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INFOPORTAL

LEXIKON

Im Bereich der Ausländer-, Flüchtlings-, und Migrationspolitik gibt es eine Vielzahl von Begriffen, rechtlichen Ausdrücken und Abkürzungen, die für die meisten unverständlich bzw. wenig bekannt sind. Zumal auch eine Vielzahl von Begriffen tatsächlich einen komplizierten Hintergrund aufweisen. Gesetzliche Bestimmungen, Ausnahmeregeln, Handhabung in der Praxis, Interpretation des Gesetzgebers oder der Bundesregierung, Kritik der JuristInnen und Beratungseinrichtungen u.v.m. Noch dazu kommt, daß in den letzten Jahren ständig neue gesetzliche Regelungen, Verordnungen, Weisungen usw. hinzugefügt wurden, sodaß selbst ExpertInnen, BehördenvertreterInnen und SpezialistInnen mittlerweile Mühe haben, immer auf dem neuesten Stand zu sein und zu gelangen.

In jeder Ausgabe des ZEBRATLs finden sie Begriffe erklärt, hier sind sie insgesamt alphabetisch geordnet. Wenn Sie selbst eine Frage haben oder Ihnen ein Begriff untergekommen ist, den Sie gerne genauer erklärt wissen wollen, so schreiben oder faxen Sie an die Zebratl Redaktion, oder schicken Sie uns eine E-Mail.

Illegale

Mit dem Versuch, diesen Begriff in unserem Lexikon näher zu definieren, bewegen wir uns auf "dünnem Eis". Wir möchten trotzdem den Versuch wagen. Der Begriff "Illegale" ist in den Bereich der politischen Kampfrhetorik einzureihen. Er wird in der Öffentlichkeit bewußt pauschalierend und vereinfachend verwendet, um ein negatives Bild von "Ausländern" zu entwickeln. Dies deshalb, da es wohl sehr unterschiedliche Definitionen und Felder von "Illegalität" gibt. Fest steht auf jeden Fall, dass niemand seriöse Zahlen über Illegalität und in Österreich aufhältige Illegale nennen kann. Einige praktische Beispiele dazu: Flüchtlinge, die über die grüne Grenze einreisen, sich nicht der Grenzkontrolle stellen und keine ausreichenden Papiere besitzen, werden üblicherweise als "Illegale" bezeichnet. Da jedoch jene, die politischen Verfolgungen entkommen sind, in der Regel keine Dokumente besitzen, wären sie, würden sie danach als Flüchtlinge anerkannt werden, deswegen nicht zu bestrafen. Ihnen wird zuerst einmal der Begriff Illegalität übergestülpt, sollten sie jedoch später als Flüchtlinge anerkannt werden, sind sie eben keine Illegalen gewesen. Zweites Beispiel: AsylwerberInnen, die mit einer vorläufigen Aufenthaltsberechtigung auf den Ausgang ihres Asylverfahrens warten, dürfen für die Dauer der vorläufigen Aufenthaltsberechtigung nicht arbeiten. Sie sind zwar legal in Österreich aufhältig, sind aber illegale Schwarzarbeiter, wenn sie in der Zeit dennoch arbeiten.

Nach glaubhaften Aussagen von Vertretern der Fremdenpolizei sind die immer wieder kolportierten Zahlen über Illegale auch deswegen fragwürdig, da es sich dabei um vermutete Zahlen handelt und darin Personen aufgenommen werden, die sich etwa auf der Durchreise, wenn auch zweifellos illegal, befinden.

Und ein letztes zum Thema Illegale: Es kommt auch schlichtweg darauf an, welche Behörde man zu Illegalen befragt, denn, je nach Aufgabengebiet und Interessenslage sind die einen an einem vermeintlich hohen Stand an Illegalität möglicherweise interessiert und die anderen nicht.

Innenministerium
Integration

Ein äußerst heiß begehrter Begriff in der öffentlichen, politischen Diskussion. Integriert wird ja nicht nur im Ausländerbereich auf Teufel komm raus, sondern etwa auch auf der EU Ebene, im Bereich von Behindertenpolitik und in vielen anderen Feldern. Also Vorsicht: Integrationspolitik kann vieles bedeuten.

