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INFOPORTAL

LEXIKON

Im Bereich der Ausländer-, Flüchtlings-, und Migrationspolitik gibt es eine Vielzahl von Begriffen, rechtlichen Ausdrücken und Abkürzungen, die für die meisten unverständlich bzw. wenig bekannt sind. Zumal auch eine Vielzahl von Begriffen tatsächlich einen komplizierten Hintergrund aufweisen. Gesetzliche Bestimmungen, Ausnahmeregeln, Handhabung in der Praxis, Interpretation des Gesetzgebers oder der Bundesregierung, Kritik der JuristInnen und Beratungseinrichtungen u.v.m. Noch dazu kommt, daß in den letzten Jahren ständig neue gesetzliche Regelungen, Verordnungen, Weisungen usw. hinzugefügt wurden, sodaß selbst ExpertInnen, BehördenvertreterInnen und SpezialistInnen mittlerweile Mühe haben, immer auf dem neuesten Stand zu sein und zu gelangen.

In jeder Ausgabe des ZEBRATLs finden sie Begriffe erklärt, hier sind sie insgesamt alphabetisch geordnet. Wenn Sie selbst eine Frage haben oder Ihnen ein Begriff untergekommen ist, den Sie gerne genauer erklärt wissen wollen, so schreiben oder faxen Sie an die Zebratl Redaktion, oder schicken Sie uns eine E-Mail.

Transkulturalität

Das Konzept der Transkulturalität, wie es vom deutschen Philosophen Wolfgang Welsch beschrieben wird, hebt sich vom klassischen Konzept der Einzelkulturen wie von den neueren Konzepten der Interkulturalität und Multikulturalität (multikulturelle Gesellschaften) ab.

Ausgangspunkt der theoretischen Überlegungen ist, dass man heutige Kulturen nicht mehr als geschlossene und einheitliche Nationalkulturen denken kann. Der traditionelle Kulturbegriff meint die Kultur eines bestimmten Volkes, die die Gesellschaft und das Individuum darin gleichermaßen prägt. Kulturen wären demnach ̴Kugeln oder autonome Inseln̵, die in sich einheitlich sind, nebeneinander existieren und sich maßgeblich voneinander unterscheiden. Die Konzepte der Interkulturalität und der Multikulturalität basieren auf diesem Kulturkonzept von klar unterscheidbaren, in sich homogenen Kulturen. Sie suchen beide Formen der Verständigung und Konfliktlösung bzw. Konfliktvermeidung zwischen voneinander abgrenzbaren Kulturen.

 

Welsch hält diesen traditionellen Kulturbegriff für überholt und falsch. Moderne Kulturen sind aus seiner Sicht weitaus differenzierter und komplexer: Sie sind intern durch eine Vielfalt an möglichen Identitäten gekennzeichnet und weisen extern grenzüberschreitende Konturen auf. Lebensformen und Weltanschauungen sind demnach nicht mehr an Nationalkulturen geknüpft, sondern können diese Grenzen überschreiten. Diese neuartige Verflechtung der Kulturen entsteht durch Migrationsprozesse, weltweite Kommunikationssysteme (Fernsehen, Internet) und wirtschaftliche Zusammenarbeit. Historisch betrachtet gab es diese Verflechtungen schon immer, heute sind sie aber in einem stärkeren Maß gegeben.

Die scheinbar stabilen Kategorien von Eigenem und Fremdem werden durch diese Austauschprozesse aufgehoben. So gibt es innerhalb einer Kultur genauso viele Fremdheiten wie im Verhältnis zu anderen Kulturen. Diese Vermischung gibt es auf gesellschaftlicher und auf individueller Ebene. Nach Welsch sind wir alle ̴kulturelle Mischlinge̵. Nur wer ̴fremde̵ Anteile in sich anerkennt – also die ̴innere Transkulturalität̵ nicht verleugnet – kann mit äußerer Transkulturalität umgehen.

Integration ist – sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene – die Grundleistung der transkulturellen Gesellschaft. Und obwohl Kulturen nun in einem neuen Ausmaß zusammenwachsen und sich vermischen, wird laut Welsch nicht alles gleich, sondern lediglich vielfältiger.

Literatur:
Welsch, Wolfgang (1995): Transkulturalität. In: Institut für Auslandsbeziehungen (Hrsg.): Migration und Kultureller Wandel. Download unter: www.forum-interkultur.net/uploads/tx_textdb/28.pdf

Trauma

Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie "Wunde". Dem gemäß wird in der Medizin noch immer von Trauma als Verletzung des Körpers gesprochen. Nachfolgend wurde der Begriff aber nicht allein auf die physische Wunde beschränkt, sondern auch um die Verwundung der Psyche/Seele erweitert. Die amerikanische Psychiatrische Gesellschaft – APA (American Psychiatric Association) definierte 1994 Trauma als "eine Erfahrung außerhalb der Norm, bei der die psychische und physische Integrität eines einzelnen oder einer Gruppe von Menschen bedroht ist.

Der Begriff des "außerhalb der Norm" Liegenden in dieser Definition deutet auf die Relativität der Traumawahrnehmung hin. Ob jemand ein Trauma erleidet oder nicht und sich damit Symptome der Reaktion einstellen, hängt von den Umweltbedingungen ab, das gilt insbesondere für den Bereich der politisch-organisierten Gewalt.

Gisela Perren Klingler, Psychiaterin für Kinder und Jugendliche, Gründerin des Institutes für Psychotrauma in der Schweiz und Schweizer Mitglied der Europäischen Kommission zur Verhütung von Folter beschreibt in ihrem Buch "Debriefing" zwei Typen von Trauma. Trauma Typ I ist ein einmaliges, unvorhergesehenes Ereignis, das oftmals für den Betroffenen ohne Vorwarnung hereinbricht. Unter Typ I fallen etwa Naturkatastrophen, Unfälle usw., es kann aber auch ein von Menschenhand gemachter Umstand sein, wie etwa ein Fliegerangriff u.ä.

