
ZEBRATL das Magazin
des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen
und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen
in Österreich
Nummer 5/2000: "Wörter wie Missetaten messen"
Ich lud Harald auf ein Nussini ein und durfte prompt das Event moderieren. Nach einem spendierten Packerl Soletti war ich auch offizieller Präsentator des "fluchtwege"-Buches am 7. Dezember. Hätte ich mehr Geld eingesteckt gehabt, säße ich jetzt wohl in der MEGAPHON-Redaktion gleich neben dem Chefsessel.
Einleitung (im Imperfekt)
Eines Tages im Juni rief mich der fliegende Chefredakteur des MEGAPHON, Harald Schmied, auf meinem noch relativ jungen Handy an, als ich gerade vor einem Schuhgeschäft in der Annenpassage stand und keine Schuhe kaufen wollte, weil sie eh zu teuer waren. Insofern kam der Anruf gerade recht. Er erzählte mir kurz von seinem neuesten Projekt, dem Geschichtenwettbewerb "fluchtwege/getaways" und fragte mich, ob ich Lust hätte, mitzumachen. Meine Aufgabe sei es, mit schreibinteressierten Flüchtlingen Workshops durchzuführen. Das klingt eigentlich leicht, dachte ich und sagte einmal sicherheitshalber zu. Man weiß ja, wie das ist: als Akademiker musst du zuschlagen, bevor du nachdenkst, sonst schnappt dir wieder so ein Doktor der Geisteswissenschaften einen der dünngesäten Kreativjobs weg. Und da ich noch immer nicht in die Werbebranche einsteigen will (außer sie frägt mich höflich), lag die Antwort auf der Hand. Wir freuten uns gegenseitig und versicherten einander zuerst einmal auf Urlaub zu fahren und dann über alles weitere zu reden. Einige Wochen später saßen wir im schönsten Café von Graz, dem "878", einer exklusiven Taxlerbar am Grieskai. Dort treffen sich echte Persönlichkeiten, dort werden Millionengeschäfte abgeschlossen. Wir tranken zwei Kaffee. Gleich nebenan arbeitete man an der Instandsetzung der "Generalmusikdirektion", dem Club, in dem auch die nachtorange, das Fünfjahresfest des MEGAPHON, stattfinden sollte. Ich lud Harald auf ein Nussini ein und durfte prompt das Event moderieren. Nach einem spendierten Packerl Soletti war ich auch offizieller Präsentator des "fluchtwege"-Buches am 7. Dezember. Hätte ich mehr Geld eingesteckt gehabt, säße ich jetzt wohl in der MEGAPHON-Redaktion gleich neben dem Chefsessel. Im Gegenzug musste ich versprechen mehrere Workshops für hauptsächlich afrikanische Flüchtlinge bzw. MEGAPHON-Verkäufer abzuhalten. "Okay", sagte ich und schnippste der Kellnerin, um die Bezahlung einzuleiten.
