ZEBRATL das Magazin
des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen
und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen
in Österreich
Nummer 4/2001: "Willkommen am Freien Markt?"
Die Grazer Literaturwissenschaftlerin Erna Pfeiffer hat in dem Band "torturada. Von Schlächtern und Geschlechtern" eine Sammlung von Texten lateinamerikanischer Autorinnen zusammengestellt, die sich auf den Komplex Gewalt, Sexualität, Ausbeutung beziehen.
Ich will nicht die Sterbende sein
Ich hab
mich nicht in den grausigen Brunnen gestürzt
Ich
hocke mich nicht schutzlos hin
Vielleicht werde
ich nur der Splitter im Auge sein
Der Schrei mit
dem die Stummen schreien [...]
Die Verse aus dem Gedicht "La Moribunda" (die Sterbende) der Chilenin Ana Istarú sind Ausdruck äußerster Machtlosigkeit und zugleich Auflehnung, Rebellion dagegen.
Später im Text heißt es: Mein Heimatland.../ ein selbstmörderisches Fohlen, das in die Nacht stürmt/ einer tragischen Leere entgegen, die uns erwartet/ weigere ich mich, die Sterbende zu sein. Inmitten der kollektiven Misere wehrt sich ein (weibliches) Subjekt dagegen, in eben diesem Kollektiv unterzugehen, die ihm zugedachte Rolle (der Sterbenden) widerspruchslos anzunehmen. Dieser Widerspruch, das "Gegenwort" (P. Celan) gegen eine Realität, deren Grauen mit Worten nicht zu fassen, oder gar "aufzuarbeiten" ist, kann der subversive Gehalt von Literatur sein. Die Realität, die den Hintergrund der Texte der von Erna Pfeiffer übersetzten und herausgegebenen Sammlung bildet, ist die Geschichte Lateinamerikas. Sie wird erzählt als Geschichte von systematischer und individueller Gewalt, von Diktatur und Folter.
Die feministische Forscherin Elaine Scarry sieht eine der verletzenden Folgen von Folter im "Verlust der Fähigkeit, das Geschehen der Folter sprachlich zu bezeugen"(1), die Rhetorikerin Judith Butler spricht von der "Unrepräsentierbarkeit des Schmerzes"(2). Die Frage, ob Literatur vor einem solchen Hintergrund möglich sei, muss demnach dahingehend beantwortet werden, dass sie nicht nur möglich, sondern bitter notwenig ist, gerade dort, wo die "normale" Sprache ein "Trauma in sich trägt". Eine, vielleicht die wichtigste ihrer zivilisatorischen Funktionen liegt für den Philosophen Franz Schuh genau darin, "nicht mit-teilbares mitzuteilen"(3).
Zu Recht weist die Herausgeberin im Vorwort auf die Schwierigkeiten hin, die mit diesem Versuch verbunden sein können. Im Gegensatz zum helden- und märtyrerhaften Diskurs von südamerikanischen Autoren wie Juan Gelman oder Rodolfo Walsh wird in torturada eine rein "weibliche Sichtweise" verfolgt. Es ist die Sichtweise derer, die schon im normalen Alltag eine untergeordnete Position in einem Machtgefälle einnehmen, in deren Sozialisation Gewalt stets nur passiv eine Rolle spielt. Dieser unterdrückte Status wird in Extrem-Situationen vervielfacht, während es auf Seiten der Männer, die ja (ob im bewaffneten Widerstandskampf oder im Rahmen der "kollektiven Gewaltbereitschaft", die der Militärdienst darstellt) Gewalt als legitimes Mittel zur aktiven Konfliktlösung internalisiert haben, zu einer "ungewollten Identifikation des Gepeinigten mit seinen Peinigern"(4) kommen kann, so Erna Pfeiffer.