„Personen(gruppen) zu integrieren“, ist zu einem wahrlichen Trend geworden. Unter dem Begriff Integration wird allgemein verstanden, dass etwas zu einem Ganzen (wieder)hergestellt wird. Das könnte also bedeuten, dass etwas was schon beisammen war, getrennt wurde und nunmehr wieder zusammengefügt wird.

Eine zweite Bedeutung der Integration besagt, dass etwas Kleineres in ein Größeres Ganzes eingegliedert wird. Also etwa die verschiedenen Staaten Europas in die Europäische Union.

Was in dieser Begriffbestimmung jedoch nicht enthalten ist, ist die Frage: Was passiert mit dem ursprünglichen Teil? Verschwindet dieser gänzlich, wird er aufgesogen, assimiliert oder verändert er auch das Große?

Integration suggeriert natürlich auch, dass es ein dialektisches Verhältnis zwischen „Drinnen und Draußen“ gibt, wobei dabei die Wertung Drinnen – Gut, Draußen – Schlecht oft recht rasch mitschwingt.

Im Rahmen der politischen Diskussion um Migration und Zuwanderung wird Integration zumeist als positiv besetzter Begriff verwendet. Es wird darunter verstanden, dass Minderheitengruppen und MigrantInnen in eine größere und neue/fremde Gemeinschaft/Gesellschaft so aufgenommen werden, dass sie sich als akzeptierter Teil der Gesellschaft verstehen und die gleichen Rechte und Pflichten geniessen, wie jede/r Andere auch, jedoch nicht aufgesogen werden und ihre sprachlichen religiösen und kulturellen Eigenheiten zum Verschwinden gebracht werden müssen.

Das Aufgehen im größeren Ganzen und die Homogenisierung würde eher als à Assimilation bezeichnet werden. In der österreichischen Debatte wird zwar zumeist von Integration gesprochen, die damit gemeinte Integration wäre aber mit Assimilation besser beschrieben: Anpassen an die Mehrheitskultur, Akzeptieren der mehrheitlichen Normen (welche immer die auch sein mögen), Abschied nehmen von der alten Heimat, Kultur usw.

Am deutlichsten wird das beim Thema Staatsbürgerschaft. In Österreich wird davon ausgegangen, dass man – will man die österreichische Staatsbürgerschaft erlangen – zuerst die „alte Staatsbürgerschaft“ abgeben, zurücklegen müsse. Doppelstaatsbürgerschaften sind nicht erwünscht, ausgenommen natürlich bei „wichtigen“ Persönlichkeiten wie Fußballer, Handballer(innen) und Eishockeyspieler.

Eine progressive Interpretation von Integration würde bedeuten, dass sich durch die Aufnahme der Minderheit auch die Mehrheit verändert und etwas neues Anderes (Besseres) entsteht. Derzeit sind wenig Anzeichen in Österreich dafür spürbar. Integration wird in der Regel als einseitige Leistung der MigrantInnen verstanden, die sich anzupassen haben, die die Sprache zu lernen haben usw.

Wenn es darum geht, entsprechende Öffnungsprozesse in Österreich durchzuführen, sind diese zäh und langwierig und geraten sehr oft ins Stocken (Beispiel: gesetzliche Gleichstellung, Antidiskriminierungsmaßnahmen u.v.m.)

Integrationsvereinbarung

Die Regierungskoalition aus ÖVP und FPÖ hat in ihrer Fremdenrechtsreform, die sogenannte „Integrationsvereinbarung“ (IV) festgelegt, die mit 1. Jänner 2003 in Kraft getreten ist. Betroffen davon sind Nicht-EWR Staatsangehörige mit Niederlassungsbewilligung, die sich seit dem 1.1.1998 in Österreich aufhalten, bzw. die sich ab 1.1. 2003 in Österreich niederlassen wollen. Für jene, die bereits seit 1.1.1998 mit Niederlassungsbewilligung in Österreich sind, kommt die Regelung beim nächsten Verlängerungsantrag zum Tragen.

Dem Antragsteller wird ein neues Formular vorgelegt, auf der letzten Seite ist die IV, die mitunterschrieben wird.

