ZEBRATL das Magazin des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen in Österreich

 

Nummer 2/2001: "Asyl: Grund zur Besorgnis!"

 

 


Interkulturelle Psychotherapie
"Mit Leib und Seele"
Lebensbedingungen und Behandlung traumatisierter Flüchtlinge (TEIL2) zu: Teil1

Im zweiten Teil der Serie über die Fachtagung der BAFF (Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer) in Bremen wird die Bedeutung der Ethnomedizin anhand eines Vortrages von Ramazan Salman, vom Ethnomedizinischen Zentrum Hannover, erläutert. "Neben der erstklassigen Unterbringung (lila-rosarote Hotelsuite) und dem internationalen Buffet am Abschlussabend (afrikanisch bis asiatisch) war dieser Vortrag ein Höhepunkt des Kongresses", berichtete Ingrid Egger. Michael Stockinger glaubte es und notierte.

Einer der Schwerpunkte der Veranstaltung war die Bedeutung der Ethnomedizin in westlichen Gesellschaften. Dazu Ingrid Egger: "Schon in den Grußworten am Anfang der Tagung ist deutlich geworden, dass unser Gesundheitssystem MigrantInnen und Zuwanderer noch immer nicht als Teil der Gesellschaft anerkannt hat und noch nicht bereit ist, auch für diesen Teil der Gesellschaft eine adäquate medizinische Versorgung zu gewährleisten." Diese Analyse lässt sich – laut Egger – vom deutschen eins zu eins auf das österreichische Gesundheitssystem umlegen. Dabei wurde die Hypothese aufgestellt, dass dies mit unserer hoch technisierten "Apparatemedizin" in Zusammenhang stehen könnte, die von ihrer Anlage her nur sehr schwer einen Beitrag zur interkulturellen Medizin leisten kann. Steht beim ethnomedizinischen Ansatz ein menschliches Wahrnehmen von Bedürfnissen, von Grundrechten und Respekt vor anderen Kulturen und deren Gesundheits- und Krankheitskonzepten im Vordergrund, setzt die "Apparatemedizin" eher auf eine Nivellierung der PatientInnen und deren Beschwerden. Nur in den seltensten Fällen wird der kulturelle Hintergrund der PatientInnen in die Diagnose integriert. Doch Bauchweh ist nicht immer geich Bauchweh – Symptome lassen sich nicht problemlos für alle Betroffenen gleich deuten.

Geringere Heilungschancen

"Krankheitsverhalten ist eine einheitliche menschliche Erfahrung, die aber von soziokulturellen Regeln gestaltet wird", schreibt Ramazan Salman in der Einleitung zu seinem Vortrag Kultur, Sprache und Glaube als Hintergründe von Gesundheit und Krankheit – am Beispiel türkischer MigrantInnen. "Der Mensch lernt bestimmte Arten des Krankseins, die in seiner Kultur anerkannt sind. Genauso besitzt jeder Mensch auch Vorstellungen über einen gesunden Körper, die kultur- und sozialisiationsbedingt sind." Demnach beurteilen und bewerten MedizinerInnen oder TherapeutInnen eine aktuelle Krankheit – ebenso wie ihre ausländischen PatientInnen – jeweils aufgrund ihres eigenen wissenschaftlichen, sozialen, kulturellen und religiösen Verständnisses von Krankheit. Ob eine Heilung erfolgreich ist, hängt also vor allem davon ab, "ob sich das jeweilige Krankheitsverständnis von Heilern und Klienten zur Deckung bringen lässt." Da jedoch sehr oft Bedeutungsinhalte und Symbole in verschiedenen Sprachen nicht übereinstimmen, vermindern sich die Heilungschancen deutlich.

Dies bestätigt Ingrid Egger aus eigener Berufserfahrung. Sie macht sich seit Jahren für den verstärkten Einsatz von DolmetscherInnen bei Therapie und Beratung ebenso wie bei behördlichen Befragungen und medizinischen Untersuchungen stark. Darüberhinaus bietet das Therapie-Referat des Vereins ZEBRA Aus- und Weiterbildungskurse für DolmetscherInnen an. "In Holland gibt es den Zentralen Verständigungsdienst für DolmetscherInnen, der DolmetscherInnen an ÄrztInnen und Krankenhäuser vermittelt. Im Jahr werden 30 Mio Gulden (rund 210 Mio Schilling) im Gesundheitswesen dafür ausgegeben. Das ist eine sehr hohe Zahl, aber ich bin sicher, dass es sich im Endeffekt rechnet" so Egger. Unterlegt wird diese Einschätzung mit einer Statistik aus Salmans Vortrag: MigrantInnen machen rund 10% der Gesamtbevölkerung Deutschlands aus, doch ca. 30% aller verschriebenen Magen-Darm- Medikamente werden von ihnen verbraucht.

Türken und Türkinnen somatisieren besonders stark mit dem Magen und betreiben aus Frust auch oft Selbst-Medikation, kombinieren verschiedene Mittel willkürlich, da sie sich nicht verstanden und entsprechend ihren Bedürfnissen behandelt fühlen. Daraus lässt sich schließen, dass MigrantInnen mit Verständigungsproblemen nur selten "eine Übereinstimmung ihrer Sichtweisen mit den Sichtweisen von außen, von MedizinerInnen und TherapeutInnen, erzielen. Missverständnisse, Verwirrungen und Frustration" sind laut Salman "alltägliche Begleiterscheinungen und tragen zu sozialer Islolation sowie zum Verlust des Selbstwertgefühls bei."

