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Nummer 3/2002: "Rund und Eckig"

 


Fußball

Global Players

Finanzielle Potenz und sportlicher Erfolg


Der Profifußball entwickelte sich von einem Nebengeschäft zu einem der globalsten und lukrativsten Wirtschaftszweige. Seit Ende der 80er Jahre fließen enorme Geldsummen, etwa durch die exorbitante Steigerung der TV-Gelder, der Werbeeinnahmen und Sponsorverträge, sowie  langfristig ausverkaufter Stadien und aggressivem Merchandising.

Fast alle großen Klubs investieren das eingenommene Geld in Spieler, die entweder durch Ablösesummen aus Verträgen ausgekauft oder mittels hoher Gehälter an den Klub gebunden werden. Börsengänge wie der von AC Milan, Borussia Dortmund und Manchester United werden von ExpertInnen eher als Liebhaberei eingestuft, denn als seriöses Handelsobjekt. Aber auch hier lässt sich – wie das Beispiel Manchester United beweist – noch Geld verdienen.

Der Verkauf der TV-Rechte für die Fußball-WM in Frankreich 1998 brachte dem Fußball-Weltverband FIFA 90 Millionen e. Für die Fernsehrechte an den Weltmeisterschaften 2002 in Japan/Südkorea und 2006 legte die (mittlerweile in Konkurs gegangene) Kirch-Media-Gruppe ein Vielfaches dieser Summe auf den Tisch: 1,9 Milliarden e! Der Jahresumsatz von Manchester United lag in der Saison 1999/2000 bei 185 Millionen e, Real Madrid konnte 163 Millionen und Bayern München 145 Millionen e lukrieren.

Am Profifußball verdienen aber nicht nur Vereine, auch Sportartikelindustrie, Medien und New Economy naschen kräftig mit. Das an der Wiener Börse notierte Online-Wettbüro BetandWin erreichte im Jahr 2000 einen Wettumsatz von 17,3 Millionen e. Die großen Sportartikelhersteller (Nike, Adidas) verdienen sich mit ihren Produkten (die oftmals in Billiglohnländern hergestellt werden) eine goldene Nase. So fanden etwa Ronaldo-T-Shirts nach der WM in Frankreich reißenden Absatz.

Die mittlerweile in den westlichen Gesellschaften dominierende Ideologie, die den Individualismus über alles stellt, kommt den Herstellern dabei sehr gelegen: Spitzensportler sind die neuen Halbgötter einer vermeintlich liberalen Gesellschaft, in der jeder angeblich alles erreichen kann, wenn er sich nur genug anstrengt. Stars wie Ronaldo, Figo, Zidane verkörpern diese Ideologie individueller Leistungsmaximierung perfekt und werden dafür von vielen bewundert und verehrt.

Auch die Politik hat den Fußball längst als populistische Spielwiese erschlossen. Silvio Berlusconi, Jörg Haider und viele andere haben den ideellen Mehrwert des Fußballs für sich entdeckt. Dem Besitzer des norditalienischen Großklubs AC Milan (Berlusconi) wird auch gleich die Erneuerung und Leistungssteigerung Italiens (Forza Italia) zugetraut. Sollte das Konzept allerdings das gleiche sein, so ist zu befürchten, dass innerhalb weniger Jahre Italien ebenso vor dem Konkurs steht, wie der AC Milan, dem ein Minus von mehr als einer Milliarde Schilling nachgesagt wird.