Sollten Ausnahmetatbestände vorgebracht werden, so ist die Integrationsvereinbarung nicht zu unterzeichnen. Wird die IV unterzeichnet, so erhält die/der AntragstellerIn einen Gutschein für den Kurs in der Höhe von maximal € 182.00. Eingelöst werden kann dieser Gutschein allerdings nur bei einem zertifizierten Kursträger. (Die Liste der anerkannten Kursträger finden sie unter www.fif.at).

Es gibt eine Reihe von Ausnahmen:

  • Begünstigte Familienangehörige von Ö/CH und EWR BürgerInnen,
  • Personen mit Niederlassungsfreiheit nach Europaabkommen,
  • Kleinkinder und Schulpflichtige,
  • Schlüsselkräfte bis 24 Monate Niederlassung,
  • Lehrpersonal (Universitäten) Forschungsprogramm der EU (bis 36 Monate Niederlassung)
  • Unzumutbarkeit wegen Alters oder Krankheit (amtsärztliche Bestätigung)
  • Sprachdiplom auf A1 – Niveau (Sprachkenntnisnachweis) in einem einheitlichen sechstufigen europäischen Rahmen
  • Nachweis von den Lebensumständen entsprechenden Deutschkenntnissen (Prüfung durch die Aufenthaltsbehörde)

Diese Prüfung durch die Behörde erfolgt ohne Bescheid – bei Ablehnung kann also nicht dagegen berufen werden. Als generelle Faustregel gilt, wenn jemand sich im Zuge der Antragstellung mit den Beamten ohne Dolmetsch verständigen kann und die Anweisungen versteht, so sind ausreichende Deutschkenntnisse vorhanden.

Wenn eine Integrationsvereinbarung unterzeichnet worden ist, so kann auch nachträglich um Gegenstandslosigkeit der Integrationsvereinbarung angesucht werden. Z.B. wenn man Deutschunterricht bei einem nicht zertifizierten Kursträger absolviert hat.

Sanktionen sind eine Reihe im Gesetz erwähnt und vorgeschrieben. Die erste Stufe ist, dass die Niederlassungsbewilligung nur auf ein Jahr erteilt wird, weiters kann der Kostenbeitrag des Bundes gesenkt werden. Wenn die Absolvierung innerhalb von 18 Monaten erfolgt (50%), wenn zwischen 18 und 24 Monate nur mehr 25%.

Die nächste Strafstufe beinhaltet Geldstrafen. Wenn die IV binnen 2 Jahren nicht begonnen worden ist, sind € 100.00, wenn die IV binnen 3 Jahren nicht erfüllt ist, sind € 200.00 vorgesehen. Schließlich kann es danach zu einer Ausweisung kommen, wenn binnen 3 Jahren die IV nicht begonnen worden ist bzw. binnen vier Jahren nicht erfüllt wurde.

Aber auch bezüglich dieser Lauffristen gibt es eine Reihe von Ausnahmeregelungen und Möglichkeiten die Fristen aufzuheben. Der/die MigrantIn muss dabei glaubhaft machen, dass er/sie sich z.B. um einen Kurs bemüht hatte und es aber keine Kurse gegeben hat, bzw. er/sie krank geworden ist. Schwangerschaft ist ebenso ein Grund, um die Fristen aufzuheben.

Interkulturalität

Interkulturalität bzw. das dazugehörige Adjektiv "interkulturell" kann zu vielen Begriffen und Disziplinen in Bezug gesetzt werden: Es ist z.B. vom "interkulturellen Lernen" die Rede, von "interkultureller Therapie", ja sogar von "interkultureller Philosophie".

Im Wesentlichen ist damit ein methodischer Ansatz gemeint, der bisher Unberücksichtigtes in die Überlegungen dieser Einzeldisziplinen miteinbezieht: die Tatsache nämlich, dass Menschen als Angehörige verschiedener Kulturen auch unterschiedliche Eigenschaften und Prägungen aufweisen und daher auch verschiedene Verhaltensweisen an den Tag legen. Die Rücksichtnahme auf diese Unterschiede anstelle ihrer Verdrängung kann zu neuen Lösungsansätzen führen, die vorher nicht möglich schienen.

