ZEBRATL das
Magazin des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen und kulturellen
Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen in Österreich
Nummer 4/2000: "Rassismus? Bei uns nicht!"
Die Idee eines vereinten Europas enthält auch die Vorstellung des friedlichen Miteinanders verschiedener kultureller und ethnischer Traditionen. Was wir anstreben, ist ein Europa der Vielfalt, der gegenseitigen Bereicherung der Nationen.
Der aktuelle Rassismus, der in den letzten Jahren weltweit im Zunehmen begriffen ist, stellt eine Bedrohung für alle pluralistisch ausgerichteten Demokratien dar und ist eine unannehmbare Bedrohung der Menschenrechte. Tatsächlich haben Einwanderer und ethnische Minderheiten nach wie vor in fast allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens - vom Arbeitsmarkt über die Wohnraumversorgung bis zur schulischen wie beruflichen Bildung - unter Diskriminierung zu leiden.
Was ist eigentlich Rassismus?
Rassismus ist ein Begriff der im deutschen Sprachraum nicht gerne verwendet wird (der Begriff der "Rasse" ist nach wie vor besetzt vom biologischen Rassenbild der Nazis) - meist wird daher von "Ausländerfeindlichkeit" gesprochen. So wird nicht nur das tabuisierte Wort Rassismus umgangen, sondern auch der Umstand negiert, dass eine deutliche Trennung zwischen EU-Bürgern und z. B. Türken und Afrikanern gemacht wird. AusländerInnen, denen man ihre Herkunft nicht ansieht oder "anhört", sind den in Österreich üblichen Diskriminierungen nicht ausgesetzt.
Die von Robert Miles u. a. entlehnte Definition macht jedoch klar, dass überall, wo Diskriminierung stattfindet, von Rassismus die Rede sein muss, der sich allerdings in verschiedenen Ausformungen präsentiert: Rassismus teilt Menschen in höher- und minderwertige Gruppen ein und behauptet die Überlegenheit der eigenen Gruppe über die andere. Kriterien dafür sind Merkmale wie Hautfar be, Nationalität, Kultur und Religion. Rassismus rechtfertigt Ausgrenzung wie Diskriminierung bestimmter Gruppen und bedient sich dabei Methoden der Diffamierung und Stigmatisierung. Wo Rassismus auftaucht, geht es um Vorherrschaft, Unterdrückung bzw. Ausbeutung (z. B. billige Arbeitskräfte) von Menschen. Hier tritt ein wesentlicher, oft verschleierter Aspekt des Rassismus zutage: Meist ist er (zumindest teilweise) wirtschaftlich motiviert und rechtfertigt den Besitz des Kapitals bzw. der Produktionsmittel in den Händen einer starren ("Volks") Gruppe.
Die Wurzeln des Rassismus reichen weit in die Geschichte zurück und lassen sich praktisch endlos zurückverfolgen. Pseudowissenschaftliche Theorien wurden noch im zwanzigsten Jahrhundert entwickelt, um die Überlegenheit weißer Menschen zu beweisen. Diese Theorien dienten der ideologischen Rechtfertigung von Sklaverei und Kolonialisierung. So prägte z. B. der Wahn europäischer Überlegenheit die Sichtweise und Wertung der Kultur und der Sitten Afrikas. Von Beginn an wurde die andersartige Kultur der afrikanischen Völker in keiner Weise respektiert. Die Sklaverei schaffte eine Verelendung durch den fast völligen Ausverkauf Afrikas. Rassismus zeigt sich also auch in der Geschichte immer wieder als Mittel der Unterdrückung.
Der Begriff Rassismus selbst entstand als Reaktion auf den nazistischen Rassenwahn und wurde in den 20er/30er Jahren geprägt. Heute ist das Konzept der "Rassenlehre" längst unhaltbar geworden. In sozialer wie biologischer Sicht ist der Begriff der Rasse zur Beschreibung einer sozialen Wirklichkeit überholt.
