ZEBRATL das Magazin des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen in Österreich

 

Nummer 3/2001: "...zum Städtele hinaus..."

 

 


Schwerpunkt: Migrantinnen und Gewalt
Willkommen am unfreien Markt

Innerfamiliäre Gewalt und patriarchalische Strukturen können dort am besten gedeihen, wo dem (potentiellen) Opfer der Zugang zu Selbständigkeit und Öffentlichkeit verwehrt bleibt. Eine solche Isolation ist für viele Migrantinnen in Österreich Alltag. Wenn sich "Öffentlichkeit" auf den wöchentlichen Austausch über Haushaltsangelegenheiten mit anderen Migrantinnen und das Lesen von Zeitungen aus der Heimat beschränkt, ist man auch angesichts körperlicher Gewalt in der Ehe nahezu schutzlos ausgeliefert.

Der weitaus größte Teil der Gewalt, die (weltweit) gegen Frauen ausgeübt wird, passiert innerhalb der Familie, der Keimzelle von Staat und Gesellschaft, wie eifrige Gesellschaftspolitiker derzeit nicht müde werden zu betonen. Bei den alarmierenden Zahlen, die in den Berichten von Innenministerium und Polizei aufscheinen, liegt die Dunkelziffer freilich viel höher: Die Hemmungen, Gewalterfahrungen nach außen zu tragen, bzw. den Schritt weg vom Gewalttäter in die mutmaßliche "Freiheit" zu tun, sind vielfältig; die heiligen Institutionen Ehe und Familie werden trotz der traumatischen, oft schon gewohnheitsmäßigen Erfahrungen einer schutz- und bindungslosen Situation am "freien (Arbeits-, Beziehungs-, Wohnungs-, etc.) Markt" vorgezogen.

Dass diese unheilvolle Mechanik, Beleg für nach wie vor bestehende patriarchalische Strukturen und Traditionen, zwar noch lange nicht überwunden, zumindest in westlichen urbanen Gesellschaften aber eher rückläufig ist (was sowohl auf gesellschaftspolitische Bemühungen von Aktivistinnen seit den 60er Jahren wie auf großräumige wirtschaftliche und soziale Entwicklungen zurückzuführen ist), ist ein Faktum. Faktum ist aber auch, dass das Dilemma der Migrantinnen eine zusätzliche, bedrohliche Dimension erfährt: Oft sind die erwähnten patriarchalischen Strukturen in der Herkunftskultur, die gleichzeitig noch immer als die "eigene" empfunden wird, noch stärker vorherrschend als in der "aufgeklärten, westlichen" Öffentlichkeit. Gleichzeitig fehlt der so wichtige Kontakt zu außerfamiliären gesellschaftlichen Strukturen, die der Frau wenn möglich schon vor einem endgültigen Schritt in die Unabhängigkeit Hilfe und Solidarität signalisieren.

Erschwerter Zugang zur Information

Ruth Jandrasits vom Grazer Frauenhaus weiß nicht, ob der Leidensdruck ins Frauenhaus zu kommen, bei Migrantinnen generell höher ist, da die individuellen Erfahrungen und Hintergründe zu unterschiedlich sind, doch stellt für Migrantinnen schon der Zugang zu Information über Einrichtungen wie das Frauenhaus eine oft schwer überwindbare Hürde dar. Diese Information findet praktisch ausschließlich über Organisationen wie ISOP oder ZEBRA oder Bekannte/Freundinnen statt, wie auch Uta Wedam, Therapeutin bei ZEBRA berichtet: "Für Frauen aus anderen Kulturkreisen wie Afrikanerinnen, Türkinnen, aber auch Bosnierinnen ist es oft eine absolute Neuheit, dass es da Einrichtungen gibt, wo Frauen mit ihren Kindern hingehen können, die familiäre Gewalt erlebt haben."

Das Grazer Frauenhaus, das es seit nunmehr immerhin 20 Jahren gibt (Jubiläum im November dieses Jahres) steht allen Frauen ohne Ansehen von Nationalität, sozialer Schicht und Aufenthaltstitel offen. In entspannter Wohnatmosphäre soll den Frauen die Möglichkeit gegeben werden, ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten und Kraft für den Aufbau einer unabhängigen Existenz zu schöpfen. Speziell für die ausländischen Frauen, die im Jahr 2000 etwa 30% (44 Frauen von insgesamt 147) der Bewohnerinnen ausmachten, ist dieses Ideal aufgrund der hohen ökonomischen Abhängigkeit vom Mann oft kaum zu verwirklichen. Die (v.a. für ungelernte Arbeitskräfte) schlechte Arbeitsmarktsituation sowie die juristischen Barrieren auf dem Weg zu Beschäftigungsbewilligung, Arbeitserlaubnis und schließlich "Befreiungsschein" machen es auch "arbeits- und integrationswilligen" Migrantinnen nicht gerade leicht.

Schon die Tatsache, dass Migrantinnen im Frauenhaus in einer Art Übergangsituation sind und über kein eigenes Dach über dem Kopf verfügen, kann die Erteilung einer Beschäftigungsbewilligung, die von einem Arbeitgeber beantragt werden muss, verhindern. Diese ist nämlich per Gesetz u.a. an eine fixe und eigene Unterkunft gebunden.

