt es sich meist um eine etwas mildere Form von Typhus.
6.3.6.
Keuchhusten
Keuchhusten ist eine hochansteckende Erkrankung, die über Tröpfcheninfektion übertragen wird. Am Anfang treten untypische Symptome wie Niesen, Heiserkeit und Schnupfen auf. Nach ein bis zwei Wochen kommt es zu den typischen Hustenanfällen mit ca. 15 - 20 Hustenstößen. Die Anfälle schließen mit einem hörbar keuchenden Einatmen ab. Bei den Hustenanfällen kommt es auch oft zu Erbrechen. Nach Hustenattacken, die besonders häufig nachts auftreten, folgen immer hustenfreie Zeiten.
Komplikationen finden sich vor allem in Erkrankungen der Atemwege, auch kann es aufgrund der Schwächung des Immunsystems zu Lungenentzündungen kommen. Der Verlauf der Infektion ist bei Säuglingen oft schwerer als bei älteren Kindern. Bei Säuglingen soll die Behandlung auch im Krankenhaus erfolgen. Im Allgemeinen haben Aufenthalte im Freien oder im ruhigen Milieu günstigen Einfluss auf die Kinder.
Gegen Keuchhusten kann aktiv geimpft werden. Nach einer durchgemachten Erkrankung ist der Schutz gegen eine Neuerkrankung zwar effektiver, es gibt jedoch keine bleibende Imunität.
6.3.7.
Tuberkulose
Die Tuberkulose, eine bakterielle Infektion, ist in Entwicklungsländern noch weit verbreitet, in den Industrieländern ist sie selten geworden.
Die Inkubationszeit kann mehrere Monate betragen. Die Übertragung erfolgt meist durch Tröpfcheninfektion aus dem Speichel infizierter Personen.
Die Tuberkulose, auch Schwindsucht genannt, ist eine chronisch verlaufende Infektionskrankheit, die weltweit verbreitet ist. Weltweit sterben jährlich 3 Millionen Menschen an den Folgen der Tuberkulose. Schlechter Ernährungszustand, desolate soziale Verhältnisse und ein geschwächtes Immunsystem begünstigen Infektion und Erkrankung. Krankheitsauslöser sind Tuberkelbakterien, die durch Tröpfcheninfektion übertragen werden.
Kurze Zeit nach der Infektion entsteht die Primärtuberkulose, die durch einen isolierten Entzündungsherd, meist in der Lunge, gekennzeichnet ist. Die Erreger können sich jedoch auch unbemerkt im Körper ausbreiten und nach vielen Jahren entsteht dann durch Reaktivierung die Postprimärtuberkulose mit fortschreitender Entzündung in Lunge, Niere, Knochen oder anderen Organen.
Symptome:
Das Stadium der Primärtuberkulose, in dem ca. 50% der Erstinfektionen zum Stillstand kommen, verursacht meist wenige oder nur sehr untypische Beschwerden wie leichte Temperaturerhöhung, Husten, Nachtschweiß oder Appetitlosigkeit.
Die Tuberkulose wird ansteckend, wenn ein Entzündungsherd aufbricht und die Erreger nach außen gelangen. Man spricht dann von einer offenen Tuberkulose, die dem Gesundheitsamt gemeldet werden muss und einer Isolierung des/der Betroffenen bedarf. Die Diagnose wird durch Lungenröntgen und den oft schwierigen Erregernachweis gestellt. Die Behandlung besteht aus einer Kombination von mehreren Medikamenten, die das Wachstum der Bakterien hemmen und muss konsequent über neun Monate durchgeführt werden.
Die Möglichkeit einer Schutzimpfung wird derzeit nur für Risikogruppen empfohlen.
6.3.8.
Malaria
Malaria wird durch Plasmodien (das sind Parasiten) verursacht und durch bestimmte Stechmücken übertragen. Leitsymptom ist Fieber, das von einem starken Krankheitsgefühl und Kopf- und Gliederschmerzen begleitet wird. Schüttelfroste und Schweißausbrüche sind Begleiterscheinungen.
Malaria hat eine Inkubationszeit von 7 - 12 Tagen. Lebensbedrohliche Zustände wie Koma und Nierenversagen können zu Schock führen. Es gibt auch noch andere Formen der Malaria, dabei treten die Fieberschübe immer wieder auf. Trotz zunehmender Resistenzprobleme ist Malaria bei rechtzeitiger Behandlung relativ leicht heilbar. Umso erschreckender ist es, dass Malaria in unterentwickelten Ländern die Krankeit mit der größten Todesrate ist.
Es gibt auch noch andere Tropenkrankheiten. Diese Krankheiten hängen mit spezifischen Voraussetzungen (Klima, Parasiten, ...) zusammen, die in tropischen Breiten gegeben sind:
Solche Krankheiten sind:
Dies ist aber lediglich eine Auswahl der am häufigsten vorkommenden Krankheiten.
Eine weitere Unterscheidung kann getroffen werden in bezug auf das Alter, in dem die Krankheit in den meisten Fällen ausbricht. Man spricht von sogenannten Kinderkrankheiten:
Dazu gehören:
Masern/Mumps, Schafplattern, Röteln bekommt jeder Mensch normalerweise nur ein Mal. Nach der Erkrankung hat man eine Art Schutz erworben, man ist dagegen immun.
Mumps und Röteln hat man sie als Kind nicht gehabt können im Erwachsenenalter mehr Komplikationen nach sich ziehen. Z. B. kann sich Mumps bei Männern auf die Zeugungsfähigkeit auswirken.
Bei Frauen kann eine Infektion mit Röteln im Falle einer bestehenden Schwangerschaft Schäden beim Ungeborenen verursachen. Deshalb ist in Österreich eine Impfung gegen Röteln bei jungen Frauen vorgesehen. Auch wenn junge LehrerInnen in den Schuldienst eintreten wollen, wird untersucht, ob noch ausreichend Abwehrstoffe gegen Röteln vorhanden sind. Vgl. das Kapitel Impfungen.
Unter den Infektionskrankheiten gibt es auch sexuell übertragbare Krankheiten:
Dazu zählen unter anderem:
Schutz vor dieser Art von Erkrankungen können Kondome bieten. Jedoch muss darauf hingewiesen werden, dass Kondome keinen 100%-igen Schutz bieten können.
6.3.9.
HIV
HIV ist eine Erkrankung, die durch Körperflüssigkeiten, Blut und Sekrete übertragen wird.
Wenn ein/e PatientIn HIV-positiv ist, bedeutet das, dass er/sie sich mit dem HI-Virus angesteckt hat. Es handelt sich hiermit um eine Viruserkrankung. Infolge der Infektion kommt es bei den meisten Menschen zur fortschreitenden Schädigung des Immunssytems.
Ansteckungsmöglichkeiten:
Körperflüssigkeiten wie Blut, Scheidensekret und Samenflüssigkeit.
KEINE Ansteckungsmöglichkeit:
Speichel und Schweiß
Entscheidend für die Infektion ist neben der Menge der infektiösen Flüssigkeit auch die Größe der Eintrittspforte und die Dauer des Kontaktes mit der infektiösen Flüssigkeit.
Hauptübertragungswege:
Auf diese Art und Weise kann HIV nicht übertragen werden:
Nach heutigem Kenntnisstand ist davon auszugehen, dass es bei den meisten Menschen, die HIV-infiziert sind, nach 10 - 15 Jahren zu einer Schädigung des Immunsystems kommt. HIV-Infektionen verlaufen sehr unterschiedlich. Sie hängen von verschiedenen Faktoren ab: z. B. Alter, Zustand des Immunssystems, weitere Erkrankungen.
Verlauf der HIV-Infektion
Es ist nach heutigem Stand der Wissenschaft noch immer ungeklärt, ob eine Infektion mit HIV zwansgsläufig zu der Erkrankung AIDS führen muss.
Verlauf, Dauer, Symptome sind bei jedem/jeder HIV-Infizierten ganz unterschiedlich. Manche Infizierte erkranken früh immer wieder an leichten ersten Infektionen, mache sind nach 15 - 20 Jahren ohne Therapie immer noch symptomfrei. Die Durchschnittszeit, nach einer HIV-Infektion an AIDS zu erkranken, dauert ca. 10 bis 12 Jahre.
Akute Infektion
Nach der Ansteckung mit dem Virus kann es zu Symptomen wie bei einer Grippe oder wie bei Pfeiffer´schem Drüsenfieber kommen (Fieber, Müdigkeit, Muskel- und Gelenksschmerzen, gelegentlich Hautausschlag). Nach dieser Infektion kommt der Körper mit den Viren zurecht, die Viren werden aber nicht restlos aus dem Körper entfernt. Fachsprachlich ausgedrückt wechselt die Infektionszeit nun über in die Latenzphase.
Die Latenzphase bezeichnet die symptomfreie Zeit. Sie dauert unterschiedlich lang. In dieser Phase fühlen sich die meisten Menschen gesund, sie haben auch kein deutlich höheres Risiko zu erkranken als nicht infizierte Menschen. Beschwerdefreie Menschen brauchen sich normalerweise nur zweimal im Jahr einer Routineuntersuchung zu unterziehen.
Wenn die Viruszahl im Blut zu steigen beginnt, kommt es zum Ausbruch von AIDS. Erste Symptome sind Anschwellen der Lymphknoten an mindestens zwei Körperstellen. Es kommt zu starkem Gewichtsverlust, Nachtschweiß, Fieber und Durchfall.
Die Abwehrkräfte werden immer schwächer. So kommt es in vielen Fällen zu sogenannten HIV-assoziierenden Krankheiten. Dazu gehören die bakterielle Lungenentzündung und die Gehirnhautentzündungen, Gürtelrose, Pilzbefall des Mundes, Nervenschädigungen. Diese Erkrankungen müssen jedoch nicht auf jeden Infizierten zutreffen.
AIDS-definierende Erkrankungen sind
Es gibt Tumore, die vor allem die Haut, Schleimhäute, Darm und Lunge betreffen, auch Tumore am Gebärmutterhals und maligne Lymphome wurden beobachtet.
Therapie
Der Erfolg der Therapie hängt davon ab, wie früh man von der Erkrankung erfährt, von den regelmäßigen Untersuchungen und der Rechtzeitigkeit des Starts der Kombinationstherapie.
Medikamentenmenge und Einnahmemodus
Durch die Fortschritte in der antiretroviralen Therapie kam es in den reichen Staaten des Nordens seit 1996 zu einem eindrucksvollen Rückgang an neuen Erkrankungen. In Afrika jedoch erweist sich AIDS als Volksseuche, die nach wie vor nicht unter Kontrolle ist.
Die Wirkweise der verfügbaren Kombinationstherapien ist wie der Verlauf einer HIV-Infektion sehr von den unterschiedlichen individuellen Bedingungen abhängig.
Erklärtes Ziel der Therapien ist es, die Virenkonzentration zu minimieren, d. h. unter die Grenze der Nachweisbarkeit zu senken und die Zahl der CD4-Lymphozyten zu heben. Dieses Ziel hängt neben vielen anderen Faktoren von der Bereitschaft und Fähigkeit der PatientInnen ab, die immense Herausforderung des sehr strengen Therapieregimes anzunehmen und zu bestehen.
Eine Therapie konsequent durchzuhalten, erfordert sehr viel Disziplin und Energie. Gemeinsam mit Ärzten und Ärztinnen bieten die Aidshilfen Unterstützung an, um mit dieser Herausforderung zurecht zu kommen.
6.4.
In Österreich werden Impfungen flächendeckend durchgeführt. Eine wichtige Maßnahme in diesem Zusammenhang stellt der Mutter-Kind-Pass dar, der auch Eintragungen über die wichtigsten Impfungen enthält.
Außerdem werden bestimmte Impfungen später (Impfung gegen Poliomyelitis, Impfung für Mädchen gegen Röteln) in Kooperation mit der Schule durchgeführt, um alle Kinder zu erreichen.
6.4.1.
Vorgeschriebene Impfungen
1. Lebensjahr:
3 Teilimpfungen gegen Tetanus und Diphtherie, Schluckimpfung gegen Poliomyelitis (3x im Abstand von jeweils sechs Monaten)
2. Lebensjahr:
Impfung gegen Masern und Mumps
7. Lebensjahr:
Auffrischungsimpfung Diphtherie und Tetanus, Poliomyelitis, Pneumokokken
13. Lebensjahr:
Impfung gegen Röteln (Mädchen)
14. - 15. Lebensjahr (Schulaustritt):
Auffrischungsimpfungen Poliomyelitis, Impfungen gegen Diphtherie und Tetanus
Im Erwachsenenalter sollen die Impfungen gegen Tetanus und Poliomyelitis alle 10 Jahre, gegen FSME alle 3 Jahre aufgefrischt werden.
6.4.2.
Weitere Impfungen, die empfohlen werden
Zeckenkrankheit (FSME)
Diese Impfung schützt vor der durch Zecken übertragenen Gehirnhautentzündung. Sie besteht aus drei Teilimpfungen (Erst- und Folgeimpfungen). Die ersten beiden Teilimpfungen sollen im Abstand von 4 Wochen bis 3 Monaten gemacht werden, die dritte 9 bis 12 Monate danach. Alle drei Jahre muss eine Auffrischungsimpfung
erfolgen. Diese Impfung ist ab dem 1. vollendeten Lebensjahr zu empfehlen.
Gegen Grippe (Influenza)
Diese durch Viren ausgelöste echte Grippe ist vor allem im höheren Alter und bei chronisch Kranken eine gefährliche Krankheit.
Der Impfstoff wird den sich laufend ändernden Virustypen angepasst, sodass eine jährliche Impfung zu empfehlen ist.
Gegen Hepatitis A und B
Diese Impfung ist vor allem für Personen, die viel mit Kranken zu tun haben, zu empfehlen. In Österreich gehört sie nicht zu den Standardimpfungen und wird nur für Personen mit beruflichem Infektionsrisiko bezahlt. Ansonsten müssen die Kosten selbst übernommen werden.
7.
7.1.
Individuelle (Vor-)Bedingungen
Flüchtlinge und MigrantInnen sind durch Flucht und Migration besonderen psychischen (seelischen) und physischen (körperlichen) Belastungen ausgesetzt. Der überwiegende Anteil kommt aus Ländern, in denen die sanitären, medizinischen und gesundheitlichen Voraussetzungen dramatisch schlechter sind als in Österreich.
Viele mussten Krieg, Verfolgung, politische Gewalt und Folter erleiden. Die Folgen dieser Extremsituationen sind nicht nur psychisch sondern auch physisch spürbar (siehe auch Kapitel Trauma). Viele der Flüchtlinge hatten monate-, manchmal sogar jahrelang unter schlimmen Lebensumständen auf der Flucht zu leiden (Flüchtlingslager usw.).
In Österreich angelangt, haben Flüchtlinge oft ihre familiären, sozialen und kulturellen Wurzeln verloren, was ihre Situation in der Fremde zusätzlich erschwert. Sie haben häufig niemanden der/oder die ihnen hilft, mit der neuen Lebenssituation zurecht zu kommen. Gemeinsam sind ihnen die Erfahrungen der Fremdheit, der Isolation und der Ghettoisierung im Exil.
7.2.
Strukturelle Bedingungen
AsylwerberInnen und Flüchtlinge sind mit den Tatsachen konfrontiert, dass sie nicht arbeiten dürfen, dass sie meist in einer Großunterkunft leben, dass ihr Leben fremdbestimmt wird und vom Warten (auf die Anerkennung als Flüchtling) gekennzeichnet ist. Wenn sie Arbeit finden, dann meist schlecht bezahlte, körperlich belastende und oft gefährliche Jobs, die sie oft unter den verschärfenden Bedingungen der Illegalität leisten.
Die verschiedenen Systeme, in die MigrantInnen und Flüchtlinge in Österreich
aufgenommen werden, stellen für sie eine völlig fremde Welt dar. Ob dies das Rechts-, das Unterbringungssystem oder das Gesundheitssystem ist für AsylwerberInnen ist alles völlig anders, nicht verständlich und undurchsichtig.
Am Beispiel des Gesundheitssystems wird dieses Dilemma besonders deutlich. Die kulturell und strukturell bedingten Erfahrungen der AsylwerberInnen, die sie mit den Begriffen Gesundheit und Krankheit in ihrem früheren Leben gemacht haben, sind in Österreich vielfach ohne Belang, ihre kulturellen Erfahrungen, Wurzeln und Beziehungen sind gekappt. Das System hier ist groß und modern, unübersichtlich, unverständlich und völlig anders. Auf die speziellen Bedürfnisse, die unterschiedlichen kulturellen Zugänge von MigrantInnen geht das System nicht ein, dazu fehlt die Zeit, der Raum, das Geld und die Sensibilität. Die westliche Apparatemedizin ist bemüht, Krankheiten zu systematisieren und zu vereinheitlichen, anzugleichen und nicht auf die speziellen Bedürfnisse Einzelner bzw. einzelner Bevölkerungsgruppen einzugehen.
