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Schwerpunktthema ARBEIT

Das Alter bei der Zuwanderung hat erheblichen Einfluss auf die Jobchancen! Nicht nur in Österreich! Von Julia Bock-Schappelwein

Seit Juli 2017 gilt für alle Jugendlichen in Österreich, die die Pflichtschule abschließen, die gesetzliche Ausbildungspflicht bis 18 Jahre. Diese sieht vor, dass Jugendliche eine über die Pflichtschule hinausgehende Ausbildung zu absolvieren haben. Die Regelung soll dazu beitragen, die Zahl der Jugendlichen zu reduzieren, die keine über die Pflichtschule hinausgehende Ausbildung erhalten. 

Ohne formalen Bildungsabschluss nach der Pflichtschulausbildung steigt das Risiko, keinen Arbeitsplatz zu finden, von Armut bedroht zu sein oder gänzlich aus dem Erwerbsprozess auszuscheiden. Eine über den Pflichtschulabschluss hinausgehende Ausbildung trägt hingegen zu höherem Einkommen, niedrigerem Arbeitslosigkeitsrisiko und höheren Beschäftigungschancen bei.

Genau das lässt sich an den Arbeitslosen- oder Beschäftigungsquoten nach Bildungsabschluss ablesen. Im Jahr 2016 lag die Arbeitslosigkeit unter Personen, deren höchste abgeschlossene Ausbildung der Pflichtschulabschluss ist, bei 26,5%, wohingegen sich die Arbeitslosigkeit unter Personen mit einer abgeschlossen Lehrausbildung auf weniger als einem Drittel davon belief (7,7%). Die Beschäftigungsquote, d. h. der Anteil der Erwerbstätigkeiten unter der gleichaltrigen Bevölkerung, war dagegen unter Personen, die maximal eine Pflichtschule abgeschlossen hatten, mit einem Wert von 47,3% (2016) nur fast halb so hoch wie unter Personen mit einer hochschulischen Ausbildung von 84%.

Die gesetzliche Ausbildungspflicht bis 18 Jahre sieht jedoch vor, jugendliche AsylwerberInnen aufgrund ihres Aufenthaltsstatus nicht in die Ausbildungspflicht miteinzubeziehen. Ihnen steht als einziger formaler Ausbildungszweig im Anschluss an die Pflichtschulausbildung die Lehrausbildung in Mangelberufen offen. Diese Regelung gilt derzeit für alle jugendlichen AsylwerberInnen, also auch für jene mit einer hohen Bleibewahrscheinlichkeit. 

 

Arbeit und Migrationsalter

Empirische Erkenntnisse zu den Arbeitsmarktintegrationschancen von MigrantInnen mit Fokus auf das Alter bei der Zuwanderung verweisen jedoch darauf, dass es gerade für Jugendliche, die im Alter von rund 15 Jahren zugewandert sind, besonders schwierig ist, am österreichischen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Personen, die im Alter zwischen 16 und 19 Jahren nach Österreich zuwandern, stellen aus arbeitsmarktintegrationsspezifischer Sicht eine besondere Zielgruppe dar.

Bock-Schappelwein/Bremberger/Huber (2008) errechneten auf Basis von Daten aus der STATISTIK AUSTRIA Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung für das Jahr 2006, dass Personen, die im Alter zwischen 16 und 19 Jahren nach Österreich migriert sind, das geringste Ausbildungsniveau aufweisen. Ihre Chance, einen Universitätsabschluss zu besitzen, war damals bereits um 3,9 Prozentpunkte geringer als bei Personen, die in ihren ersten 15 Lebensjahren migrierten. Zudem hatten sie eine um 9,9 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit, maximal einen Pflichtschulabschluss zu absolvieren. 

Dieser Befund wiederholt sich Mitte der 2010er Jahre in der Arbeit von Huber/Horvath/Bock-Schappelwein (2017). Sie fanden abermals, diesmal für das Erhebungsjahr 2014, dass Personen, die im Alter zwischen 15 und 24 Jahren nach Österreich zugezogen waren, häufiger als Personen, die bereits älter waren, als sie nach Österreich kamen, höchstens die Pflichtschule abgeschlossen haben (Anteil 36% im Vergleich zu 23% bei Personen, die im Alter von 25 bis 39 Jahren nach Österreich zugewandert sind). Auch verfügen sie vergleichsweise seltener über eine Tertiärausbildung (Anteil 19% im Vergleich zu 36% bei Personen, die im Alter von 25 bis 39 Jahren nach Österreich zugewandert sind). 

 

Probleme bei der Arbeitsmarktintegration

Außerdem zeigen sich erhebliche Unterschiede in der Erwerbsintegration in Abhängigkeit vom individuellen Alter bei der Einreise. Personen, die zum Zeitpunkte ihrer Zuwanderung zwischen 15 und 24 Jahre alt waren, haben deutlich niedrigere Beschäftigungs- und Erwerbsquoten als im Inland geborene Personen. Ihre Beschäftigungs- und Erwerbsquoten weichen wesentlich stärker ab von den im Inland Geborenen als jene der Zugewanderten, die im Alter zwischen 25 und 39 Jahren nach Österreich gekommen sind. 

