
ZEBRATL das Magazin
des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen
und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen
in Österreich
Nummer 5/2000: "Wörter wie Missetaten messen"
Als im April die Europäische Stelle zur Beobachtung
von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit
(EUMC) offiziell eröffnet worden ist, schlugen in Österreich
gerade die Wellen hoch und Frau
Dr. Beate Winkler als Direktorin des EUMC geriet in die emotionellen
Aufgeregtheiten der
Sanktionsdebatte. Um die Aufgaben und Vorstellungen
des EUMC unseren LeserInnen näherzubringen,
baten wir Frau Winkler zum Gespräch.
ZEBRATL: Können Sie für den Laien kurz die wesentlichen
Ziele des EUMC beschreiben?
Beate Winkler: Die Europäische Stelle zur Beobachtung
von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) wurde auf Empfehlung
der vom Europäischen Rat eingesetzten Kommission zur Bekämpfung
von Rassismus & Fremdenfeindlichkeit ("Kahn-Kommission")
errichtet. Sie hat im Wesentlichen das Ziel: die objektive Dokumentation
und Auswertung von Daten und Analysen zu diesen Themenbereichen
aus den Mitgliedsstaaten - verbunden mit der Entwicklung von Strategien.
Zu diesem Zweck wird ein europäisches Netzwerk gegen Rassismus
und Fremdenfeindlichkeit (RAXEN) geschaffen, das vergleichbare
Daten (inklusive Analysen, Trendreports usw.) aus den Mitgliedsstaaten
sammelt und auswertet. Weiters wird ein "Runder Tisch"
(Round Tables) in den einzelnen EU Staaten eingerichtet - ein
Forum, das z. B. Vertreter von Regierungsorganisationen, NGOs,
Religionsgemeinschaften, Gewerkschaften, der Wissenschaft, Soziale
Träger und Minderheitenvertreter in einem interdisziplinären
Ansatz mindestens einmal jährlich zu einem Informationsaustausch
und Erstellung von Arbeitsprogrammen zusammenruft. Darüber
hinaus findet einmal im Jahr ein Europäischer Runder Tisch
statt, zu dem die Koordinatoren der nationalen Runden Tische geladen
sind. Weitere Aufgaben des EUMC sind z. B. auch die Errichtung
einer öffentlich zugänglichen Dokumentation, die Veröffentlichung
eines Jahresberichts und die Initiierung von Forschung. Das EUMC
versteht sich als Querschnittsorganisation der EU, die auf der
Grundlage der ihr zur Verfügung stehenden Daten Maßnahmen
gegen Rassismus anregt, wissenschaftliche Studien zu Schlüsselthemen
in Auftrag gibt oder selber durchführt - EUMC als "Think-Tank";
Informationsaustausch befördert, u. a. über "bewährte
Praxis" in den Mitgliedsstaaten, und alle Kräfte der
Zivilgesellschaft in diesem Bereich bündelt.
ZEBRATL: Sehen Sie die finanziellen und politischen Mittel
bzw. Möglichkeiten des EUMC als ausreichend an?
Beate Winkler: Das EUMC wird aus Mitteln des Europäischen
Parlaments finanziert. Im Jahr 2000 erhält das EUMC rund
5 Millionen Euro. Das europäische Parlament hat im Juli erneut
die Bedeutung des EUMCs betont und seine Unterstützung auf
nationaler Ebene gefordert. Ebenso wurde das EUMC im Bericht der
3 Weisen ausdrücklich unterstützt und die Ausweitung
seiner Stellung, Aktivitäten und seines Budgets gefordert.
Die Lobbyfunktion der Stelle wird dadurch bekräftigt. Das
EUMC entwickelt Empfehlungen sowohl im institutionellen Rahmen
der EU (Parlament, Kommission) als auch für die nationale
Ebene, deren Beachtung und Umsetzung durch die aktuellen Maßnahmen
und Entwicklungen der EU Nachdruck erhalten -also etwa den Artikel
13, den Amsterdamer Vertrag, die EU-Grundrechtcharta usw.
ZEBRATL: Soweit wir die Aufgabe des EUMC verstanden haben,
handelt es sich um sehr viel Hintergrundarbeit, das Sammeln von
Materialien, dem Erstellen von Dokumentationen, Berichten, Forderungskatalogen
usw. Wie sieht es mit der konkreten Umsetzung aus? Glauben Sie,
dass man dem Phänomen "Rassismus" dadurch nachhaltig
zu Leibe rücken kann?
Beate Winkler: Wie oben erwähnt, sind alle Aktivitäten
des EUMC auf eine konkrete Umsetzung angelegt. Die jetzt entstehenden
Datennetzwerke und die Informationen von der "Basis"
der Runden Tische bilden die Grundlage für handlungsorientierte
Maßnahmenkataloge, die Teil unserer Arbeit sind.
ZEBRATL: Es ist Ihr Auftrag eine einheitliche Datenlage für
die Beobachtung in den verschiedenen europäischen Staaten
herzustellen. Wie berücksichtigen Sie dabei die Schwierigkeit,
die unterschiedlichen Definitionen, Erfahrungen sowie die Beobachter-spezifischen
Erhebungs- und Wahrnehmungskulturen unter einen Hut zu bringen?
Beate Winkler: Das im Aufbau befindliche Datennetzwerk
(RAXEN) berücksichtigt die Vielfalt Europas in jeder Hinsicht.