Ramazan Salman, Mitarbeiter des Ethnomedizinischen Zentrums Hannover, beschreibt das Problem dabei so: Krankheit ist zwar eine einheitliche menschliche Erfahrung, die aber von soziokulturellen Regeln gestaltet wird.
Demnach beurteilen und bewerten MedizinerInnen oder TherapeutInnen ebenso wie ihre ausländischen PatientInnen jeweils aufgrund ihres eigenen wissenschaftlichen, sozialen, kulturellen und religiösen Verständnisses die aktuelle Krankheit. Ob eine Heilung erfolgreich ist, hängt davon ab, ob sich das jeweilige Krankheitsverständnis von Heilern und Patienten deckt. Da jedoch sehr oft Bedeutungsinhalte und Symbole in verschiedenen Sprachen nicht übereinstimmen, vermindern sich die Heilungschancen deutlich.
Eine Statistik des Ethnomedizinischen Zentrums in Hannover veranschaulicht die Problematik anhand eines kleinen Details: Der Anteil der MigrantInnen beträgt in Deutschland etwa 10%. Doch ca. 30% aller verschriebenen Magen-Darm-Medikamente werden von ihnen verbraucht.
In Österreich gibt es zwar solche Daten nicht, Deutschland und Österreich sind aber diesbezüglich durchaus vergleichbar und es kann angenommen werden, dass es sich in Österreich ähnlich verhält.
Die Gründe dafür sind darin zu suchen, dass etwa türkische PatientInnen verstärkt im Magen-Darmbereich somatisieren (erkranken, Symptome zeigen). Da sich die ausländischen PatientInnen nicht verstanden und entsprechend ihren Bedürfnissen behandelt fühlen, kommt es oft zu Selbst-Medikation, PatientInnen kombinieren (verbinden, mischen) verschiedene Mittel willkürlich. Daraus lässt sich schließen, dass MigrantInnen mit Verständigungsproblemen nur selten eine Übereinstimmung ihrer Sichtweisen mit den Sichtweisen von außen, von MedizinerInnen und TherapeutInnen, erzielen. Missverständnisse, Verwirrungen und Frustration sind alltägliche Begleiterscheinungen und tragen zu sozialer Isolation sowie zum Verlust des Selbstwertgefühls bei.
Die Literatur zum Themenbereich Migration und Gesundheit weist auf ein höheres Morbiditäts- (höhere Häufigkeit von Krankheiten) und Mortalitätsrisiko (Sterblichkeit) bei MigrantInnen hin. So lässt sich feststellen,dass bei MigrantInnen folgende Krankheiten häufiger sind, als bei ÖsterreicherInnen:
Außerdem kann zusammenfassend gesagt werden, dass insgesamt große Versäumnisse in der gesundheitlichen Versorgung von MigrantInnen in Österreich bestehen.
Insbesondere Kommunikations- und Sprachprobleme sind oft Ursache für Fehlbehandlungen.
Die MigrantInnen finden sich in einer fremden undurchschaubaren Welt wieder, in der sie als rechtlose Objekte und Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Die buchstäbliche Sprachlosigkeit ist das deutlichste Zeichen des Nicht dazu Gehörens.
Es bestehen eine Reihe von rechtlichen Faktoren, die MigrantInnen und Flüchtlinge vom täglichen Leben ausschließen.
Zum Beispiel am Arbeitsmarkt: Dieser ist durch das Ausländerbeschäftigungsgesetz geregelt, welches verhindert, dass MigrantInnen eine Arbeit annehmen können, bzw. sie müssen, bevor sie arbeiten dürfen, ein langwieriges und kompliziertes Verfahren in Kauf nehmen, bei dem sie einen Betrieb benötigen, der einen Antrag auf Beschäftigungsbewilligung stellt (siehe auch Migrationsrelevante Begriffe).
Sie sind vom Wahlrecht ausgeschlossen, von einer Reihe von Berufen und viele Arbeitsstellen kommen für sie nicht in Frage, weil die Staatsbürgerschaft Voraussetzung dafür ist (Justiz, Sozialversicherungsbereich, Polizisten, Magistratsdienst u.v.m.).
Das österreichische Gesundheitssystem hat bisher auf die speziellen Bedürfnisse und Anforderungen von MigrantInnen nahezu nicht reagiert. Wie aus verschiedenen Studien und Arbeiten hervorgeht, werden die Bedürfnisse von MigrantInnen in der österreichischen Gesellschaft im Allgemeinen und im Gesundheitsdienst im Speziellen bestritten und ignoriert.
Diese konkreten Ausschlussmechanismen einerseits und Ignoranz andererseits führen dazu, dass die öffentlichen Systeme (Ämter, Behörden, Krankenhäuser, Gesundheits- und Sozialeinrichtungen) in nahezu allen Bereichen hohe Zugangsbarrieren für MigrantInnen aufweisen, wodurch die Versorgung nicht gewährleistet ist.
Dort wo es keine rechtlichen offiziellen Hürden gibt, werden sie oft weniger deutlich wahrgenommen, es gibt sie aber dennoch, es sind institutionelle, strukturelle. Fehlende Informationsblätter, mangelnde Transparenz über die Angebote, sowie fehlende spezifische Angebote für MigrantInnen kennzeichnen den Alltag (siehe auch Projekte von ZEBRA).
7.3.
Zusammenfassung der wichtigsten Problemstellungen von MigrantInnen beim Thema Gesundheit
7.4.
Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie Wunde. Demgemäss wird in der Medizin vom Trauma als Verletzung des Körpers gesprochen. Nachfolgend wurde der Begriff aber nicht allein auf die körperliche (physische) Wunde beschränkt, sondern auch um die Verwundung der Psyche/Seele erweitert. Die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft APA (American Psychiatric Association) definierte 1994 Trauma als eine Erfahrung außerhalb der Norm, bei der die psychische und physische Integrität eines Einzelnen oder einer Gruppe von Menschen bedroht ist.
Der Begriff des außerhalb der Norm Liegenden in dieser Definition deutet darauf hin, wie relativ und unterschiedlich die Traumawahrnehmung sein kann. Ob jemand ein Trauma erleidet oder nicht und ob sich damit Symptome der Reaktion einstellen, hängt von der Persönlichkeit sowie von den Umweltbedingungen ab. Das gilt insbesondere für den Bereich der politisch-organisierten Gewalt.
Gisela Perren-Klingler, Psychiaterin für Kinder und Jugendliche, Gründerin des Institutes für Psychotrauma in der Schweiz und ehemaliges Schweizer Mitglied der Europäischen Kommission zur Verhütung von Folter beschreibt in ihrem Buch Debriefing zwei Typen von Trauma:
Trauma Typ I ist ein einmaliges, unvorhergesehenes Ereignis, das oftmals für den/die Betroffene/n ohne Vorwarnung hereinbricht. Unter Typ I fallen etwa Naturkatastrophen, Unfälle usw., es kann aber auch ein von Menschenhand gemachter Umstand sein, wie etwa ein Fliegerangriff u.ä.
Beim Trauma Typ II wird hingegen der Betroffene immer wieder den gleichen oder ähnlich gewalttätigen Ereignissen ausgesetzt.
Klassisches Charakteristikum für diesen Typ II sind Häftlinge, die der Folter durch Militär- und Polizeiapparat ausgeliefert sind. Die Folter kehrt in regelmäßigen Abständen wieder. Auch Kinder, die missbraucht werden, fallen unter Typ II.
Diese Traumadefinition gilt nicht speziell aber auch für den Bereich von politisch Verfolgten und Flüchtlingen. Im Zuge der intensiven Beschäftigung mit Flüchtlingen, die Opfer von organisierter politischer Gewalt geworden sind, wurde deutlich, dass es noch eine dritte Form des Traumas gibt.
Sie wird von ExpertInnen als Trauma Typ III kategorisiert. Trauma Typ III besteht aus einer Mischung aus den beiden oben genannten Formen (Typ I und II) und bezeichnet einerseits ein einmaliges Ereignis (beispielsweise durch Ausbruch des Krieges, Bombardierung des Dorfes oder der Vertreibung der Bevölkerung Typ I, einmalig), andererseits offenbart sich durch die Flucht und auf der Flucht ein anhaltendes, wiederkehrendes Gewaltereignis (Typ II, wiederkehrend).
Sehr oft berichten Frauen, die vor den Bomben der Militärs auf der Flucht waren, dass sie durch Schlepper anhaltender Gewalt, Vergewaltigungen u. a. ausgesetzt waren.
Drei Aspekte sind beim Erleben eines Traumas zentral:
Während man der traumatischen Situation ausgesetzt ist (Traumaexposition), laufen archaische (frühzeitliche, instinktive) Überlebensstrategien im Körper des Betroffenen ab. Der Körper schüttet eine wahre Flut an körpereigenen Hormonen aus, die verschiedene Bewusstseinsstadien unterstützen. Bei einer kritischen Situation stellt sich der Körper zuerst dem Kampf. Scheint dieser aussichtslos, möchte er die Flucht antreten, ist auch diese unmöglich oder sinnlos, bleibt als letzte und tiefste Stufe der Totstellreflex. All diese Formen der Reaktion laufen automatisch ab und dienen dem Überlebenstrieb.
Während der Traumaexpostion sind verschiedene Funktionszustände bekannt: etwa das Monitoring (genaues, konzentriertes Hinschauen und Handeln), das Blunting (lenkt die Aufmerksamkeit nach innen, verströmt in höchster Panik ein Gefühl der Sicherheit) und die Dissoziation, bei der die Aufmerksamkeit nach außen gerichtet wird und Emotionen (Gefühle) abgespalten werden.
Je nach Stadium und auch Notwendigkeit kann der Körper durch die Hormonproduktion diese Zustände erzeugen. Sie alle dienen dem Ziel, das Überleben in der Gefahrensituation zu sichern.
Menschen, die Folterungen ausgesetzt waren, berichten etwa, dass sie sich selbst völlig gefühllos und taub von außen betrachtet haben und der eigenen Folterung als Beobachter beiwohnten. Dies sind normale Reaktionen auf abnormale Situationen.
Die einmal erlebten Funktionen prägen sich jedoch ein und bleiben bestehen und führen danach zu Akuten Stress Reaktionen (ASR). Diese in der traumatischen Aktion lebensrettende körperliche Übererregung verhindert im normalen Zustand ein zur Ruhe kommen. Die Menschen beginnen unter Schlafstörungen, Reizbarkeit, Aggressivität, Gewalttätigkeit, Ruhelosigkeit zu leiden. Zu den somatischen (körperlichen) kommen psychologische und soziale Reaktionen:
Diese beschriebenen Reaktionen sollten sich nach einigen Wochen gelegt haben, bzw. zurückgegangen sein, ansonsten besteht die Gefahr der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder Posttraumatic Stress Disorder (PTSD), die auch in weiterer Folge in Form von chronifizierter PTBS auftreten kann.
Es kann nicht generell gesagt werden, wie Menschen auf traumatische Ereignisse reagieren.
Sehr wohl gibt es aber einen Zusammenhang zwischen Folgereaktionen und der Schwere und Dauer des traumatischen Erlebnisses.
Es spielen aber auch die physische Konstitution (Beschaffenheit) des Betroffenen und das Alter eine Rolle. Kinder und alte Menschen sind gefährdeter, nach einem traumatischen Erlebnis PTBS zu entwickeln.
Auch konnte ein Zusammenhang zwischen der Sinnhaftigkeit der Katastrophe und den Folgen für die einzelnen Menschen hergestellt werden. Menschen, die von einer Katastrophe unerwartet überwältigt wurden, sind einer größeren Gefahr ausgesetzt, an den Folgen zu leiden, als Personen, die dem Ereignis einen Sinn geben können bzw. sich des Risikos, in diese Situation zu geraten, bewusst waren und darauf vorbereitet waren (z. B. politische Oppositionelle, Widerstandskämpfer...).
7.4.1.
Wie geht man mit traumatisierten Menschen um?
Es ist schwierig, darauf eine allgemein gültige Antwort zu geben, denn es ist von den Umständen abhängig, welche Unterstützungen traumatisierte Menschen brauchen (können). Einige generelle Regeln lassen sich jedoch aufstellen.
Je früher mit der Aufarbeitung des Erlebten begonnen werden kann, desto größer sind die Chancen auf Verarbeitung und Integration in einen einigermaßen stabilen psychischen Zustand. Raum und Zeit für ein Gespräch sind hier besonders wichtige Faktoren.
Ein geordnetes, strukturiertes und sicheres Umfeld sowie soziale Netzwerke (Familie, Freunde, Insitutionen, die helfen können) tragen wesentlich zur positiven Verarbeitung von traumatisierenden Ereignissen bei. Umso schlechter diese Versorgung ist, desto größer wird die Gefahr, dass Folgen bestehen bleiben.
Viele Traumaerlebnisse spielen sich in einem politischen, gesellschaftlichen Umfeld ab. Daher ist die öffentliche Meinung, die Anerkennung des erlittenen Unrechts bzw. das Wahrnehmen desselben enorm wichtig, um die Ausbildung von PTBS zu verhindern. Die Bekanntmachung des erlittenen Unrechts, das Parteiergreifen für die Opfer und die Verurteilung der Akteure und Ausführenden der politischen Gewalt sind von zentraler Bedeutung für die Gesundung der Betroffenen.
Auch die rechtliche Verfolgung von derartigen Verbrechen ist ein wichtiger öffentlicher Teil der Rehabilitationsarbeit (Wiederherstellung von Normalität und Genesung).
Die negativen Ausformungen all dieser genannten Faktoren können wir an AsylwerberInnen immer wieder erleben. Es fehlt das unmittelbare Umfeld, die Personen befinden sich auf der Flucht, die Familie ist verstreut, von sicherer Zuflucht kann keine Rede sein.
In den Aufnahmeländern werden sie oft nur geduldet und müssen unter äußerst unsicheren und prekären Lebensumständen auf den Ausgang ihres Asylverfahrens warten.
Durch verallgemeinerte (pauschale) Vorverurteilungen in öffentlichen Debatten und Behörden wird das erlittene Unrecht angezweifelt. Menschenrechtsverletzungen werden stillschweigend, manchmal sogar recht offen gebilligt und somit unterstützt. Die Täter bleiben in Freiheit und werden nicht zur Verantwortung gezogen. Durch diese Nachbehandlung werden Menschen, die traumatische Erlebnisse zu verarbeiten haben, weiter verunsichert und in ihren Grundfesten erschüttert. Das nennt man Sekundärtraumatisierung, die sich massiv auf die Heilungschancen auswirkt.
Auch HelferInnen, Ehrenamtliche und Angehörige von Berufsgruppen (SozialarbeiterInnen, TherapeutInnen, PsychologInnen usw.), die professionell mit traumatisierten Personen arbeiten, sind gefährdet ein Stellvertreter-(Vicarous-)Trauma (Burn-Out-Syndrom) zu bekommen. Dies kann dazu führen, dass sie ihren Beruf aufgrund von körperlicher und psychischer Erschöpfung nicht mehr ausüben können.
7.4.2.
Alltag nach dem Trauma
Für Personen, die in diesem Umfeld tätig sind, gelten folgende Faustregeln bei der Betreuung und dem Umgang mit traumatisierten Menschen:
Menschen, die traumatische Ereignisse überlebt haben, haben sich in extrem fremdbestimmter Situation erlebt. Sie konnten gegen das, was mit ihnen passiert ist, nichts unternehmen. Aus dieser Ohnmachtsituation heraus laufen sie Gefahr, diese Haltung in ihren Alltag zu übertragen. Trauma hat außerdem ein zeitliches, gedankliches und gefühlsmäßiges Chaos hinterlassen. Das ganze Leben wird davon beherrscht. Das Leben vor dem traumatischen Ereignis wird unzugänglich.
Der Alltag kann nicht mehr selbst geordnet werden, Hilfe und Anleitung von außen wird notwendig. Die wenigsten Betroffenen erhalten aber Unterstützung. Im Gegenteil die meisten Flüchtlingsversorgungssysteme unterstützen Untätigkeit (Passivität) und Ohnmachtstendenzen, indem die Flüchtlinge in Heimen, Pensionen und Lagern untergebracht werden, in denen sie kaum Privatsphäre haben, nichts selbst tun und auch nicht arbeiten dürfen; indem sie kaum Informationen über ihre Situation und Zukunftsperspektiven und Zugang zu professionellen Helfersystemen erhalten.
