ZEBRATL das
Magazin des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen und kulturellen
Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen in Österreich
Nummer 4/2000: "Rassismus? Bei uns nicht!"
Für das diffuse Bild vom Ausländer, der auf den österreichischen Arbeitsplatz "drängt" und den Österreicherinnen die Arbeit weg nimmt, haben maßgebliche Medien und Politik in den letzten Jahren ausreichend gesorgt. Unerträglich wird die Situation, wo Migrantinnen dem persönlichen und strukturellen Rassismus hilflos ausgeliefert sind. Ein solcher Bereich ist oft der tägliche Arbeitsplatz.
" Zum Glück gibt es auch Firmen, denen es wichtig ist, eine fleißige und tüchtige Arbeitskraft zu bekommen, ohne Ansehen der Herkunft oder Hautfarbe", so ein ZEBRA-Berater, nachdem er über rassistische Erfahrungen berichtet hat, mit denen AusländerInnen an ihren Arbeitsplätzen in Österreich konfrontiert sind. Während eine Vielzahl von MigrantInnen mehr oder weniger integriert auf dem Arbeitsmarkt untergekommen ist, scheint eine gleichberechtigte Behandlung für Ausländer also oft alles andere als selbstverständlich zu sein.
Der Rassismus, den ausländische Arbeitnehmerinnen tagtäglich am eigenen Leib erfahren, zeigt sich als komplexes Gebilde bestehend aus dem "ganz normalen" "Alltagsrassismus" (z. B. rassistische Bemerkungen von Kollegen) und dem "strukturellen" Rassismus (legale Ausbeutung), zwischen denen ein großer Graubereich liegt und die sich gegenseitig begünstigen.
So werden ausländische ArbeitnehmerInnen am Arbeitsmarkt häufig zu quasi rechtlosen Bittstellern um Arbeits- und Aufenthaltsbewilligung degradiert, und so die Vorstellung weiter genährt, es wären die Arbeitskräfte aus dem Ausland, die die Jobs der (fleißigen) Österreicherinnen gefährden. Dort wo Interessenskonflikte zwischen Wirtschaft und Arbeitnehmern weitgehend geleugnet werden, müssen neue Feindbilder her.
Rechtlose Bittsteller
Der Ausnutzung von ausländischen Arbeitskräften ist vor allem in der ersten Phase der vermeintlichen Integration am Arbeitsmarkt Tür und Tor geöffnet. Die ausländische Arbeitskraft verfügt noch über keine Beschäftigungsbewilligung und muss einen Arbeitgeber finden, denn dieser kann diese beantragen, an den der Arbeiter dann 12 Monate lang gebunden ist, will er sich das Recht auf eine Arbeitserlaubnis erwerben, die es ihm erlaubt, sich selbsttätig innerhalb eines Bundeslandes eine geeignete Arbeit zu suchen.
Frau B. aus Bosnien erzählt von ihrem Job als Abwäscherin in einem österreichischen Restaurant, wo rassistische Beschimpfungen und Demütigungen bis hin zu leichten körperlichen Attacken an der Tagesordnung standen. Nachdem sie dort über 111/2 Monate zu unwürdigen und unfairen Bedingungen beschäftigt war, wurde sie eine Woche vor Erreichen des Anspruchs auf eine Arbeitserlaubnis ohne Angabe von Gründen "abgemeldet". Bleibt sie nun länger als 28 Tage ohne Beschäftigung, so werden ihr auch die 11 Monate nicht angerechnet und sie muss von vorn anfangen, sich noch ein Jahr der Willkür eines Arbeitgebers aussetzen.
Gelten diese zwecks Arbeitserlaubnis an Betriebe gebundenen Beschäftigten in besonderem Maße als vogelfrei, so sehen sich jedoch auch immer wieder "reguläre" ausländische Arbeitnehmer mit Arbeitserlaubnis mit der Verweigerung ihrer Arbeitsrechte wie Urlaub, Bezahlung von Überstunden, etc konfrontiert. Die Schwäche, seine (ohnehin schon geringen) Rechte zu artikulieren oder gar einzuklagen, führt in der Praxis oft zur anderen Art des Rassismus, der persönlichen, in der wohl auch eine Art der Ausbeutung zu sehen ist: der Polier am Bau, der den türkischen Hilfsarbeiter nicht nur zum Kaffee holen außerhalb der Arbeitszeit, sondern auch zum Abladen des persönlichen Alltagsfrust missbraucht, in dem er ihn auf rassistische Art und Weise beschimpft, oder der leitende Angestellte einer Reinigungsfirma, der einer ausländischen Hilfskraft wegen Schwierigkeiten beim Verstehen seines breiten steirischen Dialekts mit fristloser Kündigung droht, sind zwar hoffentlich nicht die Regel, jedoch alles andere als seltene Einzelfälle, wie Beraterinnen von ZEBRA täglich hören und miterleben müssen.
Am härtesten betroffen sind in der Regel die farbigen Arbeitskräfte, Migrantinnnen aus Afrika oder Lateinamerika, denen oft nicht einmal jene Stellen offen stehen, die auf Grund der niedrigen Tätigkeit bzw. der geringen Bezahlung ohnehin nur von Nichtösterreichern angenommen werden. Jene Schwarze, die überhaupt eine Chance am Arbeitsmarkt haben, sehen sich tagtäglich mit den Stereotypen vom schwarzen Drogenboss, der schwarzen Frau die ihre hiesige Daseinsberechtigung nur als Lustobjekt unbefriedigter österreichischer Männerphantasien hat, konfrontiert. So der Bericht einer Brasilianerin, die seit 10 Jahren in Österreich lebt und als Pflegehelferin in Graz arbeitet. Die teilweise vorhandenen Vorurteile der Kollegen konnten abgebaut werden, aber bei den Patienten muss sie jeden Tag aufs Neue gegen Scheu, Angst, bis hin zu aggressiver Fremdenfeindlichkeit anrennen. Also macht sie ihre Arbeit, so gut wie möglich, versucht die Beleidigungen abprallen zu lassen - und schweigt.
Auch Frau B. wird weiterhin schweigen und versuchen, endlich eine Arbeitserlaubnis und damit ein Minimum an Sicherheit zu bekommen. Vielleicht hat sie Glück und landet bei einer Firma, denen es nur wichtig ist, eine fleißige und tüchtige Arbeitskraft zu bekommen, und die gern mit Ausländerinnen arbeitet. Oder sie wird wieder Komplexe und Modernisierungsängste von "fleißigen und tüchtigen" Österreichern ausbaden, die ihr Weltbild und die dazugehörigen Sündenböcke tagtäglich (alles) auf dem Silbertablett und im Kleinformat serviert bekommen.
Johannes Schrettle