
ZEBRATL das Magazin
des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen
und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen
in Österreich
Nummer 5/2000: "Wörter wie Missetaten messen"
2 Jahre lang (1996/1997) hat die Wiener Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak europäische Parlamentsdebatten mitverfolgt und auf diskriminierende, stigmatisierende und chauvinistische Tendenzen hin ausgewertet. Sie hat die politische Elite an ihren Worten gemessen.
Drinnen wird geredet, hier draußen wird gehandelt" so oder ähnlich sollen sich rechtsextreme Jugendliche, die nach dem F-Wahlkampfauftakt in Wien einen vermeintlich "linken" Jugendlichen traktierten, geäußert haben. Haider hatte in der Halle im Zusammenhang mit der Migrationssituation in Wien von untragbaren Zuständen und einer notwendigen "Beseitigung" gesprochen (in Richtung Zivilgesellschaft entfuhr ihm übrigens der bemerkenswerte Satz: "seit ich in Kärnten regier, traut sich kein Linker mehr zu demonstrieren"), das Wahlvolk dankte es ihm mit Jubel und standing ovations. Über einen direkten Zusammenhang zur anschließenden Gewalttat kann zunächst nur spekuliert werden, vielleicht haben die jungen Leute ja irgendwas nicht ganz richtig verstanden. Dass Worte Taten sind, ist kein Gemeinplatz der "political correctness", sondern eine wissenschaftliche Erkenntnis des zwanzigsten Jahrhunderts: wo es darum geht, bestimmte Wirklichkeitsmodelle zu installieren, ist eine den Modellen angemessene Sprache unerlässlich. So wird Sprache nicht als Abbildung der Wirklichkeit gesehen, sondern als Mittel, Wirklichkeit (und ihre Grenzen) zu konstruieren. "Sprache kann soziale Veränderungen auslösen", sagt Ruth Wodak. Die Wiener Sprachwissenschaftlerin, die sich seit Jahren mit den Beziehungen von Sprache, Ideologie und Macht beschäftigt und Trägerin des österreichischen Wittgenstein- Preises ist, hat 2 Jahre lang Parlamentsdebatten in 6 europäischen Staaten unterschiedlicher sozialer, historischer und kultureller Prägung (Österreich, Frankreich, Großbritanien, Italien, Spanien, Niederlande) untersucht und ihr Hauptaugenmerk dabei auf den Diskurs über Ausländer-, Flüchtlings- und Migrationsfragen gelegt. Titel der mittlerweile vorliegenden Studie: "DISCOURSES OF EXLUSION: A EUROPEAN COMPARATIVE STUDY".
Zur alltäglichen Angelegenheit geworden
Dass sich diskriminierende, stigmatisierende oder rassistische Rhetorik weder auf einzelne Länder, noch auf den Diskurs der sogenannten "extrem rechten" Parteien beschränkt, konstatiert Wodak ebenso wie einen weltweiten Anstieg chauvinistischer und nationalistischer Tendenzen, die die andere Seite der rapide vor sich schreitenden Globalisierung bilden: "[...]es sollte nicht überraschen, dass diese rapiden sozialen Veränderungen mit einem Schritt zurück und neuen Sündenböcken einher gehen"1 . Die österreichischen Entwicklungen, als erstes westeuropäisches Land nach 1945 eine (teilweise offen) xenophobe Partei in der Regierung sitzen zu haben, können also als Spiegel der gesamteuropäischen, wenn nicht weltweiten Entwicklung gelten. Dennoch spricht die Wodak-Studie hier von einem Abbau von Tabus, die im übrigen Westeuropa nach wie vor von der überwältigenden Mehrheit nicht in Frage gestellt werden: die Renaissance von antisemitischer, rassistischer Terminologie ist ein österreichisches Spezifikum, so die linguistische Diagnose. Und: "Alte Klischees finden ihr Publikum [...] Rassismus ist zur alltäglichen Angelegenheit in Österreich geworden." Dass entsolidarisierende Entwicklungen von großen Teilen der politischen Eliten mittels einer Rhetorik, die dazu geeignet ist, Ressentiments aufzubauen, verstärkt wird, zeigt die diskurswissenschaftliche Analyse. Sie gibt Aufschluss darüber, wie (in welchen Zusammenhängen, semantischen Feldern) z. B. über Zuwanderer/ Zuwanderung gesprochen wird, was für Assoziationen bei parlamentarischen Debatten z. B. über ethnische "Probleme" geweckt werden, etc. Signifikante Unterschiede stellt die Studie hier fest, was "rechte" und "linke" Parteien betrifft (eine genaue Definition dieser Zuschreibungen, die insbesondere in den letzten Jahren an Eindeutigkeit eingebüßt haben, fehlt leider): die Frage der Zuwanderung führe hier zu einer extremen Polarisierung, den sogenannten "Rechten" attestiert Wodak das "Monopol" auf einen Diskurs, den sie "facttwisting" nennt: Bei der Opfer-Täter Zuschreibung sind es auf einmal die Inländer, die sich ohne eigenes Verschulden mit "Ausländerproblemen" herumschlagen müssen und Angst vor Ausbeutung und Kriminalität haben müssen. So werden Konnotationen (Verbrechen, Chaos) konstruiert, die es den rechten Parteien erlauben, ihre abwertende Argumentation zu legitimieren und ihr (Selbst-)Bild als tolerante und demokratische Parteien aufrecht zu erhalten.
