ZEBRATL das Magazin des Vereins ZEBRA
- Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen in Österreich

 

Nummer 3/2002: "Rund und Eckig"

 



Tanz und Musik


Let's dance!

Therapeutische Ausdrucksformen von Asylwerberinnen

 

„Dancing relieves me from the tensions I feel and live in because of the problems I have“, meint Mary aus Nigeria. Das ZEBRA-Projekt „Music and Movement“ bietet ihr und anderen Asylwerberinnen dafür einen konkreten Rahmen und Ort.

Seit Ende Oktober treffen sich einmal wöchentlich Frauen unterschiedlichster Herkunft, um gemeinsam zu tanzen, zu singen, Musik zu machen. Unter dem Titel „Group for African Women. Music and Movement – Means of Communication“ wurde dieses Projekt vom Europäischen Flüchtlingsfonds (EFF) bis zumindest Oktober 2003 gefördert. Die künstlerische Leitung obliegt Dr.in Claudia Mackiewicz, Psychologin und Tanztherapeutin, und Franz Schmuck, Musiker/Percussionist; Mag.a Uta Wedam von ZEBRA hat die psychotherapeutische Leitung inne. Der Adressatinnenkreis wurde mittlerweile auf Frauen jeglicher Herkunft ausgedehnt.

„Music and Movement“ ist darauf angelegt, Frauen einen geschützten Ort zu bieten und zu gestalten, in dem sie über rhythmische, musikalische, tänzerische und sprachliche Äußerungen sowohl etwas von sich, ihrer Geschichte und Kultur zeigen als auch auf andere Frauen eingehen können. Improvisation bildet einen Kernpunkt der Arbeit. Mit ihr wird erzählt – und auch geantwortet, etwa indem Bewegungen im Tanz gespiegelt oder durch ein Miteinander-Tanzen abgewandelt werden, keine konkreten Tanzschritte werden einstudiert; nicht Belehrung, sondern Kommunikation steht im Vordergrund.

Zur Sprache finden

Die gewählten Ausdrucksformen kommen den Gruppenteilnehmerinnen sehr entgegen – denn ganz im Gegensatz zu den vielfach verunsichernden und frustrierenden sprachlichen Erfahrungen, die Asylwerberinnen machen, sind gerade jenen, die sich von diesem Projekt angesprochen fühlen, Rhythmus und Bewegung „heimatlich“ vertraut. Und in ihrer aktuellen Lebensphase, die von Entwurzelung, Verlusten und Identitätskrisen geprägt ist,  ist  ein Ort, der Vertrautheit und Stärke spürbar werden lässt, von mehr als nur symbolischem Wert.

Ein Zugehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühl, Aktivität, d. h. die Option, aktive Strategien zu entwickeln, um mit Problemen fertig zu werden, und die Möglichkeiten von Reflexion und Integration sind die für eine Restabilisierung von Flüchtlingen wesentlichen Aspekte. „Music and Movement“ fußt darauf und zielt außerdem auf die spezielle Situation ab, in der sich flüchtende Frauen befinden, die häufig Opfer sexueller Gewalt wurden bzw. werden. Den Körper nicht nur als Ort von gewalttätiger Entfremdung, sondern auch als Ort von Entspannung und Regeneration erlebbar zu machen, ist ein zentrales Anliegen der ProjektleiterInnen. Mary aus Nigeria ist eine der Frauen, die regelmäßig mittanzen.

Bettina: How did you learn from the group?
M: Claudia told me. She came to Annenstraße and told us of the group. At first, I didn’t go there, because of the bad circumstances I was in. But she came a second time, and then I went with her.
B: Do you like the group?
M: Yes, I like it. It relieves me from the tensions I feel and live in because of the problems I have. I like the movements we make. It is different from dancing in Africa – but I did not perform dance there.

Claudia Mackiewicz versucht die therapeutische Wirkung von Tanz in Worte zu fassen: „Ich habe selbst beobachtet, an mir und beim Weitergeben, dass die Wirkung eine sehr unmittelbare ist, dass diese in den Momenten des Tanzens eintritt, also dass jemand lebendiger wird oder seine Müdigkeit spürt, sich ausrasten kann. Dass über den Körper, ohne dass man sich jetzt speziell anstrengen muss, ein überraschend einfacher und wohltuender Zugang zu sich möglich ist, gerade wenn man durch vieles belastet wird und im Nachdenken über seine Probleme ständig an Grenzen stößt. Der Zugang über den Körper ist ein bisschen rascher, einfacher. Wie lange so etwas anhält und wie weit es geht, ist wieder eine andere Frage. Aber ich würde sagen, die Unmittelbarkeit des Erfolges ist recht augenscheinlich.“

Einige  der Frauen, die an der  Tanzgruppe teilnehmen, sind auch in Einzeltherapie. Dies sei eine produktive  Kombination, betont Uta Wedam. Vieles, was in der Einzeltherapie noch nicht sagbar sei, werde durch Tanz und Musik deutlich und finde über ihren Körper ein Ventil. Dies lasse sich dann in Einzelsitzungen gut bearbeiten.

Let it happen

Franz Schmuck gestaltet jene Sequenzen, in denen Rhythmus, Instrumente und Stimme im Vordergrund stehen. Er ist der einzige Mann in dieser Frauentanzgruppe. Auf die  Frage, wie er sich in der Gruppe und die Frauen in Bezug auf sich erlebe, antwortet er: „Wenn ich als Musiker Übungen anleite, gibt es weniger Probleme, als wenn es direkt um das Kontakt-Tanzen geht. Da weiß ich oft nicht, was in der jeweiligen Kultur üblich ist, zum Beispiel, was das Heben, Übereinander-Rollen usw. betrifft. Also warte ich sozusagen ab, welches Angebot kommt, und dränge mich nicht auf.“ Im Hinblick auf Entwicklung und Ziele der Gruppe meint der Musiker, er habe sich mittlerweile stark an die Frauen angepasst. „Nach dem Motto ‚let it happen’.“

Für die Zukunft sind Aufführungen der Tanz- und Musikgruppe geplant, beispielsweise in Schulen oder im Rahmen von Kleinkunstfestivals. Erste öffentliche Tanzschritte und musikalische Improvisationen waren am 1. Juli beim Abschlussfest der MultiplikatorInnen-Ausbildung von ZEBRA zu erleben. Weitere werden folgen.

Bettina Fraisl



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