Der bereichernde und demokratische Charakter der interkulturellen Methode kann am Beispiel der Philosophie verdeutlicht werden. Während die traditionelle westlich-abendländische Philosophie einen universalistischen (und damit absolutistischen) Wahrheitsanspruch vertrat, fordert eine von Interkulturalität geprägte Philosophie die Möglichkeit der Vielfalt ein: Nur dann, wenn philosophische Thesen im gemeinsamen Dialog miteinander erarbeitet werden, kann man davon ausgehen, dass sie eine Gültigkeit besitzen, die über kulturelle Grenzen hinweg führt.

Inzwischen hat sich Interkulturalität von einer Methode der Einzelwissenschaften zu einem eigenständigen Forschungszweig entwickelt. Es werden hier vor allem jene interaktiven Prozesse untersucht, die durch das Aufeinandertreffen mehrerer Kulturen ausgelöst werden. In Deutschland (an der BTU Cottbus) gibt es bereits einen Lehrstuhl für Interkulturalität.

Interkulturalität scheint in Mode gekommen zu sein, doch birgt dies auch Gefahren in sich: Der häufige Gebrauch des Begriffes "Interkulturalität" hat auch seine ungenaue und missbräuchliche Anwendung zur Folge. Er wird zu Unrecht verwendet, um beispielsweise Konflikte bzw. Kommunikationsprobleme zu lösen, deren Ursachen in Wirklichkeit anderer als kultureller (also z.B. sozialer) Natur sind. Damit wird das Gegenteil dessen bewirkt, wozu der Begriff eigentlich dienen sollte: Er wird in diesem Fall verwendet, um Vorurteile zu schüren, anstatt gerade diesen entgegen zu wirken, Verständnis und Aufmerksamkeit für andere Menschen, Kulturen und Mentalitäten zu wecken und damit einen Lernprozess in einem oder einer jeden selbst in Gang zu bringen.

Interkulturelle Öffnung

Der Begriff der interkulturellen Öffnung entstammt der migrationspolitischen Fachdiskussion, die in den letzten Jahren verstärkt geführt wird. Was jedoch genau unter diesem Öffnungsprozess verstanden wird, darüber sind sich die ExpertInnen aber auch PraktikerInnen uneins.

Allen gemeinsam ist zumindest die Grunderkenntnis, dass Migration und Einwanderung in den verschiedensten Formen Teil der politischen Realität geworden ist. Öffnungsprozesse können mit grundsätzlichem Bekenntnis wirkungsvoller umgesetzt werden, nach dem Motto: Österreich ist ein Einwanderungsland.

Mit dieser markanten Änderung der politischen Leitlinie wurde ein Paradigmenwechsel eingeleitet, der die tägliche gesellschaftliche Realität nicht länger verleugnet und krampfhaft homogenisiert, sondern den Blick auf die unterschiedlichen sozialen, ökonomischen, bildungspolitischen, kulturellen und religiösen Realitäten richtet und nach konkreten Lösungen für Probleme sucht.

Dies bedeutet beispielsweise, dass MigrantInnen von öffentlichen und privaten Einrichtungen als KundInnen wahrgenommen und deren Bedürfnisse berücksichtigt werden. Eine wesentliche Strategie der interkulturellen Öffnung von Institutionen setzt beispielsweise bei der Personalentwicklung an, mit dem Ziel, MitarbeiterInnen mit Migrationsintergrund für die Institution zu gewinnen sowie die interkulturelle Kompetenz des bestehenden Personals zu erhöhen. Wichtig dabei ist es, darauf zu achten, dass Personen mit Migrationshintergrund auch Leitungspositionen besetzen. Generell ist bei interkulturellen Öffnungsprozessen die Frage zu stellen, wie Organisationen und Unternehmen am besten eine heterogene MitarbeiterInnenstruktur (Alter, Geschlecht, Professionen, Herkunft, Religion usw.) entwickeln und managen können. Diese innerbetrieblichen Maßnahmen werden dann meist auch mit dem Begriff Diversity Management (DM) beschrieben.

Interkulturelle Öffnungsprozesse erfordern auch eine Auseinandersetzung mit dem Begriffen Integration und Integrationspolitik. Allgemein wird unter Integration ein wechselseitiger Prozess verstanden, in dem Minderheiten geschützt, gefördert und gesichert werden und so der Assimilationsdruck verringert wird. Daraus sollte – wenn alles gut geht – eine neue, bessere Art des Zusammenlebens entstehen.

