User Image
Company Logo

INFOPORTAL

LEXIKON

Im Bereich der Ausländer-, Flüchtlings-, und Migrationspolitik gibt es eine Vielzahl von Begriffen, rechtlichen Ausdrücken und Abkürzungen, die für die meisten unverständlich bzw. wenig bekannt sind. Zumal auch eine Vielzahl von Begriffen tatsächlich einen komplizierten Hintergrund aufweisen. Gesetzliche Bestimmungen, Ausnahmeregeln, Handhabung in der Praxis, Interpretation des Gesetzgebers oder der Bundesregierung, Kritik der JuristInnen und Beratungseinrichtungen u.v.m. Noch dazu kommt, daß in den letzten Jahren ständig neue gesetzliche Regelungen, Verordnungen, Weisungen usw. hinzugefügt wurden, sodaß selbst ExpertInnen, BehördenvertreterInnen und SpezialistInnen mittlerweile Mühe haben, immer auf dem neuesten Stand zu sein und zu gelangen.

In jeder Ausgabe des ZEBRATLs finden sie Begriffe erklärt, hier sind sie insgesamt alphabetisch geordnet. Wenn Sie selbst eine Frage haben oder Ihnen ein Begriff untergekommen ist, den Sie gerne genauer erklärt wissen wollen, so schreiben oder faxen Sie an die Zebratl Redaktion, oder schicken Sie uns eine E-Mail.

Paternalismus

Paternalismus beschreibt eine Beziehungsstruktur, die von Bevormundung geprägt ist. Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein, denn in vielen Fällen kann sie dem Schutz von Schwächeren dienen: bei der Erziehung von Kindern etwa, bei der die Eltern anstelle (bzw. auch zum Nutzen) ihrer Kinder Entscheidungen fällen.

Für ein demokratisches Verständnis von Gesellschaft problematisch wird das Konzept, weil über die Köpfe derer hinweg entschieden wird, die direkt betroffen sind – und das bisweilen sogar gegen den ausdrücklichen Willen der Betroffenen. Man beruft sich dabei auf eine Art väterliche Autorität; daher der Begriff (lat. „pater“, Vater).

Vor allem in der Medizinethik werden häufig Fälle diskutiert, bei denen zu entscheiden ist, ob man in die Freiheit eines oder einer Betroffenen eingreifen soll oder nicht. In ähnlicher Weise stellt sich das Problem des Paternalismus auch auf gesellschaftlicher und politischer Ebene.

Auch in der Integrationsdebatte, im politischen Diskurs und im Kontext von Sozial- und HelferInnenberufen taucht der Begriff immer wieder auf. Zum einen geht es dabei um die Frage, an welchem Punkt Hilfe in Bevormundung übergeht (siehe auch zebratl 1/2008); zum anderen geht es um Problemstellungen wie: Wann beginnt Sozial-, Gesundheits- und Integrationspolitik, die Menschen zu bevormunden? Wann fördert sie Unselbstständigkeit, statt aus Menschen eigenverantwortliche Bürger zu machen?

Gerade bei den Themen Integration und Minderheitenpolitik ist die Gefahr groß, (offensichtlichen ebenso wie versteckten) paternalistischen Konzepten auf den Leim zu gehen. In Abgrenzung davon wird die Einbeziehung jener Minderheiten gefordert, über deren Schicksale entschieden wird. Ebenso sollen es Selbstorganisationen ermöglichen, dass MigrantInnengruppen ihre Anliegen selbst vertreten und vorbringen können, statt von NGOs oder politischen RepräsentantInnen abhängig zu sein.

