ZEBRATL das Magazin
des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen
und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen
in Österreich
Nummer 3/2002: "Rund und Eckig"
Italien-Südkorea, 3 ZEBRA-Berater sitzen allein im Büro, die Hände zittern leicht, weil sich in den nächsten Minuten die Partie entscheiden wird, Südkorea hat soeben zum vorerst rettenden 1:1 getroffen. Die WM hat mich schon einige wertvolle Arbeitsstunden gekostet und mir zahlreiche überlange Mittagspausen beschert, das Match wird wohl in die Verlängerung gehen.
Senegal-Schweden. Mein Fernseher ist kaputt, ich gehe ins Café direkt neben meiner Wohnung, das extra eine halbe Stunde früher geöffnet hat, um das Fußballspiel zu zeigen. Trotzdem sind außer mir nur 2 Gäste und der Wirt anwesend. Sie interessieren sich weniger für das Fußballspiel als für die Frage „nach den genetischen Dispositionen der Neger, die das Dribbeln alle im Blut haben, fürs Tore schießen aber ein bisserl zu blöd sind.“ Aber schön zum Anschauen, vor allem wenn sie sich freuen.
Das Interessante bei dieser WM war, dass hierzulande einer der wesentlichsten Mechanismen des modernen Fußballs nicht griff: Die Wiedereroberung des verlorengegangenen Nationalstaats, die Rekonstruktion einer „imaginären Nation“1 mithilfe eines „National-Teams“. Wenn der Glaube an politische, wirtschaftliche, kulturelle Schlüsselentscheidungen auf nationaler Ebene längst nicht mehr existiert, so erfährt das staatliche Gebilde im Zuge von Sportgroßereignissen eine umso größere Aufladung an Bedeutung. Die primären Träger dieses Diskurses sind die Medien, die damit auch gleich ihre eigene Position im Spiel um Identifikation, Vaterlandstreue, Volksnähe festsetzen: Stürmisch-nationalpatriotisch wie etwa die Kronenzeitung oder sarkastisch-zynisch wie im „Der Standard“, um die Antipoden der Print-Sportberichterstattung zu nennen. Oder anbiedernd-unsicher wie die Kommentatorenriege vom ORF.
Bei Schweden denken wir an Österreich
Der ORF. Die einzigen österreichischen Vertreter bei der WM. Die Abwesenheit der österreichischen Kicker bei Großereignissen gibt ihnen regelmäßig die Chance, sich auf Nebensächliches wie Taktik, Hintergrundinformationen, sachliche Analysen zu konzentrieren. Vielleicht wären sie damit überfordert, vielleicht sind sie noch von der erst seit 4 Monaten abgelaufenen Wintersportsaison darauf eingeschworen, „österreichisch zu denken“. „Bei den Erfolgen der Schweden denken wir natürlich immer auch ein bisserl an unser Team“, weiß der Kommentator während des Spiels gegen Senegal. Österreich hat nämlich 1998 1:0 gegen Schweden gewonnen. D. h. wir sind ungefähr so gut wie Senegal? Der ziemlich lustige, weil gnadenlos unbeholfene Kommentar Hans Hubers ist genau so unpassend wie die begleitenden Bemerkungen des Wirts, und beide weisen auf eine anscheinend grundsätzliche Notwendigkeit hin: Es muss Stellung bezogen werden. Ohne emotionale Beteiligung ist ein Fußballspiel eben nur ein Fußballspiel. Ein Fußballspiel ist aber mehr als nur ein Fußballspiel! Besonders bei der WM, wo ab dem Achtelfinale technisch anspruchsvoller Tempofußball eher Mangelware ist. Dass Klasse durch emotionale Beteiligung ausgeglichen werden kann, zeigt auch, dass der ORF Spiele wie Rapid Wien – SV Ried ebenso live überträgt wie Real Madrid – FC Bayern München und in beiden Fällen gleichermaßen einen „spannenden Fußballabend“2 verspricht.
„Als Österreicher schlägt das Herz natürlich ein bisserl für Italien“ hört man aus dem Fernseher. Italien ist draußen, wofür schlägt es jetzt überhaupt noch, „als Österreicher“?
Die Antwort lautet sinngemäß: „Als Fußballfan schlägt das Herz heute für diese erfrischend aufspielende südkoreanische Mannschaft“. Im Gegensatz zu den schon fast unappetitlich kompetenten Kollegen von Premiere ist für die ORF-Kommentatoren Fußball immer noch vorrangig eine Herzensangelegenheit. Ebenso wie Politik in diesem Land übrigens. Die Sympathie, die „mein“ Wirt und „mein“ Kommentator der senegalesischen Mannschaft entgegenbringen, erinnert mich irgendwie an die Betreuerin in dem Flüchtlingsheim, in dem auch Charles O. bis vor kurzem gewohnt hat, die gemeint hat, „was diese Menschen brauchen, ist erst einmal menschliche Wärme“.
Diese Menschen, das sind auch „sympathische Burschen, wie sie sich wie kleine Kinder nach diesem Sieg freuen“ (ORF-Kommentar). Man könnte für einen Moment vergessen, dass die tanzenden Buschneger alles hochbezahlte Profis in Europa sind und sie, zumindest für eine WM lang, adoptieren. Wenn sie weiterhin „erfrischend aufspielen“, könnten sie sich ganz tief in die österreichischen Fußballherzen spielen. Vielleicht lernen sie auch irgendwann, wie man Tore schießt, und hauen im Finale die Deutschen raus3.
Johannes Schrettle
1 Georg Spitaller: Think global, act local, kiss football.
In: Global Players, Wien 2002
2 Das tun sie sogar, wenn Ried und Rapid am Nachmittag spielen.
3 geschrieben am 19.6.