Zebratl 3/2000:  Gefährdet, seine Rechte zu verlieren

 

ZEBRATL das Magazin des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen in Österreich

Nummer 3/2000: "Gefährdet, seine Rechte zu verlieren"


Gesundheit und Migration:
Was macht MigrantInnen krank?

"Untersuchungen belegen, dass MigrantInnen höheren Gesundheitsrisiken, Krankheitshäufigkeiten und früher im Leben auftretenden chronischen Erkrankungen und Sterblichkeit ausgesetzt sind als die sesshaft gebliebene Gesellschaft". Den Fragen, warum das so ist und welche Möglichkeiten bestehen, das österreichische Gesundheitssystem auf Risikogruppen einzustimmen, hat sich Christoph Pammer mit einer Diplomarbeit an der Grazer Akademie für Sozialarbeit genähert.

In den 60ern mussten sich die sogenannten GastarbeiterInnen medizinischen Untersuchungen unterziehen, um in Österreich arbeiten zu können. Dies führte nicht nur dazu, dass MigrantInnen lange Zeit gegenüber österreichischen Staatsbürgern bessere Gesundheitswerte auszuweisen hatten, sondern auch dazu, dass diese Gruppe als solche von Medizinsoziologen und dem österreichischen Gesundheitssystem unbeachtet blieb. Oberflächlich betrachtet bestand auch kein Problem: Alle Menschen haben die gleichen Organe. Mittlerweile weiss man mehr: Und zwar geht das Wissen über das Erkennen von MigrantInnen als Risikogruppe für bestimmte Ansteckungskrankheiten hinaus, da man mittlerweile davon ausgeht, dass auch das Gesundheitssystem im Aufnahmeland das seine - zur im Vergleich mit ÖsterreicherInnen bedenklichen gesundheitlichen Situation von MigrantInnen - beiträgt.

Untersuchungen öffentlicher Auftraggeber belegen, dass MigrantInnen höheren Gesundheitsrisiken, Krankheitshäufigkeiten und früher im Leben auftretenden chronischen Erkrankungen und Sterblichkeit ausgesetzt sind als die sesshaft gebliebene Gesellschaft. Diese statistischen Risken resultieren aus

Die Ursachen für die gesundheitlichen Probleme von MigrantInnen sind sowohl in ihrem Gesundheitsverhalten, als auch in den mangelnden Voraussetzungen des österreichischen Gesundheitssystems zu finden, das in vielen Bereichen erst gar nicht in der Lage erscheint, adäquat zu versorgen. Dabei stellen sprachliche Barrieren eines der Hauptprobleme dar:

Regelmässig Stuhlgang?

Auf die Frage: "Haben Sie PatientInnen/KlientInnen zu versorgen, die sich nur schwer oder gar nicht auf Deutsch verständigen können?" antworteten in einer Studie des WHO-Projektes "Gesunde Stadt" sowohl ÄrztInnen, Pflegepersonal, SozialarbeiterInnen und TherapeutInnen zu mehr als 90% mit "Ja" (hier: Wien). 7 % des Personals verständigt sich mit Nichtdeutschsprachigen immer alleine, 68% manchmal über Dritte, 25% fast immer über Dritte. Eine "Grauzone" stellt weiters die Kommunikation in vereinfachtem Deutsch dar, hier lässt sich nicht eruieren, ob eine ausreichende Verstehenstiefe erreicht werden kann, so dass die Aussage "Man ist nicht sicher, wieviel die PatientInnen wirklich verstehen" von 91% der Befragten als zutreffend bezeichnet wurde. Man muss nicht alle Bereiche benennen, in denen diese Umstände gravierende Folgen haben können: die ärztliche Aufklärung im Vorfeld chirurgischer Eingriffe etwa, oder Informationen zu Medikamentenallergie und –unverträglichkeit.

Von medizinischem Personal werden zwar sprachmittelnde Personen in zwei Drittel der Fälle eingesetzt, allerdings handelt es sich dabei grossteils um deren Kinder (Fernbleiben von der Schule!) oder um zu ad-hoc Übersetzungen herangezogenes Reinigungspersonal. Diese Personen befinden sich als ÜbersetzerInnen in einer besonderen Machtposition, ausserdem sind ihnen sehr persönliche Gesprächs-inhalte peinlich, weswegen sie übergangen oder verschwiegen werden: Ausgebildete und mit dieser Thematik befasste DolmetscherInnen könnten hier Abhilfe für Missstände schaffen, die für alle Beteiligten zum Problem werden, denn auch das medizinische Personal kann aufgrund von Fehldiagnosen und –therapien rechtlich zur Verantwortung gezogen werden.

 

Ein weiteres Problem liegt in den kulturellen Barrieren zwischen Arzt/medizinischem Personal und den nicht deutschsprachigen PatientInnen, die sich in der Regel deutlich von österreichischen Patient- Innen unterscheidet:

"Halbe Seite wie tot" bzw. "Blut nicht richtig fliessen" sind nur Beispiele für schwer zu deutende Äusserungen. Die interkulturellen Barrieren führen auch zur Verunsicherung des behandelnden Personals: Während Frauen aus einem anderen Herkunftsland auf die Frage, ob ihr/e Frauenarzt/ärztin eine Brustuntersuchung durchführt, nur 42% mit "ja" antworteten, waren dies bei Österreicherinnen 77,5%. (Krebsabstrich: 46% vs 90%).

Das WHO-Projekt "Gesunde Stadt", in welchem seit 1992 in einem Netzwerk 24 österreichische Städte zusammenarbeiten und sich Chancengleichheit aller Bürgerinnen und Bürger, Gesundheitseinrichtungen und Krankenversorgung auf hohem Niveau für alle sowie breites Verständnis gegenüber der eigenen kulturellen Vergangenheit und gegenüber anderen ethnischen Gruppen in der Stadtbevölkerung zum Ziel setzten, hat die Weichen für notwendige Massnahmen längst gestellt. Das Wiener Konzept für einen Dolmetsch-Pool sowie das MultiplikatorIinnenprojekt des Vereines Zebra stellen Beispiele für richtungsweisende Umsetzungsmöglichkeiten dar.

 

Christoph Pammer:
"Möglichkeiten für MigrantInnen zur gesundheitlichen Versorgung" Akademie für Sozialarbeit, Februar 2000


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