Diejenigen, die Hilfe und Unterstützung erhalten, laufen Gefahr, sich auf die Hilfe zu stark zu verlassen und auch in dieser Beziehung passiv zu bleiben. Daher ist es ein wichtiger Auftrag an BeraterInnen und HelferInnen, den Grundsatz des Empowerments (Entwicklung der Selbsthilfekräfte und der Hilfe zur Selbsthilfe) besonders in den Vordergrund zu rücken.
Wichtig ist dabei, dass die betroffenen Personen ihre Fähigkeit zum Selbsthandeln und zur Selbstverantwortung wieder erlangen. Durch die traumatischen Erfahrungen wird das Denken der Personen stark beeinflusst und auch eingegrenzt. Negative, depressive Einstellungen verstärken sich, die eigene Person wird als nutzlos und unfähig wahrgenommen.
Gute Erfahrungen im Umgang mit betroffenen Personen wurden auch damit gemacht, dem traumatisierenden Ereignis eine zeitliche Struktur zu geben, sodass es einen Anfang und ein Ende erhält. Damit kann ein wenig Ordnung ins Chaos gebracht und so erste Verarbeitungsschritte gesetzt werden. Weiters sollte aus dem Kreislauf der negativen Sichtweisen ausgebrochen werden. Es sollte auch nicht länger von Opfern gesprochen werden sondern von Überlebenden, die gewaltige Ressourcen (=Fähigkeiten) und Willen bewiesen haben, dies alles zu überstehen. Auf diese Ressourcen zurückzugreifen und sie wieder zugänglich bzw. bewusst zu machen, sollte Ziel der Unterstützungsarbeit sein.
Je leichter Betroffene das bewerkstelligen können, desto besser können sie wieder auf Fähigkeiten und Erfahrungen aus dem Vorleben aus dem Leben vor dem Trauma zurückgreifen.
Zur Strukturierung des Tages gehört auch, dass die Personen aufgefordert werden, aktiv zu sein, Kontakt mit Leuten aufzunehmen, an Veranstaltungen und Treffen teilzunehmen und Sport zu betreiben. Die Unterstützung soll dazu dienen, dass Traumatisierte auch wieder Vertrauen in ihr eigenes Handeln erhalten, möglichst viel selbst machen und damit auch Kontrolle über ihr Leben wieder gewinnen.
Für jede/n Beteiligte/n gilt es aber auch die Grenzen zu wahren und zu akzeptieren, dass jemand über das Erlebte nicht sprechen will und kann.
Alle Nicht-SpezialistInnen sollten sich der Wucht und Bedeutung von Erlebnissen und der Verantwortung und Tragweite der eigenen Handlungen bewusst sein. Das gilt auch für Ehrenamtliche und FreundInnen.
Im Umgang mit traumatisierten Menschen gilt es beispielsweise auf folgende Punkte hinzuweisen: Traumatisierte wurden in ihrem Vertrauen zu Menschen extrem erschüttert. Wichtig ist daher, keine neuen Erschütterungen zu verursachen, z. B. indem Versprechen abgegeben werden, die nicht eingehalten werden können.
Bestimmte Situationen oder Handlungen können die erlebte Gewaltsituation in Erinnerung rufen (Flashbacks). Die Einvernahme bei einer Behörde, Wartesituationen in einem unangenehmen Umfeld oder medizinische Untersuchungen können beispielsweise Auslöser sein. Daher gilt es, auf solche Situationen spezielles Augenmerk zu legen und die Betroffenen entsprechend vorzubereiten und zu stützen.
Ein dringendes Gebot ist weiters, sich nicht auf Felder vorzuwagen, die eine hochprofessionelle Begleitung benötigen. Diese Felder sollte man PsychotherapeutInnen und anderen SpezialistInnen überlassen. Wichtig ist auch, dass man seine Grenzen kennt und bei eigener Überforderung ebenfalls externe, professionelle Hilfe in Anspruch nimmt.
8.
Kommunikation ist das bewusste oder unbewusste Übermitteln von Informationen zwischen Menschen. Es muss nicht immer so sein, dass man dem/der Anderen bewusst etwas mitteilen will; es kann auch sein, dass das unbewusst, automatisch geschieht. Besonders bei der nonverbalen Kommunikation ist das oft der Fall.
8.1.
Verbale und nonverbale Kommunikation
Bei der verbalen Kommunikation wird der Inhalt der Nachricht
mit Wörtern und Sätzen vermittelt. Sie können gesprochen, geschrieben
oder auch gesungen sein.
Um Kommunikation entstehen zu lassen, gibt es einen Sender und einen Empfänger.
Bei der zwischenmenschlichen Kommunikation wird dies meist nicht nur einseitig
sein die Rollen Sender/Empfänger (Anm.: weibl. Form w.o.) wechseln
im Laufe eines Gespräches.
Es gibt aber auch Kommunikation, die sich nicht nur zwischen zwei Menschen entwickelt,
sondern an der mehrere beteiligt sind. Etwa wenn der/die LehrerIn in der Klasse
steht und einen gewissen Inhalt vorträgt oder ein Vortrag vor versammeltem
Publikum gehalten wird. Hier ist meist eine Person der/die SenderIn. Die Empfänger
sind jedoch viele. Ein direkter Umtausch der Rollen ist zeitweise noch möglich
(etwa wenn jemand aus der Zuhörerschaft eine Frage stellt oder etwas erwidert).
Die Massenkommunikation hingegen ist eine indirekte Kommunikation, sie benötigt
ein Medium. Das erste bekannte Medium waren die Schriftrollen, später die
Bücher und Zeitungen. Wirkliche Massenkommunikation entstand durch die
Entwicklung des Radios und Fernsehens. Bei der Massenkommunikation sind die
Rollen starr. Es gibt auf der einen Seite Sender, die Informationen über
das Medium verteilen, und auf der anderen Seite viele Empfänger, die diese
entgegen nehmen.
Ein wesentliches Merkmal der Massenkommunikation ist, dass es keinen Austausch
gibt. Um dieses Manko zu beheben, wurden bei Massenmedien Nischen entwickelt,
in denen der Austausch zwischen SenderIn und EmpfängerIn wieder möglich
gemacht wurde; etwa durch das Schreiben von Leserbriefen oder bei Anrufsendungen.
Allerdings ist dies nur sehr zeitverzögert möglich.
Nonverbale Kommunikation kommt im Gegensatz dazu ohne Wörter aus.
Blicke, Körperbewegungen, die Körperhaltung, Berührungen oder
der Gesichtsausdruck vermitteln dann die entsprechenden Informationen. Auch,
wie weit man von einer Person entfernt steht, die Pausen und Laute, die man
während des Sprechens macht, oder der Tonfall, den man anschlägt,
gehören zur nonverbalen Kommunikation.
Kommunikation unterliegt vielen Einflüssen und Interpretationsspielräumen.
Sender und Empfänger haben jeweils unterschiedliche Lebenswelten und Aufnahmefähigkeiten,
die die Kommunikation erheblich beeinflussen.
Ein wichtiges Prinzip in der Kommunikation zwischen den Menschen ist, dass man
nicht nicht kommunizieren kann! Also selbst wenn ich den Dialog, das
Gespräch die Kommunikation verweigere, kommuniziere ich mit meinem Gegenüber.
Meine Botschaft lautete dann: Ich möchte mit dir nicht kommunizieren.
Jedes Verhalten einer anderen Person gegenüber kann eine Bedeutung haben
auch wenn man nur den Blick abwendet oder schweigt. Jemand, der/die sich
nicht an einer Diskussion beteiligt, kann damit zum Beispiel signalisieren,
dass ihm/ihr das Thema oder die TeilnehmerInnen gleichgültig sind. Eine
Person, die sich im Zugabteil hinter ihrer Zeitung versteckt, kann damit beispielsweise
ausdrücken, dass sie kein Gespräch anfangen will. All dies sind aber
Interpretationen einer Situation, die wesentlich von Erziehung, Umwelt, Geschlecht,
Erfahrungen und kulturellen Zusammenhängen geprägt sind. Die gleiche
Situation kann also in verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich interpretiert
(verstanden, ausgelegt) werden.
Zum Beispiel ist es bei uns üblich, dass man sich bei der Begrüßung
die Hand gibt und dabei in die Augen sieht. Ein Mann gibt auch einer Frau die
Hand. In anderen Kulturen ist das Begrüßungsritual anders. Zwar gibt
man sich in der Türkei durchaus auch die Hand, jedoch wird vom Jüngeren
erwartet, dass dieses Handgeben huldvoller, respektvoller ist. Das heißt
der Jüngere nimmt die Hand des Älteren, drückt sie nicht und
sieht dem Älteren auch nicht in die Augen. Diese demutsvolle Haltung gegenüber
Älteren wird in Österreich oft als beleidigend verstanden.
8.2.
Vier Ebenen der Kommunikation
Schulz von Thun, ein deutscher Kommunikationswissenschafter hat
ein sogenanntes Vier-Ohren-Modell der Kommunikation
entwickelt und dargestellt, das die vielfältigen Störungen, Missverständnisse
und Interpretationen verdeutlicht, die in der zwischenmenschlichen Kommunikation
auftreten können:
Kommunikation hat demnach vier Aspekte oder Botschaften (Anm.: weibl. Form w.o.):
Inhalts-Aspekt: Es wird ein Gedanke, eine Sachinformation
übermittelt.
Beziehungs-Aspekt: Die Beziehung, die zwischen
Sender und Empfänger zueinander herschen, wird in den Vordergrund gerückt.
Selbstkundgabe-Aspekt: Der Sender stellt sich
selbst dar.
Appell-Aspekt: Der Sender möchte in der Kommunikation den Empfänger beeinflussen. Es wird an eine Haltung/Position appelliert.
So wie der Sender diese vier bewussten und unbewussten Elemente sendet, so versteht auch der Empfänger diese vier Elemente je nach eigener Befindlichkeit, Wahrnehmung und Gefühlslage und interpretiert sie unterschiedlich. Besonders wichtig dabei ist die Beziehung zwischen Sender und Empfänger.
Beispiel: Der Mann sagt zu seiner Ehefrau, die den Wagen steuert: Du, da vorne ist grün! Die Frau erwidert darauf erbost: Fährst du oder ich?
Was war passiert? Analysiert man diesen kleinen Dialog, so wird deutlich, dass die Frau nicht auf den Inhaltsaspekt der Aussage reagiert hat. Denn dieser lautet:
Da vorne steht die Ampel auf grün! (Inhalts-Aspekt)
Der Mann informiert die Frau über etwas, was er sieht. Diese Wahrnehmung gibt er weiter.
Man könnte also meinen, die Frau müsste dankbar darüber sein, weil er ihr bei der Beobachtung des Verkehrs geholfen hat. Ihre Reaktion lässt aber darauf schließen, dass sie etwas anderes darin gehört hat, was den Beziehungs-Aspekt der beiden betrifft. Wir interpretieren ihre Antwort einmal folgend: Der Mann übernahm die Rolle des Fahrlehrers, die Frau fühlte sich in die Rolle der Fahrschülerin gedrängt.
Die Antwort könnte auch darauf hin deuten, dass diese Situation nicht das erste Mal vorgekommen ist und hinter der scheinbar neutralen Aussage des Mannes, die Frau auch einen Selbstkundgabe-Aspekt des Mannes heraushört: Er gibt sich als kompetenter(er) Autofahrer aus, meint: Ich kann gut (besser) Auto fahren (als du) und kenne die Regeln genau.
Und schließlich spricht er bei der Frau auch noch die Appell Ebene an. Der Appell-Aspekt lautet: Fahr los, warte nicht so lange! Die Frau soll so fahren, wie ich (Mann) es ihr sage.
Dieses Beispiel macht deutlich, dass es unter Umständen auch noch größere Zusammenhänge gibt. Rollenklischees, -zuschreibungen, Prägungen durch die Erziehung, Umwelt, Schule usw. können die Kommunikation beeinflussen. Hierbei spielen auch typische Rollenverhalten zwischen Mann und Frau eine wichtige Rolle. Diesen Zuschreibungen entkommt man in den seltensten Fällen und sie schwingen bei jeder Kommunikation mit: Wie habe ich als Mann/Frau zu sein? Was tut ein Mann? Was tut eine Frau? Was kann ein Mann, was kann eine Frau?
Daher mag es dem Einen oder der Anderen durchaus verständlich erscheinen, dass der Mann der Frau behilflich sein möchte, denn schließlich ist er ja mit Autos und Technik aufgewachsen? Und wenngleich dies manchmal schon stimmen mag, so ist es doch ein Klischee, das viel stärker über die soziale Zuschreibung (was tut ein Mann/eine Frau) erlernt wurde, als durch eine biologische Vorbestimmung.
Durch die Fähigkeit diese Ebenen bei mir selbst und Anderen zu reflektieren und kennen zu lernen, kann eine Annäherung bzw. ein besseres Verständnis der Lebenswelt des/der Anderen gelingen. Dadurch lerne ich selbst über meine Art der Kommunikation und meine Botschaften, die ich bewusst und unbewusst weiter gebe, sehr viel.
Probleme in der Kommunikation können sich also ergeben, wenn für den/die SenderIn und den/die EmpfängerIn verschiedene Aspekte wichtig sind; beispielsweise wenn eine reine Sachinformation als Beziehungsinformation aufgefasst wird.
8.3.
Bei den oben beschriebenen Kommunikationsstrukturen und Analysen sind wir jeweils automatisch davon ausgegangen, dass die beiden SenderIn und EmpfängerIn aus einem Kulturkreis stammen. Wenn wir zuvor aufgezählt haben, was alles die Kommunikation beeinflusst und wie Rede und Antwort interpretiert werden können, so müssen wir dringend einen Begriff hinzufügen den der Kultur.
Kommunikation und Kultur stehen in einem direkten Zusammenhang. Sämtliche verbalen und nonverbalen Kommunikationsformen von Menschen in einer Gesellschaft sind kulturell geprägt. Einer bestimmten Kultur anzugehören, bedeutet also, in einer spezifischen Weise zu kommunizieren. Denken Sie nur an ganz spezifische Gesten, die Personen aus einem Kulturkreis typisch sind; etwa die Handbewegungen von ItalienerInnen.
Mehr noch, Sprache und Kultur sind in der Kommunikation und Interaktion fest verbunden, wenn sie auch nicht identisch sind. Die kulturspezifischen Zeichen, die während eines Gespräches, Dialoges transportiert und übermittelt werden, werden von Angehörigen derselben Kultur intuitiv fast automatisch verstanden. Diese Zeichen verschließen sich jedoch häufig Personen. Es bedarf einer Metaebene der Er- und Aufklärung, die den kulturellen Zusammenhang mit erklärt eine Art Drehbuch. Ansonsten besteht eine zusätzliche Komponente der Missverständnisse und Fehlinterpretationen.
Interkulturelle Verständigung setzt ein Verstehen des sprachlichen Handelns des Gegenübers voraus und dies ist nicht zu unterschätzen die Bereitschaft zur Verständigung.
In der interkulturellen Kommunikation erfolgt das Verstehen nicht automatisch, immer auch birgt es die Gefahr der Fehlinterpretation und der Projektion (Übertragung von eigenen Gefühlen und Sichtweisen auf das Gegenüber). Denn die Grenzen zu den anderen Kulturen werden zumeist intuitiv (gefühlsmäßig) gezogen, wir spüren, erfahren, vermuten oder konstruieren sie. Und auch diese Gefühle sind durch kulturelle Erfahrungen entwickelt worden.
Häufig handelt es sich bei kulturellen Konflikten am Arbeitsplatz nicht um tatsächliche Interessensgegensätze oder feindselige persönliche Auseinandersetzungen, sondern ganz einfach um Fehlinterpretationen und Missverständnisse oder um strukturelle Fehler, die auf der Ebene der Individuen und deren kulturellen Ausdrucksweisen ausgetragen werden.
Ein anderer Aspekt in der interkulturellen Kommunikation ist die Tatsache, dass selten gleichberechtigte Parteien aufeinander treffen. MigrantInnen sind in einer fremden Gesellschaft, sie stellen eine Minderheit dar, sprechen die Sprache schlechter und finden sich oft in der Rolle des/der Ohnmächtigen.
Ein Machtgefälle ist eher die Norm denn die Ausnahme. Dies führt nicht selten zu Verinnerlichung von Strategien, die dieses Machtgefälle kompensieren (ausgleichen) bzw. damit umgehen können. Das wirkt sich auch auf die Kommunikation aus.
Für eine gut funktionierende Kommunikation beziehungsweise Interaktion fehlt es meist an Vorwissen auf beiden Seiten, häufig auch an der Bereitschaft oder an Zeit und Raum, sich auf andere Kommunikationsstrukturen einzulassen und die eigenen zu hinterfragen.
Nach Edward Hall, einem Wissenschafter aus den USA, gibt es so genannte Low- und High-Context-Kulturen.