Beim Trauma Typ II wird hingegen der Betroffene immer wieder den gleichen oder ähnlich gewalttätigen Ereignissen ausgesetzt. Klassisches Charakteristikum für diesen Typ II sind Häftlinge, die der Folter durch Militär und Polizeiapparat ausgeliefert sind. Die Folter kehrt in regelmäßigen Abständen wieder. Auch Kinder, die missbraucht werden, fallen unter diesen Typ II.

Diese Traumadefinition gilt nicht speziell aber auch für den Bereich von politisch Verfolgten und Flüchtlingen. Im Zuge der intensiven Beschäftigung mit Flüchtlingen, die Opfer von organisierter politischer Gewalt geworden sind, wurde deutlich, dass es noch eine dritte Form des Traumas gibt. Sie wird von ExpertInnen als Trauma Typ III kategorisiert. Trauma Typ III besteht aus einer Mischung aus den beiden oben genannten Formen (Typ I und II) und bezeichnet einerseits ein einmaliges Ereignis durch Ausbruch des Krieges, Bombardierung des Dorfes oder der Vertreibung der Bevölkerung (Typ I – einmalig), andererseits manifestiert sich durch die Flucht und auf der Flucht ein anhaltendes, wiederkehrendes Gewaltereignis. Sehr oft berichten Frauen, die vor den Bomben der Militärs auf der Flucht waren, dass sie durch Schlepper und Fluchthelfer anhaltender Gewalt, Vergewaltigungen u.a. ausgesetzt waren. Auch die prekäre Lebenssituation in Auffanglagern und Übergangsstationen und Flüchtlingslagern sind Gründe, die es dabei zu beachten gilt. Drei Aspekte sind beim Erleben eines Traumas zentral:

  • Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein
  • Einbruch der eigenen Existenz: Sicherheiten lösen sich auf
  • Außerordentlich negative Belastung

Während der Traumaexposition laufen archaische Überlebensstrategien im Körper des Betroffenen ab. Der Körper schüttet eine wahre Flut an körpereigenen Hormonen aus, die verschiedene Bewusstseinsstadien unterstützen. Bei einer kritischen Situation stellt sich der Körper zuerst zum Kampf. Scheint dieser aussichtslos, möchte er die Flucht antreten, ist auch diese unmöglich oder sinnlos, bleibt als letzte und tiefste Stufe der Totstellreflex. All diese Formen der Reaktion laufen automatisch ab und dienen dem Überlebenstrieb.

Während der Traumaexpostion sind verschiedene Funktionszustände bekannt: etwa das Monitoring (genaues Hinschauen und Handeln), das Blunting (lenkt die Aufmerkamkeit nach innen, verströmt in höchster Panik ein Gefühl der Sicherheit) und die Dissoziation, bei der die Aufmerksamkeit nach außen gerichtet wird und Emotionen abgespalten werden.

Je nach Stadium und auch Notwendigkeit kann der Körper durch die Hormonproduktion diese Zustände erzeugen. Sie alle dienen dem Ziel des Überlebens in der Situation näher zu kommen.

Menschen, die Folterungen ausgesetzt waren, berichten etwa, dass sie völlig gefühllos und taub sich selbst von außen betrachtet haben und der Folterung sozusagen beiwohnten.

Diese Reaktionen sind normale Reaktionen auf abnormale Situationen. Diese einmal erlebten Funktionen prägen sich ein und führen danach zu Akuten Stress Reaktionen (ASR). Die in der traumatischen Aktion lebensrettende körperliche Übererregung verhindert im normalen Zustand ein zur Ruhe kommen. (Schlafstörungen, Reizbarkeit, Aggressivität, Gewalttätigkeit, Ruhelosigkeit).

Zu den somatischen kommen psychologische und soziale Reaktionen:

  • rekurrente Erinnerungen (Intrusion) in Form von Alpträumen, Flash backs (durch einen Auslöser sich plötzlich in der Situation wieder finden)
  • dissoziative Ausweichstrategien durch Vermeidung, Phobien, Anästethisierung.

Diese beschriebenen ASR sollten sich nach einigen Wochen gelegt haben, bzw. zurückgegangen sein, ansonsten besteht die Gefahr der Posttraumatischen Belastungsstörung. (PTBS) oder Posttraumatic Stress Disorder PTSD), die auch in weiterer Folge in Form von chronifizierter PTBS auftreten kann.

Es kann nicht generell gesagt werden, wie Menschen auf traumatische Ereignisse reagieren. Sehr wohl gibt es einen Zusammenhang zwischen Folgereaktionen und der Schwere und Dauer des traumatischen Erlebnisses, jedoch spielen auch etwa die physische Konstitution des Betroffenen und das Alter eine Rolle. Kinder und alte Menschen sind daher gefährdeter, nach einem traumatischen Erlebnis PTBS zu bekommen.

Auch konnte ein Konnex hergestellt werden zwischen der Sinnhaftigkeit der Katastrophe und den Folgen für den Einzelnen. Menschen, die von einer Katastrophe überwältigt wurden, sind einer größeren Gefahr ausgesetzt, an Folgen zu leiden, als Personen, die dem Ereignis einen Sinn geben konnten bzw. sich vorher bereits auseinandersetzen konnten (politische Oppositionelle, Widerstandskämpfer...)

ZEBRA - Interkulturelles Beratungs- und Therapiezentrum
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