ZEBRATL das Magazin des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen in Österreich

 

Nummer 4/2001: "Willkommen am Freien Markt?"

 

 


Schwerpunkt: Geschlechtsspezifische Menschenrechtsverletzung
"Du mit der Klitoris"
Weibliche Geschlechtsverstümmelung

"Wir wurden beschnitten und bestehen darauf, dass auch unsere Töchter beschnitten werden, damit sie keine Mischung zwischen männlich und weiblich sind... eine Frau, die nicht beschnitten wurde, bringt Schande über ihren Ehemann, der sie "du mit der Klitoris" nennt. Die Leute sagen, sie sei wie ein Mann", sagt eine ägyptische Frau, Mutter einer kleinen Tochter.

Weltweit wird die Zahl der Frauen, die der weiblichen Genitalverstümmelung (FGM, femme genital mutilation) unterzogen wurden, auf 135 Millionen geschätzt und täglich riskieren etwa 6.000 Mädchen, Opfer dieser Praktik zu werden. Sie kommt in über 28 afrikanischen und in einigen Ländern des Nahen Ostens (Ägypten, Oman, Jemen und Vereinigte Arabische Emirate) sowie in muslimischen Gemeinschaften Indonesiens, Sri Lankas, Indien und Malaysias, aber auch in industrialisierten Ländern, v. a. unter Einwanderern, vor. Oft sind es Ärzte, die aus den oben genannten Ländern stammen, die Mädchen oder weibliche Säuglinge illegal operieren. Häufiger jedoch werden die betreffenden Mädchen zur Verstümmelung in ihre Heimat geschickt.

WHO: Das Durchschnittsalter sinkt

Teilweise wird die Verstümmelung bereits kurz nach der Geburt vorgenommen, manchmal während der ersten Schwangerschaft, in den meisten Fällen jedoch zwischen dem 4. Und 8. Lebensjahr. Nach Angaben der WHO sinkt das Durchschnittsalter, da vor allem im urbanen Raum die FGM immer weniger als Initiationsritus gilt. Bei der FGM wird die Klitoris teilweise oder vollständig (Klitoridektomie), oder zusätzlich die kleinen Schamlippen teilweise oder ganz (Exzision), oder die äußeren Genitalien total entfernt und die Vagina fast vollständig zugenäht (Infibulation) Abhängig vom sozio-ökonomischen Status der Familie wird die FGM von älteren Frauen, traditionellen Hebammen, Heilerinnen, ausgebildeten Geburtshelfern oder im Rahmen eines Initiationsritus durchgeführt. Glasscherben, Deckel von Konservendosen oder Rasierklingen dienen als Schneidewerkzeug. Dornen werden zum Zusammenhalten der großen Schamlippen verwendet. Die Beine der Mädchen werden bis zu 40 Tage zusammengebunden und zur Beschleunigung der Heilung werden Kräuter, Milch, Eier, Asche oder Dung aufgetragen.

Erhaltung einer kulturellen und geschlechtlichen Identität

Gründe für die FGM sind sowohl die Erhaltung einer kulturellen als auch einer geschlechtlichen Identität. Da die Klitoris und die Schamlippen für "männliche Teile" eines Frauenkörpers gehalten werden, gilt die Entfernung dieser als Steigerung der Weiblichkeit. Die Praktik wird aber auch aus Gründen der Kontrolle über die Sexualität der Frau und ihre Fortpflanzungsfunktion sowie aus hygienischen und gesundheitlichen Gründen durchgeführt. So besteht der Glaube, dass die sexuelle Lust einer verstümmelten Frau verringert sei und somit auch das Risiko eines außerehelichen Geschlechtsverkehrs. Nicht verstümmelten Frauen wird es beinahe unmöglich gemacht, eine Ehe einzugehen. Sie gelten als unrein und dürfen weder Wasser noch Nahrung berühren.

Angst, Schrecken und Demütigung

Die physischen und psychischen Auswirkungen der FGM sind vielfältig und mitunter sogar tödlich.