Das neue Gewand des Rassismus
Was den Rassismus in seiner geschichtlichen wie auch gegenwärtigen Erscheinungsform betrifft, so haben wir es nicht mit einem, sondern mit einem Spektrum situationsabhängiger Rassismen zu tun. Das aktuelle Gewand des Rassismus ist der Kulturalismus. Die Dichotomie des Anderen/Eigenen wird über den Begriff "Kultur" konstruiert. Erworbene Lebensgewohnheiten, Sitten und Gebräuche anderer Kulturen werden nicht toleriert und gelten als nicht veränderbar. Kultur an sich wird als etwas Statisches gesehen, das - quasi "per Rucksack" (Etienne Balibar) - in ein Land importiert wird. Die Definition fremder Kulturen als etwas Negatives, von einer imaginären Norm Abweichendes dient als Grundlage einer propagierten und praktizierten Ausgrenzung.
Ein konstituierendes Merkmal des Rassismus ist der Faktor Macht, der dann zum tragen kommt, wenn es darum geht, die konstruierte "Minderwertigkeit" einer Gruppe gesellschaftlich durchzusetzen. Die Macht manifestiert sich meist in der Möglichkeit, bestimmte Vorstellungen der sozialen Welt in den öffentlichen Diskurs einzuschreiben und diese damit zu "konstruieren": So stellt Stephen Castle fest, dass "Rasse ein Produkt des Rassismus [ist] und nicht umgekehrt" (vgl. ZEBRATL 3/00).
Unter dem Begriff "Ethnopluralismus" verbirgt sich die Vorstellung, dass eine Vermischung von Menschen, die unterschiedlichen Kulturen angehören, zu einer Degeneration der Menschheit führt und somit nicht zulässig ist. Die Höherwertigkeit der eigenen Ethnie wird vorausgesetzt und steigert das "Wir-Gefühl". Gesucht wird der Urzustand der (ethnischen, kulturellen, optischen, usw.) "Reinheit", der durch "Überfremdung" als bedroht erachtet wird. Praktiziert wird auf dieser Grundlage eine Politik, die sich an Forderungen wie "Österreich den Österreichern" und "Türkei den Türken" zeigt. Die Ausgrenzung sowie die Diskriminierung ganzer Gruppen avanciert so zu einem Akt der Notwehr, der eine Einheit der Identität (z. B. der ÖsterreicherInnen) postuliert, genau so wie das Recht diese ("historisch gewachsene") Identität politisch gegen Einflüsse von außen zu verteidigen.
Wurden im Nationalsozialismus vor allem Juden als Träger solcher "schädlichen Einflüsse" identifiziert, so sind es heute vorwiegend AsylwerberInnen und ImmigrantInnen, aber auch Vertreter des sog. "Turbokapitalismus", die die Gefahr einer "Amerikanisierung" verkörpern. Gemäß alter (rechter) Tradition sind es aber stets die wehrlosen Gruppen, gegen die sich die rassistische Aggression schlussendlich richtet.
Betroffene berichten über viele alltägliche Situationen, bei denen sie direkt mit Rassismus konfrontiert sind. Der Druck wird noch durch den permanent vorhandenen strukturellen (institutionellen) Rassismus verstärkt. Hinzu kommen Politiker die - in populistischer Manier -Stimmung gegen Flüchtlinge und AusländerInnen machen.
Die anhaltende Präsenz von Rassismus und Antisemitismus in allen Ländern der Europäischen Union erzwingt ein Handeln, das sich nicht nur auf regio nale, sondern auch auf europäische Ebene erstreckt. Rassismus und Diskriminierung lassen sich nicht von heute auf morgen aus der Welt schaffen. Die Entwicklung und Förderung gegenseitiger Achtung zwischen verschiedenen Gruppen der Gesellschaft stellt für alle Beteiligten eine Herausforderung dar. Wo breite Bündnisse zusammenfinden und deutliche Positionen gegen Rassismus und Gewalt bezogen werden, kann Rassismus (partiell) überwunden werden. Die Voraussetzungen dafür müssen wohl auch und vor allem im politischen Raum geschaffen werden.
Mag. Angela Lackner-Pilch ist Sozialpädagogin, arbeitet in einer Sozialeinrichtung in Graz und ist freie Mitarbeiterin beim ZEBRATL
Literatur: