ZEBRATL das Magazin
des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen
und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen
in Österreich
Nummer 3/2002: "Rund und Eckig"
Fußball
"I want to be a professional,
this is my dream"
Migration aus Afrika
Bereits bei der sensationellen WM-Eröffnungspartie Senegal gegen Frankreich sind die aktuellen Tendenzen des Fußballbusiness in Europa sichtbar geworden: Denn alle der 22 Akteure am Rasen verdienen ihr Geld in den europäischen Ligen. Migration von Europa nach Afrika gehört zum Geschäft, genauso wie der Traum vom Erfolg. Wer hat als Youngster nicht davon geträumt, einmal so zu spielen wie der große Abedi Pelé oder Georges Weah.
Die Kids in Afrika bilden da keine Ausnahme, nur die Hintergründe sind andere. John Buche zeigt das in seiner Dokumentation „Sold Out. From Street To Stadium“, welche die Wiener Fish Film Produktion in Zusammenarbeit mit Filmhaus Films produziert hat und welche zeitgerecht zur WM in vielen Fernsehstationen Europas zu sehen sein wird. Es geht um die Mehrung des Familieneinkommens, um das Versprechen einer besseren Zukunft. Und dafür wird auch kräftig investiert, in die Ausrüstung und in die Ausbildung. Sold Out räumt mit vielen Mythen auf und schaut hinter die Oberflächen, schon allein deshalb ist der Film sehenswert: Kein „Instinktfußball“ wird offeriert und auch von „natürlicher Begabung“ und „Spielwitz“ ist wenig die Rede (außer der deutsche Coach Ernst Middendorp von Asante Kotoko spricht über seine Spieler). Zu sehen ist, dass Fußball auch in den afrikanischen Fußballzentren erarbeitet wird: In der Ghanaischen Fußballschule von Feyenoord genauso wie bei den vielen kleinen Fußballschulen in West- und Südafrika, über deren Seriosität durchaus spekuliert werden darf.
„I want to be a professional, this is my dream!“, sagt ein junger Kicker zu Beginn des Films. Und viele seiner Kollegen und Familienangehörigen träumen mit. Träumer sind anfällig für Ausbeutung, da macht der Fußball keine Ausnahme. Das wissen auch Abedi Pelé, Samuel Eto’o, Franz Beckenbauer und Sepp Blatter, die alle in Sold Out Stellung beziehen. Regulationen werden gefordert, um das Alter für Transfers nach Europa zu erhöhen. Denn – auch das zeigt der Film – das Maß der Ausbeutung ist gewaltig und ist ein Hauptproblem der gegenwärtigen afrikanisch-europäischen Fußballbeziehungen.
Hintergrund dieser strukturellen Ausbeutung sind die Erfolge Algeriens bei der WM 1982 und vor allem die Triumphe der Nachwuchsteams aus Nigeria und Ghana in den 80er und 90er Jahren. 1985 gewann Nigeria u.a. mit Jonathan Akpoborie erstmals die U 17 WM. 1991 siegten die Black Starlets aus Ghana und 1993 war erneut Nigeria mit den heutigen Superstars Nwankwo Kanu und Taribo West erfolgreich. Kanu wurde daraufhin um preisgünstige 80.000 Dollar von Ajax Amsterdam eingekauft und war in der Saison 1999/2000 – als Stürmer bei Arsenal London – der bestverdienende Spieler der Englischen Premier League.
Dramatischstes Beispiel für diesen Fußballimperialismus war der Skandal um minderjährige Fußballer in Italien, der 1999 den italienischen Fußball erschütterte und auch im Parlament zur Sprache kam. In den italienischen Amateurligen spielten damals nach Schätzungen des italienischen Fußballverbands etwa 5.000 Jugendliche unter 16 Jahren – importiert vor allem aus Westafrika, Marokko, aber auch aus Albanien. Sie mussten sich z.B. als Tomatenpflücker oder Fensterputzer ohne legale Aufenthaltserlaubnis verdingen.
Bei diesen Ausbeutungsverhältnissen geht es hauptsächlich um die Machenschaften betrügerischer Agenten aus Europa. Sie bezahlen den Eltern der minderjährigen afrikanischen Spieler eine Handvoll Dollar und es gelingt ihnen dadurch, die Teenager mitzunehmen und ihnen einen Vertrag über 7 bis 10 Jahre unterzujubeln. Die Spieler bekommen sehr geringe Gehälter, bevor sie in Europa teuer weiterverkauft oder eben allein gelassen werden. Buche zeigt dies am Beispiel des Belgischen Fußballs und präsentiert einen skrupellosen Spielervermittler. Doch vor allem lässt Sold Out diejenigen zu Wort kommen, um die es geht: Afrikanische Fußballer jenseits vom Glamour und Ruhm, Spieler, die es nicht oder noch nicht geschafft haben. Klubs wie King Faisal F.C. oder Asante Kotoko in Ghana oder der African F.C. in Antwerpen werden vorgestellt, aber auch die Erfolgsgeschichte des ehemaligen Spielers Kwaku Gyeso in Belgien erzählt. Denn der Fußball hat mehr zu bieten als europäische Fußballgourmets oftmals wahrnehmen wollen, daran kann auch die WM 2006 in Deutschland nichts ändern.
Michael Fanizadeh (FairPlay-vidc)
Sold Out – From Street To Stadium
(59’, englische Originalfassung)
Produktion: Fish Film & Filmhaus Films (April 2002)
Regie & Buch: John Buche
E-Mail: gottlieb.pallendorf@fish.at