Interkulturelle Öffnung setzt auf jeden Fall bei den Strukturen und bei der Umgestaltung des Gemeinwesens an – bezieht sich also direkt auf die zweite, oft vernachlässigte Seite der Integrationsbemühungen: die öffentlichen Einrichtungen. Was müssen die österreichischen Institutionen verändern und neu entwickeln, damit sie für eine Integrationsgesellschaft, eine multikulturelle, religiöse, mehrsprachige und heterogene Gesellschaft gerüstet sind? Gleichzeitig wird damit auch Machtausgleich betrieben, Diskriminierung vermindert und Gleichstellung hergestellt.

Auf Widerstand stoßen interkulturelle Öffnungsprozesse dann oft, wenn sie sozusagen in das Herz der Organisation dringen. Mehrsprachige Informationsfolder sind eine meist einfach umzusetzende Maßnahme, kompliziert wird es dann, wenn strukturelle Veränderungen notwendig werden, also Arbeitsabläufe, Aufträge oder Ziele verändert werden müssen.

Interkulturelle Öffnung beinhaltet auch die Strategie, MigrantInnen nicht generell in Sonderdienste, Spezial- (NGO-Beratungsstellen) oder Notfalleinrichtungen (Sozialhilfe, Notschlafstelle, Frauenhäuser, Ambulanzen) "abzuschieben", sondern sie wie alle anderen BürgerInnen auch, in bestehenden Einrichtungen nicht diskriminierend aufzunehmen und adäquat zu behandeln und zu betreuen.

interkulturelle Kompetenz

... ist ein Begriff, der in einer zunehmend multikulturellen und heterogenen Gesellschaft immer größere Bedeutung erlangt. Vor allem im Bereich der Bildung, Bildungsmaßnahmen und Ausbildungen gibt es einen Trend zur interkulturellen Kompetenz als Qualifikationsmerkmal.

Der deutsche Sozialwissenschafter Wolfgang Hinz-Rommel definiert Interkulturelle Kompetenz als „die Fähigkeit, angemessen und erfolgreich in einer fremdkulturellen Umgebung oder mit Angehörigen anderer Kulturen zu kommunizieren“.

Kommunikation steht im Vordergrund und stellt ein wichtiges Element dar. Daher ist sowohl auf Sprachkompetenz in der Muttersprache als auch auf die Beherrschung einer zweiten Sprache großes Augenmerk zu legen.

Interkulturalität meint, fähig zu sein, die eigenen kulturellen Zusammenhänge zu verstehen, aber auch, andere kulturelle Verhaltensweisen und Erklärungsmuster für alltägliches Handeln besser zu verstehen.

Ein zweiter wesentlicher Aspekt dabei ist es, einen selbstreflexiven Zugang im Umgang mit Menschen zu entwickeln. Dieser selbstreflexive Zugang bedeutet, dass ich mich und mein Handeln und Tun beobachte, reflektiere und bei gegebenem Anlass zu verändern suche. Vor allem in Bezug auf meine Annahmen, Vorurteile und Stereotypen, aber auch gegenüber meinen Kommunikationsformen und Konfliktaustragungsvorstellungen.

Neben den selbstreflexiven Anteilen ist auch Bewusstsein für ein interkulturell kompetentes Handeln von Bedeutung. Dieses Bewusstsein erstreckt sich vor allem auf die eigene Kultur (eigenkulturelles Bewusstsein). Obwohl der Begriff derzeit einen sehr modernen Anstrich genießt, werden in den allermeisten Fällen sehr verkürzte und zumeist auch unpassende Handlungsanweisungen gegeben, etwa nach dem Motto: „Wie gehe ich mit Japanern bei Verhandlungen um?“

Solche Handlungsanleitungen sind in der Regel schlecht geeignet, soziale Kompetenz zu vermitteln. Zum einen, weil sie Kultur als einziges Modell für die Erklärung in den Vordergrund stellen, und zweitens, weil sie ein sehr eindimensionales, unveränderbares Bild von Kultur präsentieren.