Zurück zum Misshandler

So verwundert es nicht, dass die bei weitem überwiegende Mehrheit der Migrantinnen schließlich vom Frauenhaus wieder direkt zum Gewalttäter zurückkehren (insgesamt schafften im Jahr 2000 36% der Frauen es, sich eine vom Misshandler unabhängige Existenz aufzubauen, eine Extra-Statistik für Migrantinnen liegt nicht vor), doch "allein das Bewusstsein, wieder hierher zurückkommen zu können, ist schon etwas wert", so Ruth Jandrasits. Oft würden im Frauenhaus, unter dem Eindruck der gemeinsamen (Not-) Situation, auch Freundschaften entstehen, die über die Aufenthaltsdauer hinaus Bestand haben und so einen wichtigen Schritt zu einer wenigstens teilweisen Autonomie bedeuten können. Genauso wichtig ist die Möglichkeit, Sprachkompetenz und damit (im Idealfall) den Zugang zu medialer Information und Partizipation am öffentlichen Leben zu erwerben. "Immer wieder", – erzählt Ruth Jandrasits aus der tägliche Praxis – "kommen Frauen zu uns, die acht, neun Jahre in Österreich sind und kaum ein Wort deutsch sprechen."

Die Abhängigkeit von Ehe und Familie ist so mehrfach abgesichert: ökonomisch, sozial, teilweise sogar juristisch – dann nämlich, wenn die Frau über keine eigene Aufenthaltsbewilligung verfügt, sondern nur als "Anhängsel" innerhalb der Quote für Familienzusammenführung einreisen konnte.

Uta Wedam versucht in ihrer Arbeit bei ZEBRA, den Blick auch auf die Situation der (gewalttätig gewordenen) Ehemänner und Partner auszudehnen. Wo es ihr sinnvoll erscheint, versucht sie, zu vermitteln, was jedoch nicht leicht fällt. "Oft werde ich als Frau von vornherein nicht als gleichwertiger Gesprächspartner akzeptiert", erklärt sie. Der Eindruck der männlichen Migranten, als Fremder in Österreich auf einmal sogar im Kontakt zur "eigenen" Ehefrau Institutionen gegenüberzustehen, die mit der österreichischen, oft als feindlich erlebten Gesellschaft identifiziert werden, kann ein ohnmächtiges Gefühl der Wut entstehen lassen, das einer Konfliktlösung alles andere als zuträglich ist.

Die Therapeutin würde sich oft wünschen, dass auch die Männer in solchen Situationen über eine kompetente Beratung bzw. Betreuung verfügen würden, um dieses Ohnmachtgefühl nicht übermächtig werden zu lassen. Ohne männliche Gewalt auf irgendeine Weise zu entschuldigen, sei es unabdingbar, den kulturellen Hintergrund und Migrationskontext zu beachten, denn die Konflikte, die im Kontakt mit der Gesellschaft des Einwanderungslandes entstünden und die Schwierigkeit darin einen Platz zu finden, seien oft mindestens genauso bedeutend wie patriarchale kulturelle Traditionen an sich.

Nachfrage wächst

Bei Migrantinnen (wie Inländerinnen) scheint die Nachfrage nach Schutz-Institutionen wie dem Frauenhaus zu wachsen. Das heißt nicht, dass die Gewalt in den Familien in den letzten Jahrzehnten gestiegen wäre, sondern ist wohl auf die steigende Bereitschaft, Hilfe von außen zu suchen bzw. anzunehmen, zurückzuführen. Einen großen qualitativen Unterschied stellt Ruth Jandrasits allerdings fest zwischen den älteren, meist schon als Erwachsene nach Österreich gekommenen Migrantinnen, und der nächsten Generation von jungen Frauen, die zumindest einen Teil ihrer Sozialisation bereits in Österreich erlebt haben. Für die erste Gruppe sind leider oft zu große kulturelle und psychische Barrieren zu überwinden, um eine Existenz unabhängig von Familie und Mann auch nur als Möglichkeit ins Auge zu fassen, so quälend und gewalttätig diese Beziehungen auch sein mögen.

Angesichts der nach wie vor vorhanden Gewalt im privaten Bereich, den damit verbundenen Abhängigkeiten und den oft fehlenden Perspektiven ist es schwer, von einer "erfolgreichen Arbeit" der Institutionen zu sprechen, die individuelle Unabhängigkeit, Gleichberechtigung und die Chance auf menschenwürdige Lebensbedingungen für Unterprivilegierte durchsetzen wollen. Wie auch andere derartige Initiativen sind die österreichischen Frauenhäuser in den 70er Jahren mit dem Anspruch angetreten, möglichst schnell an der Verwirklichung einer Gesellschaft zu arbeiten, in der solche Zufluchstätten schließlich gar nicht mehr notwendig sein würden.

Dass es irgendwie anders gekommen ist, zeigt auch, dass es um gesamtgesellschaftliche Probleme geht, die gesellschaftlich, d.h. auch politisch, behandelt werden müssen. Solange von öffentlicher Seite nicht wenigstens die Rahmenbedingungen für ein eigenbestimmtes Leben für alle Mitglieder der Gesellschaft geschaffen werden, wird es weiterhin strukturelle Abhängigkeit und Gewalt geben. Solange können auch Initiativen wie das Frauenhaus nur weiter mehr oder weniger erfolgreich Symptome bekämpfen. Die Gefahr, irgendwann in absehbarer Zeit nutzlos geworden zu sein, besteht nicht.

Johannes Schrettle


Zum Inhaltsverzeichnis

 


file last changed: 4. 10. 2001

Pagemaster: alex trojovsky -- mail -- page