ZEBRATL das Magazin des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen in Österreich

 

Nummer 4/2001: "Willkommen am Freien Markt?"

 

 


Schwerpunkt: Musliminnen in Österreich
Gedanken zum Vollschleier
Oder wie man nebeneinander herlebt

"Als ich das erste Mal mit dem Vollschleier zur Bank gegangen bin, habe ich mir schon gedacht "Na ja, wenn ich jetzt da reingehe..." Ich habe damals den Kinderwagen mitgehabt, jetzt gehe ich auch alleine. Ich gehe halt ganz selbstbewusst hinein, sage höflich "Grüß Gott"... und keiner drückt den Alarmknopf". Adele1, Österreicherin, Studentin und Mitte zwanzig, erzählt aus ihrem Leben.

Vorher war ich Katholikin, ich bin Moslem geworden, als ich 17 war. Ich bin eigentlich streng christlich erzogen worden und war mit meinem Glauben immer zufrieden. Für andere Religionen und Kulturen habe ich mich immer interessiert. Als wir in der Schule über die Religionen der Welt gelernt haben, ist mir der Gedanke gekommen, dass es so viele Religionen gibt, und dass jede für sich sagt, sie sei die Richtige. Ich habe mir gedacht, ich suche jetzt für mich die Richtige. Von allen möglichen Religionen habe ich mir Bücher angeschafft und habe gelesen. Zur gleichen Zeit habe ich zufällig meinen Mann, einen praktizierenden Moslem aus Ägypten, kennen gelernt und konnte mich so aus erster Hand informieren... Ich bin aber nicht seinetwegen zum Islam übergetreten. Wir hätten geheiratet, auch wenn ich Christin geblieben wäre. Ich bin übergetreten, weil ich im Islam keine Widersprüche gesehen habe und dort auf jede Frage, die ich hatte, eine Antwort bekommen konnte.

Fragen und Gegenfragen

Man hört immer die Frage "Warum trägst du das Kopftuch? Aus welchem Grund?". Man sollte die Frage mal anders stellen. Man sollte sich fragen, warum sollten wir als Frauen den Männern das Recht geben, uns sexuell "mit ihren Blicken auszubeuten", und ihre Phantasien auszuleben, wenn sie eine Frau mit String-Tanga und durchsichtigen Kleidern sehen. Ich bin mir zu schade dafür. Wenn ich glücklich verheiratet bin, wieso muss ich anderen Männern gefallen?

Die Leute auf der Straße sind verschieden. Einige sind neugierig und stellen Fragen, "Warum tragen sie das?", fragen sie. Viele gehen vorbei und schimpfen einen an, oder spucken... Viele verurteilen einen, weil man mit einem Ausländer verheiratet ist. Man hört halt die primitivsten Ausdrücke: "Wieso heiratest du einen Kongo-Neger?" und Ähnliches.

Ich bin sogar einmal geschlagen worden. Ich bin in der Grazer Innenstadt mit dem Kinderwagen gegangen, und eine Frau neben mir hat irgendwas gesagt, ich habe sie nicht verstanden. Sie war schon hinter mir und hat mich von hinten mit ihrer Tasche auf den Kopf geschlagen. Sie ist dann sofort über die Straße gelaufen. Die Ampel war aber schon rot, sonst wäre ich ihr nachgelaufen, aber mit dem Kinderwagen konnte ich ihr nicht nach. Es ist alles so schnell gegangen, ich würde sie nicht wieder erkennen. Eine Anzeige zu erstatten wäre also sinnlos gewesen. Anderen Glaubensschwestern ist es auch schon passiert, dass sie handgreiflich attackiert wurden.

"Du bist sicher unterdrückt"

Es ist eigentlich ein Nebeneinanderherleben. Aber ein richtiges Miteinander ist es nicht. Ich habe es an meinen Eltern gesehen, auch bei anderen. Sie glauben immer, mit Kopftuch ist man unterdrückt, man wird geschlagen, hat keine Rechte. Wenn man versucht, jemanden vom Gegenteil zu überzeugen, glaubt es einem keiner. Alle sagen: "Du bist sicher unterdrückt, du lügst uns an". Wenn ich sage, dass es nicht stimmt, glaubt es mir kein Mensch. Es ist traurig. Wenn man Aufklärungsarbeit machen möchte, ist es schon sehr schwer.

Es gibt einen Hadith2, der vom Propheten Mohammed stammt: "Der Beste unter den Männern ist der, der seine Frau am besten behandelt". Er ist so schön, es liegt so viel drinnen. Das wissen die Leute hier nicht. Von Seiten der islamischen Männer bekommt die Frau viel mehr Achtung und Respekt als von den österreichischen, vorausgesetzt sie leben den Islam richtig. Wenn du mit dem Kopftuch kommst, wirst du auf Händen getragen, und nicht so wie man es immer hört. Schwarze Schafe gibt es natürlich überall, österreichische Frauen werden auch manchmal geschlagen.

Ich mache eine Ausbildung, die es mir erlauben wird, auch von zu Hause aus zu arbeiten. In Österreich kriegt man mit Kopftuch keine Arbeit, nicht einmal mit einem kurzen Tuch, man kann nur putzen gehen... Jede Frau, deren Mann Alleinverdiener ist, ist von ihm irgendwie abhängig. Es ist überall so. Bei einer gutfunktionierenden Ehe geht es jedoch nicht um Abhängigkeit. Ich frage meinen Mann nicht "Kann ich, bitte, 5 Schilling haben?", sondern nehme mir einfach, was ich brauche.

Mit Kinderaugen gesehen...

Im Kindergarten war es Weihnachten. Meine Kinder kannten Weihnachten überhaupt nicht. Dort haben sie den Weihnachtsbaum gesehen. Der Christbaum schaut für alle Kinder schön aus, mit den Lichtern und bunt geschmückt, der Weihnachtsmann kommt, Geschenke werden aufgemacht... Man sollte versuchen für die Kinder irgendetwas anderes zu schaffen, damit sie einen Ausgleich haben. Gleichzeitig zu Weihnachten war Ramadan. Wir haben statt dem Adventkalender einen Ramadankalender gemacht, er hat wie eine Moschee ausgeschaut. Wir haben auch die Kaba3 gebastelt, zu unserem Fest. Wir haben sie auf den Tisch gestellt und Geschenke in die Kaba hineingegeben, Lampions aufgehängt und Lego Spielzeug herumgelegt. Den Kindern hat es gut gefallen. Man sollte immer Gegenstücke suchen, damit die Kinder die Religion anfangen zu lieben.

Ich bin einmal in der Straßenbahn gesessen und habe ein großes weißes Kopftuch getragen. Ein Kind hat mich angeschaut und gesagt: "Schau, Papa, da sitzt eine Königin, eine echte Königin".

Nermina Besirevic

1 Name von der Redaktion geändert.

2 Hadith – dem Propheten Mohammed zugeschriebene Aussprüche, die neben dem Koran als Quelle religiöser Vorschriften betrachtet werden.

3 Kaba – Hauptheiligtum des Islam, ein Gebäude in Mekka, in dem als Gegenstand der Verehrung der Schwarze Stein eingelassen ist. Die K. ist das Ziel der den Muslimen vorgeschriebenen Pilgerfahrt.

 


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