In einer High-Context-Kultur wird ein Großteil der Information, die mitgeteilt werden soll, nicht aktiv mitgeteilt, sondern es gibt ein großes gemeinsames Vorwissen. Dadurch, dass der/die SenderIn einen kleinen Teil an Information weiter gibt, weiß der/die EmpfängerIn, was sonst noch alles damit gemeint ist. Wenn also zwei Leute aus verschiedenen Kulturen miteinander kommunizieren, kann es sein, dass der/die SenderIn denkt, er/sie brauche nur einen Satz sagen und der/die EmpfängerIn der Nachricht wisse zugleich auch, was sonst noch alles damit gemeint ist. Wenn aber in der Kultur des/der Senders/Senderin dieser Satz nur das bedeutet, was er eigentlich aussagt und nicht mehr, dann kann und muss es fast zwangsläufig zu Missverständnissen kommen.
In einer sogenannten Low-Context-Kultur setzt der/die SenderIn nur sehr wenig gemeinsames Vorwissen voraus. Das allermeiste von dem was der/die SenderIn dem/der EmpfängerIn mitteilen möchte, wird auch klar ausgesprochen.
Ein Beispiel:
Eine Japanerin, eine US-Amerikanerin und eine Deutsche suchen jeder für sich dasselbe Hamburger-Restaurant auf. Alle drei bestellen einen Hamburger.
Der Koch in der Küche ist aus irgendwelchen Gründen abgelenkt, lässt das Fleisch zu lange anbraten, serviert es aber dennoch mit Brötchen, Salat und Zwiebel.
Natürlich merken alle drei Gäste, dass das Fleisch verbrannt ist. Wie reagieren die Deutsche, die US-Amerikanerin und die Japanerin, wenn sie vom Kellner gefragt werden, ob es ihnen geschmeckt hat?
Die Deutsche würde kritisieren, dass das Fleisch verbrannt wurde. Über den Rest würde sie kein Wort verlieren, zumindest kein nettes.
Die US-Amerikanerin würde auch das Fleisch kritisieren, aber wahrscheinlich gleichzeitig den knackigen Salat oder das Brötchen loben. Sie würde ihre Kritik also abschwächen, sogenannte softeners benutzen.
Die Japanerin wiederum würde, den Salat, die Zwiebel, das Brötchen loben, aber kein Wort über das Fleisch verlieren.
Im innerjapanischen Dialog wäre nun ganz klar, dass mit dem Fleisch etwas nicht in Ordnung war.
Die Deutsche im Dialog mit der Japanerin würde wahrscheinlich denken, dass die Japanerin hoch zufrieden war. Schließlich hat sie nur gelobt (aber eben nicht alles!).
Ein weiterer Bereich, in dem Probleme auftreten könnten, ist das Berühren des/der Gesprächspartners/in. In den meisten asiatischen Kulturen ist es verpönt, andere Menschen in der Öffentlichkeit zu berühren. Vor allem das Tätscheln (liebevolles Schlagen wie beim Hund oder beim Pferd) des Kopfes gilt als ungehörig.
In anderen Kulturen finden jedoch ganz natürlich Körperkontakte wie Umarmung, Küssen zur Begrüßung, etc. statt. Ken Cooper hat in seinem Buch Nonverbal Communication for Business Success beschrieben, dass er das Verhalten von Menschen in Straßencafés in der ganzen Welt beobachtete. Er zählte dabei die Körperberührungen über einen Zeitraum von einer Stunde, und zwar bei der Person selbst oder bei dem jeweiligen Gesprächspartner.
Ein Auszug aus den Ergebnissen: San Juan, Puerto Rico: 180 pro Stunde, Paris: 110, Florida: 2, London: 0.
Diese zuvor beschriebenen Beispiele sind nur kleine Anhaltspunkte für die Vielfalt an möglicher Auseinandersetzung zum Thema Kultur bzw. Interkulturelle Kommunikation.
Die meisten Menschen haben sich über diese kulturellen Missverständnisse und Analysen wenig bis gar keine Gedanken gemacht. Ihre Einbettung in ein relativ schlüssiges Konzept von dem, wie etwas in ihrer Gesellschaft und Kultur zu funktionieren hat, machte es bisher auch nicht notwendig, darüber nachzudenken.
Dabei entstehen auch viele politisch motivierte Stereotype und Vorurteile, die bei entsprechendem aktuellem Anlass in offene Diskriminierung und Rassismus ausarten können. Etwa wenn in Medien, Meinungsmacher aus Exekutive (Polizei), Richterschaft und Politik einfache Antworten für komplexe Sachverhalte verkaufen und etwa alle Schwarze als Drogendealer denunzieren. Wenn solche öffentliche Rassismen auf fruchtbaren Boden fallen, dann deshalb, weil Stereotype bereits vorhanden sind und diese Behauptungen dadurch gern akzeptiert werden.
Europa ja die ganze Welt verändert sich rasant. Die Gesellschaften sind nicht mehr so, wie sie früher einmal waren und sie uns heute noch immer vorgegaukelt werden. Die Länder sind nicht mehr homogen und monokulturell (einheitlich und aus einer Kultur bestehend). Mit der wirtschaftlichen Globalisierung hat sich auch eine Diversität (Vielfältigkeit) der Bevölkerung entwickelt, die ein Konzept einer Individualisierung der Gesellschaften nach sich zieht und die auf jeden Einzelnen einwirkt. Das entspricht auch dem Konzept des kulturellen Individualismus (siehe auch Kapitel Kultur).
8.4.
Um die Gräben, die durch die mangelnde sprachliche Verständigung entstehen, zu verringern, werden oft DolmetscherInnen eingesetzt. Je nach Gesprächszusammenhang werden sie intensiv oder locker dabei als BrückenbauerInnen verwendet. Was auf den ersten Blick einfach erscheint, ist bei genauerer Betrachtung eine höchst komplizierte und schwierige Aufgabe.
Es gibt zur Erfüllung derselben eine eigene Ausbildung das sogenannte Dolmetschstudium.
Hier liegt der Schwerpunkt auf simultanen (gleichzeitigen) Dolmetschtechniken. In Österreich gibt es auch noch eine Liste von gerichtlich beeideten DolmetscherInnen. Das sind Personen, die eine Prüfung abgelegt haben und dadurch berechtigt sind, z. B. bei Gericht als DolmetscherIn tätig zu sein.
Es ist aber durchaus üblich, dass sogenannte Sprachkundige bei Behörden und Ämtern eingesetzt werden. Auch das Gericht kann sogenannte Sprachkundige direkt vor Ort vereidigen. Dies sagt jedoch nichts über die Qualität der Dolmetschtätigkeit aus.
Die Brückenfunktion beim Dolmetschen erfordert nicht nur hohe sprachliche Kompetenzen in beiden Sprachen; Menschen, die sich in dieser MittlerInnenfunktion befinden, benötigen auch hohe soziale und kommunikative Fähigkeiten, um ihren Job angemessen auszufüllen. Sie befinden sich in einer Zwischenposition sind für MigrantInnen oftmals die einzige Stimme mit der Außenwelt, müssen aber gleichzeitig dem kulturellen Background der österreichischen Stellen, also dem Gegenüber Genüge tun.
Oft wird in diesem Zusammenhang auch über Neutralität gesprochen, die die DolmetscherInnen einzunehmen haben, was bei näherer Betrachtung jedoch eigentlich nicht möglich bzw. auch gar nicht sinnvoll erscheint. Denn eine der Fähigkeiten des/der DolmetscherIn ist es, den Subtext der beiden aufeinandertreffenden Kulturen mitzubedenken und einzubeziehen und dabei ist alles andere als Neutralität gefragt. Viel wichtiger erscheint es, sich der Funktion und Rolle im jeweiligen Zusammenhang sehr genau bewusst zu werden und dementsprechend eine allparteiliche Position einzunehmen.
8.5.
Multikulturalität ist als Begriff lediglich die Beschreibung des aktuellen Zustandes der Gesellschaften. Dahinter steckt noch kein Konzept, wie damit umzugehen sein wird. Vielfach wird den FürsprecherInnen von Multikulturalismus eine gewisse Naivität vorgeworfen. Diese wäre dann richtig, wenn man nur die einfachen, positiven Aspekte des Multikulturalismus hervorstreichen würde. Natürlich ist es nett, wenn man in einer europäischen Stadt praktisch jeden Typus von internationaler Küche genießen kann und nach dem feinen indischen Essen zu einem Salsa-Tanzabend gehen kann.
Die dahinter liegenden gesellschaftlichen Probleme und Auseinandersetzungen, die nicht übersehen werden dürfen, sind jedoch eine Herausforderung für die Politik, aber auch für jede/n Einzelne/n, der/die sich den Anforderungen einer neuen multikulturellen Gesellschaft stellen muss.
Für die Politik bedeutet es, dass entsprechende Regeln aufgestellt werden müssen, die praktikabel sind, und die einen größtmöglichen Konsens (Übereinstimmung) über die Bereicherung der Gesellschaft durch Zuwanderung herstellt und den ideellen und reellen Nutzen aber auch die Gefahren benennt. Damit verbunden ist auch, dass Organisationen, Institutionen, Politik und Verwaltung sich dem Thema der Interkulturellen Öffnung zu widmen haben, und Strukturen und Organisationen sich dahingehend verändern (siehe Kapitel Interkulturelle Öffnung).
Dazu gehören auch eindeutige politisch-gesetzliche Positionierungen gegen Diskriminierung und gegen behördlichen (strukturellen) Rassismus.
Der/die Einzelne muss sich in Zukunft bewusst machen, dass neue Kompetenzen (Fähigkeiten) verlangt sind. Sprachen sind das eine, für eine Vielzahl von Feldern (Arbeitswelt, Bildung) wird interkulturelle Kompetenz immer wichtiger. Was das ist, versuchen wir im folgenden Kapitel zu beschreiben.
8.6.
Interkulturelle Kompetenz
Interkulturelle Kompetenz ist ein Begriff, der in einer zunehmend multikulturellen und heterogenen (uneinheitlichen) Gesellschaft immer größere Bedeutung erlangt. Vor allem im Bereich der Bildung, Bildungsmaßnahmen und Ausbildungen, aber auch im Bereich von Managementtrainings und im Personalbereich kann man fast wie einen Trend zu interkulturellen Kompetenzen als Qualifikationsmerkmal bemerken.
Der deutsche Sozialwissenschafter Wolfgang Hinz-Rommel definiert Interkulturelle Kompetenz als die Fähigkeit angemessen und erfolgreich in einer fremdkulturellen Umgebung oder mit Angehörigen anderer Kulturen zu kommunizieren.
Wie bei dieser sehr kurzen Erklärung deutlich wird, steht Kommunikation im Vordergrund und stellt ein wichtiges Element dar. Daher ist sowohl auf Sprachkompetenz in der Muttersprache als auch auf die Beherrschung einer zweiten Sprache großes Augenmerk zu legen.
Interkulturalität meint in diesem Zusammenhang, dass ich nicht nur fähig bin, meine eigenen kulturellen Zusammenhänge zu verstehen und mich darin zu bewegen, sondern auch die Fähigkeit erlerne, die anderen kulturellen Verhaltensweisen und Erklärungsmuster für alltägliches Handeln besser zu verstehen.
Ein zweiter wesentlicher Aspekt dabei ist einen selbstreflexiven (selbsthinterfragenden) Zugang im Umgang mit Menschen zu wählen. Dieser selbstreflexive Zugang bedeutet, dass ich mich und mein Handeln und Tun beobachte, reflektiere und bei gegebenem Anlass zu verändern suche. Vor allem in Bezug auf meine Annahmen, Vorurteile und Stereotypen, aber auch gegenüber meinen Kommunikationsformen und Konfliktaustragungsvorstellungen.
Neben den selbstreflexiven Anteilen ist auch Bewusstsein für ein interkulturell kompetentes Handeln von Bedeutung. Dieses Bewusstsein erstreckt sich vor allem auf die eigene Kultur (eigenkulturelles Bewusstsein), sowie auf die Analysefähigkeit und Verortung von Kommunikation und Konfliktfeldern.
Obwohl der Begriff derzeit einen sehr modernen Anstrich genießt, werden in den allermeisten Fällen sehr verkürzte und zumeist auch unpassende Handlungsanweisungen gegeben, etwa nach dem Motto: Wie gehe ich mit Japanern bei Verhandlungen um?
Der Bildungsmarkt ist überschwemmt mit Schnellkursen für interkulturelles Management und Kompetenzen. Diese sind in der Regel aber nicht geeignet, den tatsächlich dahinterliegenden Aufträgen gerecht zu werden. Zum einen, weil sie Kultur als einziges Modell für die Erklärung in den Vordergrund stellen und zweitens, weil sie ein sehr eindimensionales, unveränderbares Bild von Kultur präsentieren.
Der selbstreflexive Umgang mit der eigenen Person in interkulturellen Zusammenhängen überträgt sich auch auf das Verhalten gegenüber der eigenen und der fremden Kultur. Dieses Verhalten wird oft im Begriff Kultursensibilität zusammengefasst.
Dies bedeutet soviel wie einen respektvollen, feinfühligen aber auch auseinandersetzenden, distanzierenden Umgang mit der eigenen und der anderen Kultur. Nicht alles, was uns als Kultur(-konflikt) verkauft wird, ist auch tatsächlich mit Kultur zu erklären. Diese kritische und würdigende Distanz zur eigenen aber auch fremden Kultur ist ein wesentliches Merkmal der eigenen Interkulturellen Kompetenz.
Nicht selten wird bei MigrantInnen ihr vermeintliches Wissen über die eigene Kultur mit Kompetenz verwechselt. Und schon gar nicht handelt es sich dabei um eine interkulturelle Komponente. Sie werden auch in Österreich nicht selten als KulturexpertInnen benutzt, die jedoch meist nur einen Teil von Wissen und Verständnis repräsentieren. Von der eigenen Betroffenheit und der eigenen Erfahrung, die man als Ausgewanderte/r, als Betroffene/r gemacht hat, hin zu einem weiter gefassten interkulturellen, nicht ethnisierenden und nationalistischen Verständnis von Begegnung und Zusammenleben ist es ein weiter Weg. Durch Auseinandersetzung, Sensibilisierung, Trainings und Erfahrungen im interkulturellen Bereich können die Interkulturellen Kompetenzen erweitert und erhöht werden.
Interkulturell kompetente Personen handeln situationsadäquat, das heißt, nicht stur nach Vorschrift, Plan und bereits erfolgreichen Konzepten, Rezepten, Abläufen (so haben wir das immer gemacht), sondern mit der Bereitschaft, sich der Situation anzupassen, Neuerungen und Abweichungen zuzulassen. Neben den oben erwähnten Merkmalen werden oft noch Toleranz, Stressfähigkeit, Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Selbstbewusstsein als persönliche Fähigkeiten genannt, um zur Interkulturellen Kompetenz zu gelangen.
Wir haben es hier mit einem widersprüchlichen Verhalten zu tun. Denn einerseits soll und muss in einer multikulturellen Gesellschaft kultursensibel vorgegangen werden, d. h. die kulturellen Vorstellungen und Verhaltensweisen sollen wahrgenommen, respektiert und es soll für sie Platz in einer fremden Umgebung geschaffen werden. Andererseits sollte aber auch genügend Distanz bestehen, um andere Faktoren ebenso in eine Analyse miteinbeziehen zu können.
Diese zuvor genannten Merkmale sind jedoch alle auf die Person bezogen. Nahezu alle sich damit beschäftigenden ExpertInnen betonen aber auch die strukturellen, politischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen, in denen Handeln von Menschen eingebettet ist und betrachtet werden muss. Es ist davor zu warnen, den Blick all zu sehr auf den Aspekt der Kultur zu legen und damit den Blick auf andere ebenso wichtige Rahmenbedingungen zu verschleiern.
Erfahrungen mit kultursensiblen Trainings und interkulturellen Öffnungsprozessen von Organisationen zeigen, dass oftmals die strukturellen und diskriminierenden Gesetze, Grundstrukturen und Rahmenbedingungen wesentliche Faktoren für (interkulturelle) Konflikte darstellen und kulturelle Erklärungsversuche nur zur Verschleierung beitragen.
Wenn per Gesetz MigrantInnen zu Menschen zweiter Klasse deklariert werden, dann ist es nicht verwunderlich, wenn Menschen diese Haltung auch in ihrem Alltag übernehmen und sie diskriminieren.
Gewisse Handlungen und Prozesse in Österreich sind auch durch ein noch so interkulturell kompetentes Handeln nicht beseitigbar; etwa diskriminierende Gesetze, rassistische Politik und ausschließende und intolerante öffentliche Diskussionen.