Erfasst werden nicht ausschließlich "nackte" Statistiken
oder Daten, sondern auch Hintergrundinformationen und Trend-Analysen,
die einen differenzierten Überblick über die Themenbereiche
schaffen können. Es kann dabei nicht um eine "Vereinheitlichung"
gehen sondern um eine Objektivierung bestimmter "Eckdaten",
um vergleichbare Entwicklungen daraus abzuleiten.
ZEBRATL: Der Weisenbericht definiert Österreich im Umgang
mit MigrantInnen und Flüchtlingen und was den Rassismus und
die rechts(extreme) Gewaltbereitschaft betrifft, als - sagen wir
grob vereinfacht - 'EU-durchschnittlich'. Wie sehen Sie das? Ist
Österreich tatsächlich Durchschnitt, was den Rassismus
angeht?
Beate Winkler: Es ist schwer zu sagen, was diesen europäischen
"Durchschnitt" ausmacht; es liegt an uns, ihn zunächst
genau zu definieren - auch das ist eine Aufgabe des EUMC, die
sich direkt aus der Beantwortung der vorgehenden zwei Fragen ableitet.
Es geht darum, in der EU gemeinsam neue Wege der Migrations-,
Integrations- und Minderheitenpolitik zu schaffen. Dies ist noch
ein langer Weg, gezeichnet von nationalen Debatten in allen Mitgliedsstaaten.
Österreich ist sicher nicht fremdenfeindlicher als andere
europäische Länder.
ZEBRATL: Können Sie ihrer eigenen Wahrnehmung und Dokumentation
nach die Besonderheit der österreichischen Situation gegenüber
der in anderen Ländern skizzieren?
Beate Winkler: Es gibt viele Besonderheiten, sowohl im
Bereich der Politik, des Rechts, der Bildung, der gesellschaftlichen
Verfaßtheit, aber auch der historischen Erfahrung mit Zuwanderung.
ZEBRATL: Welche Maßnahmen sind zu setzen, was fordert
das EUMC?
Beate Winkler: Wie auch in anderen Ländern bedarf
es in Österreich einer konstruktiven Umsetzung des Potentials,
das die kulturelle Vielfalt bietet. Das setzt voraus, dass Gesellschaft
und Politik die notwendigen Rahmenbedingungen dafür schaffen,
z. B. in der Bildungspolitik, und dass versucht wird, soziale
"Brennpunkte" für alle Bürger gerecht zu regeln.
ZEBRATL: Ist es für Österreich ein Voroder ein Nachteil,
dass das EUMC in Wien sitzt, stehen wir daher unter besonderer
Beobachtung und sind andere Länder dadurch auch weiter weg
in der Beobachtung?
Beate Winkler: Der Europäische Rat ist 1997 von der
österreichischen Regierung eingeladen worden, den Amtssitz
des EUMC in Wien aufzubauen. Das EUMC hat die Aufgabe, die Situation
in allen Mitgliedsstaaten der EU zu beobachten. Dabei ist die
geographische Ansiedlung nur von logistischer Bedeutung. Durch
die politischen Entwicklungen in den vergangenen Monaten ist gemutmaßt
worden, dass dadurch die Beachtung Österreichs ein besonderes
Anliegen des EUMC ist. Dies war und ist - abgesehen vom Medieninteresse
- nicht der Fall.
ZEBRATL: Was macht Ihnen beim Thema Rassismus am meisten Sorgen?
Beate Winkler: Dass Rassismus banalisiert wird, der Rechtspopulismus
und Rechtsextremismus steigen, dass die Politik die Verantwortung
nicht begreift, die Gesellschaft nicht handelt und einzelne Bürger
oft nicht ausreichend darüber informiert sind, welcher Schaden
durch die unterschiedlichen Manifestationen von Rassismus angerichtet
werden kann. Ein Schaden, der letztendlich jeden Einzelnen in
seiner sozialen, wirtschaftlichen und moralischen Situation betrifft.
Das Bewusstsein für die Problematik muss verstärkt -
auch durch die Medien - immer wieder geweckt werden.
ZEBRATL: Was hilft es etwa Opfern von Rassismus, also AsylwerberInnen
und MigrantInnen in Österreich, dass es EUMC gibt?
Beate Winkler: Wie bereits erwähnt, sind wir dabei,
in Europa neue Wege zum Schutz von Migranten, Minderheiten und
Asylwerbern zu entwickeln, die dazu führen, dass sich die
gesamte Gesellschaft ihrer Verantwortung bewusst wird, um Ausgrenzungen,
rassistische Übergriffe und Diffamierungen zu verhindern.
Dies ist nur längerfristig zu realisieren. Das EUMC ist eine
der überregionalen Säulen, die die Verbesserung der
Lebensbedingungen im Zusammenleben in kultureller Vielfalt gewährleisten
soll.
ZEBRATL: Wie kann eine lokale NGO wie ZEBRA mit dem EUMC zusammenarbeiten?
Beate Winkler: Das EUMC legt besonderen Wert auf den Kontakt
zu NGOs, um die regionalen Erfahrungen (an der "Basis")
in die Analysen mit einbeziehen zu können. Nur so kann es
zu einer ausgewogenen Gesamteinschätzung der aktuellen Situation
kommen. Durch Gedanken- und Informationsaustausch kann man gegenseitig
voneinander lernen.
ZEBRATL: Wir danken für das Gespräch.