Ökonomische Konzentration

Parallelen zur allgemeinen ökonomischen Entwicklung der letzten Jahre, die von einer neoliberalen Deregulierung der Märkte charakterisiert ist, lassen sich vor allem auf Vereins-Ebene beobachten. Hier finden massive ökonomische Konzentrationen statt, von denen das sportliche Geschehen nicht unbeeinflusst bleibt. Finanzielle Potenz und sportlicher Erfolg gehen oftmals Hand in Hand und verstärken einander gegenseitig. Finanzstarke Vereine verfügen über Spielerkader, die sportliche Erfolge zumindest wahrscheinlicher machen. Erfolge verbessern die Zuschauerzahlen, mehr Zuschauer bringen höhere TV- und Merchandising-Einnahmen. Waren es in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts noch Werksmannschaften, bei denen als Hauptsponsor der jeweilige Betrieb vor Ort auftrat (Voest Linz, Donawitz, Thörl, Knittelfeld ...), so sind heute viele Fußballvereine abhängig von global operierenden multinationalen Konzernen.

In englischen Profi-Ligen wurde bereits 1961 die bis dahin geltende Gehaltsobergrenze abgeschafft, wodurch die Konkurrenzfähigkeit kleinerer Klubs deutlich nachließ. Die seit 1983 erlaubte Trikotwerbung kam ebenfalls den größeren Vereinen zugute, die deutlich höhere Sponsoreinnahmen akquirieren konnten. Neue TV-Anstalten ließen die Einnahmen aus dem Verkauf der Fernsehrechte in ungeahnte Dimensionen steigen. Zu Beginn der 90er Jahre beschlossen die Klubs der obersten Spielklasse die Gründung der Premier League, die Fernsehrechte auf eigene Rechnung und ohne die Einnahmen mit den unteren Ligen teilen zu müssen, verkauft. Auch innerhalb der Premier League werden die TV-Gelder nur zur Hälfte unter den Vereinen aufgeteilt, von der Zahl der Übertragungen und der Platzierung am Ende der Saison hängt der andere Teil der Einnahmen aus diesem gemeinsamen Topf ab – eine Regelung, die den populären und erfolgreichen Klubs entgegenkommt. Ähnliche Hierarchien bestehen mittlerweile in den meisten europäischen Ligen.

Mit Verlust ist zu rechnen

Die Kehrseite der Medaille: Der Abstieg von der lukrativen Premier League in die First Division (Zweite Liga) hat für Vereine oft massive finanzielle Auswirkungen, die bis zum Konkurs gehen können. Pay-per-view-Fernsehen käme, sollte es sich denn durchsetzen, ebenfalls den großen Vereinen entgegen, da die Remuneration der Vereine von der Zahl der TV-Konsumenten abhängt, die sie mobilisieren können. Auch wenn man kein Fan von Bayern München ist, wird ZuseherIn nämlich eher bereit sein, für ein Spiel zwischen Bayern München und Schalke zu bezahlen als für ein Match zwischen Cottbus und Stuttgart.

Eine Folge der nationalen Konzentration der Mittel auf eine kleine Anzahl an Clubs in den ersten europäischen Ligen führt in Zukunft eventuell zu einer Europaliga der Topvereine. Etablierte Vereine in Europa denken bereits darüber nach, Auf- und Abstieg in der höchsten Liga abzuschaffen, um ihre eigene Position gegen Risiken des Wettbewerbs endgültig zu schützen.

Diese Entwicklung verläuft nicht zum Nutzen aller Vereine. Doch nicht nur kleine Vereine gehören zu den Verlierern ökonomischer Konzentration, auch Top-Vereine können sich verspekulieren. Die Lohnsumme der Serie A der italienischen Liga stieg im Wunderglauben an immer höhere TV-Einkünfte von 160 Millionen Euro im Jahr 1997 um 540 Prozent auf 868 Millionen im Jahr 2001, während Einnahmen aus TV-Rechten im gleichen Zeitraum verhältnismäßig geringer wuchsen. Wenn italienische Klubs dann nicht einmal das Viertelfinale der Champions League erreichen, gehen sowohl Zuschauerzahlen als auch Einnahmen zurück. Lazio Rom konnte letztmals vergangenen November Löhne auszahlen. Kein Einzelfall.

Romana Scheiblmaier

Buchtipp:
Michael Fanizadeh / Gerald Hödl / Wolfram Manzenreiter: Global Players. Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballs. Südwind, Wien 2002.


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