Weicher Händedruck

Salman selbst hatte als Kind die türkischen Gastarbeiter als progressiv angesehen: Sie gehen in die Welt, erforschen neue Kulturen und lernen in ihnen zu leben. Auch seine Mutter nahm 1966 nach der Emmigration nach Deutschland die neue Kultur begeistert auf, ließ sich sogar Kleider schneidern. Erst als Salman rund 20 Jahre alt war, änderte sich die Haltung seiner Eltern. Sie schotteten sich mehr und mehr ab, wurden in religiösen Fragen fundamentalistischer und seine Schwester wurde gezwungen Schleier zu tragen. Ein Beispiel, das belegt, dass soziale und kulturelle Isolation auf lange Sicht Fundamentalismus bewirken kann.

Noch immer sind Missverständnisse der Grund für Benachteiligungen von MigrantInnen. Ein weicher Händedruck und das Nicht-in-die-Augen-Schauen von türkischen Jugendlichen wird von vielen potentiellen Arbeitgebern als Zeichen des mangelnden Respekts und der Schwäche angesehen, während es für die Jugendlichen selbst – kulturell bedingt – ein Zeichen der Höflichkeit und des Respekts gegenüber Älteren ist. Das Nichtwissen um solche kulturellen Codes beeinträchtigt die Integration und führt auf der einen Seite häufig zu Vorurteilen und Ablehnung und auf der anderen Seite oft in die Isolation und Frustration.

Diese Einschätzung unterstreicht auch eine vom Ludwig Boltzmann-Institut in Auftrag gegebene und in der Sendung "Heimat Fremde Heimat" vorgestellte Studie an 800 türkischen Frauen in Tirol, die ergab, dass sehr viele dieser Frauen Arztbesuche meiden. Unsicherheit im Umgang mit den ÄrztInnen, sprachliche Probleme ebenso wie das schwierige weibliche Rollenverständnis zwischen Ursprungs- und Emmigrationskultur scheinen die Hauptgründe dafür zu sein.

Obwohl statistisch gesehen elf mal soviele Türkinnen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben wie an Brustkrebs, werden die Risikofaktoren der neuen Umgebung von zahlreichen Migrantinnen nicht wahrgenommen. "Baclava(?) und Hamburger zusammen sind einfach zuviel", nennt Dr. M. Hochleithner, Leiterin der Studie, einen der Gründe für die hohe Gefährdung türkischer Frauen. Sie sind oft zu Hause (sprachlich und sozial) isoliert, treiben keinen Sport und wissen über die Belastung durch die Ernährungsumstellung in den Emmigrationsländern nicht ausreichend Bescheid. Präventionsprojekte lösen langsam einen Umdenkprozess aus und viele Frauen verlangen verstärkt nach Dolmetscherinnen.

1990 unterzeichnete der Weltärztebund eine Resolution, in der er sich zur Achtung der Menschenrechte verpflichtete. Dies bedeutet, sich um qualifizierte Diagnose, Behandlung, Betreuung, Beratung und Pflege von Opfern von Menschenrechtsverletzungen zu bemühen und sich nicht an Menschenrechtsverletzungen direkt oder indirekt zu beteiligen. "Derzeit trägt unser Gesundheitssystem dieser Resolution nicht Rechnung", sagt Ingrid Egger, "es hat sich weder in Krankenpflegerschulen noch in der Ärzteausbildung auf Flüchtlinge, Folteropfer oder auch MigrantInnen eingestellt. Es besteht ein großer Nachholbedarf an interkultureller Medizin, weil ein nicht-interkultureller Ansatz im Prinzip einer Menschenrechtsverletzung gleichkommt."

Xenophobe Ausländerpoliik macht krank

Doch auch die Gestaltung des Gesundheitssystemes spielt sich immer unter politischen Rahmenbedingungen ab und wird von ihnen geprägt und getragen. Meist liegt es nicht am Gesundheitspersonal an der Basis, wenn die medizinische Versorgung unzureichend ist, sondern vielmehr am politischen Willen, Rahmenbedingungen für eine interkulturelle Medizin zu schaffen. Ingrid Egger: "Es sollte auch deutlich werden, dass die Politik nicht nur beim Schaffen von Rahmenbedingungen für die Versorgung von MigrantInnen und Zuwanderern versagt, sondern mittels restriktiven Maßnahmen und xenophoben Regelungen oft krankmachende Lebensbedingungen für diese Gruppe erst schafft."

Ramazan Salman beschreibt die inadäquate medizinische Betreuung der MigrantInnen und Flüchtlinge als "Verlust an emotionaler Sicherheit, der dazu führen kann, sich verstärkt an tradierten Werten und Normen festzuhalten. Diese Faktoren stehen somit in einem extremen Widerspruch zu der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Gesundheit als ein körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden bezeichnet, das auf einem Gefühl von Sicherheit beruht."

Michael Stockinger


Zum Inhaltsverzeichnis

 


file last changed: 7. 4. 2001

Pagemaster: alex trojovsky -- mail -- page