ZEBRATL das Magazin
des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen
und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen
in Österreich
Nummer 3/2002: "Rund und Eckig"
Fußball
"Erinnerungen einer Klabauterfrau"
oder "Not funny, just sexist"
Wenn eine eine Reise tut, dann hat sie was zu erzählen. Wenn eine als einzige Frau im Bus des SK Sturm Graz eine Reise tut und zum ersten Mal Sarajewo besucht, erst recht. Nur was soll sie erzählen? Gefragt wurde sie nach ihrer Reise viel. Wie ist der Vastic so, versteht sich der Amoah mit den anderen? Lacht Osim, wenn er zu Hause ist, mehr bzw. überhaupt? Solche Dinge eben. Aber die Antworten auf solche Fragen füllen keine Geschichte, die es wert ist, nieder geschrieben zu werden. Dennoch werde ich sie im Laufe dieses Reiseberichts, den ich im Vertrauen auf mein Langzeitgedächnis notiere, beantworten.
Einfach um Hardcore-Sturmfans, die es nicht interessiert, ob Fußballfans überall rassistisch sind, oder ob Frauen sich wohl fühlen in einer der letzten echten Männerdomänen, bei der Stange zu halten. Aber unkritische, unmündige Fans unter den geneigten ZEBRATL-LeserInnen zu vermuten, ist wohl gar zu pessimistisch. Der Grund dieser Reise war der 100. Geburtstag von jenem Club, für den Osim einst gespielt hat: FK Zeljenznicar Sarajevo. Der Trainer des Clubs ist Osims Sohn, Amar Osim, der Zelju, wie er bei den Fans heißt, innerhalb einiger Monate zum Tabellenersten machte.
Beginnen wir in Messendorf, wo ich mit meinem Lieblingskollegen unter den Grazer Journalisten, der kritisch, mündig und leidenschaftlicher Fan ist, den Bus bestieg, den sonst keine Frau zu besteigen hat. Schon hier fiel mir eine gewisse Irritation des Reiseleiters auf. Während Sport Reporter anderer Zeitungen freudig begrüßt werden, werde ich net amoi ignoriert, im besten Fall mit einem Lächeln bedacht, das mir sagen will: „Das is’ aber nett, dass du deinen Freund direkt beim Bus verabschiedest, aber warum tragst du die schwere Reisetasche?“ Als ich erkläre, dass ich für den Standard mitfahre und Schmidt heiße, braucht es noch ein paar Schrecksekunden, bis der gute Mann beginnt, meinen Nachnamen auf der Liste der Mitreisenden zu suchen, wo er ihn auch findet, nur den Nachnamen natürlich, gleich vor Sidorczuk.
Alles schweigt
Als ich den Bus betrete, sehen mir die ersten verdutzten Spieler entgegen. Alles schweigt, ich beginne mich leicht unwohl zu fühlen. Mein Kollege und ich sitzen als Vertreter der österreichischen Qualitätsmedien in der Steiermark atmosphärisch eher im Abseits. Ich fühle mich an Bord etwa so willkommen wie ein Klabautermann auf einem Schiff das trotz Sturmwarnung ablegen muss, um Tee in die alte Welt zu schiffen. Auch meinem Kollegen fällt das kollektive Schweigen angesichts meiner Person langsam auf. „Vielleicht ist das doch eher unüblich, dass da Frauen mitfahren“, meint er vorsichtig. Endlich steigt der einzige Spieler des SK Sturm ein, den ich persönlich kenne. Er kommt auf mich zu und begrüßt mich, das Eis ist zumindest angeknackst. Ich frage ihn, ob hier nie Frauen mit fahren. Seine niederländisch gefärbte Antwort ist klar: „In diesem Bus? Sicher nicht!“ Ich: „Na, ich werd schon kein Unglück bringen!“ Er lächelt nur zweifelnd und setzt sich in sicherer Entfernung hin.
Auf der Fahrt werden wir mit Kriegsfilmen der härteren Sorte „berieselt“. Ein deutscher Spieler soll sie angeblich auswählen. Die Blutbäder lassen jene, die zusehen, weitgehend kalt. Als aber eine „Liebesszene“, also in einem Moment, da sich eine unbewaffnete Frau einem unbewaffneten Mann nähert und im Hintergrund keine Schüsse zu hören sind, über die Bildschirme flimmert, herrscht leichte Unruhe im Bus. Ich versuche zu schlafen. Am Flughafen von Zagreb falle ich wieder unangenehm auf, da ich eine Küchenschere in meinem Handgepäck habe, ein Monat nach dem elften September. Ein wirklich freundlicher, slowakischer Spieler erklärt sich spontan bereit, die potentielle Waffe in seinem Gepäck, das er noch nicht aufgegeben hat, zu verstauen. Als ich dann noch dem skeptischen Zöllner meinen kanadischen Pass vorlege, ruft ein österreichischer Kicker: „Wir haben einen Nicht-EU-Ausländer zu viel mit.“
In Sarajewo angekommen wehen überall – am Flughafen, vor dem Holiday Inn – kanadische Flaggen. Ausschließlich kanadische Flaggen. Ich weiß zwar nicht warum, fühle mich aber ein bisschen willkommen. Das Holiday Inn wurde im Krieg nicht zerstört, aber rundherum stehen völlig zerschossene Hochhausruinen, die einer drastisch vor Augen führen, was hier los war. Allerdings nicht so drastisch wie die riesigen Felder, die in Parks in der Stadt und in den Bergen rund um die Stadt alles mit jungen, weißen Grabsteinen überziehen. Wer „Welcome to Sarajevo“ gesehen hat, kennt das Hotel, denn hier waren vor wenigen Jahren internationale Journalisten und TV-Teams stationiert.