 

Ein internationales Phänomen?

Auch Untersuchungen aus anderen Staaten kommen zum Ergebnis, dass Kinder eher als Jugendliche im Zielland Fuß fassen können. Dass das Alter bei der Zuwanderung mitbestimmend ist, um einen spezifischen Ausbildungsabschluss zu erreichen, fanden beispielsweise Colding/Husted/Hummelgaard (2009) für Dänemark oder Bratsberg/Raaum/Roed (2011) für Norwegen (zitiert nach Ohinata/van Ours, 2012) oder Schaafsma/Sweetman (2001) und Corak (2011) für Kanada. Van Ours/Veenman (2005) untersuchten zusätzlich Unterschiede in den Integrationschancen nach Herkunftsregion und Geschlecht in den Niederlanden, mit dem Ergebnis, dass junge Frauen eher benachteiligt sind als Männer. Im Einklang mit den Beispielen aus anderen Staaten stellt sich die Situation in Österreich somit nicht als eine spezifische dar.

 

Diskontinuität des Bildungsweges und sensible Altersphase 

Die Ursachen, dass es Jugendliche in dieser Altersgruppe besonders schwer haben, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, dürfte vor allem darin liegen, dass bei dieser Personengruppe die Migration zu einer Diskontinuität in der Bildungskarriere führt, die auch später nicht mehr aufgeholt werden kann. Die migrationsbedingte Diskontinuität in der Bildungskarriere, die im Alter zwischen 15 und 19 Jahren passiert, führt zu einem Abbruch der Schullaufbahn, weil die Pflichtschulzeit bereits beendet ist. Betroffene Jugendliche haben damit höchstens, wenn überhaupt, eine schulische Grundausbildung abgeschlossen. Der Arbeitsmarktzugang beschränkt sich infolge auf niedrig qualifizierte Tätigkeiten und führt damit zu niedrigeren Arbeitsmarktchancen. Dazu kommt, dass in dieser sensiblen Altersphase der mittleren bis späten Adoleszenz Prozesse der Identitätsfindung und wachsende Kontrollüberzeugung im Vordergrund stehen, wonach Diskontinuitäten und Misserfolg in diesen besonderen Jahren sehr entmutigend auf die Jugendliche einwirken.

 

Was tun? 

Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen internationalen Flüchtlingsbewegungen und unter Berücksichtigung der Befunde aus der Vergangenheit ist es dementsprechend von großer Bedeutung, das Schulwesen in eine umfassende Strategie zur Höherqualifizierung der im Ausland Geborenen einzubeziehen und adoleszente MigrantInnen, als eine besondere Zielgruppe hinsichtlich der Integrationsbemühungen zu definieren. Anzudenken wäre beispielsweise, Jugendlichen mit einer hohen Bleibewahrscheinlichkeit den Zugang zu allen Lehrberufen zu eröffnen, nicht nur zu den Mangelberufen, oder im Anschluss an die Pflichtschule Übergangsklassen zu institutionalisieren, die auf weiterführende vollzeitschulische Ausbildungszweige im Anschluss an die Pflichtschulausbildung vorbereiten. 

Des Weiteren gilt es, bei Berufsberatungs- oder Orientierungskursen erst kürzlich zugewanderte Jugendliche im Besonderen zu berücksichtigen, da sie mit den systemischen Besonderheiten des österreichischen Schulwesens zumeist nicht vertraut sind.

 

Literatur:

Bock-Schappelwein, J., Bremberger, C., Huber, P., 2008, Zuwanderung von Hochqualifizierten nach Österreich, Studie des WIFO im Rahmen des Österreichischen Forschungsdialogs für das BMWF, Wien.

Bratsberg, B., Raaum, O., Roed, K., 2011. Educating children of immigrants: closing the gap in Norwegian schools. IZA Discussion Paper, 6138, Bonn.

Colding, B., Husted, L., Hummelgaard, H., 2009, Educational progression of second-generation immigrants and immigrant children. Economics of Education Review, 28, pp. 434-443.

Corak, M., 2011, Age at Immigration and the Education Outcomes of Children, IZA Discussion Papers 6072, Institute for the Study of Labor (IZA), Bonn.

Huber, P., Horvath, T., Bock-Schappelwein, J., 2017, Österreich 2025: Österreich als Zuwanderungsland, WIFO-Gutachtenserie, Wien.

Asako Ohinata and Jan C. van Ours Young immigrant children and their educational attainment NORFACE MIGRATION Discussion Paper No. 2012-27.

Schaafsma, J., Sweetman, A., 2001, Immigrant Earnings: Age at Immigration Matters, The Canadian Journal of Economics / Revue canadienne d'Economique , Vol. 34 (4), pp. 1066-1099.

van Ours, J. C., Veenman, J. M. C., 2005, Age at Immigration and Educational Attainment of Young Immigrants, CentER Discussion Paper; Vol. 2005-11, Tilburg: Macroeconomics.

 

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