Vielleicht ist es auch notwendig darauf hinzuweisen, dass dazu Stellung und Position einzunehmen ist und nicht geschwiegen werden darf. Viele MigrantInnen berichten, dass sie in Österreich mangelnde Zivilcourage und das Schweigen der Mehrheit bei Diskriminierung und Rassismus besonders deutlich spüren.
9.
Das Wort Konflikt kommt vom lateinischen Hauptwort conflictus und bedeutet ganz allgemein soviel wie Aneinanderschlagen, Zusammenstoßen, Widerstreit.
Schon bei der Erklärung, was ein Konflikt ist, stoßen wir auf erhebliche Schwierigkeiten. Bereits bei der Übersetzung des Wortes kommt es zu Missverständnissen. Denn nicht jeder Konflikt muss in einen Streit ausarten.
In vielen Begriffsbestimmungen schwingt eine Beurteilung oder Wertung mit, wie der Konflikt gelöst werden kann oder muss. Zunächst einmal muss aber festgestellt werden, dass ein Konflikt ein wertfreier sozialer Tatbestand ist.
Nach Friedrich Glasl, Politikwissenschafter, Unternehmensberater und Konflikt-Experte, ist ein Konflikt eine Interaktion zwischen Aktoren (Individuen, Organisationen, Gruppen) wobei mindestens ein Aktor Unvereinbarkeiten im Denken, Vorstellen, Wahrnehmen und/oder Fühlen mit dem anderen Aktor in der Art erlebt, dass im Realisieren eine Beeinträchtigung erwartet wird.
Konflikte sind Teil unseres Lebens. Ein Leben ohne Konflikte gibt es nicht. Die Frage, die für unser Thema daher viel relevanter ist:
Wie gehen wir als Menschen, als Gruppe und als Gesellschaft mit Konflikten um, wie viel kulturelle Prägung beeinflusst unsere Konfliktfähigkeit, -kompetenz?
Zumeist werden Konflikte als negativ empfunden und mit ihren Auswirkungen verknüpft. Selbstverständlich ist Krieg furchtbar und eine Katastrophe. Aber Krieg ist nicht der Konflikt, sondern die gewählte Form, um den Konflikt zu lösen.
Konflikte sind Momente des Lebens, in denen die Menschen gefordert sind. Sie bieten die Chance, auf positive und konstruktive Veränderungen und Lösungen, sie bieten aber auch die Gefahr der Beharrung, des Rückschrittes, der Verhärtung, der Katastrophe (Krieg, Vernichtung).
Die Lösung des Konfliktes muss vom eigentlichen Konflikt getrennt werden.
Konflikte finden in verschiedenen Lebensbereichen aus verschiedenen Anlässen statt. Eines ist den Konflikten jedoch gemeinsam: Es geht nicht um eine bloße Auseinandersetzung auf der Sachebene (über was gesprochen wird), es geht immer um die Beziehungsebene und um psychische, emotionale und soziale Betroffenheit der Konfliktparteien.
Konflikte stehen einerseits für Fortschritt und konstruktive Veränderungen, andererseits bedeuten sie Unannehmlichkeiten, Stress, Leistungsverlust und Zerstörung.
Nicht immer erkennen wir Konflikte, oder wir sprechen sie nicht an, weil wir die Folgen fürchten oder weil wir keine Lösungen des Konfliktes vor uns haben. Manchmal kehren wir Konflikte unter den Teppich. Ein solches Verhalten führt zu weiteren Spannungen und eskaliert (steigert sich, artet aus) irgendwann, oft im ungeeignetsten Moment.
ExpertInnen und PraktikerInnen treten dafür ein, Konflikte nicht wegzuschieben und sie als Bedrohung wahrzunehmen, sondern sie als notwendiges und meist auch förderndes Element des Lebens aufzunehmen. Sie sind ohnehin vorhanden.
Viel wichtiger erscheint uns bei diesem Thema, welche Formen der Lösung von Konflikten bekannt, üblich und praktikabel sind und meistens vorgeschlagen werden. Diese sind auch eine soziale Denkleistung, sich von bekannten Normen und kulturell geprägten Erfahrungen zu verabschieden und Konflikte nicht nur so zu lösen, wie sie immer schon gelöst wurden, sondern sich auch über die bisherigen Lösungsvorschläge hinwegzusetzen und neues auszuprobieren.
Konflikte haben bei Nichtlösung die natürliche Tendenz bestehen zu bleiben und sich zu verstärken. Konfliktfelder, die nicht behandelt wurden bzw. durch falsche Lösungen nur beschwichtigt wurden, treten immer wieder auf. Sie können sich über Jahre und Jahrzehnte immer wieder transformiert (verändert in heiß und kalt) zeigen, und sie haben Tendenzen der Eskalation. Friedrich Glasl beschrieb in seinem Buch Konfliktmanagement auch eine sogenannte Konflikteskalationsleiter.
Konflikte werden aber auch in heiße und kalte Konflikte unterschieden. Manche Konflikte sind heiß geworden. Es gibt eine heftige, offene direkte Auseinandersetzung. Der heiße Konflikt ist davon gekennzeichnet, dass die beiden Konfliktparteien miteinander in Verbindung stehen und versuchen zu kommunizieren. Bei Krieg und Gewalt auf eine sehr paradoxe (widersinnige) Art und Weise.
Der kalte Konflikt deutet daher auch das genaue Gegenteil an. Oft kann auf eine heiße Phase eine Phase der Abkühlung folgen.
Die Konfliktparteien haben aufgegeben, sie verkehren nicht mehr, sie versuchen miteinander nicht mehr zu kommunizieren. Sie möchten miteinander nichts mehr zu tun haben. Sie reduzieren den Kontakt.
Wie wir aber beim Kapitel Kommunikation schon erwähnt haben, gibt es kein Nicht-Kommunizieren und so ist das Schweigen auch Zeugnis von unbehandelten Konflikten.
Der Konflikt bleibt bestehen, er nagt und würgt an beiden Parteien. Er kann aber jederzeit wieder in eine heiße Phase eintreten, wenn etwa aus verschiedenen Gründen die Separation (die Trennung), nicht möglich ist. Besonders tragische Formen können solche Entwicklungen etwa bei Ehepaaren nehmen, die sich trennen, in der Hoffnung damit die Konflikte der Beziehung gelöst zu haben. Aufgrund von gemeinsamen Kindern haben sie aber weiterhin miteinander zu tun und bleiben dabei in einer Spirale der heißen und kalten Konfliktphasen stecken.
Der Wechsel zwischen heißen und kalten Phasen kann oft jahrelang dauern. Bei den kühlen Phasen kann oft wahrgenommen werden, dass der Konflikt nur auf eine indirekte und heimliche Ebene verlagert wurde (Hintenrum, Intrigen, Gerüchte, Abwertung über Dritte usw. ...).
Schließlich gibt es noch ein weiteres Merkmal von Konflikten, nämlich die der Symmetrie. Konfliktparteien sind oft nicht gleich stark und gleichberechtigt. Das heißt, innerhalb des Verlaufes von Konflikten wird ein deutliches Ungleichgewicht bemerkbar. Das betrifft auch die dahinter stehenden BündnisparterInnen, die eine Partei im Konflikt unterstützen. Je größer diese Asymmetrie ist, desto leichter wird eine Lösung bevorzugt, die den Konflikt zu ungunsten einer Partei löst und damit den Keim von Ungerechtigkeit und weiteren Auseinandersetzungen in sich birgt. Asymmetrische Konflikte sind häufig durch gewalttätige Lösungsformen gekennzeichnet, z. B., wenn die militärische Überlegenheit derart groß ist, dass ich mir des Sieges sicher sein kann.
Dadurch kommen wir zu einem weiteren Problem der üblichen Betrachtung von Konflikten und deren Lösung. Nicht nur, dass der Konflikt mit der vermeintlichen Lösung oft verwechselt wird, es wird auch sehr stark in der Kategorie von Sieg und Niederlage gedacht. Die schärfste und häufig völlig untaugliche Konfliktlösungsstrategie ist die der Gewaltanwendung (Krieg). Sie ist der offensichtlichste Ausdruck von Sieg und Niederlage. Obwohl selbst da wie das Beispiel USA-Irak-Krieg im Jahre 2003 zeigt schwer bestimmbar ist, wer siegt und wer verliert.
Sieg und Niederlage spielen auch in politischen Zusammenhängen oder bei gerichtlichen Verfahren eine wichtige Rolle (z. B. im Scheidungsrecht gibt es eine/n SiegerIn, die in weiterer Folge bevorzugt wird).
Diese stark westliche Denkweise des Machtkampfes der dialektischen Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse, Falsch und Richtig prägt uns stark und lässt uns oft in der Weise auch Konflikte behandeln. Dass diese Formen meist nicht die richtigen sind und Konflikte oft dadurch nicht gelöst werden sondern nur zu Gunsten einer Partei (Person) entschieden werden, macht es uns auch sehr schwer, Konflikte konstruktiv (sinnvoll) zu bearbeiten.
In den letzten Jahren wurden daher immer wieder neue Verfahren und Aspekte eingebracht, um den Blickwinkel zu erweitern und Konflikte anders bzw. tatsächlich lösen zu können. Eine dieser Methoden stellt die sogenannte Mediation dar. Aus den USA kommend, ist Mediation eine Alternative, bei der sich eine dritte Person mit den Konfliktparteien zusammensetzt und gemeinsam Lösungsvorschläge erarbeitet. Dies ist eine Form der Konfliktlösung, die es seit vielen tausenden Jahren in verschiedenen Epochen und Kulturen immer wieder gegeben hat und gibt, die nur leider oft verdrängt worden ist.
Bei der Mediation ist die dritte Person keine entscheidungsbefugte Person (wie dies etwa Richter sind), sondern hat vielmehr eine vermittelnde, moderierende Funktion.
Ziel der Mediation ist es, gemeinsam mit den Konfliktpartnern Lösungen zu erarbeiten, mit denen beide Konfliktparteien zufrieden sind.
Mediation löst bewusst diese starre Position des Siegers/Verlierers auf und möchte erreichen, dass die Beteiligten als SiegerInnen aus dem Streit/Konflikt gehen und im Übrigen durch ihr Handeln auch an Konfliktlösungskompetenzen dazu gewonnen haben.
In Österreich findet Mediation erst langsam Gehör, etwa im außergerichtlichen Tatausgleich oder bei Scheidungsfällen.
9.1.
Wenn wir davon ausgehen, dass zwischen Konflikt und der Lösungsstrategie zu unterscheiden ist, so müssen wir zuerst den Konflikt genau analysieren. Dazu gehört zu erkennen, woraus er genau besteht, welche Komponenten darin vorkommen, welche Ebenen angesprochen worden sind und welche wichtig und welche weniger wichtig sind. Denn zumeist entwickeln sich Konflikte ja nicht nach dem Lehrbuch sondern sind kompliziert und verschachtelt. Außerdem ist ein Konflikt immer auch mit Tabus (worüber man nicht spricht) verbunden, sodass es oft schwierig ist, den tatsächlichen Kern des Konfliktes herauszufinden.
Wenn wir also einen Konflikt wirklich beilegen sprich lösen wollen, ist es wichtig, die richtigen Lösungen dafür zu finden. Um die richtige Lösung zu finden, muss den tatsächlichen Ursachen für einen Konflikt auf den Grund gegangen werden.
Beispiel:
Um die illegale Migration (Konflikt) einzudämmen, werden die Grenzen der EU verschärft kontrolliert (Lösung). Hier wird die illegale Migration als das Problem definiert. Das geht jedoch an den tatsächlichen Ursachen der illegalen Migration völlig vorbei. Dementsprechend fällt auch die Lösung aus, es wird die illegale Migration bekämpft und nicht ihre Ursachen. Dadurch wird das Problem nicht gelöst, sondern es entstehen noch weitere. Die Lösung des vermeintlichen Konfliktes wird zum Problem. Denn die verschärften Grenzkontrollen führen zu einem weiteren Ansteigen der illegalen Migration und noch größeren Ausbeutungen und Abhängigkeiten der Fliehenden von den Schleppern.
Die Folge ist, dass illegale Migration noch größere Ausmaße und das schon seit Jahren annimmt. Die (wieder falsche) Antwort auf den Konflikt ist: Weitere Kontrolle und Maßnahmen gegen illegale Migration (ein Teufelskreis).
Dies ist ein Beispiel aus dem politischen Feld, zeigt aber sehr typisch, was passiert, wenn der Konflikt nicht adäquat (angemessen) analysiert wird bzw. aus verschiedenen Interessenslagen (Lobbys, Exekutive, Politik) heraus missbraucht wird. Dadurch kommt es zu völlig falschen Lösungen, die selbst zum Problem beitragen.
Im folgenden zählen wir einige Konfliktmotive auf:
Sachverhaltskonflikte:
Hier geht es um unterschiedliche Informationen/Auffassungen/Bewertungen von Ereignissen. Diese Bewertung ist aber sehr stark von den familiären, geschlechtlichen, kulturellen, schichtspezifischen Faktoren geprägt.
Interessenskonflikte:
Konkurrenz von verschiedenen Interessen. Es spielt hier keine Rolle, ob die Interessen wirklich bestanden haben oder nicht, wichtig ist, dass Gruppen bzw. Teile von Gruppen versuchen, ihre Interessen durchzusetzen.
Beziehungskonflikte:
Entstehen oft durch unterschiedliche Interessen und unterschiedliche Wahrnehmungen sowie Interpretationen von Verhalten. Fehlende Kommunikation und das Nicht-Austragen von Konflikten sind Merkmale der Konfliktdynamik.
Wertekonflikte:
Beziehen sich auf immaterielle Wünsche und Vorstellungen (Anerkennung, Ruhm, Ehre, Überzeugungen, Werte, ...). Diese sind für Einzelpersonen wichtig, aber auch für die gemeinsamen oder kulturellen Normen einer Gruppe, die zwar individuell Ausdruck finden, aber sich doch auf kollektive und kulturelle Normen und Maßstäbe beziehen. Hier spielen verschiedene Kriterien zur Bewertung von Ideen und Verhalten eine Rolle, es spielen aber auch Vorstellungen von Gesellschaft und Aufgaben in der Gesellschaft eine wichtige Rolle.
Eine Steigerung auf kollektiver Ebene von Wertekonflikten sind die Identitätskonflikte, die die Gesamtheit der Wertvorstellungen von Gruppen und den darin handelnden Personen betreffen können.
Eine weitere Steigerung wird oft durch Weltanschauungs-Glaubenskonflikte erzielt und spielt sich zumeist im makro-politischen Bereich ab. Die weltpolitischen Tendenzen der letzten Jahre tragen immer stärker den Charakter eines Glaubenskonfliktes (Christentum Islam).
9.2.
Unser Konfliktverhalten hängt von verschiedenen Faktoren ab:
Zeit
Zeit ist die bedeutsamste Größe im Umgang mit Konflikten. Sie tritt in den Dimensionen Vergangenheit Gegenwart Zukunft in Erscheinung. Der Konflikt entsteht in der Vergangenheit, in der Gegenwart wird er verarbeitet. Je nach Lösungsversuchen sind die Auswirkungen mehr oder weniger in der Zukunft spürbar. Je länger Konflikte ungelöst bleiben bzw. sich durch falsche Lösungsversuche dynamisieren und weitere Konflikte hinzukommen, desto länger wird auch die tatsächliche Lösung dauern. Der nahezu immer aktuelle israelisch-palästinensische Konflikt ist dafür sehr typisch.
Emotion
Emotionen sind der Motor von Konflikten. Überwiegt die emotionale Betroffenheit, reduziert sich der rationale (vernunftgeleitete) Einfluß entsprechend. Während der verschiedenen Stadien von Konfliktlösungsversuchen gibt es Höhen und Tiefen, Siege und Niederlagen, Asymmetrien. Emotionen sind situationsabhängig. Sie werden von der Umwelt (Konfliktumgebung) beeinflusst und wirken umgekehrt auch auf sie ein.
Bezug
Es macht einen Unterschied, ob der Konflikt am Arbeitsplatz entstanden ist oder in der Familie. Es gibt immer einen Bezug zu einem bestimmten Lebensbereich. Jeder Lebensbereich weist spezifische Bedingungen und Strukturen auf, die den Konfliktverlauf prägen können.
System
Auch äußere Einflüsse wirken auf den Konfliktverlauf. Wir haben es oft auch mit Verschleierung von Konflikten zu tun. Gerade im interkulturellen Kontext werden etwa handfeste ökonomische und soziale Interessenskonflikte durch einen vermeintlichen Kulturkonflikt verschleiert. Dementsprechend werden dann auch völlig unterschiedliche Lösungsansätze gewählt, die erfolgreich oder nicht erfolgreich sind (siehe auch Konfliktanalyse.
