ZEBRATL das Magazin des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen in Österreich

 

Nummer 2/2001: "Asyl: Grund zur Besorgnis!"

 

 


NGO Reise
Vom Tellerwäscher zum Millionär
Von Träumen und Traumata

Im dritten und letzten Teil des Berichtes über die US Tour österreichischer NGO´s geht es um die "Zeremonien" der Integration in den Arbeitsmarkt und um Flüchtlinge, die bei der Turbointegration stolpern.

Nach der fünften Stunde im Flieger gehen die raren Lagerbestände an Tomatensaft – mein neuestes Lieblingsgetränk während des Fliegens – aus. Wer konnte schon ahnen, dass wir in Chicago auf dem Weg zur Startbahn zum Abflug nach Iowa von einem Gewittersturm heimgesucht würden. Draussen tobt das Gewitter, wir können weder vor noch zurück, denn hinter uns stehen weitere dreißig Maschinen.

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"Die Umstellung für viele Flüchtlinge ist schon ziemlich groß", gibt Susan Sandler zu bedenken. Sie ist Vorsitzende des Jewish Family and Community Service in Iowa, einer Organisation, die überwiegend jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa betreut. Vor allem jene, die mit einer guten schulischen und beruflichen Ausbildung kämen, hätten mit der US-Mentalität zu kämpfen. Wie in vielen Ländern Europas gibt es die klassischen "Ausländerjobs", also Einsteigerjobs wie Taxifahrer, Tellerwäscher, Lagerarbeiter usw... Dazu Sandler: "Mediziner, Ingenieure, Computerfachleute erwarten sich, dass sie als gut ausgebildete Fachleute auch einen adäquaten Job erhalten." Als Tellerwäscher zu beginnen, sei ein psychologisches Problem. Viele kommen dann zum Service und meinen: "Ich bin nicht in die USA geholt worden, damit ich hier Geschirr abwasche." Denn auch das erzeugt das Resettlement Programm – das subjektive Gefühl, man sei ausgewählt, geholt worden.

Etwa nach drei Stunden hört das Gewitter auf. Die Hoffnung, dass wir rasch abfliegen können, zerstreut sich schnell. Der Pilot verdeutlicht uns die dramatische Situation in betont freundlichem Ton. Dutzende Flieger wären während des Gewitters in der Luft gekreist und einige davon müssten schon dringend herunter. Also warten.

Der große Unterschied zu Österreich ist aber, dass die Emmigranten bei entsprechendem Ehrgeiz und Leistungsfähigkeit nicht lange dort bleiben müssen. Die Durchlässigkeit nach oben ist gegeben. "Die Gesellschaft erwartet sich auch von den Migranten, dass sie unten anfangen" meint John Mc Donald vom Iowa Workforce Development Council, der lokalen Arbeitsmarktbehörde und für die Neubewilligungen von Zuwanderern zuständig. Und Mc Donald glaubt daran, dass dies noch immer funktioniert. Zuerst ist man Lagerarbeiter, dann Verkäufer, in einem Jahr schon Abteilungsleiter und in zwei leitet man eine Zweigstelle, wenn man sich anstrengt, tüchtig ist und bereit ist, hart zu arbeiten. Das bringt auch die Durchlässigkeit des Systems mit sich. Berufsbilder, bestimmte Lehrberufe und Berufsschutz sind kaum vorhanden. Die Hierarchisierung in der Arbeitswelt ist daher weniger auf Ausbildung konzentriert, sondern mehr auf Leistung in der Praxis. Sandler: "Wenn man das einmal akzeptiert hat, dann wird einem von allen Seiten geholfen und es geht vorwärts, aber das wollen nicht alle der Neuankömmlinge so sehen."

Schließlich können wir nach fast fünf Stunden Warten doch noch abheben. Es wurde auch höchste Zeit, denn das nächste Gewitter ist schon wieder im Anmarsch. Als wir in Iowa ankommen, regnet es dort auch.

Halt geben und Selbsthelfen

Mr. Nguyen ist im Jahre 1982 aus Vietnam geflüchtet. Er war einer der "Boat People". Mit dutzenden Menschen völlig überfüllt, waren diese kleinen Nachen tagelang dem Wetter und der See ausgesetzt. Viele davon kenterten und die Insassen ertranken. Auch Nguyen schwebte tagelang in Lebensgefahr, bevor er aufgegriffen und gerettet wurde. Er lebte monatelang in einem Flüchtlingslager in Singapur, bis er in die USA geholt worden ist. Noch heute fällt es ihm schwer, über die Verluste zu sprechen.

