Zebratl 3/2000:  Gefährdet, seine Rechte zu verlieren

 

ZEBRATL das Magazin des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen in Österreich

Nummer 4/2000: "Rassismus? Bei uns nicht!"


Buchrezension:
Hochgradige Verdichtung Debriefing:
Erste Hilfe durch das Wort

Dass unser Leben an einem seidenen Faden hängt, wird uns meist erst dann bewusst, wenn dieser zu zerreißen droht, wenn sich rings um uns die Fäden ausdünnen, wenn wir zusehen müssen, wie andere aus ihren so sicher scheinenden Lebensnetzen stürzen. Die Frage, was dann mit uns passiert, wenn uns etwas fundamental aus der Bahn wirft, wenn uns oder unserer Umgebung ein Unglück geschieht, wenn die reale Welt sich zu einer einzigen offenen Wunde (Trauma bedeutet im ursprünglichen griechischen Sinne Wunde) verkürzt, diese Frage ist eine essentielle. Antworten darauf und Hilfestellungen versuchen dabei vor allem Religionen, Lebensphilosophien und auch die Wissenschaften, die sich mit Menschen beschäftigen, zu geben, wenngleich der jeweilige Fokus dabei sehr divergiert.

Die Sozialwissenschaften interessieren sich für das Thema Trauma dabei aus unterschiedlichen Beweggründen. Zum Einen ist es die hochgradige symbolische Verdichtung von individuellem Leben, die meist nur in Krisen zutage tritt, und die nicht nur Ausdruck von soziokultureller Ordnung ist, sondern oft auch das unerwartete Ergebnis von erlittener biographischer und sozialer Unordnung. Zum anderen geht es hier aber auch um die Traumatisierungen von ganzen Gesellschaften (z. B. durch Terror oder Kriege), die selbst nach Beendigung des Grauens als Folien sozialer Erinnerung wirken. In der (vom Verein ZEBRA mitgetragenen) sogenannten Wehrmachtsausstellung über den Vernichtungskrieg hat sich beispielsweise gezeigt, wie nahe den Menschen in Österreich der Krieg noch immer ist und wie nachhaltig eine Gesellschaft durch Gewalt geprägt wird.

Das hier vorliegende Buch der Schweizer Psychiaterin Gisela Perren-Klinger geht ebenfalls diesen beiden Wegen nach, und zeigt darüber hinaus auf anschauliche und höchst kompetente Art und Weise, wie professionelle Hilfe in derartigen Krisen geleistet und sichergestellt werden kann. Hat der - zum Teil durch die Medien verursachte - inflationäre Gebrauch des Wortes Trauma diesen Begriff in der Diskussion oft zu einem schwammigen Einheitsbrei verkommen lassen, mit dem kaum noch präzise zu arbeiten ist, so zeigt sich in diesem Buch, dass abseits eines solchen Allerweltsgeredes hier in sorgfältigen Vergleichen sowie der Analyse von Gemeinsamkeiten eine fundierte Basis für die theoretische und praktische Traumaarbeit entstanden ist. Mit diesem Buch finden Menschen, die sich berufsmäßig mit den verschiedensten Formen der Auswirkungen von Gewalt und Katastrophen beschäftigen, ein unverzichtbares Nachschlagewerk über die Formen, die Folgen und die Behandlung derartiger Krisenphänomene, wobei hier vor allem die Methode des Debriefing ausführlich dargestellt wird.

Besonders interessant erscheint aus sozialwissenschaftlicher Sicht der Zugang zu derartigen traumatischen Erlebnissen über die Formen der Erzählung, über Rede und Schrift, um solcherart Auskunft über das Geschehene zu geben. Ausgehend von den Selbstdeutungen der Menschen werden die Wege hin zum dramatischen Ereignis nacherzählt, und somit das Trauma eingebettet in das, was wir Biographie, oder die biographische Selbstpräsentationen, nennen. Wesentlich ist dabei, dass Ereignisse hierbei nur in ihrem Verlauf wahrnehmbar sind, d. h., dass auch das traumatische Ereignis seinen Platz in der Geschichte hat, somit bearbeitbar, und letztlich auch bewältigbar gemacht werden kann. Wer sein Leben solcherart erzählt, entwirft ein Bild von sich und seiner Umgebung, knüpft Zusammenhänge, deutet Entscheidungen, gibt Auskunft über Ursache und Wirkung, versucht zu verstehen und Akzente zu setzen. Die Wut, die Trauer, die Angst über das Erlittene, das Geschehene, wird dabei nicht verdrängt, das traumatische Erlebnis nicht vergessen, aber doch in einem Lebenskontinuum gesehen, denn die Erzählung, das Leben, geht weiter. Die Methode des Debriefing macht dabei den Beginn und das Ende des traumatischen Ereignisses klar, entreißt sozusagen das Opfer den Klauen des allgegenwärtigen Horrors, indem wieder Unterschiede und Gestaltungsmöglichkeiten, Ressourcen, sichtbar gemacht werden.

Tief eingeprägt

Neben diesem narrativ-interpretativen Zugang oder den gesellschaftlichen und individuellen Folgen von Gewalt, gibt es hier noch bemerkenswerte Praxisbeispiele, die belegen, wie prekär z. B. die Bewältigungsmechanismen von Einsatzkräften sind. Mit der Bergung von Toten, der Versorgung der Verletzten und dem Wegräumen der Trümmer sind Katastrophen nämlich längst nicht gemeistert, weder für die Verletzten, noch die Angehörigen der Todesopfer, die Zeugen, die Hilfskräfte oder auch die Unfallverursacher. Auch belastbare, im Umgang mit tödlichen Verkehrsunfällen eigentlich erfahrene Einsatzkräfte erzählen, wie sich die Spuren derartiger Bilder immer wieder tief einprägen, denn Verletzungen der Seele verwunden auch das Gehirn und den Charakter. In den Artikeln zeigt sich weiters, dass das Nachdenken über das Zusammenspiel von Seele und Gehirn in dieser Hinsicht bemerkenswerte Ergebnisse zeitigt. Seele und Gehirn: Die Erforschung ihrer Beziehung ist kein rein philosophisches Problem mehr, sondern fördert eine Form der Selbsterkenntnis, die zur Lebenspraxis führen kann, zum Durchschauen ihrer komplexen Wechselwirkung. Es zeigt sich in diesem Buch auch, dass nur eine Zusammenarbeit von Theorie und Praxis (die Beiträge stammen u. a. von ÄrztInnen, PsychologInnen, SoziologInnen und einem Lokomotivführer), eine lebendige Form der Interdisziplinarität entstehen lassen kann.

Dieses Buch ist ein gutes Beispiel für die Aufbereitung des Wissens über trau-matische Prozesse, über die professionel-le, kompetente medizinische und auch psychologische Hilfe, nicht nur für die Überlebenden derartiger Ereignisse, son-dern auch für deren Umfeld und die vie-len professionellen HelferInnen. Die hier dargestellten Beiträge tragen in ihrer Vielschichtigkeit und Prägnanz viel zur Verbreiterung und Intensivierung des Wissens über traumatische Erfahrungen in unserer Welt bei. Deshalb ist es auch für LeserInnen, die sich selbst nicht be-rufsmäßig mit dem Thema befassen, überaus empfehlenswert.

Rudolf Egger

Gisela Perren-Klinger (Hrsg) 2000: debriefing - Erste Hilfe durch das Wort. Hintergründe und Praxisbeispiele. Paul Haupt, Bern, Stuttgart, Wien

 


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