Verhaltensmuster
Auf der Basis unseres Temperamentes, des Charakters, unserer schichtspezifischen, kulturellen und familiären Lebensumstände und den daraus resultierenden Lebenserfahrungen prägen sich unsere unterschiedlichen Verhaltensmuster aus. Jeder Mensch neigt dazu, in bestimmten Situationen auf eine bestimmte Art und Weise zu reagieren. Er/sie folgt einem vorgegebenen Muster.
Angelika ist sehr jähzornig, sei vorsichtig, dass du sie nicht unterbrichst. Sie wird dich sonst anbrüllen.
Der/die CholerikerIn (reizbarer, jähzorniger Mensch) reagiert unter Stress anders als der Phlegmatiker (ruhiger, langsamer, schwerfälliger Mensch).
Bernd dagegen kann nichts aus der Ruhe bringen, selbst wenn er einen Streit mit seinem Chef hatte, bleibt er ganz ruhig.
9.3.
Wie gehen wir mit Konflikten um?
Die Kenntnis dieser Verhaltensmuster bildet somit eine weitere wichtige Voraussetzung in der Konfliktbewältigung. Das Wissen, wie Menschen in bestimmten Situationen und Lebenslagen reagieren, erlaubt das Ergreifen von entsprechenden (Gegen-)Maßmahmen.
Z. B. bevorzugen Menschen, die zur Aggression neigen, die Anklage als Strategie.
Virginia Satir, eine amerikanische Familientherapeutin, unterschied vier Kommunikationsmuster, die bei Konfliktsituationen immer wieder festzustellen sind:
Je weniger wir nachdenken, je mehr Gefühl wir in einen Konflikt legen, desto stärker werden uns erlernte und erprobte Muster gefangen halten und unsere Sicht auf Lösungen und Strategien behindern. Wir verfallen in bekannte Muster, die auch beim Gegenüber in einem Konflikt oft vorhanden sind und sich gegenseitig bedingen und aufschaukeln. So sind etwa Beziehungsmuster bei Paaren, die schon sehr lange miteinander leben, beobachtbar. Ein Wort ergibt das andere, eine Geste folgt auf die andere. Der Ausgang des Prozesses ist vorhersehbar: Auf einen Angriff folgt ein Gegenangriff, ein Wort ergibt das andere. Am Ende steht oft Schweigen.
Viele Kommunikationsprobleme können erst dann von den Beteiligten durchschaut und gelöst werden, wenn sie aus dem eingefahrenen System heraustreten und über ihre Art, miteinander zu reden, sprechen (Meta-Kommunikation).
Um solchen immer wiederkehrenden Kommunikationsformen, die besonders bei Konflikten deutlich zu Tage treten, zu entkommen, sind Hilfestellungen Dritter oft sehr hilfreich. Das kann ein/e MediatorIn sein, aber auch ein/e BeraterIn, TherapeutIn oder andere Fachkräfte. Es gibt auch für Paare gezielte familientherapeutische und paartherapeutische Einrichtungen und Angebote.
Insoferne kann jede/r von uns etwas dazu tun, Konflikte besser bewältigen zu lernen. Einige Hinweise wurden zuvor schon gegeben. Durch gezielte Selbsterfahrung kann man auch viel darüber lernen, wie man sich selbst in Konflikten oder Stresssituationen verhält und darauf reagiert. Hilfe von ExpertInnen ist nichts Schlechtes im Gegenteil. Die Erfahrung durch ExpertInnen an der Lösung eines Konfliktes teilgenommen zu haben, stärkt nicht nur das Selbstbewusstsein sondern auch die Kompetenzen des Einzelnen. Daher ist Konfliktfähigkeit trainierbar.
Ein wichtiger Hinweis: Je früher Konflikte behandelt und damit zum Thema gemacht werden, desto leichter sind sie zu lösen.
Zumeist sind Konflikte, die sich noch auf einer niedrigen Stufe befinden, in Eigenregie lösbar. Konflikte, die verschleppt werden, brauchen immer mehr Aufwand und Einsatz.
9.4.
Ein Konflikt zwischen Menschen und Gruppen unterschiedlicher nationaler/kultureller/religiöser Herkunft ist nicht automatisch ein interkultureller Konflikt, dennoch werden solche Konflikte häufig so interpretiert.
Ein interkultureller Konflikt besteht nur dann, wenn die Unterschiede im Verhalten der Konfliktparteien im Konflikt und bei der Bearbeitung des Konflikts auf die unterschiedlichen Werte und Normen der Kulturen zurückzuführen sind.
Interkulturelle Situationen, also das Zusammentreffen von Menschen unterschiedlichen kulturellen Hintergrunds, sind nicht konfliktträchtiger als andere Situationen auch.
Interkulturelle Kompetenz bedeutet unter anderem, ethnisch-kulturelle von anderen Ursachen für Konflikte unterscheiden zu können.
Beispiel für einen interkulturellen Konflikt:
Eine türkische Familie verweigert einem Heizungsableser den Zutritt zu ihrer Wohnung, weil er die Schuhe nicht ausziehen will. Die Zimmer würden auch als Gebetsraum benützt und die dürften laut islamischen Recht nur in Socken betreten werden, so die Argumentation der Familie.
10.
Projekte im Gesundheitsbereich
Die offizielle österreichische Migrationsdoktrin lautet: Österreich ist kein Einwanderungsland. Bedingt durch diese Haltung, die sich nicht nur in der Politik, sondern in nahezu allen Bereichen des privaten und öffentlichen Lebens widerspiegelt, stehen in Österreich interkulturelle Öffnungsprozesse von Politik, Verwaltung und Wirtschaft erst am Beginn.
So werden mehr als zehn Prozent der Bevölkerung, nämlich Menschen, die MigrantInnen sind bzw. Personen, die einen Migrationshintergrund aufweisen und daher mit ähnlichen und/oder gleichen Zugangsbarrieren konfrontiert sind, von wesentlichen Elementen der Gesellschaft wie etwa Beteiligung, Politik, Verwaltung, Dienstleistungen u. a. ausgeschlossen. Das gilt natürlich auch für das komplexe österreichische Gesundheitssystem.
Die modernen Gesundheitssysteme zeichnen sich nicht gerade durch Mitbestimmungsmöglichkeiten für alle Betroffenen aus. MigrantInnen sind in diesem System besonders benachteiligt: Sie sind jedenfalls keine Normpatienten und werden daher rasch als schwierig eingestuft. Sie laufen ständig Gefahr, aus dem Regelsystem ausgeschlossen zu werden.
Es fehlt an Verständigungsmöglichkeiten und an kulturspezifischer Sensibilisierung, die es MigrantInnen ermöglichen würde, Zugang zum System zu finden.
In den letzten Jahren sind in Österreich einige Versuche unternommen worden, das Gesundheitssystem für MigrantInnen zu öffnen und durchlässiger zu gestalten. Auffällig dabei ist, dass die meisten Initiativen nicht unmittelbar aus dem Gesundheitsbereich selbst also den großen Gesundheitsträgern (Spitäler, ...) angeregt worden sind, sondern viel eher von externen privaten NGOs (Non Governmental Organisations) entwickelt und durchgeführt worden sind.
Zumeist entstanden solche Projekte aufgrund der direkten Betroffenheit und den konkreten Erfahrungen von MigrantInnen und/oder durch konkrete Problemstellungen bei ärztlicher oder stationären Behandlung.
Im Gegensatz zu Österreich gibt es in anderen Ländern etwa in Holland zahlreiche Maßnahmen, die von den Gesundheitseinrichtungen und Behörden selbst initiiert wurden, wohl auch deswegen, weil das Problembewußtsein in anderen Ländern wesentlich ausgeprägter ist. Das hat aber auch mit einem anderen Selbstverständnis von Behörden und Angestellten in Organisationen zu tun.
In Österreich griffen mittlerweile Initiativen das Sprachproblem auf, etwa durch Versuche in Wien, Dolmetschdienste (Begleitung) anzubieten. Damit wurde versucht, die sprachlichen Defizite und die damit verbundenen Missverständnisse zwischen Personal, Arzt/Ärztin und PatientInnen in den Griff zu bekommen.
Die meisten dieser Dienste orientieren sich aber daran, dass sich an der grundsätzlichen Struktur nichts Wesentliches verändert. Die MigrantInnen als PatientInnen können durch den angebotenen Dienst ihr vermeintliches Defizit (fehlende Sprache) so die generelle Position des Gesundheitsbetriebes beheben. Der innere Ablauf soll so wenig wie möglich gestört werden.
10.1.
Ausbildung zum/zur GesundheitsmultiplikatorIn
Das Verhältnis und die Kommunikation PatientIn Arzt/Ärztin stellt einen maßgeblichen Faktor dar, der für erfolgreiche gesundheitsfördernde Maßnahmen und medizinisch-therapeutische Behandlungen ausschlaggebend ist. Wenn diese Ebene gestört ist und im Verhältnis MigrantIn Gesundheitssystem sind oft Störungen festzustellen (siehe auch Kapitel Interkulturelle Kommunikation), dann fehlt eine wesentliche Voraussetzung für erfolgreiche gesundheitliche Intervention.
Dabei ist das Sprachproblem das zwar auffälligste und am leichtesten zu beobachtende Störfeld, jedoch bei weitem nicht das einzige und ausschlaggebendste.
Sehr unterschiedliche Vorstellungen von Gesundheit/Krankheit, kulturspezifische, religiöse Verhaltensweisen, mangelndes Wissen beider Seiten über den/die Anderen, fehlendes Vertrauen, fehlende strukturelle Anpassungen an die neue KlientInnengruppe, falsche und/oder ungenügende Informationen sind mindestens genauso wichtige Faktoren.
Ein wesentliches Problem, das im Rahmen der mittlerweile 15-jährigen Arbeit
von ZEBRA immer wieder auftauchte, war die Tatsache, dass erheblicher Aufwand notwendig ist, damit MigrantInnen zu den entsprechenden und für sie richtigen und notwendigen Informationen gelangen, die es ihnen ermöglichen, die verschiedenen
Einrichtungen des Gesundheitswesens zu nützen.
An dieser Schnittstelle zwischen Gesundheitseinrichtungen und MigrantInnen ist Kommunikations- und Vermittlungsarbeit nötig.
1997 wurde daher von ZEBRA das Projekt AusländerInnen als GesundheitsmultiplikatorInnen gestartet. Ziel war es, MigrantInnen und Flüchtlingen den Zugang zum österreichischen Gesundheitssystem zu erleichtern.
MigrantInnen, die ein gesundheitliches Problem zu bewältigen haben, brauchen nicht immer einen (fach-)ärztlichen Rat oder gleich eine Untersuchung, sondern oft den Austausch auf gleicher Ebene mit einer/m Vertrauten, Bekannten, FreundIn. Oftmals ist ja das Ziel auch ein präventiver Gedanke bzw. das Erreichen einer Verhaltensänderung.
Auf dieser Tatsache basiert die Schulung von Peers (Gleiche unter Gleichen), die dazu führen soll, dass der geschulte Peer, neben der vertraulichen und persönlichen Ebene auch einen fachlichen Input (Rat) für den/die Hilfesuchende/n leisten kann.
So beraten ist die Erfolgsaussicht auf Haltungsänderung, Besuch des Arztes/der Ärztin, Therapieaufnahme usw. wesentlich öfter gegeben, als würden die Personen lediglich zu einem Arzt/einer Ärztin gehen, der/die oftmals nur ungenügend Zeit und zu wenig Hintergrundwissen zur spezifischen Situation des Patienten, der Patientin besitzt.
10.1.1.
MultiplikatorInnen
Peers fungieren auch als MultiplikatorInnen, als Personen, die Informationsaustausch herstellen. Sie sind ein Knotenpunkt zwischen MigrantInnen und dem Gesundheitssystem. Sie bieten Hilfestellung für Leute aus ihrer Gruppe an. Sie werden direkt in ihrem eigenen Umfeld tätig, treten mit Menschen in Kontakt und informieren diese über Unterstützungsangebote. Sie wenden sich auch verstärkt an Personen, die Unterstützung brauchen und aus verschiedensten Gründen nicht selbst Hilfsangebote in Anspruch nehmen.
GesundheitsmultiplikatorInnen richten ihren Blick vor allem auf die eigene, oft ethnische oder sprachliche Gruppe. Sie sind im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention tätig.
Gesundheit wird hier sehr umfassend in Anlehnung an die WHO-Definition verstanden.
Der psychosoziale Bereich hat in diesem Zusammenhang eine wichtige Bedeutung.
GesundheitsmultiplikatorInnen werden speziell geschult, um mit dieser Aufgabe umgehen zu können.
Begriffe, die synonym (gleichbedeutend) verwendet werden:
MultiplikatorInnen = Linkworker
Eigene Gruppe = Peer Group
10.1.2.
Aufgaben der MultiplikatorInnen
MultiplikatorInnen sind oft die ersten, die von Problemen und Schwierigkeiten in ihrer Gruppe erfahren. Ihre Aufgabe ist es, Unterstützung anzubieten, Möglichkeiten der Hilfe aufzuzeigen, zur Diskussion anzuregen, Informationen zu geben und Anreize für die Inanspruchnahme von Unterstützung im Sinne von sozialen und gesundheitsspezifischen Diensten zu schaffen.
MultiplikatorInnen sorgen für Kommunikation. Sie geben Informationen darüber, wo Hilfe zu spezifischen Problemen zu bekommen ist, sie machen Vermittlungstätigkeiten und begleiten auch zu Einrichtungen um die Schwellenangst zu nehmen.
Das Selbstverständnis des Multiplikators/der Multiplikatorin spielt eine zentrale Rolle. Seine/Ihre Aufgabe besteht weniger darin, professionelle Hilfe anzubieten und für alles eine Lösung zu haben, sondern dabei zu unterstützen und zu ermutigen, selbst aktiv zu werden und die ihm bekannten Netzwerke zu aktivieren und zu nützen.
MultiplikatorInnen sind geschulte Laien, die unter anderem aufgrund ihres sozialen Status in der Gruppe (Anerkennung, Funktion) ausgewählt wurden und als KommunikatorInnen zwischen System und den Mitgliedern ihrer Gruppe tätig werden sollen.
Ihre Stärken sind die eigenen persönlichen und familiären Netzwerke, die zur Verbreitung von Informationen, Unterstützung bei gesundheitlichen Problemen genützt werden.
Damit sollen sie auch als Begleitpersonen, OrganisatorInnen von Informationsveranstaltungen im kleinen Kreis auftreten. Die MultiplikatorInnen stellen im Rahmen des Systems ein niedrigschwelliges Kommunikations- und Informationsweitergabesystem dar.
Um diese Aufgabe erfüllen zu können, werden die TeilnehmerInnen in einem mehrmonatigen Kurs geschult.
10.1.3.
Schulungsprogramm
Seit 1997 wurden mittlerweile drei Schulungen von ZEBRA durchgeführt. Im Rahmen dieser Schulungen wurden insgesamt 44 MigrantInnen zu MultiplikatorInnen ausgebildet. Die TeilnehmerInnen an dem Schulungsprogramm stammten aus insgesamt 18 verschiedenen Ländern. Das Ausbildungsprogramm wurde in Frauen- und Männergruppen durchgeführt. Insgesamt nahmen 23 Frauen und 21 Männer daran teil.
Die Kursdauer betrug 4 - 6 Monate, wobei die Schulungseinheiten immer einmal wöchentlich stattfanden. Neben den Schulungen hatten die TeilnehmerInnen auch Praktika in Sozial- und Gesundheitseinrichtungen zu absolvieren.
Inhalte der Schulung
Die Schulung umfasste folgende Themenblöcke:
Die TeilnehmerInnen erhielten ein Zertifikat (Abschlussbestätigung) über die Teilnahme an dem Schulungsprogramm. Der Abschluss bestand aus der notwendigen Mindestteilnahme (2/3), aus der Absolvierung der Praktika, aus der Beschreibung und Reflexion eines konkreten Falles und einem Referat über einen der Schulungsinhalte.
Zumindest für Österreich war und ist das Konzept der Schulung von MigrantInnen zu GesundheitsmultiplikatorInnen als neu und innovativ zu bezeichnen. Möglich gemacht wurden die Umsetzungen durch den Fonds Gesundes Österreich (FGÖ), durch das Land Steiermark, durch den Europäischen Flüchtlingsfonds (EFF) und das damalige Bundesministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales.
Im September 2000 erhielt der Verein ZEBRA für die Konzeption (Entwicklung) und Durchführung des Projektes den 2. Europäischen Gesundheitspreis.
10.2.
Weiterbildung zum/zur GesundheitsreferentIn
Die Weiterbildung zum/zur GesundheitsreferentIn stellt eine zweite, fortbildende Stufe zur MultiplikatorInnenschulung dar. An der Schulung nehmen Personen teil, die die MultiplikatorInnenausbildung bzw. ein ähnliches Schulungsprogramm in einer anderen Organisation bereits absolviert haben bzw. die im gesundheitlichen Bereich Ausbildungen und/oder Erfahrungen vorweisen können.