Selbstständigkeit (Empowerment) zu fördern, stellt somit das Gegenteil einer paternalistischen Haltung dar, die, selbst wenn sie gut gemeint sein sollte, als bitteren Beigeschmack immer die Unterstellung mit sich führt, dass „die Anderen“ nicht im ausreichenden Maße beurteilen können, was gut oder schlecht für sie ist.

politisch organisierte Gewalt

Gewalterfahrung ist ein nahezu alltägliches Erleben der Menschheit. Gewalt wird als normal und natürlich interpretiert. Es gilt die einfache Weisheit, dass die Geschichte der Menschheit im Allgemeinen und der westlichen Zivilisation im Besonderen auf der Basis von gewaltsamen Auseinandersetzungen basiert und diese als integraler kultureller Bestandteil zu sehen sind. Bei dieser Darstellung der "Natürlichkeit" von Gewalt wird jedoch das bewusste Wirken und Handeln von Menschen vernachlässigt bzw. falsch dargestellt. Man spricht auch vom Ausbruch des Krieges, als wäre er eine Naturkatastrophe, zumeist wird dabei ein lang vor sich gehender, oftmals schleichender Prozess der Eskalation, der aus Einzelhandlungen von Menschen, Lobbies und Führungsgruppen besteht, ignoriert.

Politisch organisierte Gewalt unterstellt den bewussten Einsatz von Maßnahmen der Unterdrückung, des Terrors, der Gewalt, der unmenschlichen Behandlung zur Sicherung von Herrschaftsinteressen und/oder Machterlangung einer Gruppe, einer Elite oder der Staatsführung. Staatliche und/oder quasistaatliche Gewaltstrukturen (Militär, Sonderpolizei, Rebellenarmee...) werden zur systematischen Unterdrückung und Verfolgung der Bevölkerung oder von Teilen der Bevölkerung (Minderheiten) eingesetzt.

Herausragend bei der politisch, organisierten Gewalt ist auch der Verschleierungscharakter in der Öffentlichkeit. Kein Staat gibt zu, Folter, Verschwinden lassen, Verfolgung, Bespitzelung u. dgl. einzusetzen, befohlen zu haben, um die "inneren Feinde" zu kontrollieren, auszuschalten, zu liquidieren. Gleichzeitig ist es ein "offenes Geheimnis", dass Gewalt eingesetzt wird. Diese doppelte Botschaft dient der Verunsicherung, Einschüchterung, zur Schürung von Misstrauen und Entsolidarisierung innerhalb der Gesellschaft.

Ein zweites Phänomen der politisch organisierten Gewalt ist, dass der Nachweis der organisierten, ausgesprochenen, angeordneten Form der Gewalt oftmals sehr schwierig ist. Die Verfolgungshandlungen (Schläge, Vergewaltigung, Ermordung, Vertreibung, Massenerschießungen usw.) werden von Einzelpersonen/Kommandos oder den staatlichen Einrichtungen durchgeführt. Es wird der Bevölkerung oder dem Opfer eine Einzelhandlung, eine Eigendynamik suggeriert, übergeordnete Anweisungen oder Befehle scheint es nicht zu geben. Es herrscht die Mär, dass "sadistische Soldaten über die Stränge geschlagen hätten".

Gut untersuchte und dokumentierte Beispiele von Gewaltherrschaft aus der Vergangenheit – wie etwa die NS Zeit in Österreich und Deutschland, die Diktaturen in Chile, Argentinien und Griechenland u. v. m. – haben jedoch die vielfältigen Mechanismen von politisch organisierter Gewalt analysiert und öffentlich gemacht und wesentlich dazu beigetragen, den Begriff der politisch, organisierten Gewalt verständlich zu machen.

posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Besser bekannt unter der englischen Abkürzung PTSD (Posttraumatic Stress Disorder), wurde die PTBS im Jahre 1980 von der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft in ihr Krankheitsklassifikationssystem (DSM-III) aufgenommen.

Seit den frühen 90er Jahren ist die Diagnose auch im internationalen Krankheitsklassifikationssystem (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufgenommen.

Um von einer PTBS sprechen zu können, müssen fünf Hauptkriterien vorhanden sein:

1. Erleben oder Beobachten eines Traumas (zumeist gepaart mit Todesangst)
2. 3 Symptomgruppen:
- Intrusion
- Vermeidungsverhalten
- anhaltende physiologische Übererregung (Hyperarousal)
3. die Symptome dauern länger als einen Monat. Das letztgenannte Kriterium weist daraufhin, dass die zeitlich unmittelbaren psychischen Folgen nach einem traumatischen Ereignis (Stunden bzw. Tage) nicht als PTBS aufgefasst werden. Sie werden unter dem Begriff der Akuten Stress- oder Belastungsreaktion zusammengefasst. Erst wenn die Symptome nicht abklingen und sich verfestigen, kann von PTBS gesprochen werden.

