Zebratl 3/2000:  Gefährdet, seine Rechte zu verlieren

 

ZEBRATL das Magazin des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen in Österreich

Nummer 3/2000: "Gefährdet, seine Rechte zu verlieren"


Schulintegrative Beratung
Mit dem System überfordert

"Ausländische Kinder" in der Schule, ein Thema, das immer wieder heftige Kontroversen und Diskussionen hervorrief. Im Bereich der schulischen Integration spielen, wie auch in anderen Integrationsbereichen, Informationsdefizite eine große Rolle. Im folgenden Beitrag berichtet Emina Kofrc über das sensible Feld der schulischen Integration, der Arbeit mit Eltern und Projekten, die in letzter Zeit entstanden sind.

Für viele ausländische Familien besteht dadurch, daß ihre Kinder zur Schule gehen (müssen) sowohl eine Chance, gleichzeitig stellt es aber auch den Beginn einer Reihe von Überforderungen dar. Diese resultieren aus mangelnden Sprachkenntnissen, aus dem Verlust an Kompetenzen und Selbstvertrauen, die durch den Wechsel in ein anderes gesellschaftliches und kulturelles System entstehen.

Herr G. wurde von der Direktion der Schule seines Sohnes (14 Jahre) zu einem Gespräch eingeladen. Dort mußte er erfahren, dass sein Sohn schon seit längerer Zeit sehr auffällig war und zwar so massiv, dass sie ihn von der Schule weisen wollten. Er war verzweifelt, wußte nicht wohin. Er wandte sich an ZEBRA. Es wurde ein Kontakt hergestellt und darin erfuhren die Berater und Herr G., dass sein Sohn große Schwierigkeiten hatte, sowohl fachlich als auch im Klassenverband. Die Eltern hatten sich trotz mehrerer Aufforderungen von seiten der Lehrer bisher nie gemeldet. Der Vater war von der Nachricht entsetzt, da das Kind zu Hause keinen Grund zur Klage gab. Zu diesem Zeitpunkt waren die intensiven Bemühungen, die Situation in der Schule zu beruhigen bereits aussichtslos, die Probleme waren zu stark angewachsen. Hätte man früher reagiert und regelmäßige Treffen zwischen den Eltern, dem Kind und der Schule abgehalten, wären viele Sorgen erspart geblieben.

Dies ist leider kein Einzelfall. Aus diesem Grund ist die Arbeit mit den Eltern zentraler Bestandteil für ein Gelingen der schulischen Integration von Flüchtlings- und Migrantenkinder. Im Rahmen der Beratung konnte bei ZEBRA immer wieder die Erfahrung gemacht werden, wie wenig die Eltern der nicht deutschsprachigen Schüler über die Schule, die Lernerfolge und den Kontakt mit dem Lehrpersonal wissen. Nicht nur, dass sie wegen mangelnder Sprachkenntnisse sich scheuen, persönlich in der Schule vorzusprechen (viele Eltern benützen ihre Kinder noch immer als Dolmetscher), auch haben sie meistens keine Gelegenheit sich über das Schulsystem in Österreich zu informieren.

Ursachen?

Das österreichische Schulsystem unterscheidet sich in vielen Belangen von den Systemen, die MigrantInnen und Flüchtlinge aus ihren Heimatländern kennen. Viele MigrantInnen kommen nach Österreich und erleben das Schulsystem nicht mehr selbst, können also keine eigenen Erfahrungen/Kenntnisse einbringen. Bei Eintritt ihrer Kinder in das Schulwesen können sie ihnen nicht mit eigenem Wissen und Erfahrungen helfen.

Durch die oft mangelnden Sprachkenntnisse der Eltern und aus Angst, nichts zu verstehen und sich daher zu blamieren, entsteht eine Hürde, die es verhindert, zu wichtigen Austausch- und Informationsaktivitäten der Schule zu kommen (Elternabende, Sprechtage usw...). Häufig kommt es erst dann zu einem Gespräch, wenn die Probleme sich angehäuft haben und eskaliert sind.

Die Kinder selbst erleben durch ihre Eltern häufig einen starken Druck in bezug auf ihre Leistungen, da der Wunsch der Eltern, die Kinder mögen es einmal besser als sie selbst haben, groß ist. Zugleich ist die notwendige Lernhilfe durch die Eltern oft wegen ihrer geringen Sprachkenntnisse nicht möglich, und die Kinder fühlen sich allein gelassen. Die daraus resultierenden Lernschwierigkeiten verstärken die Probleme im Klassenverband, mit denen die Kinder aufgrund ihres Status als MigrantInnen oder Flüchtlinge und ihrer oft schwierigen sozialen Lage ohnehin zu kämpfen haben.

