
ZEBRATL das Magazin
des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen
und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen
in Österreich
Nummer 5/2000: "Wörter wie Missetaten messen"
Heute, werte LeserInnen, werde ich mir einmal einige Gedanken über einen Begriff machen. Da ich, wie eigentlich immer, vom Chefredakteur zeitlich massiv unter Druck gesetzt werde, mussten diese Gedanken ungeordnet bleiben quasi frei flottierend oder wie wir am Bau zu sagen pflegen: wir befleißigen uns freier Assoziationen.
Der Begriff, der sich assoziativ mein Gehirn ausgesucht hat, lautet FREMD. Jeder kennt ihn, keiner liebt ihn, fällt mir da als erstes ein. Die meisten Worte dieses Stammes sind in unserer Kultur überwiegend negativ bewertet und besetzt. Fremdenpolizei, Fremdenrecht, befremdet, etc. Einzig Fremdenzimmer fiel mir ein, was durchaus auch seine guten Seiten hat.
Fremd, fremd, fremd, fremd. Auch von der Sprachmelodie her nicht unbedingt ein Knüller. Doch diesbezüglich ist die deutsche, respektive österreichische Sprache denn wie sagte schon Karl Kraus: "Österreich unterscheidet sich von Deutschland vor allem durch die gemeinsame Sprache" ohnehin nicht ganz vorne in den Charts zu finden. Selbst Englisch hat da mehr zu bieten. Langenscheidt zum Beispiel bietet für fremd an: strange, foreign, extraneous, exotic und unvergessen, nicht zuletzt auch durch Sigourney Weaver, Alien.
Es sei mir heute, da ich frei assoziieren darf, erlaubt, auf ein reizendes kleines Büchlein hinzuweisen. Der Name des Autors ist mir leider fremd (haha!), der Inhalt weniger: es geht um die Schwierigkeiten, Komplikationen, Missverständnisse, denen ein Engländer, der nach Amerika reiste, ausgesetzt war. Der überaus reizende Titel dieses Buches? How to be an Alien! Ende des Buchtipps.
Fremd, fremd, fremd. Was reimt sich eigentlich auf fremd? Hemd, verklemmt, gezähmt, gelähmt, Damnd (aber das ist schon wieder Englisch!). Auch hier sprudelt mein Gehirn nicht gerade über von sich endsilbig kosenden Worten. Halt, da fällt mir noch der an die olympischen Gewichtheber gemahnende Imperativ Stemmt ein. Übrigens reimt sich meines Wissens nichts auf das Wort Mensch! Seltsam nicht der Mensch ist im wahrsten Sinne des Wortes ein ungereimtes Wesen. Weiters fällt mir (frei flottierend) noch ein, dass das liebliche Wort Angstschweiß einen Rekord hält: es ist mit acht aufeinander folgenden Konsonanten einsamer Spitzenreiter in dieser Disziplin: Ngstschw.
Zurück zur Fremde. Je mehr ich darüber nachsinne, desto mehr komme ich zur Erkenntnis, dass mir der Begriff fremd ziemlich fremd ist. Er hat einfach einen schlechten Ruf und daher sollten wir versuchen, stattdessen andere Begriffe zu verwenden, die positiver besetzt sind. Exotisch zum Beispiel.
Viel sympathischer klingt auch das finnische Wort für fremd: tuntematon. Das hat irgendwie Klasse, geht leicht von der Zunge und ist bei einigem Nachdenken bestimmt auch ganz nett reimbar. Luftballon, Kaiserthron, Marathon. Nebenbei sei noch erwähnt, daß die Cousine des werten Autors zur Zeit im entzückenden Städtchen Jyväskyla (in Finnland) ihren Studien des Sports nachgeht und sich hoffentlich dort nicht zu fremd fühlt. Lass es dir gut gehen Ines, liebe Grüße auf diesem Wege, halt die Ohren steif was bei den kuscheligen Temperaturen nahe dem Polarkreis ohnehin kein Problem darstellen wird. Langsam bin ich ganz schön befremdet von meinen Assoziationsketten und da anzunehmen ist, liebe LeserInnen, dass es Ihnen ähnlich geht, schließe ich nun mit einem weisen Satze von Karl Valentin (den man übrigens Falentin ausspricht, man sagt ja auch nicht Wogel!!): Denn schließlich ist der Fremde nur in der Fremde fremd!.
Euer Purz, immer wieder mal etwas exotisch