Unverblümt transportiert
Anders bei den extremen Rechten, in deren Diskurs Rassismus und Diskriminierung oft recht unverblümt transportiert werden: wenn von den afrikanischen Drogendealern gesprochen wird, die von Natur aus aggressiv sind, werden die Hemmschwellen für Rassismus sukzessive abgebaut, der sich auch in der Alltagswelt festsetzt. Während der "rechte" Diskurs also hauptsächlich als sicherheits- ("Zuwanderung führt zu höherer Kriminalität") und wirtschafts- ("Zuwanderung belasten Arbeitsmarkt und Sozialsystem") bezogener Diskurs erscheint, lässt sich die Argumentationsstruktur der linken Parteien eher als "Solidaritätsdiskurs" ("wo Menschen Gefahren oder Armut ausgesetzt sind, muss geholfen werden") und "Diskurs der positiven Differenz" ("Vielfältigkeit ist wertvoll") beschreiben. Spezifisch österreichisch ist die permanente in Zusammenhang-Setzung von Beschäftigungspolitik und Migration, die umso eigenartiger erscheint, bedenkt man dass der Zugang für AusländerInnen zum Arbeitsmarkt bereits restriktiven Regeln unterliegt und die Arbeitslosenrate in allen anderen der untersuchten Länder weit über der österreichischen liegt. Vor diesem Hintergrund kann auch diese Art des Vermischens zweier Themen als Taktik zur Stigmatisierung und Problematisierung einer Minderheit bezeichnet werden. Um politische Tendenzen, die offen oder verdeckt die Menschenrechte für bestimmte Gruppen außer Kraft setzen wollen, bekämpfen zu können, ist die genaue Analyse einer um sich greifenden diskriminierenden, menschenverachtenden Rhetorik ein unabdingbarer erster Schritt. Zu Recht verweist Wodak auf Karl Krauss ("Worte sind Waffen") u. a. , die bereits um die politische Sprengkraft von Sprache und Diskurs wussten. Wenn in Europa noch immer Begriffe wie "ethnische Säuberung", "Überfremdung", "Umvolkung" grassieren, werden bewusst oder unbewusst (Sprech-)Akte gegen Menschlichkeit und Gleichberechtigung gesetzt. Taten, an denen die Verwender solcher (Un)Worte gemessen werden müssen. Wenn sich gewalttätige Jugendliche, wie die beiden Schläger in Wien, auf einen (angeblich) demokratischen Politiker berufen, zeigt sich wie schon so oft, dass Worte oft reichen, um Taten folgen zu lassen, für die man jede Verantwortung wie selbstverständlich von sich weist. Denn "mit diesen Leuten haben wir nichts zu tun", so ein F-Funktionär, bei einer Pressekonferenz auf den Vorfall angesprochen.
Racism at the top: parliamentary discourses on ethnic issues in six European states/ed. by Ruth Wodak; Teun A. van Dijk. Drava-Verlag, Klagenfurt 2000.
Literatur zum Thema:
Alle wörtlichen Zitate sind vom Verfasser selbst übersetzt, da der ursprüngliche Text auf Englisch abgefasst ist.
Johannes Schrettle