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Zurück in Afghanistan – was nun?

von Niko Reinberg und Dominik Horneck

Anfang 2017 hat Afghanistan ein Kooperationsabkommen mit der EU abgeschlossen, welches das Land am Hindukusch verpflichtet, für eine Gegenleistung von 1,2 Milliarden Euro bis zu 80.000 afghanische StaatsbürgerInnen, denen in der EU kein Asyl gewährt wird, wiederaufzunehmen. Was bedeutet das für afghanische Asylsuchende in Österreich? Laut Innenministerium wurden in den ersten 11 Monaten des Jahres 2017 106 Personen zwangsweise nach Afghanistan abgeschoben. Das sind in etwa gleich viele rückgeführte Personen wie insgesamt in den 10 Jahren zuvor.

Koordinierte Außerlandesbringung
Am 29. März 2017 startete die erste gemeinsame EU-Rückführaktion unter der Koordination von FRONTEX nach Afghanistan. Hier wurden insgesamt 29 afghanische Staatsangehörige aus Österreich und Schweden mittels eines gemeinsam koordinierten Fluges abgeschoben. Pro Kopf gerechnet ist Österreich in Europa bei Außerlandesbringungen Spitzenreiter.

Die Zahl der freiwillig ausreisenden Personen ohne Aufenthaltsrecht ist bedeutend größer. Im Jahr 2016 haben insgesamt 597 afghanische Staatsangehörige die Möglichkeit der freiwilligen Rückkehr in Anspruch genommen, wovon 574 Personen mit finanzieller Unterstützung ausgereist sind. Im März wurde außerdem die Informationsoffensive „Freiwillige Ausreise und Rückkehrhilfe – Ein Neustart mit Perspektiven“ gestartet (www.voluntaryreturn.at). Ende Oktober befanden sich, laut Innenministerium, 25.753 Personen aus Afghanistan in offenen Verfahren zum „Internationaler Schutz“ in Österreich. Afghanistan ist weiterhin ein Land im Krieg und die Rückkehr für viele keine Option. 2017 wurden laut UNO über 20% mehr Verwundete gemeldet als im Jahr davor. Trotzdem werden viele Asylsuchende aus Afghanistan keinen Schutz in Österreich bekommen.

Was erwartet abgeschobene Afghaninnen und Afghanen nach der Ankunft in ihrem Herkunftsland?
Als erstes Auffangnetz bietet die „International Organisation for Migration“ (IOM) ein durch die EU finanziertes Reintegrationsprogramm. Die zumeist in Kabul ankommenden Menschen können beim sogenannten ERIN-Programm um Unterstützung anfragen, vorausgesetzt sie verfügen über gültige afghanische Identitätspapiere. Das Programm beinhaltet unter anderem eine auf 14 Tage befristete Übernachtungsmöglichkeit. Außerdem können im Rahmen der „Post Arrival Assistance“ medizinische und psychosoziale Unterstützungen in Anspruch genommen werden. Weitere Unterstützungsmaßnahmen sind Beratung und „Sachleistungen zum Erlangen einer wirtschaftlichen Selbständigkeit“. Problematisch hierbei sind zwei Punkte: zum einen werden auch Personen ohne Papiere aus Europa abgeschoben und zum anderen ist die viel zu schwach besetzte Anlaufstelle in Kabul heillos überlaufen.