Sehr problematisch ist das erhöhte Risiko einer HIV-Infektion, da häufig dieselben Instrumente bei verschiedenen Mädchen verwendet werden. Häufiger treten jedoch chronische Infektionen, wiederkehrende Blutungen, Abszesse und extreme Schmerzen auf. Schwerwiegendere Langzeitfolgen der Infibulation durch Aufstau von Urin und Menstruationsblut sind: chronische Harnwegsinfektionen, Nierenschäden, Infektionen der inneren Geschlechtsorgane und Unfruchtbarkeit. Manche Frauen müssen vor ihrem ersten Geschlechtsverkehr oder vor der Geburt eines Kindes sogar wieder "aufgeschnitten" werden.

Die Betroffenen berichten über Gefühle wie Angst, Schrecken, Demütigung und Verrat. Der Schock und das Trauma der Verstümmelung soll Frauen "ruhiger" und "gefügsamer" machen. Der Ritus und die damit verbundene Feier, Geschenke und die besondere Aufmerksamkeit können das erlittene Trauma etwas abschwächen. Das Erlebnis der Integration in die Gemeinschaft ist oft sehr intensiv und sich für eine Ehe als geeignet zu erweisen – so die Verstümmelung überlebt wird – ist oft die einzige Rolle, die Frauen jemals spielen werden. Physische und psychische Langzeitfolgen sind jedoch statistisch nicht ausreichend untersucht.

Strategien zur Veränderung

FGM kann mit Recht als eine der weitestverbreiteten und systematischsten Verletzungen der Menschenrechte von Frauen und Mädchen angeführt werden. Bereits im 17. Jahrhundert versuchten christliche Missionare und koloniale Verwaltungen, diesen Brauch zu verhindern. Im Jahre 1958 stand die FGM erstmals auf der Tagesordnung der Vereinten Nationen (UN). Ein von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) im Jahre 1979 organisiertes Seminar in Khartum bestimmte die Richtung für neue internationale Initiativen. Im UN-Jahrzehnt der Frau (1975-1985) stieg auch das Interesse der internationalen nicht-staatlichen Organisationen (NGOs) an der FGM wieder an, die erfolgreich das Schweigen brechen und das Thema auf der Tagesordnung der internationalen Menschenrechte verankern konnten. Im Jahre 1994 wurde schließlich ein Handlungsplan zur Abschaffung schädigender Bräuche, die die Gesundheit von Frauen und Kindern beeinträchtigen, erstellt.

1995 entschloss sich amnesty international (ai), das Problem in seine Menschenrechtsarbeit aufzunehmen. Bisher hatte ai nur etwas gegen Verstöße von Regierungen unternommen bzw. seit den frühen 90ern gegen Misshandlungen, die von bewaffneten politischen Gruppierungen begangen wurden. Durch die Unterscheidung zwischen Verbrechen, die ein Staat im Rahmen seiner öffentlich-politischen Aktivitäten begeht und ähnlichen Verbrechen, die im "privaten" Bereich verübt werden, wird die Tatsache ignoriert, dass systematische Verbrechen im "privaten" Bereich auch öffentlich sind. Ziele der ai-Arbeit sind, das öffentliche Bewusstsein für das Problem der FGM als Angelegenheit der Menschenrechte zu schärfen und Regierungen aufzufordern, internationale Menschenrechtsverträge in Kraft zu setzen.

Denn letztlich steht es allein in der Macht der praktizierenden Länder zu bestimmen, ob sie die Abschaffung der FGM erreichen können und möchten. Dennoch können sie sich diese Entscheidung nicht frei aussuchen, da sie durch internationale Gesetze verpflichtet sind, die Ausübung der FGM zu verhindern. Die internationale Gemeinschaft übernimmt die Verantwortung sicherzustellen, dass alle Mittel verfügbar sind, um Entwicklungsländern bei der Einleitung effektiver Kampagnen gegen FGM zu helfen.

Die weibliche Genitalverstümmelung ist ein Brauch, der tief in den Traditionen einer Reihe von Gesellschaften verwurzelt ist und dem sich gefühlvoll und vorsichtig angenähert werden muss, um die Verletzung der physischen, psychischen und sexuellen Integrität von Frauen und Kindern nicht weiter zu vertiefen.

Judith Schmidt ist Ärztin und Pressesprecherin des Amnesty Inernational Aktionsnetzes der Heilberufe, Bereich Medizin in Köln.

Weitere Informationen, Adressen von Kontaktorganisationen und -gruppen sowie ausgewählte Literatur unter: www.amnesty.de – Themen – Frauen: Koordinationsgruppe zu Menschenrechtsverletzungen an Frauen – FGM.


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