Hauptteil (Schwenk ins spannungsgeladenere Präsens)
Mein erster Workshop im Franziskusheim der Caritas beginnt mit den Simpsons. Der Fernsehraum ist bis auf einen Chinesen, der sich die Serie auf Deutsch gibt, leer. Als ich mit Händen und Füßen beginne, darzustellen, dass ich als Workshopleiter jetzt also hier bin, um meinen angekündigten Workshop abzuhalten, geht er freundlich nickend aus dem Raum. Ich schaue mir die Folge fertig an, weil ich die Simpsons lustig finde. Dann suche ich Hilfe. Die Heimleitung trommelt alle Interessierten zusammen, rund die Hälfte spricht Englisch, die anderen Französisch, ein junger Kosovare spricht Serbisch, ein wenig Englisch und Deutsch. Nach gut eineinhalb Stunden sind alle erledigt. Die Aufnahmefähigkeit der meisten WorkshopteilnehmerInnen ist erschöpft, ich bin es auch. Wir verabreden uns auf einen zweiten Termin eine Woche später. Als es um die Uhrzeit geht, bin ich vorsichtig. Ich sage 14.30 Uhr, nehme mir aber heimlich vor, nicht in die Falle zu tappen und frühestens um 14.45 Uhr aufzutauchen. So könnte ich einer von ihnen werden. Ein afrikanisches Mädchen, von den anderen, die im Hintergrund einen hochemotionalen Wutzler anreißen, schelmisch "Princess" genannt, bleibt neben mir sitzen. Sie erzählt mir, woran sie gerade schreibt. Es sei die Geschichte einer Freundin, alles sei wirklich so passiert. Ich frage sie, warum sie nicht ihre eigene Fluchtgeschichte schreiben will. Sie glaubt, dass sie mit der anderen Story eher eine Chance hätte zu gewinnen, ihr eigenes Schicksal scheint ihr nicht so beschreibenswert. Die Französischsprecher liegen gegen die Englischsprecher inzwischen beim Drehfußball uneinholbar vorne.
Retardierendes Moment (zögert den Höhepunkt hinaus)
Draußen treffe ich auf den jungen Kosovaren. Wir setzen uns auf ein Bankerl und rauchen eine Zigarette, weil es sich dabei gut erzählen lässt und man das Gefühl hat, jeder ist sowieso beschäftigt. Was er mir über sein Leben in einer kleinen, serbischen Enklave im Kosovo erzählt, ist gelinde gesagt erschütternd und gehört all jenen, die gerne einmal gescheit über die vielen Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Osten reden, ins Stammbuch geschrieben. Wir rauchen jeweils noch eine. Als ich gehe, glaube ich nicht, dass er trotz meiner mehrmaligen Aufforderung seine Geschichte schreiben wird. Da hilft auch kein Workshop diese Einsicht ist bitter. Der Schreibworkshop mit den MEGAPHON- Verkäufern im Seminarraum des neuen Auschlössl-Cafés verläuft sprachlich und kulturell einheitlicher. Einzig eine in Österreich lebende Italienerin stammt offensichtlich nicht aus Afrika. Wir verbleiben dennoch bei Englisch. Die Schwierigkeit liegt darin zu erkennen, wer wieviel Vorwissen bzw. Schreiberfahrung hat und wie man mit einer Gruppe von rund 15 Personen über die Niederschrift sehr persönlicher, oft traumatischer Erlebnisse redet. Ich teile mein Handout aus, wir diskutieren über eine Stunde, die Stimmung ist gut. Wie schon im Franziskusheim biete ich zwei weitere Termine an, bei denen ich mit einzelnen Interessierten an ihren Geschichten arbeite.
Schluss (kurz und bündig, Wiederholung des Titels vermeiden!)
Jetzt, fast drei Monate und einige Workshops später und
gescheiter, sieht es aus, als wäre das Projekt sehr erfolgreich
gewesen. Mehr als 90 Texte sind in der MEGAPHON- Redaktion eingegangen.
Der beauftragte Extremzivi Herwig Höller arbeitet rund um
die Uhr, weil nur eine Auswahl der Geschichten in das in der Steirischen
Verlagsgesellschaft erscheinende Buch aufgenommen werden kann.
Die Kleine Zeitung hat die "fluchtwege" auf ihrer Homepage
gefeaturet [sprich: gefi:tschat], generell waren die Medien sehr
brav zum MEGAPHON und der fliegende Harry wurde Steirer der Woche
im Fernsehen. Das ist eine Fastrevolution. Zu gewinnen gibt es
insgesamt 29.000.- ÖS, eine internationale Fachjury wird
sich abquälen, die Preisverleihung am 7. Dezember stattfinden.
Bei jedem Wetter. Wer wissen will wo, der wende sich an das
MEGAPHON,
Steyrergasse 147,
8010
Graz,
Tel.: 0316-812399 bzw. www.megaphon.at/fluchtwege/