Der/die GesundheitsreferentIn ist nicht mehr ausschließlich als niedrigschwelliger Link Worker tätig, sondern soll in den verschiedenen Gesundheitsinstitutionen als ReferentIn und BeraterIn auftreten.
Dabei gibt es verschiedene mögliche Tätigkeitsbereiche. Diese können Dolmetsch- und Vermittlungsarbeiten einschließen, Bildungsarbeit, wie das Organisieren und Veranstalten von Vorträgen, Referaten, kleinen Tagungen, Seminaren, etc. Sie können auch konkrete Lösungen von anstehenden Problemen im Alltag umfassen.
Daneben ist es erforderlich, das Netz an Gesundheitseinrichtungen, mit denen es bereits Kontakte gibt, auszubauen und zu erweitern.
10.2.1.
GesundheitsreferentInnen
Das Ziel der GesundheitsreferentInnen ist nicht mehr ausschließlich die Arbeit mit der eigenen Herkunftsgruppe sondern vielmehr die Vernetzung der MigrantInnengruppe mit MitarbeiterInnen und Führungskräften von verschiedenen Institutionen und Organisationen (Gesundheitsbereich).
Damit ist gemeint, Einrichtungen, Institutionen und Behörden, die mit MigrantInnen und Flüchtlingen entweder als Beteiligte oder als KundInnen konfrontiert sind, zu sensibilisieren (aufmerksam machen) und eine interkulturelle Öffnung der verschiedenen Einrichtungen vorzubereiten und gemeinsam zu entwickeln. Als Zielgruppen für einen derartigen Prozess sind Beratungsstellen, sozialmedizinische Zentren, verschiedene Gesundheits- und Sozialeinrichtungen, Ausbildungslehrgänge im Gesundheitsbereich ebenso wie etwa behördliche Einrichtungen zu nennen.
10.2.2.
Aufgaben des/der GesundheitsreferentIn
GesundheitsreferentInnen nehmen ihre Aufgaben als MultiplikatorInnen nach wie vor wahr, jedoch treten sie auch stärker als bisher mit Gesundheitseinrichtungen in Kontakt. Sie versuchen, gemeinsam mit den Organisationen Lösungen zu finden, wie MigrantInnen besser versorgt werden können.
GesundheitsreferentInnen verallgemeinern, d. h. sie versuchen Lösungen anzuregen, die nicht nur für einen Kollegen, eine Kollegin gegolten hat, sondern auch für Andere gültig sein könnte.
Die GesundheitsreferentInnen sollen im institutionellen und strukturellen Rahmen tätig werden. Sie sollen als ReferentInnen, KommunikatorInnen bzw. als VermittlerInnen auftreten.
Die Ausgebildeten sind in kulturellen Fragen Fachleute. Sie können kulturelle Differenzen aufzeigen, erklären und so für ein besseres Funktionieren der Zusammenarbeit wirken.
Ihre Aufgabe soll weniger ein etwaiges sicher oft notwendiges Sprachvermitteln, sondern vielmehr eine Mittlerposition zwischen den vielfältigen Missverständnismöglichkeiten sein, die es gibt, wenn Menschen aus verschiedenen, politischen und ethnischen Gruppen, ökonomischen und sozialen Schichten und aus verschiedenen Regionen und Religionen sowie verschiedenen Geschlechts aufeinandertreffen.
Auf lange Sicht soll somit eine Verständigung und Sensibilisierung erfolgen, die in weiterer Folge auch eine interkulturelle Öffnung von Organisationen und Einrichtungen zum Ziel hat.
Die Einrichtungen sollen durch die GesundheitsreferentInnen Informationen über die Situation und die Bedürfnisse der MigrantInnen, AsylwerberInnen und Flüchtlinge, über kulturspezifische Hintergründe, über Gesundheitssysteme in den Herkunftsländern, über Rituale, traditionelle Heilungsmethoden, Familiensysteme etc. erhalten.
10.2.3.
Schulung
Die Schulung umfasst folgende Themenblöcke:
10.3.
Der Begriff der interkulturellen Öffnung wird in den letzten Jahren immer stärker für einen langsamen aber fortschreitenden Wandel der Gesellschaften verwendet. Grundvoraussetzung dafür ist das Wahrnehmen und Akzeptieren von Zuwanderung und Migration als nicht nur kurzfristiges Merkmal der Gesellschaften sondern als dauerhaften Veränderungsprozess. Daher wäre als wichtige Grundvoraussetzung für eine Interkulturelle Öffnung das Prinzip zu nennen:
Österreich ist ein Einwanderungsland.
Damit würde auch eine Normalisierung des Themas einhergehen, nämlich, dass Migration und Migrationshintergründe nicht als Ausnahme und Extremfälle gedeutet werden.
Bei interkultureller Öffnung geht es darum, dass die österreichischen Regeleinrichtungen, Institutionen und Organisationen sich dem tatsächlichen Zustand der Gesellschaft anpassen und dementsprechend öffnen. Das heißt, dass diese in der Lage sind, geeignete Angebote zu erstellen, die es ermöglichen, ihr potenzielles Klientel, zu dem auch MigrantInnen zählen, zu erreichen und deren Bedürfnissen gerecht zu werden.
Dort wo dies per Gesetz möglich ist, sollen MigrantInnen als MitarbeiterInnen in die Institution geholt werden, um dies zu fördern und deren Qualifikationen und spezifischen Fähigkeit für die jeweilige Organisation nutzbar zu machen.
Edith Glanzer, Soziologin, Sozialmanagerin und Geschäftsführerin von ZEBRA beschreibt, wie und auf welchen Ebenen interkulturelle Öffnung vor sich gehen sollte:
Drei Veränderungspotenziale finden sich, die eine Öffnung der Regeleinrichtungen für MigrantInnen fördern.
Diese sind auf
Wichtig ist noch zu erwähnen, dass Interkulturelle Öffnung eben nicht als Sonderprogramm verstanden werden soll, sondern als Teil einer öffentlichen und politischen Gesamtstrategie in Institutionen. War man früher bemüht, für AusländerInnen Sonderprogramme und vom Normalen abweichende, eigene Strukturen (Ausländerreferat) zu schaffen, so geht Interkulturelle Öffnung davon aus, dass die Angebote (etwa im Gesundheitsbereich) so angepasst sein müssen, dass sie auch auf die Bedürfnisse von MigrantInnen eingehen können.
11.
ZEBRA
11.1.
Zur Geschichte
Den Verein ZEBRA Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen in Österreich, gibt es seit 1986 in Graz.
Die Gründerväter und -mütter der Organisation waren durchwegs engagierte ehrenamtliche MitarbeiterInnen bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI). AI ist als Hilfsorganisation für politische Gefangene in London gegründet worden und hat sich als eine der wichtigsten weltumspannenden Menschenrechtsorganisationen etabliert, die wesentlich am Kampf gegen Folter, unmenschliche Behandlung und politische Gewalt beteiligt war und ist.
AI hat ein wichtiges Prinzip, nämlich nicht im eigenen Heimatland tätig zu werden, sondern Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern aufzuzeigen. Für die damals engagierten AI MitarbeiterInnen, die hauptsächlich aus Mitgliedern einer AI-Ärzte- und Ärztinnengruppe bestanden, stand jedoch Österreich im Mittelpunkt ihres Engagements.
Sie wollten die Einhaltung der Menschenrechte in Österreich verbessern. Dabei stand vor allem das Schicksal von Flüchtlingen und AsylwerberInnen im Vordergrund.
11.2.
Die Pionierphase
Daraus entwickelte sich ein eigener Verein (1986) der sich auch zum Ziel setzte, ein Zentrum aufzubauen, das Überlebende von politischer Gewalt umfassend, sozial, medizinisch und therapeutisch betreut (Folteropferrehabilitationszentrum).
ZEBRA gründete sich als von Regierungen, von Parteien oder kirchlichen Gemeinschaften unabhängiger Verein, der ausschließlich seinen Prinzipien und den dazu gehörigen Konzepten verpflichtet ist.
1987 entwickelte sich der Verein weiter, die Arbeit begann. Mithilfe von Subventionen der Stadt Graz und des Arbeitsmarktservice (AMS) konnte die Beratungstätigkeit aufgenommen, ein Büro eingerichtet und ein Angestellter beschäftigt werden.
Bald wurde deutlich, dass es für die Unterstützungs- und Beratungsarbeit des noch jungen Vereins großen Bedarf gab. Vor allem im Bereich der Unterbringung von Flüchtlingen und AsylwerberInnen bestanden große Probleme, ebenso wie in der Schubhaft. Schon damals gab es viele Flüchtlinge, die aufgrund der behördlichen Praxis vom Asylverfahren ausgeschlossen wurden und in Schubhaft gelangten.
Seit damals bemüht sich ZEBRA, die Einhaltung der Menschenrechte für Flüchtlinge, AsylwerberInnen und MigrantInnen in Österreich durchzusetzen. Die oberste Leitlinie ist dabei die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Die Genfer Flüchtlingskonvention bildet eine weitere Grundlage der Arbeit. Für ZEBRA gilt, deren Einhaltung zu sichern, und sie darüber hinaus zu erweitern, um die bestehenden Rechte für Flüchtlinge auszubauen und den Schutz auf bisher nicht berücksichtigte, schutzbedürftige Personengruppen zu erweitern.
ZEBRA setzt sich zum Ziel, die Gleichbehandlung von ausländischen BürgerInnen und ÖsterreicherInnen zu fördern sowie Rassismus und Ausländerfeindlichkeit zu bekämpfen.
11.3.
Differenzierungsphase
Der Verein wuchs und entwickelte sich, immer mehr Aufgaben und Bereiche kamen hinzu. Die Arbeit wurde professioneller und detailreicher.
1990 entstand eine erste Kooperation mit dem AMS zur Beratung und Begleitung von ausländischen Arbeitskräften, die beim AMS Jobs suchten und durch ZEBRA betreut wurden (Rechtsberatung, Anspruchsklärung und Hilfe bei der Jobsuche). Diese mittlerweile langjährige Kooperation zwischen dem AMS (Behörde) und einer NGO (Private) besteht heute noch und kann als Vorzeigemodell herangezogen werden. Mittlerweile ist ZEBRA sogenannte Clearing Stelle (Erstanlaufstelle) für das Grazer AMS. Es besteht auch eine Kooperation mit dem Verein ISOP.
Das ursprüngliche Ziel, das medizinisch-therapeutische Zentrum für politisch Verfolgte zu werden, konnte nicht gleich verwirklicht werden, dazu waren in Österreich zu viele Vorbedingungen noch nicht vorhanden und es fehlte das Geld.
1992 gelang es ZEBRA aber erstmals, konkretere therapeutische Aktivitäten
finanziert zu bekommen und es entstand so etwas wie eine Gesundheitsstelle. Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien und die vielen in Österreich gestrandeten Opfer dieses Krieges bereiteten das Feld dafür auf. Es wurde tragisch genug deutlich, dass die Flüchtlinge nicht nur soziale, sondern auch therapeutische Hilfe benötigen, um die Erlebnisse bearbeiten zu können.
Bis zum Jahr 2003 entwickelte sich der Verein langsam aber stetig weiter. Aufbauend auf den schon lange bestehenden Beratungsangeboten wurden immer wieder neue Projekte und Konzepte entwickelt und ausgebaut.
So hat ZEBRA 1997 die schon erwähnten Ausbildungsprogramme für MigrantInnen (MultiplikatorInnenschulung) entwickelt und auch im psychotherapeutischen Bereich wurden neue Angebote erstellt.
11.4.
Zielgruppen
Zielgruppen der Arbeit sind AsylwerberInnen und Konventionsflüchtlinge, Kriegsflüchtlinge, denen zeitweiliger Schutz in Österreich gewährt wird, darunter auch Personen, die Opfer von politischer Gewalt geworden sind (Vergewaltigung, unmenschliche Behandlungen, Folterungen), sowie ArbeitsmigrantInnen und deren Familienangehörige.
11.5.
Grundsätze der Betreuungsarbeit
Im Mittelpunkt von Beratung und Therapie stehen die Ressourcen (Fähigkeiten), die die KlientInnen selbst mitbringen. Diese sollen gestärkt und nutzbar gemacht werden.
Die Beratungs- und Betreuungsarbeit des Vereins orientiert sich am Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe. Durch Beratung und Betreuung sollen die KlientInnen in die Lage versetzt werden, selbstverantwortlich zu handeln und für ihre Angelegenheiten einzutreten.
Das Team von ZEBRA setzt sich aus Menschen unterschiedlicher Berufsgruppen und Kulturkreise zusammen. Dadurch kann Beratung in verschiedenen Sprachen angeboten werden, und die MitarbeiterInnen haben ein umfangreiches Wissen über verschiedene Kulturen und Traditionen anderer Länder.
11.6.
Aktuelle Angebote
Die Angebote von ZEBRA umfassen Beratung, Psychotherapie, Vermittlung in gesundheitlichen Belangen, Weiterbildung und externe Betreuung (Schubhaftbetreuung).
Was die Beratung betrifft ist ZEBRA im Bereich Arbeit und bei rechtlichen und sozialen Fragen tätig.
Die Unterstützung und Beratung bei der Integration am Arbeitsmarkt bedeutet, dass geklärt wird, welche besonderen Interessen und Talente der/die KlientIn mitbringt, welche Ausbildung er/sie gemacht hat, und welche Möglichkeiten er/sie hat, einen Arbeitsplatz zu finden. Es wird mit einzelnen Firmen Kontakt aufgenommen, um zu klären, wo es eine Beschäftigungsmöglichkeit gibt. Auch Hilfe beim Verfassen von Bewerbungsschreiben, Begleitung zu Vorstellungsgesprächen und Bewerbungstrainings werden angeboten.
Die rechtliche Beratung betrifft sowohl Asylfragen (Beratung und Hilfestellung bei Asylanträgen und Berufungen) wie auch Fragen zu Ausländerbeschäftigungsgesetz, Niederlassungsbewilligung oder fremdenpolizeilichem Verfahren.
Der dritte Bereich der sozialen Beratung schließt die Unterstützung bei der Wohnungssuche wie auch Beratung bei familiären und finanziellen Problemen mit ein.
Die Beratung findet am Schönaugürtel 29, 8010 Graz, statt und wird großteils muttersprachlich durchgeführt. Derzeit kann Beratung in neun verschiedenen Sprachen angeboten werden. Andere Sprachen werden mit Hilfe von DolmetscherInnen abgedeckt.
Im Gesundheitsbereich wird einerseits psychotherapeutische Betreuung in verschiedenen Formen (wie etwa Behandlung von Folteropfern und Kriegstraumatisierten, Jugendgruppe für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge, Einzel-, Paar- und Familientherapien) und andererseits medizinisch-psychiatrische Behandlung angeboten.
ZEBRA ist auch in der externen Betreuung tätig. Es werden in der Schubhaft befindliche Personen besucht, sozial und rechtlich unterstützt. Es findet aber auch eine aufsuchende Arbeit in Flüchtlingspensionen statt.
Im Bereich der Bildungsarbeit bietet ZEBRA Referate und Workshops in Schulen und Erwachsenenbildungseinrichtungen an, führt Tagungen, Enqueten und Seminare durch und gibt die Fachzeitschrift ZEBRATL heraus. Seit einigen Jahren wird von ZEBRA auch eine Website betrieben, die über die vielfältigen Aktivitäten informiert (www.zebra.or.at).
Ein Schwerpunkt der Bildungsarbeit liegt in Schulungsangeboten für Flüchtlinge und MigrantInnen, unter anderem im Gesundheitsbereich. Näheres dazu siehe Kapitel Ursachen für Migration.
11.7.
Finanzierung
Der Verein ZEBRA erhält Geld von verschiedenen öffentlichen Stellen. Grundlage dafür sind immer von ZEBRA vorgelegte Beratungs-, Therapie- und Schulungskonzepte sowie Projektvorschläge. Langjährige Partnerschaften bestehen mit dem Arbeitsmarktservice (AMS), der Stadt Graz, dem Land Steiermark, dem Bundesministerium für Inneres und dem Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen. In den letzten Jahren gewannen Fördermittel aus dem Bereich der Europäischen Union und der UNO zunehmend an Bedeutung (EFF, EQUAL, UN- Funds).
12.
Anhang
12.1.
Tipps für das Halten von Referaten:
Hier nun einige Hinweise, die das Halten von Referaten leichter machen sollen:
Verständlichkeit:
Sie sollen alle Texte und Inhalte, die Sie referieren wollen, selbst auch richtig und gut verstanden haben. Besprechen Sie bei Unklarheiten die Probleme lieber nochmals mit KurskollegInnen oder Projektverantwortlichen.