Über Iowa gibt es nicht viel zu erzählen, vor allem wenn man dort ein freies Wochenende verbringen muss. Alle Klischees stimmen. Kaum Menschen auf den Straßen, nur wenige Lokale, Downtown ist am Samstag ausgestorben; wo sich das Leben abspielt, wissen wir nicht. Den Rest kennt man aus Filmen (Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa und Covered Bridges).

Nachdem er vor 20 Jahren nach Des Moines, der Hauptstadt Iowas, gekommen war und es langsam geschafft hatte, gründete er mit anderen ehemaligen Flüchtlingen das Iowa Institute for the Well Being of Refugee Families, um Flüchtlingen aus dem Fernen Osten (Vietnam, Laos, Kambodscha) bei der Eingliederung behilflich zu sein. Die meisten Flüchtlinge lebten längere Zeit so wie Herr Nguyen in Flüchtlingslagern, etwa in Malaysia oder Singapur.

Auf dem rasanten Weg der Integration in die US Gesellschaft bleibe für die Flüchtlinge keine Zeit zum Verweilen, zum Stillstehen, oder etwa zum Nachdenken. Für Herr Nguyen sei es aber wichtig, sich über die existenziellen Dinge Gedanken zu machen, sich den Fragen nach den Verlusten zu stellen und dafür Zeit aufzubringen.

Das Institut, das er vertritt – ein Dachverband von verschiedenen kleineren Organisationen und Selbsthilfegruppen – geht von der Philosophie aus, dass die Flüchtlinge viel geleistet haben, um es zu schaffen und dass sie keine Hilfe, sondern Unterstützung brauchen. Nguyen weiht uns in die Institutsphilosophie – bestehend aus fünf Ls – ein: listen, learn, lead, link, leave. (Hören, lernen, führen, vernetzen und entlassen).

John Waynes Geburtshaus, die überdeckten Brücken, das Haus in dem der gleichnamige Film spielte und ein Lokal (Billard Saal, Brauhaus, Sport Pub und Restaurant in einem) sind die Highlights unseres Iowa Wochenendes.

Stillstehen und Nachdenken erlaubt

Den Flüchtlingen fehle bei der Ankunft in den USA viel. Das sind nicht nur materielle, sondern auch immaterielle Dinge. Nguyen: "Die meisten haben einen Großteil ihrer Familie verloren, es fehlt ihnen die Sprache, das Verstehen der kulturellen und sozialen Codes im neuen Land, die Kenntnisse über die Strukturen u.v.m.". Im Laufe der Jahre häufen sich bei den Flüchtlingen viele Probleme an, die mit der Kulturtransmission und dem Erlebten zu tun haben. Die Auswirkungen sind nachhaltig und folgenschwer. Das Institut ist mit verschiedenen Problemen in den Familien konfrontiert, etwa Suiziden oder Suizidversuchen, Trennungen, Gewalt, Missbrauch, akutes Suchtverhalten usw...

Nguyen führt diese Erscheinungen auf die Flucht, die Verfolgungsgeschichte und die Entwurzelung zurück. Viele der Flüchtlinge weisen typische, oft chronische PTSD (Posttraumatische Stressbelastung) Symptome auf. Sie kommen mit dem Erlebten in der Vergangenheit schwer zu Rande. Eine der Schwierigkeiten dabei sei, so Nguyen, dass die Flüchtlinge selbst meist über Stress, Trauma und PTSD nicht Bescheid wüssten. Wenn man sie darauf anspricht, haben sie oft Angst, man halte sie für verrückt, "was aber nicht der Fall ist".

Herr Nguyen berichtet, wie schmerzhaft es ist, in der Arbeit mitansehen zu müssen, wie die Großeltern sich mit den Enkelkindern nicht mehr verständigen können, weil die Großeltern nicht Englisch gelernt haben und die Enkelkinder bereits so amerikanisch sind, dass sie die ursprüngliche Sprache nicht mehr sprechen (wollen). "Im ersten Taumel der Amerikanisierung haben die Familien vergessen, die ursprüngliche Sprache weiter zu geben".