Der selbstreflexive Umgang mit der eigenen Person in interkulturellen Zusammenhängen überträgt sich auf das Verhalten gegenüber der eigenen sowie der fremden Kultur. Dieses Verhalten wird oft im Begriff ÚKultursensibilität zusammengefasst.

Quellen:
ZEBRA-Gesundheitshandbuch, Wolfgang Hinz Rommel, Stefan Gaitanidis, Sabine Handschuk.

interkulturelle Psychotherapie

Psychotherapie ist ein Heilverfahren zur Behandlung von psychosozial bedingten psychischen bzw. psychosomatischen Erkrankungen, Störungen bzw. Leidenszuständen, hat aber auch präventive bzw. emanzipatorische, entwicklungs- und gesundheitsfördernde Funktion.

Die Ausübung erfolgt auf Basis einer methodenspezifischen Ausbildung, einer entsprechenden Indikation, einer wissenschaftlichen Methode im Rahmen einer professionellen Beziehung zwischen einem oder mehreren KlientInnen/PatientInnen und einem (oder seltener, zwei) PsychotherapeutInnen sowie einer entsprechenden Zielsetzung.

Jede psychotherapeutische Methode bedarf einer Krankheits- bzw. Störungslehre, Persönlichkeitstheorie und Entwicklungstheorie. (Aus: Stumm, Gerhard und Alfred Pritz (Hrsg.), (2000), Wörterbuch der Psychotherapie, Springer Wien New York, S. 569)

Die große Zahl der in Österreich anerkannten psychotherapeutischen Lehren und Schulen entspringen der westlich-europäisch/amerikanischen Denktraditionen. Damit einhergehend sind christlich-jüdische Wurzeln zumeist die Basis des Menschen- und Weltbildes und somit Basis des Verständnisses von psychotherapeutischem Wirken.

Aus dieser Tatsache entsteht ein Spannungsverhältnis der Psychotherapie im Umgang mit anderen, fremden Kulturen und kulturspezifischen Zugängen zu Krankheit/Gesundheit und Heilungsvorstellungen.

Und es entsteht ein weiteres Spannungsverhältnis durch die spezifischen Rahmenbedingungen, die Flüchtlinge und AsylwerberInnen vorfinden. Grundpositionen, um den Erfolg einer psychotherapeutischen Intervention zu sichern, wie stabile Verhältnisse, Sicherheit und Schutz vor Abschiebung, eigene Unterkunft uvm. sind oft nicht gegeben.

Bisher bekannte und bewährte Methoden, Haltungen und Settings wurden aus dieser Tatsache einer kritischen Überprüfung unterzogen und in den letzten Jahren führten diese Herausforderung vor allem bei der Behandlung von traumatisierten AsylwerberInnen und Flüchtlingen zu einer interessanten fachlichen Diskussion und Erweiterung des Spektrums.
Dies wird vor allem mit dem Beiwort Interkulturalität oder Transkulturalität ausgedrückt. Dieser Begriff bezeichnet eine Beziehung zwischen zwei Kulturen. Interkulturalität bedeutet nicht nur, dass in einer Situation verschiedene TeilnehmerInnen aus verschiedenen Kulturen agieren, sondern, dass sich eine Eigendynamik entwickelt – bei positiver Interpretation – die über die Addition der Merkmale beider Kulturen hinaus geht.

Und es bedeutet auch, dass sich Behandlungssystem und Angebot der Psychotherapie einer kulturellen Reflexion und Sichtweise bedient: Die generelle Kulturgebundenheit menschlichen Verhaltens zu erkennen und akzeptieren, fremdkulturelle Muster als fremd wahrnehmen können, ohne sie (positiv oder negativ) bewerten zu müssen, eigene Kulturstandards identifizieren und ihre Wirkung im Kulturkontakt abzuschätzen (kulturelle Selbstwahrnehmung), fremde Kulturstandards identifizieren und dazu weitere Sinnzusammenhänge herstellen und Respekt gegenüber fremdkultureller Strukturen und Bedeutungsgebungen zu entwickeln.

ZEBRA - Interkulturelles Beratungs- und Therapiezentrum
Granatengasse 4/3. Stock
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