Als goldene Regel gilt, dass Sie mindestens doppelt so viel wissen sollten, wie Sie im Vortrag erzählen.
Vermittlungswege:
Überlegen Sie, ob Sie ein klassisches Referat halten wollen und ohne Hilfsmittel vortragen möchten. Vielleicht gibt es andere Möglichkeiten, Ihre Information den SeminarteilnehmerInnen mitzuteilen:
Bezug:
Stellen Sie sich auf die Gruppe, die Ihnen zuhört, ein. Sie müssen nicht alles, was Sie sich erarbeitet haben, präsentieren, wählen Sie aus. Stellen Sie sich die Frage:
Stellen Sie sich die Frage, was die ZuhörerInnen auf Grund ihrer Lebenssituation am meisten interessieren könnte.
Generalprobe:
Versuchen Sie, das Referat einmal zur Probe durchzusprechen. Machen Sie das am besten vor Personen, bei denen Sie sich trauen. So können Sie feststellen:
Lampenfieber:
Ein bisschen Lampenfieber ist normal. Stellen Sie in dieser Hinsicht nicht allzu unrealistische Anforderungen an sich selbst.
Wenn möglich, versuchen Sie nicht, sich bis kurz vor dem Referat vorzubereiten. Gehen Sie lieber vor dem Referat eine Stunde spazieren und versuchen Sie, den Kopf frei zu bekommen.
Einstieg:
Versuchen Sie am Anfang des Vortrages Ihrem Publikum klar zu machen, um was es geht. Sie sollen kurz erläutern, was Sie in den nächsten Minuten machen werden und mit welchen Mitteln Sie arbeiten wollen.
Dieser Anfang ist sehr wichtig, Sie sollten sich dafür auch genug Zeit nehmen. Wenn möglich, soll dies auch frei vorgetragen werden.
Freier Vortrag?
Im Idealfall sollen Sie Ihr Referat relativ frei vortragen können. Versuchen Sie herauszufinden, welche Stützpunkte ihnen am liebsten sind, um frei sprechen zu können (Folien, Plakate, Stichwörter).
Achten Sie auf einfache kurze Sätze. Gleichmäßige Atmung und angemessene, verschiedene Lautstärken sind ebenfalls zu beachten. Vermeiden Sie es, ständig im gleichen Tonfall und mit der gleichen Geschwindigkeit zu sprechen. Lassen Sie sich Zeit und hetzen Sie nicht. Machen Sie Pausen.
Gut geeignet dazu ist ein Glas Wasser, das Sie bei Ihrem Platz stehen haben, um einen Schluck zu nehmen. Das unterbricht nicht nur Ihren Sprechrhythmus und lässt Sie automatisch eine Pause machen, es dient auch der Gesundheit. Sie verbrauchen während solcher angespannten Aktivitäten viel mehr Flüssigkeit als normal, daher sollten Sie ausreichend trinken.
Zeitmanagement:
Überlegen Sie, in welcher Zeitspanne Sie etwas sagen können und sagen Sie nicht mehr. Es soll auch genug Zeit bleiben, auf das Gesagte reagieren zu können.
Überlegen Sie auch, ob es sinnvoll ist, zu bestimmten Zeitpunkten innezuhalten und Zwischenfragen zuzulassen. Nehmen Sie in der Beantwortung dieser Zwischenfragen aber nicht Teile Ihres Referates vorweg.
Sie können bei Ihrem Referat auch die Teile ankreuzen, die, wenn keine Zeit bleibt, wegbleiben können. Achten Sie darauf, dass die Grundstruktur des Referates erhalten bleibt.
Versuchen Sie, sich an die vorgegebene Zeit zu halten. Für ZuhörerInnen ist es unangenehm, nicht zu wissen, wie lange es noch dauert, obwohl die Zeit schon aus ist.
Wenn Sie zusätzliche Zeit brauchen, weil Sie z. B. noch etwas besonders Wichtiges erklären müssen: sagen Sie Ihrem Publikum, wie lange Sie noch brauchen, und bitten Sie um Verständnis für die Überziehung.
Folien:
Achten Sie darauf, dass die Folien lesbar sind, vergrößern Sie die Texte. Farbe dort einsetzen, wo es sinnvoll ist. Wenn Sie Unterlagen (Handouts) vorbreiten, dann überlegen Sie genau, was auf diesen Handouts stehen soll.
Geben Sie nicht zuviel Information auf die Folien. Kalkulieren Sie bei den Folien mit ein, wie viel Zeit das Publikum zum Lesen braucht. Überlegen Sie auch, ob Sie Teile daraus vorlesen möchten, und was Sie zeigen möchten.
Denken Sie nicht zuviel an die Folien, Sie sollten den Inhalt auch kennen, ohne auf die Folien zu blicken.
Bei den Folien gilt das gleiche Prinzip wie bei gesprochenem Text: Häufig gilt: Weniger ist mehr. Halten Sie die Folien in der Reihenfolge bereit, wie Sie sie präsentieren wollen.
Versuchen Sie bei der Präsentation von Folien so gut es geht zum Publikum zu sprechen und nicht zu der Wand, von der aus Sie präsentieren.
Körpersprache:
Achten Sie auf eine aufrechte Körperhaltung und halten Sie Blickkontakt zum Publikum.
Technik:
Überprüfen Sie vor der Präsentation, ob alle Medien, die Sie einsetzen wollen, auch funktionieren.
Die letzten Minuten:
Fassen Sie am Ende nochmal das Wichtigste zusammen. Dabei können Sie sich ruhig wiederholen.
Goldene Regel:
Generell gilt der Satz: Halten Sie kein Referat oder machen Sie keine Präsentation, der Sie als Publikum nicht zuhören möchten!
Danach
Meistens ist es so, dass nach dem Vortrag Ihre Arbeit noch nicht zu Ende ist, meistens kommen dann ZuhörerInnen und TeilnehmerInnen, um ein Detailproblem zu besprechen. Seien Sie darauf gefasst, dass man nachher mit Ihnen reden will. Das ist aber gleichzeitig auch eine Gelegenheit etwas über Ihren Vortrag, Ihr Auftreten zu erfahren. Nutzen Sie die Gelegenheit, diese Nach-Gespräche als Feedback (Rückmeldung) zu nutzen.
Versuchen Sie danach, möglichst distanziert festzustellen, was gut und was schlecht war. Überlegen Sie, welche kleinen Schritte Sie setzen können, um es das nächste Mal besser machen zu können.
12.2.
Tipps für Erstkontakte
Die ersten Gespräche/Kontakte zwischen einem/einer Multiplikator/in oder Gesundheitsreferent/in (im folgenden immer als Gesundheitsreferent/in bezeichnet) und einem/einer Hilfesuchenden, prägen entscheidend den weiteren Verlauf der Zusammenarbeit.
Bei einem niederschwelligen Angebot wie es die MultiplikatorInnenarbeit darstellt, entscheidet der erste Kontakt oft darüber, ob es weitere Berührungspunkte zwischen dem/der Hilfesuchenden und dem/der Gesund-heitsreferentIn gibt.
Wichtig ist, darauf zu achten, dass der/die GesundheitsreferentIn nicht mit großem Elan versucht, zu helfen und sofort aktiv zu werden, sondern vorerst einmal Bedacht nimmt, sich selbst Zeit zum Zuhören gewährt und nicht mit fertigen Rezepten und vorgefassten Meinungen aufwartet.
Es macht einen Unterschied, ob jemand kommt, um sich einmal auszusprechen (also gar nicht längerfristig Hilfe in Anspruch nehmen will), oder ob er/sie mit einem ganz konkreten Anliegen (z. B. Kontakt, Vermittlung) kommt.
Erstkontakte sind nicht schematisierbar und können ganz unterschiedliche Dynamiken entwickeln, aber auch ganz unterschiedliche Erwartungshaltungen in sich bergen, auf die die/der GesundheitsreferentIn entsprechend reagieren können sollte. Jeder/m GesundheitsreferentIn muss bewußt sein, dass er/sie nicht für alle Erwartungen zuständig und kompetent sein kann.
Überfordernde Aufträge nicht zu übernehmen, die entsprechenden fachlichen und persönlichen Grenzen zu setzen und auf andere, kompetentere Stellen oder Personen zu verweisen, ist sehr wichtig und zeugt von Professionalität.
Grundsätzlich können GesundheitsreferentInnen in Erstkontakten mit allen nur denkbaren Problemlagen konfrontiert werden. Das setzt große Belastungsfähigkeit voraus und eine immer wiederkehrende Reflexion über diese Kontakte (eigene Psychohygiene, Weiterentwicklung des professionellen Handelns).
Im Folgenden sind einige wichtige Grundsätze für das Erstgespräch zusammengefasst, die allgemein gültig sind:
(1) Umgang mit Vorinformationen
Wenn Vorinformationen über die handelnden Personen und ihre Probleme vorhanden sind, sollte man darauf achten, dass diese nicht zum vorgefassten Bild über den Hilfesuchenden/die Hilfesuchende bzw. deren/dessen Problem werden.
Kritisches Hinterfragen und Nachdenken darüber, von wem man welche Informationen in welchem Zusammenhang erhalten hat, ist unerläßlich.
(2) KlientIn und PrimärklientIn
Es ist wichtig zu unterscheiden, ob der/die Hilfesuchende mit ihrem/seinem Problem kommt, oder ob er/sie über das Problem von anderen spricht.
(3) Auftrag
Die Tatsache, dass sich jemand zu einem Erstgespräch entschließt, bedeutet noch lange nicht, dass ich als GesundheitsreferentIn automatisch auch schon befugt bin, für den/die Hilfesuchende/n aktiv werden zu dürfen.
Ein gut geführtes Erstgespräch endet unter anderem auch damit, dass beide Teile übereinkommen, dass sie gemeinsam weiter arbeiten möchten und die nächsten Schritte gemeinsam beschließen (welche Maßnahmen sinnvoll sind und wer welche Aufgaben dafür übernimmt).
(4) Ausschluss nicht erfüllbarer Forderungen
Die Grenzen der Unterstützungsmöglichkeiten müssen aufgezeigt werden.
Ein Beispiel:
Ein/Eine GesundheitsreferentIn kann nicht bei einem Telefonat aus Wien persönliche Hilfeleistung anbieten, wenn er/sie in Graz wohnhaft ist. Die Art der Hilfeleistung, die für ihn/sie möglich, sinnvoll und dem Aufwand entsprechend ist, ist einen Kontakt zu einer Hilfs- oder Beratungseinrichtung in Wien herzustellen.
(5) Nichts geschieht ohne Wissen der/des Klienten/Klientin
Eine wichtige Regel lautet, dass nichts hinter dem Rücken und ohne Einverständnis des/der Hilfesuchenden geschieht. Es muss immer Transparenz über die gesetzten Schritte hergestellt werden, und die KlientInnen sind über alle Schritte informiert und geben dafür auch den entsprechenden Auftrag (siehe Punkt 3).
(6) Aktive Teilnahme der Hilfesuchenden
Es ist darauf zu achten, dass die Hilfesuchenden immer dazu aufgefordert werden, selbst Handelnde zu bleiben und Lösungsansätze von den KlientInnen selbst stammen.
12.3.
Liste weiterführende Internetlinks:
http://www.patienteninfo-berlin.de
http://www.gesundheitberlin.de
http://www.gesundheitsfoerderung.at
http://www.gesundheit.steiermark.at
http://www.trojovsky.net/alex/gesundheit
http://www.fgoe.org
http://graz.at/umwelt/gamt/index.htm
http://www.asyl.at
http://www.alter-migration.ch
http://www.migrationandhealth.info
http://www.aidshilfen.at
http://www.unhcr.ch
http://www.univie.ac.at/lbimgs
12.4.
Verwendete und weiterführende Literatur
Auernheimer, Georg. Einführung in die interkulturelle Erziehung. Darmstadt: Primus-Verlag, 1996.
Auernheimer, Georg (Hrsg.). Migration als Herausforderung für pädagogische Institutionen. Opladen: Leske + Budrich, 2001.
Auernheimer, Georg (Hrsg.). Interkulturelle Kompetenz und pädagogische Professionalität. Opladen: Leske + Budrich, 2002.
Brosch, Renate. Zum Thema Sucht Betroffene und deren Angehörige. Wien: Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen. O. J.
Bundesministerium für Arbeit, Gesundheit, Soziales (Hrsg.). Das Gesundheitswesen in Österreich. Wien, 1998.
David, Matthias. Borde, Thea. Kranksein in der Fremde? Türkische Migrantinnen im Krankenhaus. Frankfurt/Main: Mabuse, 2001.
Gardemann, J. Müller, Wolfgang. Remmers, Angelika (Hrsg.). Migration und Gesundheit: Perspektiven für Gesundheitssysteme und öffentliches Gesundheitswesen. Berichte & Materialien Band 17. Düsseldorf: Akademie für öffentliches Gesundheitswesen, 2000.
Gawatz, Reinhard. Novak, Peter (Hrsg.). Soziale Konstruktionen von Gesundheit. Wissenschaftliche und alltagspraktische Gesundheitskonzepte. Ulm: Universitätsverlag, 1993.
Glasl, Friedrich. Konfliktmanagement: ein Handbuch zur Diagnose und Behandlung von Konflikten für Organisationen und ihre Berater. 2., vollst. überarb. Aufl. Bern [u.a.]: Haupt [u.a.], 1990.
Heimannsberg, Barbara. Schmidt-Lellek, Christoph J.(Hrsg.). Interkulturelle Beratung und Mediation. Konzepte, Erfahrungen, Perspektiven. Köln: Ed. Humanist. Psychologie, 2000.
Hinz-Rommel, Wolfgang. Interkulturelle Kompetenz ein neues Anforderungsprofil für die soziale Arbeit. Münster [u.a.]: Waxmann, 1994
Hofstede, G. Cultures Consequences: Comparing Values, Behaviors, Institutions and Organizations Across Nations. Thousand Oaks CA: Sage Publications, 2001.
http://www.aidshilfen.at
(20.10.2003)
http://www.asyl.admin.ch
(21.04.2003)
http://www.fh-potsdam.de
(21.04.2003)
http://www.intercultural-network.de
(20.10.2003)
http://www.m-ww.de (10.11.2003)
Kähler, Harro Dietrich. Erstgespräche in der sozialen Einzelhilfe. Freiburg im Breisgau: Lambertus, 1997.
Marmot, Michael. Wilkinson, Richard G.. Social Determinants of Health. Oxford. Jz. Unbekannt.
Marschalck, Peter. Wiedl, Karl-Heinz (Hg). Migration und Krankheit. IMIS-Schriften. Bd. 10. Osnabrück: Universitätsverlag Rasch, 2001.
Matthias, David. Borde, Thea. Kentenich, Heribert (Hrsg.). Migration und Gesundheit. Zustandsbeschreibung und Zukunftsmodelle. Frankfurt/Main: Mabuse-Verlag, 2001.
Meyer-Ehlert, Birgit. Schneider-Wohlfahrt, Ursula. Gesundheitsbildung und beratung mit Ausländerinnnen. Berlin: Express Edition, 1986.
Schulz von Thun, Friedemann. Miteinander reden 1 - Störungen und Klärungen. Rowohlt Taschenbuchverlag: Reinbek bei Hamburg, 1981
Schulz von Thun, Friedemann. Miteinander reden 2- Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung. Rowohlt Taschenbuchverlag: Reinbek bei Hamburg, 1989
Schulz von Thun, Friedemann. Miteinander reden 3- Das Innere Team und situationsgerechte Kommunikation. Rowohlt Taschenbuchverlag: Reinbek bei Hamburg, 1998
Schwartz, F.W. (Hrsg.). Das Public Health Buch. München-Jena: Urban und Fischer, 2002.
Treibel, Annette: Migration in modernen Gesellschaften, Soziale Folgen von Einwanderung, Gastarbeit und Flucht, 2. Aufl., München 1999
Kula, Onur Bilge: Multikulturalität oder Anti-Multikulturalität? IN: Kürs¸at-Ahlers, Elc¸in, Tan, Dursun, Waldhoff, Hans-Peter (Hsg.): Globalisierung, Migration und Multikulturalität, Werden zwischenstaatliche Grenzen in innerstaatliche Demarkationslinien verwandelt? Frankfurt a. Main 1999, S. 173 - 179
Weiss, Regula. Macht Migration krank? Eine transdisziplinäre Analyse der Gesundheit von Migrantinnen und Migranten. Zürich: Seismo-Verlag, 2003.
Wilkinson, Richard. Unhealthy societies. London: Routledge, 1996.
12.5
Medizinische Fachbegriffe auf englisch, französisch,
russisch, türkisch, arabisch, dari, paschtu
Impressum
Medieninhaber: ZEBRA - Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen in Österreich
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