ZEBRATL das Magazin des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen in Österreich

 

Nummer 5/2000: "Wörter wie Missetaten messen"

 

 


Ausstellung
Ästhetik als Ethik
Junge Kunst aus Afrika und Afghanistan in Graz

"Ich möchte die Kunst der Politiker vergessen und die neue Kunst des Lebens erlernen. Ich mag die Menschen und die Kunst zeigt mir, wie ich andere Personen lieben kann." – sagt Moshen Soltani. Gemeinsam mit anderen jungen Afrikanern und Afghanen ist er Teil des Kunstprojekts BAODO, das von der Grazer Künstlerin Veronika Dreier und der Psychotherapeutin Karin Zilian (ZEBRA) geleitet wird. "Baodo" heißt auf fullah: "zurück zu den Wurzeln".

Die Zahl der jugendlichen, oft unbegleiteten Flüchtlinge ist in Österreich in den letzten Jahren stark angestiegen. In der Regel wartet ein langwieriges Asylverfahren, während dem kaum sinnvolle Fortbildungs- und Freizeitbeschäftigungen möglich sind. Nach den oft traumatisierenden Erlebnissen politischer Gewalt und ihrer verschiedenen Ausformungen in der Heimat folgt ein Gefühl der Machtlosigkeit auch dem mächtigen Apparat des neuen Staates gegenüber, den oft endlosen Behördenwegen etc.

An diese Menschen richtet sich das Projekt. Eine Aufarbeitung des Elends und der Gewalt soll unbewusst, durch das Malen, den intimen Kontakt mit dem Kunstwerk und dem eigenen Inneren erfolgen. Jede verbale Aufarbeitung dieses Vorgangs würde hier nur störend wirken, ist Veronika Dreier überzeugt. Die malende Person soll "zum Fließen kommen".

"Während des Malens bin ich nicht in dieser Welt, sondern versinke in einer ganz anderen." Sagt auch Moshen Soltani. Seine und die Bilder seiner Kollegen, die während der Projektarbeit entstanden sind, sind in einer (Verkaufs-) Ausstellung im MuWa (Museum der Wahrnehmung) noch bis 30. 11. jeden Nachmittag zu sehen (und zu erwerben). Es sind persönliche Zeugnisse von Gewalt und Verfolgung, jedoch auch von Hoffnung und Befreiung, die oft durch die Kunst stattfindet: "Das Malen hat Ordnung und Organisation in mein Leben gebracht." Sagt Abdul Salam Berry, der ebenfalls mit mehreren Bildern in der Ausstellung vertreten ist. Für Jean-Baptiste Fouda Atangana ist die Malerei ein Mittel Gedanken darzustellen, die er sonst höchstens in seiner Muttersprache Ewondo zum Ausdruck bringen kann. Inspiration kann alles sein, was um ihn herum passiert, ob vergangen, gegenwärtig oder zukünftig.

Für Veronika Dreier geht es nicht um gängige Kunstklischees sondern um jenen "ursprünglichen Strich der das zutiefst Eigene jeder kreativen Person widerspiegelt", sowie um einen erweiterten Kunstbegriff, der Anteil hat am interkulturellen Integrationsaufbau, der "Gegenstand", das Kunstwerk kann nicht losgelöst von der psychosozialen Situation betrachtet werden, die mit den Mitteln der Kunst kommuniziert und an die Öffentlichkeit gebracht wird.

Johannes Schrettle


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