Landbesitz als Sicherheit?
Die wenigsten Rückehrenden kehren in die Orte zurück aus denen ihre Familien stammen. Zumeist haben ihre Familien diese Gebiete schon vor Jahrzehnten verlassen. Der Besitz von einem Stück Land wäre für manche eine verbesserte Ausgangssituation nach der Rückkehr, da Land einen stabilen Wert besitzt und natürlich auch im landwirtschaftlichen Kontext genutzt werden kann. Da es der afghanischen Regierung in vielen Bereichen nicht mehr möglich ist, rechtsstaatliche Strukturen aufrecht zu erhalten, befinden sich viele Grundstücke in der Hand krimineller Organisationen oder neuer BesitzerInnen. Gewöhnlich ist es für die rückgeführten Personen schwer möglich, Zugriff auf ein solches Grundstück zu erlangen ohne Verbindungen zu einer einflussreichen Person zu haben. Oft verändern sich auch innerhalb kurzer Zeit die Zugehörigkeiten innerhalb der Familie. Rückkehrer berichten, dass zum Beispiel der Bruder, der zum Fluchtzeitpunkt noch auf der Seite der Regierung stand, sich nun in den Strukturen der Taliban eingegliedert hat. Traditionelle Formen der Streitschlichtung und Konfliktregelung und andere Formen sozialer Kontrolle funktionieren häufig nichtmehr. Konflikte mit mächtigeren Personen werden daher zumeist vermieden. Es herrscht ein allgemeines Klima der Recht- und Straflosigkeit.

Metropole Kabul als Start
Die EinwohnerInnenzahl von Kabul hat sich seit 2001 von 500.000 auf ungefähr 5-7 Millionen Personen gesteigert. Der Wohn- und Arbeitsmarkt ist aber in dieser Zeit nicht annähernd in derselben Relation mitgewachsen. Afghanistan leidet in diesem Kontext zurzeit unter dem Zusammenspiel von zwei negativen Gegebenheiten: So erleidet die Wirtschaft seit 2012 einen massiven Einbruch seit 2012. Das Wachstum des Bruttoinlandprodukts ist von 14,4% auf 0,8% (Stand 2015) gesunken. In Kombination mit der hohen Anzahl an Rückkehrenden und Binnenvertriebenen ergibt dies ein sozioökonomisches Pulverfass. NGOs und internationale Medien prophezeien, dass eine humanitäre Katastrophe mit den verfügbaren Mitteln nicht zu verhindern ist. Die Koordinierungstelle humanitärer Angelegenheiten der Vereinten Nationen (UNOCHA) geht davon aus, dass im Jahre 2017 9,3 Millionen Afghanen akut von humanitärer Hilfe abhängig sind. Amnesty International schätzte im April 2016 die Zahl Interner Vertriebener auf 1,2 Millionen.

Ohne soziales Netzwerk kein Überleben
All diese Aspekte leiten zu einem weiteren wichtigen Faktor weiter, der Notwendigkeit sozialer Netzwerke. Seit jeher ist der Zugang zu Arbeit vor allem von dem Vorhandensein persönlicher Verbindungen abhängig. Sind diese nach einem längeren Aufenthalt in Europa nicht mehr intakt, gestaltet sich die Arbeitssuche und die Versorgung mit dem Allernötigsten zumeist als schwierig.

Mit Stand 2015 lag die Arbeitslosenrate bei 40%. Hier kann davon ausgegangen werden, dass in Kabul die Quote bereits deutlich höher liegt, da die Landwirtschaft der größte und stabilste Beschäftigungssektor ist. Schulbildung und berufliche Qualifikationen fallen schwächer ins Gewicht als soziale Beziehungen, wenn es um das Erlangen einer Arbeitsstelle geht. Seit dem weitgehenden Abzug der internationalen Gruppen, die den größten singulären Arbeitgeber im Baugewerbe und Dienstleistungssektor stellten, sind wieder die traditionellen Familienbetriebe und staatlichen Institutionen die bedeutendsten Arbeitgeber.

Baustelle Wohnen
Auch der Zugang zu Wohnraum erweist sich als außerordentlich schwierig. Wer keine nützlichen Beziehungen aufweist, muss auf eine Wohnung zurückgreifen die auf dem freien Markt verfügbar ist. Kaltmieten liegen in Kabul bei 400 – 600 US-$ pro Monat. Wer also nicht über außergewöhnliche Geldreserven verfügt, muss sich anders zu helfen wissen. Der „Afghan Living Conditions Survey 2013-2014“ besagt, dass 73,8% der städtischen Bevölkerung in Slums leben. Eine provisorische, nicht winterfeste Unterkunft ist für viele Rückkehrende aus diesen Gründen harte Realität und die Winter in Kabul sind kalt.

