ZEBRATL das Magazin des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen in Österreich

 

Nummer 2/2001: "Asyl: Grund zur Besorgnis!"

 

 


Bosnien-Herzegowina
"Ein Flüchtling ist jemand, vor dem jeder flüchtet."

Das ist nur ein böser bosnischer Scherz, von der Wahrheit liegt er jedoch nicht sehr weit entfernt, denn in Bosnien-Herzegowina gibt es andere Sorgen. Nermina Besirevic war in ihrer Heimat und recherchierte für das ZEBRATL.

Jedes Mal wenn sich in Gebieten östlich und südöstlich von Bosnien die politische Situation zuspitzt und wieder ein Krieg auzusbrechen droht, so wie im Kosovo, in Montenegro oder gerade jetzt in Mazedonien, denken sich viele bosnische BürgerInnen: "Nicht schon wieder. Nun bekommen wir noch mehr Flüchtlinge!" Das liegt nicht daran, dass man in Bosnien unmenschlicher oder unsolidarischer wäre, als anderswo. Der Grund liegt schlicht darin, dass das Land sich in einer katastrophalen wirtschaftlichen Lage befindet und mit eigenen und fremden Sozialbedürftigen überfüllt ist. Dazu gibt es noch viele bosnische Flüchtlinge, die erst vor ihrer Rückkehr stehen.

Auf das Warten angewiesen

Laut Statistiken des UNHCR (Hochkommissar der UNO für Flüchtlinge) lag Bosnien im Jahre 1999 – also vier Jahre nach dem Kriegsende und nach der ersten großen Rückkehrwelle – mit fast 450.000 Flüchtlingen an der Spitze der Liste der Ursprungsländer der Weltflüchtlingspopulation. In diese erschreckende Statistik sind Binnenflüchtlinge noch nicht mal eingerechnet; also Vertriebene, die in Bosnien geblieben sind und auf eine Rückkehr in ihre Orte warten. Von solchen gab es laut verfügbaren Daten Ende 1997 sogar 800.000, zur Zeit angeblich "nur" 110.000. Sie warten entweder auf einen humanitären Wiederaufbau ihrer Häuser oder auf die sogenannte "Implementierung vermögensrechtlicher Bestimmungen", was auf gut Deutsch meint: darauf, dass sie ihre Häuser und Wohnungen zurückbekommen. Problem dabei ist nur, dass in diesen ebenfalls Flüchtlinge wohnen, die auf das Gleiche warten.

Schnell wird es nicht gehen: Ende 2000 lag die Implementierungsquote je nach Gebiet, zwischen 12% und 56%. Gründe dafür gibt es mehrere, überwiegend liegt es an der Politik. Zwar entwickeln sich die zivilen und demokratischen Strukturen immer besser, aber viele Bemühungen werden von den immer noch einflussreichen nationalistischen Parteien behindert, deren lokale Mitglieder und Machthaber ungern ihre Macht schwinden sehen.

Hass oder Politik?

Mitglieder von rückkehrwilligen Minderheiten erleben schon ihr blaues Wunder, wenn sie in ihren Ort zurückkehren und ihre Häuser besichtigen möchten. So passiert es, dass die beschädigten Häuser, die den Krieg überlebt hatten, nun vermint sind, um die tatsächlichen Besitzer von der Rückkehr abzuhalten. Ein Heimkehrer berichtet, dass er sein Haus besichtigte, das völlig geplündert war. Am nächsten Tag musste er jedoch feststellen, dass das leere Haus über Nacht auch noch abgedeckt wurde. Er konnte sich noch glücklich schätzen, denn die Wände und Fundamente hatte man ihm gelassen.

Zugehörigkeit zu einer bestimmten ethnischen Gruppe oder Religion spielt dabei keine Rolle, es geht allen gleich; Religionsbekenntnisse werden eher als Manipulationsmittel eingesetzt. Bei Händlern wurde das deutlich. Die zeigten ihre Toleranz noch während des Krieges und handelten schon damals friedlich miteinander. Mein Nachbar etwa, der mit denjenigen gehandelt hat, die Sarajevo unter Belagerung und Beschuss hielten. Zuerst wurde er noch zu vier Jahren Haft verurteilt, bald aber wieder freigelassen. Er setzte seine Geschäfte ungestört fort und verkaufte noch lange danach den umzingelten Mitbürgern Kaffee um über 700.- ÖS per Kilogramm.

Flucht: Qual oder Rettung

Wenn man sich alles, was oben erwähnt wurde, vor Augen hält, dann verwundert die folgende Geschichte nicht, leider nur eine von vielen ähnlichen: Die aus ihrer Stadt vertriebene Familie V.* musste im Laufe des Krieges, nach einem kurzen Aufenthalt in einem Anhaltelager, in ein skandinavisches Land flüchten. Eines ihrer Kinder blieb in Bosnien, zog in eine andere Stadt um und gründete während des Krieges seine eigene Familie. Jahrelang küssten Frau und Herr V. die Enkelkinderphotos, die an der Wand hingen, lebten von Erinnerungen an ihr schönes Haus mit Garten, fröhliche Augenblicke aus der Vergangenheit und hofften auf eine baldige Rückkehr. Mit der ersten Rückkehrwelle kamen auch sie nach Bosnien zurück, jedoch nicht in ihr Haus, nicht einmal in ihre Stadt. Aber sie lernten ihre Enkelkinder kennen, und genossen die Zeit mit ihnen.

Nach ihrer Rückkehr vergingen Jahre, in denen sie als Untermieter lebten, da die "vermögensrechtlichen Bestimmungen" dort woher sie kommen, nicht implementiert werden. Einer von ihnen erkrankte, und als ihm ein Arzt im Vorbeigehen die schreckliche Diagnose zurief: "Sie haben Krebs", entschied sich das ältere Paar, dessen ganze Identität und ganzes Lebensglück mit ihren Enkelkindern und Bosnien verbunden ist, gesundheitshalber vorläufig wieder nach Skandinavien umzusiedeln. Aber die Fremde erwies sich auch diesmal als zu fremd – sie wollten bald wieder gerne nach Bosnien zurück, koste es, was es wolle.

Ihr Haus ist zwar noch immer "besetzt" und ihr geringer bosnischer Pensionsanspruch ist mittlerweile ums Dreifache gesunken, aber wenigstens können sie ihre Enkelkinder, die schon in die Schule gehen, jeden Tag sehen. Auch diesmal wird es das alte Paar nicht leicht haben. Vor einigen Tagen erfuhren sie, dass ihnen die Fremde bald doch vertrauter sein wird, als die eigene Heimat: Die Eltern ihrer Enkelkinder sind nämlich nur noch mit einem Gedanken beschäftigt: aus Bosnien zu emigrieren. Wohin, wissen sie nicht. "Irgendwo wird es schon einen Ort geben, wo Leute vor ihnen nicht flüchten werden".

Nermina Besirevic


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