Jetzt ist es eine internationale Mannschaft mit einem local hero als Trainer, die in den imposanten „Betonbunker“ einzieht. Langsam reden einzelne von ihnen mit mir, die meisten sogar freundlich, und nachdem ich abgeklärt habe, dass ich nicht als Begleitung eines Sportreporters, sondern tatsächlich als Journalistin mitgefahren bin, sogar mit etwas Respekt. Am nächsten Vormittag bewegen wir uns von Empfang zu Empfang. Im Rathaus treffen wir den Bürgermeister, dessen Vertreter Osim ist. Nach dem offiziellen Teil wird Schnaps getrunken. Ich passe und interviewe indes Amar Osim, der mir von der kaputten Flutlichtanlage erzählt, die niemand bezahlen kann, weswegen alle Spiele vor Sonnenuntergang statt finden müssen.
Eine Stunde später beim Gouverneur: Schnaps und Kaffee. Ich passe erneut. Auf der Straße erzählt Osim, dass genau an dieser Stelle die ersten Zivilisten von den Bergen aus erschossen wurden. Um sich irgendwie durch die Straßen bewegen zu können, hätte man damals Straßenbahnzüge als Schutzschild aneinander gereiht. Sämtliche Häuser sind mit Granateneinschüssen übersäht. Ein Grazer Sportreporter bemerkt immer wieder den üblen Zustand, in dem sich die Gebäude – auch in der schönen Innenstadt mit ihrem großen Bazar – befinden. Ich frage ihn, ob es an ihm vorüber gegangen sei, dass hier ein Krieg gewütet hat. Er belächelt das und meint nur: „Die hätten des in die letzten Johr trotzdem a bisserl in Schuss holten können.“ Wie passend.
Noch schlimmer sieht es in dem Viertel rund um das Stadion aus, wo am nächsten Tag das Freundschaftsspiel zwischen Vater und Sohn angepfiffen wird. In den zerstörten Hochhaussiedlungen wohnen teilweise noch immer Menschen. Aber die meisten sind erst nach dem Krieg aus der Umgebung hier her gezogen. Die Bevölkerung von Sarajewo ist zum großen Teil ausgetauscht worden.
Eine unter Hunderten
Im Stadion erlebe ich die Situation vom Bus zur Potenz. Während ich in Graz durchaus zahlreiche andere Frauen bei Fußballspielen treffe, bin ich hier wieder allein unter Männern. Es fällt mir erst nach einigen Minuten auf, dann fährt es aber um so mehr ein: Das gibt’s doch nicht! Ich halte nach vereinzelten Frauen unter hunderten Männern Ausschau. Die Stimmung ist aber sehr friedlich. Alle lieben Osim, welchen auch immer.
Nach einiger Zeit bemerke ich, dass Charles Amoah – für alle die ihn nicht kennen: das ist ein Sturmspieler aus Ghana – jedesmal, wenn er auch nur in die Nähe des Balls kommt, mit immer dem selben Wort und begleitendem dreckigen Gelächter, das mir aus österreichischen Stadien bekannt ist, bedacht wird. Amoah bemerkt das offensichtlich auch und schaut mehrmals irritiert ins Publikum. Leider verstehe ich die Zurufe nicht. Nach einiger Zeit frage ich einen Mann vor mir auf Englisch, was das zu bedeuten hätte. Er sagt, es wäre der Name eines schwarzen Spielers gewesen, der hier einmal gespielt hätte. „Und?“, frage ich weiter, „was soll das?“ Er beschwichtigt: „It’s just funny, not racist.“ Das Spiel endet 1:1. Es gibt Schnaps.
Am folgenden Tag soll es nach einer Rundfahrt durch die umliegenden Berge heimwärts gehen. Als wir in der weitläufigen Hotellobby auf den Bus warten, ist hoher Besuch angesagt. Die kanadischen Flaggen gelten der Governor General of Canada, Adrienne Clarkson. Clarkson ist die erste Frau Kanadas, die dieses nach dem Premierminister höchste Amt in meinem Geburtsland inne hat. Und die erste, die das als Einwanderin – sie wurde in China geboren – geschafft hat. Als sie von SFOR und Fotografen umringt die Hotelhalle betritt, fragt mich ein österreichischer Journalist: „Und von welchem Politiker ist des jetzt die Frau?“ Wir fliegen zurück nach Zagreb. Im Bus von Zagreb nach Graz stehen wieder Kriegsfilme auf dem Programm. Ich hab eine bosnische CD im Discman, die ich im Bazar erstanden habe. Ein österreichischer Kicker hatte mich gewarnt, zu kontrollieren, ob die CD-Hülle wohl nicht leer wäre. „Alles Gangster“. Das Cover war nicht leer. Die Musik ist traurig, aber sehr schön. Ich bin noch immer Sturm-Fanin.
P.S.: Vastic spielt gerne Karten, Amoah versteht sich mit Hlinka1
und Korsos und Osim lacht viel, wenn er in Sarajewo ist.
Colette M. Schmidt, ist Journalistin in der Steiermark Redaktion
des „Standard“,
beruflich offensiv, am Spielfeld defensiv, neuerdings beim „FC Woment“
gegründet 2002), für die Abwehr zuständig.
31 Jahre, 2 Kinder, 0 Tore.
1 Petr Hlinka ist mittlerweile Spieler des SW Bregenz, Ivica Vastic ging bekanntermaßen
nach Japan.