Verhaltensauffälligkeiten und mangelnde Lern- und Konzentrationsfähigkeit von ausländischen Kindern können ihre Ursache in den Lebensumständen der Familien haben. Hintergründe können beispielsweise sein: beengte Wohnverhältnisse (z.B. Flüchtlingsquartiere), unsicherer Aufenthaltsstatus, Traumatisierung der Eltern und/oder der Kinder durch massive Gewalterfahrungen (Krieg etc.). Lehrer und Lehrerinnen sind hier oft auf Vermutungen angewiesen, daß im Lebensumfeld der Kinder "etwas nicht stimmt".

Schulintegrative Beratung

Aus den oben genannten Ursachen und Erfahrungen, die im Bereich der Beratung gemacht wurden, entwickelte sich bei ZEBRA schon seit längerem ein Bewußtsein, dass eine Anlaufstelle mit verschiedenen Beratungsangeboten notwendig wäre, bei der sich die Eltern von nichtdeutschsprachigen Kindern über alle schulischen Belange informieren und einen besseren Kontakt zu den Lehrern finden können. Aufgrund dessen wurde das Projekt "Integration von Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache" ins Leben gerufen.

An diesem Projekt sind mehrere Vereine seit einigen Monaten beteiligt. Durch die Kooperation ist es möglich, ein breites Angebot von Unterstützungen anzubieten. Der Verein SALE (Solidaritätsaktion für arbeitslose Lehrer und Lehrerinnen) stellt für das Projekt "schulintegrative Beratung" eine muttersprachliche Beraterin des Vereins ZEBRA im Ausmaß von 12 Wochenstunden an. Daneben werden weitere Möglichkeiten angeboten: Deutschkurse für Eltern von nichtdeutschsprachigen Kindern bei ISOP und bei DANAIDA, Deutschunterricht für eben diese Kinder sowie Lernbetreuung.

Die schulintegrative Beratung hat die Aufgabe, die Rolle des notwendigen Vermittlers zwischen Eltern und Kindern bzw. Eltern und Schule einzunehmen und dementsprechende Gesprächsmöglichkeiten auch in der Schule anzubieten. Die "schulintegrative Beratung" wurde sowohl als mobil und aufsuchend, als auch in der Beratungsstelle von ZEBRA gestaltet, so daß flexibel auf die Bedürfnisse der Eltern und Kinder in der Schule, aber auch ausserhalb eingegangen werden kann.

Die Arbeitsbereiche der "Schulintegrativen Beratung" stellen sich entsprechend den zuvor skizzierten Ursachen folgendermaßen dar:

  1. Beratung und Information zum Schulsystem
  2. Förderung der Kommunikation zwischen Eltern und Schule
  3. Lernunterstützung - Erwartungsdruck
  4. Kommunikation mit den LehrerInnen

Zwei Beispiele

Beim ersten Elternabend, bei dem die "schulintegrative Beratung" dabei war, erhielt diese Form der Unterstützung äusserst positive Reaktionen. Das Interesse der Eltern für die Problematik der fehlenden Kommunikation in der Schule war sehr groß und man konnte die Erleichterung spüren, dass man sich über dieses Problem Gedanken macht. Es wurden viele Fragen gestellt, auch von seiten der Eltern dessen Kinder eigentlich keine Probleme hatten: "Wie benimmt sich mein Kind in der Schule?", "Hat er Freunde oder ist er mehr zurückgezogen und alleine?"

Am 13. März 2000 erfolgte in der Volksschule Hirtengasse die Schuleinschreibung für das kommende Schuljahr 2000/2001. Die Eltern bzw. die LehrerInnen wurden bei der Anmeldung der "Taferlklassler" für das kommende Schuljahr unterstützt. Bei Kindern, deren Deutschkenntnisse mangelhaft waren, wurde von den Lehrkräften den Eltern nahegelegt, ihre Kinder an Kinderkursen beim Verein DANAIDA teilnehmen zu lassen, um den "Taferlklasslern" den Schulbeginn zu erleichtern. Auch in der Beratungsstelle beim Verein ZEBRA wurde dieses Angebot bereits in Anspruch genommen.

Wichtig bei diesem Projekt erscheint es zu sein, dass mit der Aufklärung schon im Vorschulalter der Kinder begonnen wird, um die Eltern auf die Schulzeit ihrer Sprößlinge vorzubereiten. Wir erachten diese präventive Arbeit für unumgänglich, da sie eine große Hilfe für den weiteren Bildungsweg der Kinder in Zukunft darstellt.

 


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