Nguyen betont aber auch die Entwicklung der Gemeinden, vor allem der zweiten Generation, wo der Aufstieg rasant erfolgte. "In der ersten Generation gibt es leider viele, die ihre Kindheit im Krieg und in Flüchtlingslagern verbracht haben und es nie zu einer Schulbildung geschafft haben. Für jene Leute ist der Aufstieg fast unmöglich und schwer, aber ihre Kinder haben die Chancen großteils genützt". Mit dieser positiven Einschätzung entlässt uns Herr Nguyen nach dem Abendessen, zu dem er uns in ein typisches vietnamesisches Lokal am Rande von Des Moines eingeladen hatte. So verlassen wir Iowa.

Niemand aus unserer Runde ist verschnupft, das ist Ausdruck unserer guten physischen Konstitution. Zwischen der doch schon recht beachtlichen Hitze draussen und den tiefen Temperaturen in den klimagekühlten Räumen die Balance zu finden, war nicht leicht. Bei unserem Abflug regnet es wieder und wir freuen uns auf, ... was auch immer jetzt kommen möge.

Inmitten des positiven Bildes....

Nachdem die Niagara Fälle im dichten Nebel fast verloren gegangen wären und wir Stunden in einem riesigen Shopping Center entspannen durften, fanden wir uns in Buffalo im Bundesstaat New York wieder. Eine Stadt mit etwa 600.000 Einwohnern und einer traditionell hohen Immigrationsrate. Die Einwanderer kommen aus vielen verschiedenen Gegenden der Welt. Von der Vielfalt wurden wir bei einem Round Table Gespräch überzeugt, welches vom lokalen Veranstalter für uns organisiert wurde. VertreterInnen verschiedener ethnischer Organisationen und Gruppen gaben uns die Gelegenheit, die persönlichen Geschichten und die historische Entwicklung der Zuwanderung ihrer jeweiligen ethnischen und religiösen Gruppe nach Buffalo kennenzulernen. Unter den Berichterstattern waren VertreterInnen von ukrainischen, polnischen, somalischen und sudanesischen Gruppen, sowie Christen aus dem Nahen Osten und Angehörige der moslemischen Religion. Wenngleich ein überwiegend euphorisches und positives Bild gezeichnet wurde, so traten doch auch kritische Stimmen zu Tage. Abdul Zamrawi von der somalischen Organisation "viva – la casa", ist seit kurzem amerikanischer Staatsbürger. Sein Hauptfeind ist aber das INS (Immigration and Naturalization Service), das seiner Ansicht nach eine inhumane Politik betreibe und bei der Behandlung von Flüchtlingen gegen die Menschenrechte verstoße. Zamrawi: "Unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit kann das INS alles tun und ich weiß wovon ich rede". Daher sieht "la casa" es als seine Aufgabe an, das INS zu "zivilisieren".

Anlage nicht Gefängnis

Als zwiespältigen Höhepunkt am vorletzten Tag unserer Tour hat die österreichische Delegation die Gelegenheit, das Buffalo Federal Detention Facility in Batavia kennenzulernen. Als ein Gefängnis – das als solches nicht benannt wird (Facility= Einrichtung, Anlage) – der modernen Machart erst knapp drei Jahre alt, spielt es alle "modernen Stückln" der Sicherheitszukunft. Das Detention Center ist ein Bundesgefängnis, das zwar von Staatsbeamten geführt wird, in vielen Bereichen aber von privaten Sicherheitsorganisationen mit Aufgaben betraut wird. In Batavia sitzen einerseits Personen, die auf die Abschiebung warten, Personen, die in Untersuchungshaft sind, und andererseits Personen, die eine bis zu dreijährige Haftstrafe absitzen.

Die wenigen Stunden hinter den streng und modernst überwachten Mauern der Facility und den strengen Regimes machten uns rasch empfänglich für die Freiheit, dieses Gebäude wieder verlassen zu dürfen. Obwohl die Besichtigung eine wichtige Erfahrung für uns alle war, drückte es rasch aufs Gemüt, wenn man die Korrektionszelle einmal gesehen hatte. All zu sehr wollten wir uns die Stimmung ja nicht vermiesen lassen, denn schließlich wartete noch der kurze aber bedeutsame Höhepunkt unserer Reise auf uns – New York.

l Ende der Serie l

Wolfgang Gulis

Eine ausführliche Dokumentation der US-Studienreise ist beim Verein ZEBRA erhältlich.


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