Die literarischen Mittel, die die Autorinnen des Bandes anwenden, sind so vielfältig wie die individuellen Situationen: Arrivierte Autorinnen wie Griselda Gámbaro und Luisa Valenzuela stehen neben jungen Schriftstellerinnen wie Eva Esquivel, die hier erstmals in deutscher Übersetzung erscheint. Einig ist allen 23 Texten ein "unheroischer" Duktus, eine oft distanzierte Erzählweise, die jedoch nie in die Nähe von Zynismus gerät, sondern stets der Sichtbarmachung von gewalttätigen Strukturen und Diskursen dient. Die vielleicht gelungenste Erzählung des Bandes, der Text Symmetrien von Luisa Valenzuela, ist nur ein Beispiel für diese Sichtbarmachung: Hier wird das verbotene Verhältnis eines Oberst zu einer politisch Gefangenen in Beziehung gesetzt zur erotischen Anziehungskraft, die ein Orang-Utan im Zoo auf eine Frau ausübt. Beide, durch einen fiktiven Chronisten miteinander verknüpften Handlungsstränge enden mit dem Tod der Frauen, die schon vorher, durch Gefangenschaft und Folter zu Objekten, aufladbar für Sehnsüchte und Begierden, degradiert waren. Der leicht ironische Ton ( ...so finden sie als Frucht des so Geliebtwordenseins einzig und allein den Tod) und die fast zynisch anmutende Gleichsetzung von Frau und Affe bewirkt eine maximale Distanz, eine absurde Komik, die den/die LeserIn zum Hinschauen verführt, auch wo der erste Reflex ansonsten das Wegschauen wäre.
Auf der anderen Seite dieser "Skala" von Nähe und Distanz stehen Texte, die, wie die Gedichte von Ana Istarú oder Marjorie Agostín, Zeugnisse von größtmöglicher individueller Schmerz-Erfahrung und Traumatisierung sind, die "am Rande der Sprache"(5) angesiedelt sind, einer Sprache, die oft in mühsamen Prozessen neu erlernt werden muss.
...und nackt musste ich sie anschauen, / jeden einzelnen von ihnen/ musste ihnen gestehen/ Geheimnisse, die ich nicht besaß/ ungewisse Aufenthaltsorte/...
schreibt Agostín im Gedicht La tortura (Die Folter). Das gewaltsame Verlangen "zum Mysterium anderer Zugang zu haben" ist ein Grundprinzip von Folter, wie sie Eric Fuchs beschreibt(6).
Das "Programm" für dieses Verlangen ist in Konzepten von Männlichkeit und Sexualität zu suchen, die auch in "zivilisierten, friedlichen" Gesellschaften vorherrschen. In diesem Sinn beschreibt auch Luisa Valenzuela in der Einleitung zu ihrem Text die Rolleneinteilung der Geschlechter in Bezug auf Gewalt:
"... denn die Stimme der Gefolterten ist eine weibliche Stimme; auch wenn Männer auf entsetzliche Weise gefoltert worden sind, so werden sie gerade in dieser Hinsicht feminisiert. In dem Augenblick, wo jemand gefoltert wird, wird er nämlich feminisiert, vergewaltigt, penetriert, und dann entsteht diese Stimme aus der Tiefe."
Johannes Schrettle
Erna Pfeiffer [Hg]: Torturada. Von Schlächtern
und Geschlechtern.
Texte lateinamerikanischer
Autorinnen zu Folter und politischer Gewalt.
Wien:
Wiener Frauenverlag, 1993
1 Elaine Scarry: The Body in Pain. New York, 1985. S.3ff
2 Judith Butler: Haß spricht. Zur Politik des Performativen. Berlin, 1998. S.15.
3 Franz Schuh: Grazer Poetik-Vorlesung, Juni 2001.
4 Erna Pfeiffer: Vorwort. In: torturada.
5 Geoffrey Hartman: Das beredte Schweigen der Literatur. Frankfurt am Main, 2000. S.22ff
6 In: Udo Rauchfleisch: Folter. Frankfurt a. Main, 1990.S. 136