Die drei Hauptsymptomgruppen können in viele verschiedene Einzelsymptome, die im DSM System auch genannt werden, untergliedert werden.

Symptomgruppe A - Intrusion:

Meint, dass ungewollt wiederkehrende und belastende Erinnerungen oder Erinnerungsbruchstücke spontan auftreten. Das kann nur eine kurze Einzelerinnerung sein, jedoch auch ein "Überwältigt werden von der Erinnerung" sein - ein "sich darin befinden". Alpträume und Erinnerungsattacken - sogenannte Flash backs - sind ebenso darin aufgezählt. Oft werden solche Attacken durch Schlüsselreize ausgelöst (Geräusche, Düfte, Bilder, Filme u.v.m.), die Personen reagieren auch mit dem Körper, es treten Schweißausbrüche, Herzklopfen, Atembeschwerden, Übelkeit und Magen-Darmbeschwerden auf.

Symptomgruppe B:

Vermeidungsverhalten - fasst jene Reaktionen zusammen, bei der die Person versucht, die Gedanken/Gefühle/Situationen, die an das Trauma erinnern (könnten), zu vermeiden. Das kann einerseits mit Gedanken- und Gefühlsvermeidung oder mit einer (Teil-)Amnesie verbunden sein, sich aber andererseits auch in Aktivitäts- und Situationsvermeidung äußern. Die Vermeidungsversuche führen zu Dissoziationen (Entfremdung, Gefühllosigkeit, Taubheit) und eingeschränkten Affekten.

Symptomgruppe C:

Diese wird als chronische Übererregung bezeichnet. Darin sind jene körperlichen Symptome gemeint, die nach dem Trauma auftreten können. Die Personen haben Ein- und Durchschlafschwierigkeiten, am Tage sind sie erhöht aktiv und ruhelos, ja hektisch und überaktiv wirkend, gepaart oft mit einer heftiger werdenden Schreckhaftigkeit - Berühren, leise Geräusche reichen oft für extremes Erschrecken. Wichtig für die Diagnose der PTBS ist, dass einige der genannten Einzelsymptome gemeinsam und eben länger als ein Monat bereits auftreten sowie, dass die Störung klinisch bedeutsame Belastungen oder Beeinträchtigen im sozialen und beruflichen Bereich oder in anderen Funktionen verursacht.

Hinzuweisen wäre darauf, dass nicht jeder Mensch, der einem Trauma ausgesetzt war, automatisch eine PTBS bekommt. Faktoren, wie die Dauer des Traumas, das Alter des/der Person, das soziale Umfeld, die Reflexionsfähigkeit über das Ereignis ("Sinnhaftigkeit") sind wesentlich und können die Reaktionen nachhaltig beeinflussen bzw. verhindern.

Als Faustregel gilt, dass Personen, deren akute Reaktionen nach 1 - 2 Monaten nicht spürbar geringer geworden sind, sich einer professionellen Hilfe anvertrauen sollten, da es sich zu einer PTBS entwickeln könnte. Wird die PTBS nicht bearbeitet und behandelt, können auch noch Folgeerscheinungen auftreten, die mit einer Chronifizierung der Symptome (chronische PTBS) zu tun haben, wie soziale Isolation, Suizidgedanken und -versuche, Drogensucht, Arbeitsunfähigkeit.

Eine unter vielen präventiven Maßnahmen, um Personen, die traumatische Erlebnisse hinter sich haben, zu betreuen ist das sogenannte psychologische Debriefing, das jedoch relativ niedrigschwellig und früh eingesetzt erfolgreich ist. Länger andauernde PTBS sind meist nur mit psychotherapeutischer Unterstützung und/oder psychiatrischen Behandlungen zu lindern.

ZEBRA - Interkulturelles Beratungs- und Therapiezentrum
Granatengasse 4/3. Stock
8020 Graz

Tel.: 0316/83 56 30
Fax: 0316/83 56 30 -50
Mail: office@zebra.or.at

Social Media Facebook