ZEBRATL das Magazin
des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen
und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen
in Österreich
Nummer 4/2001: "Willkommen am Freien Markt?"
Der klassische mitteleuropäische Künstler ist ein Einzelgänger. Er ist nämlich ein Genie, und deshalb von der mittelmäßigen Masse total entfremdet. Auch konkrete soziale oder psychische Probleme sind ihm und seiner Kunst eher fremd. Jean-Baptiste Fouda ist auch fremd, dazu würde er allerdings keine Kunst brauchen, denn er kommt aus Kamerun.
Malheureusement, je ne suis quun petit homme qui on
dirait un elephant à chien.
(J.-B. Fouda)
Jean Baptistes Fremdheit ist auch keine selbstgewählte, sondern er ist vor drei Jahren als Flüchtling nach Österreich gekommen. Er ist Gründungsmitglied der Künstlergruppe BAODO, die im April 2000 von der ZEBRA-Mitarbeiterin Karin Zilian und der Grazer Medien-Künstlerin Veronika Dreier ins Leben gerufen wurde1. Dreier, die sich seit langer Zeit mit künstlerischen Konzepten am Rand der Gesellschaft und abseits des "hochkulturellen" Diskurses beschäftigt, vermittelte den damals acht minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlingen aus Afrika und Afghanistan in wöchentlichen Workshops künstlerische Techniken, die in gemeinsamen Mal-Sessions angewandt und (teilweise) auch diskutiert wurden. Für einige unter den Jugendlichen (alle Mitglieder der Gruppe sind zwischen 16 und 25) war die Malerei die erste Möglichkeit, Zugang zu inneren Bildern, (oft traumatischen) Erinnerungen und Sehnsüchten zu bekommen, und so die eigene schwierige Situation zu reflektieren. Denn nicht nur die Vergangenheit und die Fluchterlebnisse sind meist dramatisch, auch die gegenwärtige Situation der Flüchtlinge ist von Unsicherheit und dem Gefühl des "Entwurzelt-Seins" geprägt. Die Möglichkeit, den problembelasteten Alltag während des kreativen Prozesses zumindest teilweise zu vergessen, ist für viele der Betroffenen so notwendig wie Unterkunft und Verpflegung. Zu diesem, quasi-therapeutischen Aspekt kommt allerdings die Zielsetzung, durch das Erschließen von (künstlerischen) Arbeitsfeldern Integrationsmöglichkeiten zu schaffen. Derzeit nehmen die Mitglieder der "Stammgruppe" an einem Workshop für Web-Design im Afrika-Haus teil, auch Foto- und Kochworkshops wurden bereits (erfolgreich) abgehalten. Aus einem solchen ist auch der derzeit wohl heißeste Restaurant-Tip in der Grazer Innenstadt entstanden: Im "Terenga" , in den Räumlichkeiten der Werkstadt Graz (Sporgasse 16) kochen seit einiger Zeit Bambo Sane aus Senegal und Abdul Salam Barry aus Sierra Leone afrikanische Mahlzeiten und servieren Getränke nach alten afrikanischen Rezepten, die in Kombination mit Etiketten- und Glaskunst zu "trinkbaren Skulpturen" werden. Tipp des Autors ist der Ingwer-Vanille- Ananas- Zitronen-Mix mit dem Namen, der für das gesamte Kunstprojekt Pate stand: BAODO.
Das Bild vom Drogendealer
Die öffentliche Präsenz von BAODO geht jedoch über die (übrigens extrem aphrodisierende) Wirkung des Getränks hinaus: Mehrere Ausstellungen in den letzten Jahren sowie schließlich der erste Preis für die Trommel- und Tanzperformance beim Festival "Graz lebt auf" sprechen eine deutliche Sprache. Auch das Erschließen von Verkaufs- und Marketingstrategien gehört zu den Zielsetzungen des "Gesamtkunstwerks" BAODO.
Schließlich ist die Kunst auf Grund einer Ausnahmeklausel für "künstlerische Tätigkeiten" im Ausländerbeschäftigungsgesetz oft der einzige Weg zu einer legalen Beschäftigungsmöglichkeit, ohne die die ohnehin meist quälende Situation noch schwerer zu ertragen ist. Darüber hinaus beschreibt Karin Zilian die heilsame Wirkung der Möglichkeit, die eigene Arbeit in Ausstellungen präsentieren zu können: "...Selbstwert zu beziehen über den anderen, der meine Bilder betrachtet und so auch irgendwie als Spiegel für mich und meine persönliche Situation fungiert. Eine positive Reaktion wirkt wie ein positives Bild von mir selber im Spiegel."
Dass dieses Bild oft arg ramponiert sein kann, erscheint leicht verständlich angesichts der Stereotypen, mit denen Schwarzafrikaner in der österreichischen Öffentlichkeit stets konfrontiert sind. In einer aufsehenerregenden Straßenperformance wandten BAODO sich am 6. Juli öffentlich gegen die Pauschalisierung von Schwarzafrikanern als Drogendealer, aber auch gegen Drogen überhaupt. Die Rückmeldungen waren im großen und ganzen positiv, vielleicht braucht es die Kunst, um gewisse Räume zu besetzen und über sprachliche, kulturelle Grenzen nach außen, aber auch über psychische Barrieren nach innen zu kommunizieren Gebrauchskunst im besten Sinn des Wortes. BAODO ist übrigens ein Wort aus dem Fullah und heißt soviel wie: zurück zu den Wurzeln. Diese Wurzeln aufzuspüren und in Form der eigenen Subjektivität nach außen transportieren zu können, ist auch für Veronika Dreier ein Anliegen: "Wenn das Persönlich-Authentische zur Kunst wird, dann ist die Ausdrucksform nebensächlich". Dass dieses Persönlich-Authentische oftmals ein spannungsreiches Zeugnis von Erlebnissen zwischen den Kulturen, Konzepten von Fremdheit und Fluchtsituationen ist, davon können sich Interessierte das nächste Mal am 2. Oktober bei einer Präsentation im Forum Stadtpark in Graz überzeugen.
Johannes Schrettle
Weitere Termine:
Siehe auch die Beiträge "Ästhetik als Ethik", in: Zebratl 5/00; und "Graz lebt auf" , Zebratl 3/01