Schuldenfalle, angeblicher Wohlstand und „das westliche Abendland“
Ist die Wohn- und Arbeitssituation erstmal geklärt, kommt auf RückkehrerInnen aus Europa noch eine weitere explizite Gefahr zu. Speziell sie sind von einem hohen Entführungsrisiko bedroht. Oft wird angenommen, dass Rückkehrende aus EU-Ländern Wohlstand erlangt haben und Kontakte zu „reichen Europäern“ aufgebaut haben. Mit der Rückkunft ist zudem oft die Zeit gekommen alte Kredite zurückzuzahlen, welche man für die Flucht aufgenommen hat. Die großen Erwartungen als auch die Begleichung alter Schulden sind schier unüberwindbare Herausforderungen für Rückkehrende. Durch alte Schulden besteht auch die Gefahr in die Schuldsklaverei zu rutschen. Ist das soziale Umfeld sehr traditionell geprägt oder durch extremistische Gruppierungen beeinflusst, droht die Gefahr der sozialen Exklusion. Oftmals sind Rückkehrer aus dem Westen gesellschaftlich stigmatisiert. Manche HeimkehrerInnen halten ihre Rückkehr sogar vor ihren Familien geheim, um sie nicht zu gefährden, vice versa verweigern Familien aus Furcht vor Stigmatisierung in einigen Fällen die Wiederaufnahme.

All das und die zunehmende Zerrüttung lokaler Gemeinschaften durch kriegsbedingte Flucht und Vertreibung deuten darauf hin, dass sich diese Entwicklungen in absehbarer Zukunft nicht wirklich umkehren werden.

In den Bescheiden des BFA finden sich immer wieder die Annahme, dass Familien oder Einzelpersonen durch ihre Fähigkeiten die Möglichkeit haben sich ein Existenzminimum zu erwirtschaften. Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte ist aber, dass Zukunft und Existenzsicherung in Afghanistan kaum planbar oder voraussehbar sind.

Eine weitere Flucht nach Pakistan oder den Iran ist zurzeit auch kaum eine Option, da AfghanInnen in diesen beiden Ländern massiver Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt sind. Hinzu kommt, dass Pakistan keine afghanischen Flüchtlinge mehr im Land dulden will.

Was können also Personen tun denen weder eine weitere Flucht noch ein Überleben in Afghanistan möglich ist?
Als einzige Option bleibt ist oft das Anheuern bei kriminellen Organisationen oder aufständischen Parteien. Dass die Taliban bei der Rekrutierung perspektivenloser Rückkehrer oft leichtes Spiel haben, ist in Afghanistan kein Geheimnis. Die Ausweglosigkeit mit der sich aus der EU abgeschobene Personen konfrontiert sehen, zeichnet ein Bild einer negativen Entwicklung, die durch kurzsichtige Abschiebepraxis der EU nur noch weiter angeheizt wird.

DIE AUTOREN

Dominik Horneck
Der Autor studiert Psychologie auf der Karl-Franzens-Universität Graz. Auch abseits der (Mit)Arbeit bei ZEBRA, interessiert sich der 25-jährige Grazer für das Thema Flucht und Asyl. Die ersten Begegnungen mit jungen Afghanen machte er über seinen Taekwondo Verein. Seitdem beschäftigt er sich intensiv mit der heutigen Lage in Afghanistan.

Niko Reinberg
Ist Kultur- und Sozialanthropologe. Er arbeitet seit 2014 bei ZEBRA mit diversen Aufgabenbereichen im Kontext Bildung und Gesellschaft

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