ZEBRATL das Magazin
des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen
und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen
in Österreich
Nummer 3/2002: "Rund und Eckig"
Theorie
"Zonen der Angst"
„Zur diskursiven Konstruktion von Angst- und Sicherheitsräumen"
Die Rassismusforscherin Nora Räthzel leistet mit ihrer Arbeit seit Jahren einen entscheidenden Beitrag zu einer Rassismus-Diskussion, die Rassismus nicht als psychischen „Fehler“ auf der individuellen Ebene betrachtet, sondern als Konzept im Rahmen einer umfassenden Diskurstheorie.
Dass Rassismus nicht unabhängig von Herrschaftsverhältnissen, die immer wieder neu legitimiert und reproduziert werden müssen, beschreibbar ist, ist eine der entscheidenden Prämissen dieser Diskussion. Ziel von Rassismusforschung ist es, die Diskurse, die Rassismus (re-) produzieren, und ihren Kontext zu erklären. In einer breit angelegten Feldstudie hat Räthzel 1996 bis 1999 die Art und Weise, wie Jugendliche diskursiv mit Fremden und Einheimischen umgehen, in 2 Hamburger Stadtteilen untersucht. Entscheidend in der Versuchsanordnung war, dass der eine Stadtteil einen überdurchschnittlich hohen Ausländeranteil aufwies („Mixville“), während die Bevölkerung im anderen ein signifikant „homogene“ („Monoville“) war.
Ethnisierung der Gewalt
Anhand der Themenkomplexe „Fremde, Ausländer, etc...“ und „Gewalttätigkeit, Gefahr, Unsicherheit“ bzw. der Verknüpfung dieser beiden beschreibt Räthzel diskursive Phänomene, die entscheidende Faktoren für die Herstellung von Gefühlen der Fremdheit und Xenophobie sind.
So nennt sie als auffälligstes Merkmal der Arten, wie in beiden Stadtteilen von jugendlichen über ausländische Altersgenossen gesprochen wird, das Phänomen der Ethnisierung: Der Diskurs über Gewalt wird in „Monoville“ verbunden mit jenem über ethnische Unterschiede, während in „Mixville“ zwei getrennte Diskurse stattzufinden scheinen. Ein anderer, weniger offensichtlicher Unterschied ist laut Rätzhel im Verhältnis von bestimmten Räumen und ihren Bewohnern auszumachen.
Im heterogenen Umfeld „Mixville“ herrscht ein reziprokes Verhältnis zwischen bestimmten Plätzen, und den Gruppen, die diese Plätze „vereinnahmen“: Anstatt durch ethnische Zugehörigkeit (wie in „Mixville“) werden Individuen und Gruppen hier durch ihre Zugehörigkeit zu einem bestimmten geografischen Umfeld definiert. „Die Türken“ oder „die Kurden“ wäre eine in Monoville vollständige Charakterisierung eines Individuums, während Jugendliche in „Mixville“ als zu einem bestimmten Platz (einer bestimmten Straße etc...) zugehörig identifiziert werden: Jemand vom X...Platz ist für die Zuschreibung bestimmter Eigenschaften ausreichend.
Der Platz wird zum Signifikanten für eine bestimmte Gruppe, die gleichzeitig zum Signifikanten für diesen Platz wird: ein (unbeliebter, gefährlicher...) Raum steht für eine (ebensolche) Gruppe und umgekehrt. Die Mobilität zwischen den verschiedenen Gruppen für das Individuum ist immer gegeben: an einem bestimmten Platz abzuhängen, macht einen zum Mitglied einer bestimmten Gruppe. Die (ethnische) Identität, mit denen Individuen in Monoville bedacht werden, ist im Gegensatz dazu wesentlich statischer: die Ethnisierung erstreckt sich auch auf die geografischen Räume und Plätze, die nicht rückwirkend als Signifikanten für ihre „Bewohner“ fungieren können: Türken, die mit ihren Springmessern herumspazieren, transformieren jeden Platz in einen Platz der Gefahr, sie sind per definitionem gefährlich.
Raumrepräsentationen
Diese bisherigen, etwas plakativ anmutenden Befunde könnten nun als Beleg für die simple These „wo In- und Ausländer zusammenleben, gibt es auch kein Rassismusproblem“ verstanden werden, die jedoch energisch hinterfragt werden muss. Nora Räthzel kommt sogar zu der Erkenntnis, dass auch die persönliche Freundschaft mit Ausländern oftmals kein Garant gegen (subtile) Rassismen ist, entscheidend sei vielmehr der diskursive Kontext, in dem Begegnungen und Freundschaften stattfänden, die hier entscheidend sei.
Um diesen Kontext zu beschreiben, verwendet Nora Räthzel das theoretische Konzept von der Produktion des Raumes des französischen Philosophen Henri Lefebvre (Productions of Space, 1991). Nach Lefebvre ist ein diskursiver Raum dass Ergebnis einer Konstruktion, die zumindest auf 3 Ebenen stattfindet: 1. Raumrepräsentationen: der Raum der von Wissenschaftlern, Politikern, Medien (hauptsächlich) mittels eines Systems verbaler Zeichen konstruiert wird. 2. Der gelebte Raum: Raum, der durch die mit ihm verbundenen Symbole und (non-verbalen) Zeichen definiert wird, mehr oder weniger bewusst von seinen Einwohnern „inszeniert“ wird. 3. der Raum als Produkt einer manifesten räumlichen Praxis, die von Repräsentationszwecken und pragmatischen Zwecken (z.B. möglichst viele Besucher pro Tag, bei einem Einkaufszentrum) bestimmt wird.
Die Raumkonzeption Lefebvres ermöglicht es Räthzel, die Bedingungen, unter denen jugendliche MigrantInnen leben, die Parameter dessen, was in bestimmten „Zonen“ als normal aufgefasst wird, (teilweise) als Ergebnis von Diskursen darzustellen, die nicht unveränderlich sind. Ohne übertrieben optimistisch zu sein, lässt sich sagen, dass es sich für die betroffenen Jugendlichen in „Mixville“, wo die ethnische Heterogenität einen Teil der normalen Raum-Repräsentation darstellt, relativ besser leben lässt, unabhängig von individuellen Lebensproblemen und politischen Rahmenbedingungen. Oder besser gesagt: nicht unabhängig, sondern in ständiger Wechselwirkung. Das menschen- und fremdenfreundlichste Umfeld (die positivsten Raumrepräsentationen) kann wenig bewirken wenn es, gleich einer Enklave, in eine Gesellschaft eingebettet ist, die MigrantInnen zu Störfaktoren und Defizitträgern macht. Auch das zeigt die Arbeit Nora Räthzels. Und nicht zuletzt bietet sie nützliches theoretisches Rüstzeug, wenn es darum geht, populistisch-völkischen Argumentationsmuster zu begegnen, die letztlich ihre eigenen Bedingungen, nämlich Angst, Unsicherheit, in einem Zirkelschluss erst herstellen und fortan ständig reproduzieren.